Tupfen über Tupfen, schwarz und weiß. Wirklich? Oder sehen wir sie nur schwarz und weiß? Illusion! Gold glitzert im Hintergrund (Woher wissen wir denn das? Es könnte doch auch Silber sein!) Der Raum gleicht einer Zirkuskulisse, die ihr Unterhaltungsversprechen längst gebrochen hat. Die kleinen und großen Punkte. Dots. Das Muster des Clowns, komisch und traurig zugleich, ein Kostüm. Der Körper dick, unverstellt, geöffnet. Kein Grund zur Scham, nur Fleisch
Zauberei. Das Wort klang so viel schöner als das englische: Its magic. Sie wiederholte es ein paar Mal. Sauberrei. Sauberrei. Mit ihrem herrlichen argentinischen Akzent. Sauberrei. Aus dem harten Z wurde ein weiches S, aus dem Rachen-R ein rollendes. Ich verschwand wieder unter dem glitzernden Stoff hinter meiner Großformatkamera, Zauberei. Eine Begegnung wie ein Zufall, der keiner war.
Erinnerst du dich an den Rock mit den strengen Falten? Den du trugst, als du ein Straßenköter-Schaf warst? Erinnerst du dich an die Scheren, die versuchten, damals, ein so starkes Band zu zerschneiden? Sie konnten (oder wollten) es nicht, die vermeintlich stumpfen Scheren. Oder das Band so fest, so ineinander verdreht, so anscheinend unkaputtbar. Doch. Ich weiß. Nun. Das Wasser wird diese Kraft aufbringen. Auch wenn es lange dauern kann. Aber schau hin, der Rock schon gekürzt. Auch der Wal. der herabsinkt in die Tiefe See endet als Meeresschnee.
Das Meer nimmt auf. Es kleidet, es färbt, es lässt tanzen, bevor es behält. Das Meer als Raum, nicht mehr der tiefe Grund, auf den etwas fällt, sondern die Essenz, aus der alles gemacht ist. Licht, das durch Wasser bricht. Es treibt darin, hängt darin, mal aufrecht, mal gekippt, mal ganz umgedreht, als hätte die Schwerkraft aufgehört zu existieren.
Der Schnee fällt weiter. Dieser Schnee, der auf eine Fortsetzung gedrungen hat. Die Farbe des Fallens hat sich verschoben, als hätte jemand das Licht ausgewechselt, das durch das Wasser bricht. Pink leuchtet, Schwarz scheint. Es kommt etwas durch, dass sich nicht mehr an Grau hält, weil Grau vielleicht immer nur die eine mögliche Entscheidung war. Unsere Vorstellung von Tod: gedämpft, gedimmt, entfärbt, als hätte das Sterben ein Anrecht auf Stille und Blässe, als wäre Trauer nur echt, wenn sie trauert mit dem Schleier aus weißen Lilien.
was in der Tiefsee fällt. organisch, winzig, unaufhaltsam, Partikel aus dem, was einmal war, kein Zurück, nur das Fallen selbst, das Sinken als einzige Richtung, Sarah Moon war da, während wir arbeiteten, nicht gerufen, einfach da. diese Frauen in ihren Kleidern, die nicht ganz von hier sind, diese Körper, die sich dem Licht entziehen und ihm gleichzeitig ausliefern, diese Unschärfe, die keine Schwäche ist, sondern Wissen. das Verschwimmen, als einzige Aussage.
Die Wangen überströmen Glitzertränen. Ihr Fluss reißt nicht ab. Die Haut spannt, kribbelt merkwürdig. Die Haare gebändigt bis sie sich nicht mehr zusammenhalten lassen. Der Körper wankt in kreisrunden Bewegungen. Der Geist schärfer als bisher. Die Freude aus den Gliedern geflossen. die Lust in die Glieder gekrochen. Den Gleichschritt verlernt. Das Funktionieren abgeschafft. Die Moral der Zeit in einer Schublade abgelegt, den Schlüssel im Ofen gebacken.
gezählt. die Tage.
unsere Tage.
1…2…6…199…203…3004…18154…
Tag für Tag.
die Zeit schreitet voran. majestätisch.
weiter und weiter.
kein Unterlass. keine Unterbrechung. keine Umkehr.
abgezählt. nachgezählt.
Zahlen. nur Zahlen.
der Abakus aus Tiflis rechnet mit.
plus. plus. plus.
irgendwann ein Ende.
keine Perlen mehr auf der Schnur.
keine Tage mehr übrig.
Kerze aus. Licht aus. Schlaf.
ich liebe den Schlaf.
die Träume, die mich besuchen.
die schweren Lider, die sich langsam gen Licht räkeln.
ein Schlaf ohne Aufwachen?
really?
Membran. Ich. ist eine analoge Fotoserie in zwei Teilen, aufgenommen auf Fomapan Ortho 400, gepusht. Im Mittelpunkt steht ein dicker Körper und transparente Folie als Material und Metapher. Folie als Kokon, als Schutz, als Gefängnis, als zweite Haut. Die Serie fragt nach dem Wunsch, sich vor der Welt zu verbergen, und danach, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn er sich einpackt. Entstanden in einem theatralischen Setting mit schweren Vorhängen und hartem Licht. Analoge Fotografie, Kunstfotografie, Körperbild, Inszenierung.
Die Folie ist älter geworden, zerschlissener, vertrauter. Der Körper hat sich arrangiert. Mit der Folie, mit dem Verstecken, mit sich selbst. Aufgenommen auf Fomapan Ortho 400, gepusht, mit hartem Licht und theatralischem Setting aus schweren Vorhängen und altem Holzboden.
Sonntagmorgen. 11 Uhr Alexanderplatz. Ostberlin. Der letzte Tag des Monats Mai. Die Sonne brannte. Beim letzten Besuch vor ein paar Wochen war mir mein coloriges Filmmaterial ausgegangen. Deswegen hatte ich die Nuttenbrosche, den Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Alex, nur dilettantisch in schwarz/weiß fotografiert. Aber die bunten Bildchen von Pflanzen und Vögelchen sind in monochromer Darstellung natürlich verschenkt. Deshalb an diesem Morgen eine kleine fotografische Tour, again.
Leichen säumten ihren Weg - Leichenwagenprozession WGT 2026
Pfingsten, wenn möglich, nicht in Leipzig verbringen. So lautete die Parole der letzten Jahre. „Dieses schwarze Treiben" war noch nie wirklich etwas für mich. Es erinnerte mich an die Zeit, als ich mit zwei Grufti-Frauen zusammen wohnte. Keine schönen Erinnerungen! Also Wave Ghotic den Vortritt in Leipzig lassen für ein verlängertes Wochenende und irgendwo anders die Beine in den See hängen. Aber dieses Jahr wollte es anders. Pfingsten in Leipzig. Gut. Meinetwegen. Dann wenigstens richtige Ungewöhnlichkeit.
gedanken splittern und bleiben doch licht brüchiges licht fällt auf die schattenschweren arme und beine werden zu marmor zu säulen aus müdigkeit zu einer form die sich hält und zugleich nicht hält sie steht wie ein ja das sich selbst nicht glaubt wie ein körper aus frage aus wiederholung aus stillstand und strom und in dieser statur liegt das zögern der erkenntnis das wissen dass das eigene bild nur an der kante erscheint und dort schon wieder vergeht ja sprach der riss und das licht antwortete leise nein
Isolation
iso lation
iso
sol
solo
is
isolation
ist
ist so
so
so late
late
lation
relation
relatio
ratio
io
Ion
Isolation
iso–sol–solo–ist–so–late–ratio–Ion
Isolation
Ich wollte keine Wälin mehr sein, zu viele Zuschauer, zu viele Experten, zu viele Nicht-Fühler, ich wollte keine Wälin mehr sein, weil der Körper schmerzte, weil der Körper zu schwer war, um die Leichtigkeit auf der Haut prickeln zu lassen, weil der Körper steif und träge wurde und mich greisig fühlen ließ, ich wollte keine Wälin mehr sein, weil ich kein Habitat mehr um mich hatte, weil ich nichts mehr von den Walgefühlen fühlte, weil ich so erschöpft war von meiner Präsenz
Wie Gera genau auf meinen Plan trat, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es die Sonne, die mich anlockte. Jedenfalls war es ein spontaner Ausflug in die thüringische Fastgroßstadt — und fotografisch hat er sich mehr als gelohnt. Menschlich war ich ein wenig lost. Viele Alte, viele Schülerinnen, viel Pack. Viele merkwürdige Blicke, viele niedere Beweggründe. Menschlich hat mich lange kein Ort mehr so dermaßen abgestoßen.
Mit Essen spielt man nicht! Einer von Muttis Lieblingssätzen. Oh doch. Mit Essen spielen, mag große Freude bereiten. Sehr große sogar. Sie hört den Satz im Ohr klingen und muss unvermeidlich an den Suppenkaspar denken. Der hörte einfach auf, seine Suppe zu essen, aus Protest und starb.
Sein Atelier hat er auf einer Burg eingerichtet – deshalb nenne ich ihn den Burgfotografen. Einmal kam er nach Leipzig und nahm an einem meiner Foto-Workshops teil. Dann zogen Jahre ins Land. Wolken auf und ab, Regen und Sonne im Wechsel. Irgendwann kam ich ihm wieder in den Sinn. Wir telefonierten. Er wollte von mir lernen – individuell, fordernd, ernsthaft. Er wollte ein Meister werden und von der Meisterin lernen. Vier Monate folgten. Viele Gespräche, viele Übungen, viel Kritik, viel Aushalten, viel Disziplin. Und ich war sehr oft sehr stolz. Mein ältester Schüler – mit solchen Fortschritten, solchem Willen, solcher Freude am Fotografieren. Und genauso viel Freude vor der Kamera. Vor meiner Kamera.
Stich. Wundmal. Zeichen.
Alle drei brauchen die Oberfläche.
Alle drei verändern sie.
Alle drei bleiben.
Und alle drei kennen einen Schmerz, der nicht schreit.
Der sich einrichtet.
Der irgendwann aufhört, sich Schmerz zu nennen und anfängt,
normal zu heißen.
Meursault denkt: ob man jetzt stirbt oder erst in zwanzig Jahren, die Welt wird weitergehen, als sei nichts gewesen. Andere werden leben, als wäre das Sterben nur ein schmaler Fehler im System der Zeit. Früh oder spät: kein Unterschied, kein Trost, kein Sinn. Nur das unausweichliche Schweigen des Endes.
„Damit sich alles erfüllte, damit ich mich weniger allein fühlte, brauchte ich nur zu wünschen, dass am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer da sein würden und dass sie mich mit Schreien des Hasses empfangen.“ Dieser letzte Satz aus Camus Fremdem erregte dich.
Eigenleib. Nicht Körper. Nicht Objekt. Nicht Erklärung. Das Schwere. Das Warme. Das Rote. Das Lebendige.
Kein Name. Keine Referenz. Keine Fußnote. Nur die Haltung, das schonungslose Schauen, das Fleisch als Wahrheit, der Körper ohne Entschuldigung.
Berlino. So nannte ich dich immer. Ganz liebevoll. Aber diese Beziehung hatten wir nicht (mehr) in den letzten Jahren. Nix mit Liebe. Alles an dir war schwierig für mich. Alles in dir war schwierig. Für mich. Immer nur kurze Zwischenstopps und Umsteigesituationen. Mehr war nicht drin. Berlino im Frühling. Ich wollte eine Annäherung. Ich wollte eine Klärung. Ich wollte eine paar Bildnisse einsammeln. Wir beide also wieder in Verbindung. Es war schön, es war bunt, es war ein Mix aus Sonnen und Wolken, es war wieder ein bisschen Zuhause. Es war auch ein Laufen ohne Pause. All
die Orte mussten in einen Tag passen. Hatten sie letztendlich auch und ich war danach ziemlich kaputt.
Grobkorn, Riss, Falte, Bruchkante, Schattenrand, Druckstelle, Abdruck, Nachhall, Restwärme, Widerstand, Reibung, Schwere, Zug, Drängen, Überschuss, Leerstelle, Halbdunkel. Hingabe, Spur, Sediment, Leuchtkraft zu viel, zu nah, zu eng, zu laut, nicht glatt, nicht fertig, nicht gefällig, aus dem Takt, gegen den Strich, neben der Spur, unter der Haut, im Nachglühen, im Vergehen müde, zäh, aufgeraut, verdichtet, […]
Cottbus... du Schöne – haltet mich doch für verrückt
Cottbus. Du Stadt Brandenburgs und der Lausitz. Lange bin ich um dich herum gekreist. Ich weiß so recht gar nicht wieso. Viele Male bin ich mit dem Zug vorbeigefahren, aber nie ausgestiegen. Jetzt im März 2026 kam ich ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde zu dir. Die Sonne schien, ich wollte mich drücken vor der Organisation meines Lebens und schwuppdiwupp, Zugverbindung herausgesucht und auf den Weg gemacht. Sehr spontan. Keinerlei Vorbereitung.
Diese Filmsuppe hatte sich ganz alleine angerührt. Eine Fujicolor Superia 1600-Filmrolle lag ungefähr 25 Jahre in meinem Kühlschrank. Vor einem Vierteljahr passierte dort eine kleine Havarie. Alle Filmrollen, die nicht gut genug verpackt waren, badeten in einer nicht näher zu bestimmenden Flüssigkeit und trockneten danach ein paar Wochen vor sich hin. Wow. Abgelaufener Film aus einer ganz anderen Zeit meines Lebens. Lange gehütet wie ein Schatz. Dann gebadet. Dann getrocknet. Dann belichtet. Dann selbst entwickelt. Sieh an, was das Material zusammen mit dem Licht für Farben zaubern kann. Ich bin berührt. Viel Licht brauchte der Film. Ich belichtete ihn (für alle Techniknerds) wie einen ISO 800-Film und pushte bei der Entwicklung noch einmal um eine Stufe. Hui. Das war ein leckeres Fest.
Die Lebenden werden zu Toten,
die Toten werden zum Leben erweckt.
Die Toten feiern ihre Feste, wie sie fallen.
Die Lebenden sind stumm, steif, unsicher.
Ihre Sehnsucht nach Sicherheit und einem langen Leben
versetzt sie in eine Starre.
Lebensstarre.
Ziemlich lange nicht mehr hier gewesen.
Räume und Zustände haben sich geändert.
Die Zeit macht dies alleine und regelmäßig.
Der Vergänglichkeit in den letzten Jahren beim Vergehen zugeschaut.
Hunderte kleine Tode gestorben.
Dennoch gefeiert und dem Rausch die Stirn geboten.
Das tanzende Glitzer in den verschiedenen Farben aufgehängt.
Dem Abschied und dem Schmerz mit einem Lachen begegnet.
Die Hüften sind breit, die Haut marmoriert von Striemen, von Zeit. Das Fettgewebe legt sich weich über den Beckenknochen. Die Haut fällt in tiefen Falten an den Oberschenkeln, an den Hüften, am Bauch. Aufgezeichnete Jahre, aufgezeichnetes Gewicht, aufgezeichnetes Leben.
Lützen mit Adolf ohne Nietzsche im DDR-Modus & ein Hauch Bad Dürrenberg
Neue (Zug)Reisegeschichten aus (ost)deutschem Land, mit dem Konvolut analoger Kameras, immer regelmäßig aktualisiert wird Leipzig, auch neue Orte kommen hinzu. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 10 Kapitel meiner 9-Euro-Ausblicke. Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis: ➨ 9-Euro-Ausblicke-Und-Weiterreisend / Inhaltsverzeichnis Ich bekam eine Nachricht mit dem Bild eines DDR-Wandbildes: „Kennste bestimmt schon?". Ne. Kannte ich noch nicht, […]
Meine Selbstporträt-Serien bestehen derzeit aus wilden Remixen aus analoger und digitaler Fotografie. Ich arbeite mit altem Filmmaterial, schaue, was das Material aushält (pushen, viel Licht, wenig Licht), entwickle es dann in der Dunkelkammer – zu lange, zu kurz, mit verschiedenen Temperaturen. Ein interessantes Experimentieren mit dem Zufall. Zusätzlich arbeite ich digital, um das Thema nicht aus den Augen zu verlieren, um mich bei der Selbstinszenierung zu beobachten, um den Raum offen zu halten, den der Zufall auch schließen könnte.
Linda und Dzevad Karahasan inspirierten mich zu dieser Serie. Und ich mich selbst. Weil ich „Schlaf" auf meinen Zettel mit den zehn Worten geschrieben hatte – als zehntes und damit letztes Wort. Aber eines nach dem anderen.
Masse. Volumen. Schwerkraft.
Nicht leicht, nicht gefällig, nicht mühelos.
Und: nicht zu übersehen.
Körper hat Stand. Körper nimmt Raum. Körper bleibt: eindrücklich.
Haut über Fett, gewichtig an Hüften und den Schenkeln.
Mädel dreh dich. Aber sachte.
Leipzig im Winterjanuar & ein buntes Observatorium in Schkeuditz
Der Januar war schnell, emotional, eisig, glatt, dunkel, energetisch, kreativ, analog, ruhelos, schlafintensiv, schneeflockig, geburtstaglich, still, kalt, rot, blau, gelb, ärgerlich, wiedersehend, digital, selbstdarstellend, weiß, sorgenvoll, aufreibend, verändernd, wortreich, mexikanisch, links, verknüpfend, lehrreich, lehrend, kümmernd – und noch so viel mehr. Ein Jahresauftakt, der an einen Einstieg in die Berg-und Talbahn erinnerte. Was das für 2026 bedeuten könnte? Eine rasante Fahrt, ein anstrengender Ritt. Oder alles ist offen und kommt ganz anders…
Achtung Stillgestanden! Hier komm* ich: Die Verachtung. Sie verachtet sie. Sie verachtet ihn. Er verachtet sie. Ihn nicht so sehr, meist. Sie verachtet es. So wie er auch. Sie verachten sie. Alle gegenseitig.
Es ist bitterkalt, als wir durch das Gartenzimmer ins Freie treten. Die Schneedecke unberührt, die Luft feucht und für einen Nachmittag viel zu dunkelgrau. Die mitgebrachte Lampe kann ein wenig Licht leuchten lassen auf den Körper, auf den Menschen, auf das Sein.
Besudelt schön. Die Stimmung kippt. Wie in jenem Augenblick, als das unschuldige Schneewittchen den roten Apfel des Verhängnisses aß und für uns tot schien. Ein Moment der Traurigkeit, kein Weg mehr will zurück.
Als sie den weißen Mantel zum ersten Mal wahrnahm, war er sorgfältig geglättet hinterlegt auf einem Stromkasten am Ende ihrer Straße. Es war diese Zeit zwischen den Jahren, diese Zeitlosigkeit in der schnellsten aller Welten, die sie so liebte. Kalt war es, die Straßen leer von Automobilen, Menschen und Lärm. Das weiße Gewand schimmerte ganz ruhig in der Mittagssonne.
Eigentlich wollte ich nur zwei Kameras ausprobieren, die ich jahrelang nicht benutzt hatte. Außerdem lagen im Kühlschrank noch Filmrollen, lange abgelaufen, feucht geworden – natürliche Filmsuppe also. Ein Versuch, ohne Anspruch, ohne Plan. Doch dann bewegten sich Sujet, Licht und Körper wie von selbst. Sie fanden zueinander, überlagerten sich, brannten sich ein. Und ich konnte nicht mehr aufhören zu fotografieren.
Alle Fäden führten nach Guben. Irgendwie. Und auf einmal war ich auch noch in Polen. Aber der Reihe nach. Lange hatte ich keine ostdeutsche Stadt mehr analog fotografiert. Zu viel war 2025 los. Nach Serbien im Oktober war ich nicht mehr fotografisch auf den Straßen unterwegs. Ende des Jahres fühlte es sich so an, als solle es wieder sein. Neue Filme, endlich wieder Chemie, um auch buntes Filmmaterial zu entwickeln. Und dann sah ich irgendwo ein Foto vom Innenleben des Gubener Bahnhofs. Dachte ich mir an einem sonnigen End-Dezember-Tag: Los geht’s
Zeitz, Ende September 2025. Eine Stadt ohne Menschen, dafür Autos, die rumcruisen, und kleine Gangs aus jugendlichen Mopedfahrern, wie ich sie aus meiner Jugend kenne. Zeitz, ein schön sanierter Bahnhof, kaum Menschen. Einmal in der Stunde fährt ein Bummelzug aus Leipzig in die Stadt in Sachsen‑Anhalt, die einst geblüht haben muss. Die verfallenen Gründerzeithäuser stammen aus dieser Blüte. Manche hoffen ja tatsächlich, dass Zeitz vor dem Aussterben gerettet werden kann. Ich glaube das nicht. Habe in den letzten Jahren so viele dieser mittelgroßen Oststädte besucht. Überall quält sich die Strukturlosigkeit, und die Veralterung der Einwohnerinnen schlängelt sich durch den Alltag. So wie Detroit und Cleveland in den USA, nur eben in der ehemaligen DDR. Keine Jobs, wenig Kunst und Kultur, und etwas zu essen suchte ich an einem Samstag auch ohne Ergebnis. Was nützt die „schöne Natur“, was nützen ehemalige Schlösser und Fabriken, die nun Museum sind, Kirchen, die saniert werden, und eine alte Fabrik als Co‑Working‑Platz, wenn die Menschen, die in Zeitz leben müssen, keine Zukunftspläne mehr haben, weil sie nur einen ruhigen Lebensabend genießen wollen, die billige Miete brauchen oder ihr abbezahltes Häuschen nun auch nutzen wollen? Leben ohne Utopie. Leere. Vereinsamung. Rassismus. Wirtschaftlicher Exodus. Schade.
Noch ist der September gar nicht vorbei. Dennoch war er äußerst merkwürdig. Ein Monat ohne richtiges Profil eigentlich und wenig Verbindung zu meinem Leben sowieso. Ein Monat, der nach dem August nur abkacken konnte. Dem kommenden Oktober könnte er sowieso niemals das Wasser reichen.
Dieser September war irgendwie anders. Warm war’s. So oft habe ich mich selten auf den Weg zum See gemacht. Am Anfang war der Monat noch emotional, dann wurde er ziemlich schmerzhaft (körperlich), dann wurde er auf einmal voll, die Kraft musste immer gut eingeteilt werden. Und dann wurde er wieder schmerzhaft (seelisch), weil ich mich künstlerisch einer Sache widmete, die an die Substanz ging. Gut so. Natürlich.
Welch ein schöner Zufall: einmal am 26. August 2024 in Erfurt, einmal am 27. August 2025, ebenfalls in Erfurt. Auch davor schon, doch nicht durch die Kamera – und gerade dadurch haben sich meine Blicke auf Orte auf einmal ganz verändert. Beide Male war der End-August in Erfurt sommer-wunderschön, schenkte meinen Bildern Licht und Schatten. 2025 war ich nicht allein, ich begleitete D. Zuerst die Pflicht, dann die Kür. Das Schöne daran: Wir kamen während beider Tagespunkte an Orte, die ich schon kannte, und doch warf das Licht einen ganz anderen Blick auf sie.
Von Tiflis nach Batumi fahren täglich zwei Züge: ein Morgenzug, ein Abendzug. Für diesen Samstag war der Morgenzug bereits ausgebucht. Es gibt nämlich ausschließlich Sitzplätze. Ist der Zug voll, wird einfach kein Ticket mehr verkauft. Also nahm ich den Abendzug: Abfahrt 17:10 Uhr, Ankunft um 22:45 Uhr. Der Zug war rappelvoll. Niemand sprach ein Wort, alle starrten schweigend auf ihre Smartphones. That’s normal here, dachte ich mir. In Batumi angekommen, stellte ich fest:
Georgien Jun*2025: Tiflis, Tbilissi, თბილისი (Teil II)
Eine Busfahrt, die ist lustig. Eigentlich. In Tiflis eher stickig und überfordernd und meist sehr lang. Die Fahrer, zumeist mit ziemlich aggressiv-rabiatem Stil unterwegs, versuchten, das Gefährt durch den Stadtverkehr zu lenken. Wenigstens gab es da eine eigene Busspur. Weiblichen Busfahrerinnen begegnete ich nie. Irgendwie sah ich überhaupt fast ausschließlich Männer am Steuer von Fahrzeugen. Der Verkehr in der georgischen Hauptstadt war überbordend, aggressiv, ruhelos.
In manchen Bussen gab es W-Lan, in nur einigen Klimaanlagen, nur manchmal wurden die Stationen angezeigt (natürlich auf Georgisch). Deshalb verfolgte ich die Fahrten immer mit dem GPS auf meinem Handy. Erst zählte ich noch die Stationen, aber das gab ich schnell wieder auf, funktionierte fast nie. Manchmal ließ ich mich einfach treiben, nahm irgendeinen Bus und fuhr und fuhr. Hatte ich jedoch ein bestimmtes Ziel, musste ich mich konzentrieren, manchmal fragte ich nach.
l o s tost L SO T ʇsᴉ⅃ Als sie damals zum ersten Mal ins Tiefland hinabstieg, wusste sie gar nichts von der Macht, die die Tiefe auf alles in der Zukunft Liegende haben würde. Als sie sich damals, von Rodin inspiriert, in Alighieris Hölle umschaute, ahnte sie noch nicht mal ansatzweise, dass die Angst in der […]
Es begann ein wenig holprig zwischen uns, wurde im Laufe des Tages aber ziemlich ausführlich, unterhaltsam und arbeitend. Nadine war von Nürnberg nach Leipzig zu mir gefahren, um der analogen Fotografie (noch) näherzukommen. Auch Nadine ist Fotografin. Auch sie will mehr von der Fotografie, als bloß Produkt oder Dienstleistung zu sein.
Sie hoffte, von mir und meiner Kunst zu lernen (zum einen). Zum anderen aber auch, gesehen zu werden, genau zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben.
Diese Zeit verlangt nach Berührung,
nach Ruhe,
nach Sich-Bewusst-Sein,
nach Innen,
nach Beisammen,
nach Besinnung,
nach Sinn und Sinnhaftigkeit,
nach Selbst ohne Angst vor dem Nicht-Selbst,
nach Fühlen,
nach Form,
nach Mut,
nach Kopf-Hoch,
nach Zutrauen,
nach Zuspruch,
nach Zurücktreten.
Eine Stunde Seehausen in der Altmark. Warum?
Nur wegen eines DDR-Wandbilds. Gezeigt wurde es mir zwei Wochen zuvor von einer Frau, die mir im Schienenersatzverkehrsbus von Tangerhütte nach Wittenberge gegenübersaß. Auf meiner Reise nach Mecklenburg erzählte die etwa 60-Jährige fast zwei Stunden lang aus ihrem Leben – spannend, berührend, kaum zu unterbrechen. Irgendwann erwähnte ich meine Leidenschaft für sozialistische Überbleibsel. Da zeigte sie mir ein Wandbild in Seehausen, an einem Wohnblock in Bahnhofsnähe. Sie selbst stieg auch aus. In Seehausen.
Am Anfang waren ein Band und das Feuer. Das Band war immer fest, von Anfang an. Es war nicht aufdringlich und stellte sich nicht in den Vordergrund, es war von einer Zartheit und Eleganz, obwohl das, was es verband, nicht zart war und schon gar nicht elegant. Und das Feuer? Es war nicht groß und vernichtend, ein kleines Feuer, ein feines Feuer, ein arbeitendes Feuer. Es brannte und brannte. Und auch als die Stürme aufkamen, brannte es weiter – es war seine Aufgabe. Still und leise ging es dieser nach, auch wenn es um das Feuerchen herum immer verrückter wurde. Natürlich beobachtete es das Treiben. Manchmal kopfschüttelnd, ab und an mit einem Lächeln auf den heißen Lippen, manchmal aber auch mit einem Schwall von Tränen in den Feueraugen, die es aber nicht herauslassen konnte – ansonsten würde es sich ja selbst löschen. Das war natürlich keine Option.
Fotoshooting für das Projekt: FriLeFT – an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig
Als ich die Anfrage von Dr. Anne Goldbach in meinem E-Mail-Postfach fand und las, war ich gerade in Torgau unterwegs, um die Stadt für mein Projekt: 9-Euro-Ausblicke-Und-Weiterreisend analog fotografisch festzuhalten. Anne fragte nach dokumentarischen und künstlerischen Fotografien für das Projekt FriLeFT. Ich hatte sofort große Lust darauf, schrieb mein Angebot – und wartete. Als die Zusage kam, war ich froh und freute mich auf diese neue Herausforderung. Ich machte mich auf den Weg – diesmal fotografisch – an die Universität, ein Comeback für mich, wenn auch an einer anderen Fakultät.
Leipzig, Frühling. Licht und Schatten. Und leere Wände.
Mindestens eine meiner analogen Agat-Halbformatkameras habe ich immer in meiner Handtasche – meist sogar zwei: eine mit Schwarzweißfilm, eine mit einem bunten. Der letzte Schwarzweißfilm war so lange in der Kamera wie selten zuvor. Das lag daran, dass ich kaum auf den Straßen Leipzigs oder anderswo unterwegs war. Ich fotografierte so viel wie selten in meinem Leben – aber eben nicht im öffentlichen Raum. So blieb der Frühling weitgehend außerhalb meines Schaffens. Nicht völlig unbemerkt, aber doch sehr.
Danke, lieber alter Mann, dass ich deine schöne Kamera weiter benutzen darf – beladen mit Film, bereit, alles festzuhalten, was flüchtig ist, alles, was sich bald verändert haben wird. Du selbst hast dich nie an das digitale Leben gewöhnen können; zu viele Jahre trägst du bereits auf deinem Buckel. Nun gibst du dein schönstes fotografisches Stück in meine Hände. Dafür danke ich dir.
Lange hatte ich gesucht, denn alle meine Arbeitstiere waren in den letzten Monaten zu Bruch gegangen. Ich wusste genau, was ich wollte. Und dann fand ich euch beide: dich, alten, so herzlichen Menschen – und dich, schöne Kamera, auch schon ein wenig, genauso wie ich, in die Jahre gekommen. Ich bin gespannt auf unseren gemeinsamen Weg.
Neue (Zug)Reisegeschichten aus (ost)deutschem Land, mit dem Konvolut analoger Kameras, immer regelmäßig aktualisiert werden Leipzig & Mecklenburg, aber auch neue Orte kommen hinzu. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 9 Kapitel meiner 9-Euro-Ausblicke. Wahrscheinlich werden weitere dazukommen. Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis: ➨ 9-Euro-Ausblicke-Und-Weiterreisend / Inhaltsverzeichnis Blackbox-Schkeuditz (März 2025) Gesamter Text und alle Fotografien hier: 9-Euro-Ausblicke-Und-Weiterreisend […]
Entstanden im März - während meines Fotoworkshops: Inszeniertes Porträt und Straßenfotografie. Gestern bekam ich eine E-Mail von M. Darin stand dieser Satz, den ich selbst so lange nicht gesprochen und gedacht habe: Alles hat mit allem zu tun. Mir fehlt es so sehr, mit dir Musikraten zu spielen. Deshalb ein Soundtrack zur Serie:
Leipzig, Winter. Korn und Kälte. // Stralsund, Winter. Licht und Leere.
Die Kälte ist da, scharfkantig, aber die Sonne bricht durch. Stralsund glänzt im Winterlicht, als hätte jemand eine dünne Schicht Glasur über die Gassen gezogen. Ich laufe los, ein paar Stunden in einer Stadt, die ich kenne, aber nicht wirklich. Zwei Jahrzehnte flüchtiger Begegnungen, Momente, die aufeinanderschichten wie die Backsteine der Giebelhäuser. Die wenigen Touristen, die sich im Winter hierher verirren, ziehen Richtung Hafen, als wäre das die einzige Richtung, die eine Stadt wie diese zulässt. Ich gehe nicht mit. Der Hafen kann warten, der Hafen kann ohne mich. Die Straßen sind leer, bis auf ein paar Einheimische, die mit eingezogenen Schultern durch das Licht hasten. Jeder Schritt ein Echo auf dem Kopfsteinpflaster. Die langen Schatten dehnen sich, verzerren sich, als wollten sie die Stadt überziehen.
Der Kamm schiebt sich voran, löst Knoten wie unsichtbare Sünden. Es ist nicht nur das Haar, das er ordnet – es ist die Scham, die sich in den Tiefen versteckt. Es ist die Erinnerung an Berührung, vergangen, doch nicht verblasst. Er zieht Linien, feine, vergängliche Pfade in die Fülle, wie ein Stummer, der Geheimnisse ordnet, […]
Antifaschistinnen in Riesa gegen die Kälte der Zeit
Ich kenne Riesa von den Zündhölzern. Vor allem. Und von Großmutters Einkaufstouren, noch in den Tiefen der DDR. Und ich kenne den Bahnhof von Riesa von den Durchfahrten nach Dresden oder Richtung Prag. An diesem Tag, am Anfang des 25. Jahres dieses Jahrhunderts und Jahrtausends, lernte ich Riesa aus der Perspektive von Zehntausenden Antifaschistinnen kennen.
9-Euro-Ausblicke-Und-Weiterreisend – Zwischen Platte und Poesie
Drei Jahre (2022, 2023, 2024), 1692 analoge Fotografien, mehrere tausend Zugkilometer. Alles war mehr Zufall als geplant. Seit vielen Jahren fuhr ich schon mit dem Zug, zuerst durch Deutschland, später auch durch Europa und vor allem Osteuropa. Außerdem drängte sich die analoge Fotografie wieder stärker in mein Leben – so wie alles begonnen hatte mit der Fotografie, damals, vor mehr als drei Jahrzehnten.
a:u:f:g:e:k:r:a:t:z:t und ent//rückt: fragmente skurriler brüche (II)
Ein tiefschwarzer Raum ohne Anfang, ohne Ende. Lautlos beginnen sich die Konturen zu verändern. Wände verschieben sich, Türen erscheinen und verschwinden wieder. Der Raum dehnt sich aus, faltet sich, vervielfältigt sich – Dimensionen entstehen, überlagern sich, zerfallen wieder. Die Schwärze wird durchzogen von Grautönen, flüchtigen Schatten, die für einen Moment Bestand haben, nur um dann zu verglühen. Flash. Wieder Dunkelheit. Schwarz. Weiß. Hell. Dunkel. Ein flackernder Rhythmus. Begrenzungen lösen sich auf, die Wände fließen ineinander, als würde die Wirklichkeit selbst Wellen schlagen. Dimension um Dimension wird geboren, jede will sich behaupten, will bleiben – doch keine kann die nächste aufhalten. Du bist mittendrin, Teil dieses ständigen Wandels, dieser unaufhörlichen Entwicklung. Und aus diesem Spiel von Licht und Schatten, von Sein und Nichtsein, entfaltet sich eine Welt, die zugleich vertraut und unbegreiflich scheint.
a:u:f:g:e:k:r:a:t:z:t und ent//rückt: fragmente skurriler brüche (I)
Die Welt knirscht an ihren Grenzen. Sie nimmt die Erinnerungen von den Wänden, aus den Kartons, von der Leine. Sie spürt die weichen Hände um ihren Hals gelegt und hört danach in Dauerschleife diesen Satz: „Ist skurril gut oder schlecht?“ Woher sollte sie das denn wissen? Sie hatte das Wort noch nie in ihrem Mündlein gehabt. Welchen Geschmack könnte es haben? Süß oder sauer? Bitter oder salzig? Sie wusste nur: Auf sachlich folgt nun surreal. Eigentlich falsch herum. Damals war die Reihenfolge noch eine andere. Egal.
Zwischen-Räume. Zwischen-Zeiten. Zwischen-Menschen.
Ein Tänzeln zwischen dem, was war, und dem, was niemals sein wird.
Abgewandtes, Gesenktes, Instabiles. Der Raum ist grell erleuchtet – das Licht stark und unerbittlich, es schneidet, blendet, frisst die Schatten.
Warum ausgerechnet Armenien? Eine Reise in eine ehemalige sowjetische Teilrepublik, an der Schwelle zu Asien? Es gibt dafür keine eindeutige Antwort. Ausschlag gab wahrscheinlich der erneute Konflikt, Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, einer anderen ehemaligen Sowjetrepublik. Der Konflikt um Bergkarabach (russisch Nagorny Karabach). Schon als Kind klingelte dieser Name in meinen Ohren, wenn ich mit meiner Großmutter Nachrichten schaute, schon als Kind fragte ich mich, wo dieser ominöse Berg sich wohl in die Luft erstrecken würde. Damals wusste ich noch nicht, dass es sich gar nicht um einen Berg handelt, sondern um eine Region. Im September des letzten Jahres klang das Wörtchen "Bergkarabach" wieder in unserer aller Ohren. Als zirka 140.000 Armenier, die dort (manchmal seit Generationen) lebten, ihr Zuhause verlassen mussten, wohl endgültig.
Armenien Feb*2024: Jerewan - Eriwan, Erewan, Yerevan, Erevan, Երևան (Teil I / A)
In Armenien kriecht aus mir eine Vorliebe wieder heraus, die ich schon fast vergessen hatte. Mein Faible für alte, bunte Fahrzeuge und Gefährte in sowjetischer Optik. Zum letzten Mal hatte ich so viel Freude an in die Jahre gekommene Automobile auf Kuba, das war 2016. GAZ-53, Wolga, Lada, Zaporozhet, Schiguli und wie sie alle heißen.
Reisen
... ist …
Arbeit. Anstrengung. Glück/Zufall (ob des richtigen Passes). Energetisch. Ein Kraftakt. Konzentration. Anpassung. Überraschung. Neugierde. Das Budget im Auge behalten. Immer müde sein. Meist schlecht schlafen (ob der Mitwohnenden). Zu viel Koffein. Auf der Straße essen. Auf die eignen Dinge achten (Geldbörse, Schlüssel, Handy, Kameras, Pass, Elektronik …) In Kommunikation gehen. Sich allein aushalten. Denken. Wenige Pausen machen. Ständige Recherche. Klarheit. Den Wetterbericht auswendig kennen. Fortbewegungsmittel buchen. Fortbewegungsmittel verstehen. Den Flow des Ortes begreifen. Nachfragen. Neues essen, Neuem begegnen. An Grenzen stoßen. Ängste überwinden. Energielos oder voller Adrenalin sein. Eine erste Taxifahrt vom Flughafen. Günstige Übernachtungen finden. Lernen. Politische Verhältnisse und Geschichte verstehen. Eine fremde Kultur kennenlernen. Die Privatsphäre aufgeben. Bis an Grenzen gehen. Zu wenige Klamotten dabeihaben. Neue Wege (Umwege) gehen. Das Licht sehen. Und die Schatten.
... und noch so viel mehr …
Für mich und meine Fotografie!
Armenien Feb*2024: Rundreise – Sewansee, Sewankloster, Dilidschan, Goschawank, Kloster Haghartsin
Frierend sitze ich in einem Kleinbus aus deutschen Landen. Er steht an einer Ausfallstraße Jerewans, vor einem Reisebüro. Für armenische Verhältnisse ist es richtig früh, deutlich vor 9 Uhr an einem Donnerstag Ende Februar. Mit dem Taxi habe ich mich von meinem Unterschlupf in Armeniens Hauptstadt herbringen lassen, weil ich so gar nicht einschätzen konnte, wie lange ich mit Metro und den Beinen brauchen würde, um an den Ausgangspunkt meiner eintägigen Rundreise durch ein paar Provinzen Armeniens zu kommen. Ich bin hier allein, schaue nach rechts auf den leeren Bürgersteig, nach links auf die Straße, auf den ununterbrochenen Automobilrausch. In der letzten halben Stunde hatte ich versucht, einen Kaffee aufzutreiben. Nicht möglich. Die Rollläden waren noch überall heruntergelassen. Dumm herumstehen wollte ich nicht, also hinein in den kleinen Bus. Ich setze mich auf einen einzelnen Fensterplatz ganz vorne. Später wird sich das als sehr klug herausstellen, denn genau vor mir wird unsere Reiseführerin sitzen. Aber noch bin ich allein. Nach unendlich langer Warterei (so zwanzig Minuten) besteigt das erste Mit-Reise-Pär-chen das Büs-chen. Die beiden sind Russen aus St. Petersburg im mittleren Alter (genau genommen, bin ich das ja auch, aber sie erscheinen mir älter). Dreißig Minuten später haben alle Platz auf ihren Sitzen genommen. Die Reisegruppe meines, unseres Tages setzt sich wie folgt zusammen: 14 Russen, ein Filipino, lebend in Dubai, zwei Franzosen, eine Schwedin und eine Deutsche. Unsere Reiseanführerin heißt Marina, ist Ende 50 und gebürtige Bürgerin Jerewans. Sie erzählt uns alles doppelt, erst in russischer Sprache, dann auf Englisch. Ich freue mich immer, wenn ich ihrer russischen Erzählung lausche und wenigstens einiges verstehen kann.
Es ist Sonntag. Der Mond steht noch hoch am Himmel. Dennoch muss ich schon heraus aus meinem gemütlichen Bettchen. Heute fahre ich mit dem Zug nach Gyumri. Ich erinnere mich noch ganz genau, als meine Vermieterin Armine zu mir sagte, nachdem ich schon ein paar Tage in Jerewan war, dass Armenien nicht nur Jerewan sei. Dabei hatte ich bei weitem noch nicht einmal die Hauptstadt ganz erkundet. Und doch nahm ich mir vor, über den Rand der Hauptstadt hinauszuschauen. Heute also eine Zugreise nach Gyumri, an einem Wintersonntag, der sonnig werden würde. Das mit der Eisenbahn in Armenien ist so eine Sache. Es gibt nicht viele Verbindungen. Der Direkt-Zug von Jerewan nach Gyumri verkehrt nur zwischen Freitag und Sonntag, einmal hin, einmal zurück. Das Hin-und-Zurück-Ticket kostet 11 Euro. Der Zug nennt sich Express. Er wird später mit mir durch das Land tuckern und zwei Stunden und 10 Minuten für 154 Kilometer brauchen. Gar nicht so langsam. Angefühlt hat sich die Fahrt jedoch wie eine unendliche Reise, vor allem die Rückfahrt.
Zusammen durchflogen zwei Vögelchen die Welt, vorgesehen war einmal mehr ausFLUG, aber die Welt spielte auf einmal andere Musik auf, einige Flügel brachen, Sturzflug. Kein Zusammenflug mehr möglich. Einem Vögelchen schmerzen die gebrochenen Flügelchen sehr, es macht das allein-weiter-fliegen so schwer: Leipzig, Schkeuditz, Lübz, Berlin, München, Naumburg, Nürnberg, Chemnitz, Hannover, Waren, Palermo, Genua, Camogli, Oostende, Brügge, Antwerpen, Brüssel, Budapest, Brno, Amsterdam, Lille, Gent, Weimar, Erfurt, Düsseldorf, Wien, Leuven, Breslau.
Zwei Menschen werden geboren. Zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Ländern. Den beiden sind (mindestens) drei Dinge gemein: Ihre Mütterchen hatten bereits Töchter auf die Welt gebracht, sie sprechen dieselbe Sprache und – sie verlieren etwas: nämlich ihr Land. (Vorerst) Ihre Identität. (Vielleicht). Ihre Heimat. (Wer weiß?) Auf unterschiedliche Weise. Einmal sogar zweimal.
Zwei Jahrzehnte liegen zwischen ihren Geburten. Zwei Jahrzehnte voller Irr und Wirr. Zwei Jahrzehnte, die dazu führen, dass aus Siegern moralische Verlierer werden. Zwei Jahrzehnte, in denen ein ganzes Volk von einer Seite auf die andere Seite wechselt. Vom Opfer zum Täter. Zwei Jahrzehnte, die vielleicht alles, aber vielleicht auch nichts ändern.
Geister zu bannen war gestern, heute ist: lasst die Geister sich ihre Wege bahnen. Eine Welt funktioniert nicht ohne sie, eine Welt braucht sie; nur mit ihnen ist eine Welt vollständig. Eine Entscheidung darf jedoch individuell getroffen werden: Will ich ein Geist sein? Will ich Angst verbreiten? Will ich unsichtbar daherkommen? Will ich vergangen oder […]
Leichtes Schwer loszulassen. Schweres schwer zu tragen, Schweres schwer loszulassen, Leichtes leicht zu nehmen. Ich sagte zu ihr, dass ich noch nicht bereit wäre, mich vom Sommer zu verabschieden. Unser Thema: Der Abschied. Der Übergang. Zum Herbst hin. Zwischen ihr, mir und der Kamera, mit dem ICH, dass noch lost im Sommer war. Nachdem ich […]
Dieser Sommer musste erst Fahrt aufnehmen. Als er jedoch seine Wohlfühl-Geschwindigkeit erreicht hatte, drehte er kräftig am Wärmerad. Badehose einpacken und ab zum See. Keine Option in Leipzig. In meinem Leben. Eigentlich. Fast ausschließlich fanden meine See-Abenteuer bisher in Mecklenburg statt. Schon in meiner Kindheit mussten die Sommer am Wasser gelebt werden, nur geschlafen wurde zu Hause im heimischen Bettchen. Von Mai bis Oktober. Oder so. Und auch später, mit den neu dazu gekommenen Kindern der Familie im Schlepptau, füllte das mecklenburgische Wasser meine Wälinen-Seele. Dieser Sommer aber wollte alles anders. Regelmäßige See-Eskapaden in Sachsen-Town. Immer in den Leipziger Westen gefahren. Immer andere Wege genommen. Immer andere Mitseeabenteurerinnen getroffen und manchen von ihnen irgendwann auch wissend wieder begegnet. Anfangs nur fotografisch, dann auch für das Herz, für den Körper, für die freien Gedanken. Ich fühlte eine neue Welt voll mit glasklarem Wasser, Kieselsteinschmerz unter den Fußsohlen, fremden Sprachfetzen. So viel Neu erlebt nach einer Fahrt mit der Tram; kein Zug, kein Flug, kein anderer Landstrich, keine andere Nation, kein anderer Kontinent. Und abends wieder im eigenen Bettchen, wie früher.
Diese analoge Foto-Serie ist schon ein paar Monde alt. Ihre Thematik hat allerdings nicht an Aktualität verloren. Zumindest in Deutschland steigt die Zahl von Staatenlosen. Jeder und jede weiß, wie es sich anfühlt, etwas "zu verlieren". Den Schlüssel, die Eltern, Geld, Liebe, Wohnung, die Unschuld ... Aber wer von uns ahnt auch nur, wie es ist, keinen gültigen Pass sein Eigen zu nennen. Alles, ja wirklich alles, ist in dieser Welt an diesen Pass geknüpft.
Das Triumvirat des Gezeigten beinhaltet drei Dimensionen, die ich benennen kann (mögen sich noch mehr einstellen bei der Betrachterin, dann liegt dies nicht mehr in meiner Hand!). Die erste und wichtigste: die Dimension von Freundschaft und Verbundenheit, die zweite: „Jugend ohne Gott“ mit Diskussionen um Determinismus und den freien Willen. Die dritte Dimension: die des […]
Sie sitzt in der prallen Mittagssonne des auslaufenden Julis – auf dem Balkon des Kulturpalastes. 2024. Die Sonnenbrille fest auf der Nase. Hinter ihr das in Pastellfarben gehaltene, für politische Agitation zuständig gewesene und nun nur noch hübsch aussehende, sozialistische Wandbild mit Friedenstaube, Kosmonauten im All, DDR-Vorzeigefamilie und Wissenschaftlerinnen. Unter ihr plätschern die Wasserspiele der […]
Außen Materialschlacht, innen Rückzug, Einkehr in die Kathedrale der Gedanken, Gefühle, Gespenster. Die Schlacht implodiert und findet ihren Höhepunkt in der Stille. Sie hört die gesprochene Botschaft: Ich bin so traurig, ich bin so traurig. Die Stimme ist leise und sanft. Der Wortrhythmus gleichmäßig. Sie weiß, was die Stimme ihr sagen will. Sie weiß. Sie weiß. Aber sie ist jetzt auf einem anderen Meer unterwegs. Sie spürt die Kraft der anderen Wellen und den Druck der anderen Tiefe. Er ist wieder frei. Aber in der Freiheit lauert wieder die alte Plage. Er ist zurück in der Heimat, die schon vorher keine Heimat mehr war. Die Zwischenstation nun geschlossen, zurückkehren als Ausweg, eine Einbahnstraße der Selbstbestimmung. Sie akzeptiert. Aber die Angst ergreift den Körper. Wie ein wabbeliges Plastikgeschwür breitet sie sich zwischen Bauchnabel und Haarwurzel aus. Angst macht Angst. Akzeptanz und Angst. Eine wilde Mischung. Auch in einem Leben, das eingeschnürt ist, bleibt Raum für den Genuss. Er genießt. In seinen Träumen. Das Leben ist Schicht auf Schicht auf Schicht. Unendlich. Es hört nicht auf zu wachsen. Es wächst in all seinen Dimensionen. Wohin verstecken wir unsere Ängste?
Der April macht, was er will. Ja. Tut er. Tun soll die Sprechende und Schreibende und Denkende nach der Grundschule nicht mehr sagen, schreiben, denken. Ich tue es trotzdem und fühle mich so gleich kindlich albern. Albern sein, ist bekanntlich eine der besten Medizinen (der Medizinplural hat mich kurz aus dem Konzept gebracht!) Zurück also zum April. Denn dieser verrückte Monat sah für mich Baden-Württemberg vor. Gerade hab ich noch einmal die Karte mit den deutschen Bundesländern ganz ausführlich studiert. Um zu überprüfen, ob meine Ahnung auch der Wirklichkeit entspricht. Es ist amtlich. Noch nie in meinem Leben vorher hatten meine Füße dieses Bundesland berührt. Aber noch gewichtiger, auch noch niemals ist mein Körper hindurchgefahren. Oh, vielleicht bin ich schon einmal darüber geflogen? Das weiß ich nicht genau. Aber in den Wolken ist ja nicht mehr Baden-Württemberg, da ist Wolkenland. Es gibt ein zweites Bundesland, auf dessen Boden meine Füße sich noch nicht ausgetreten haben, das ist das Saarland. Jedoch, das ist der Unterschied, auf meinen Zugreisen nach Paris, verkehrte ich immer über Saarbrücken und konnte so aus den schmutzigen Zugfenstern einen Eindruck erhaschen, vom kleinen Saarländle. Nun, in diesem vierten Monat von zwanzig vierundzwanzig schenkte mir der April Neues, Unbekanntes. Natürlich war ich vorfreudig, jedoch nicht vorbereitet, zumindest nicht geografisch. Für meine eigentliche Aufgabe im Süden des Landes war ich gewappnet. Mentorin sein. Lehrerin sein. Trainerin. Tutorin. Wie auch immer das richtige Wort dafür lautet, was ich für Menschen TUN kann, die mich um Hilfe bitten, einen (neuen) Zugang zur künstlerischen Fotografie, zur inszenierten Fotografie zu finden oder wir gemeinsam eine individuelle Bildsprache heraus graben, um wirklich einzigartige Geschichten mithilfe der Fotografie zu erzählen. Also machte ich mich auf zu "meiner Schülerin" von Leipzig nach Stuttgart, kurzer Zwischenstopp, um zwei Friedhöfe und die Baugrube am Bahnhof zu bestaunen und dann weiter nach Ludwigsburg.
Da ist viel, was uns verbindet, mehr als ein Jahrzehnt schon – überschwängliche Emotionen zum Beispiel oder der Hang zum Weiterdenken, eine unstillbare Neugier, das viel-zu-Viel manchmal, Freiheitsliebe, Rückzug, der Fokus auf unsere Körper, sich ausdrücken zu wollen, die Sehnsucht nach Welt … unsere wichtigste Gemeinsamkeit jedoch ist die Großliebe zum Wasser.
Ich dagegen schätze die Freiheit so sehr. Sie ist der Motor meines Lebens und Schaffens. In dieser Freiheit hinterfrage ich ständig, begebe mich auf neue Pfade genauso, wie ich die ausgetretenen immer wieder begehe. Ich prüfe, ich rieche, ich schmecke, ich fühle, ich bilde mich, ich lerne, ich bin leise und laut, ich lehre, ich höre zu, ich lehne ab, ich sage zu, ich überschreite Grenzen, ich ziehe meine eigenen Kreise, ich denke, ich lache, ich nehme mich ernst und lache dennoch über mich, ich weine, ich habe eine andere Meinung, ich stresse, ich schaue hin, ich höre hin, ich zeige, ich ziehe mich zurück, ich mache Fehler, ich falle, ich stehe wieder auf, ich biege ab, ich bin dagegen, ich ändere meine Meinung, ich schließe nicht aus, ich bin unbequem, ich frage, ich antworte und noch so, so viel mehr. Jedoch bemühe ich mich, nicht zu moralisieren. Meine Erziehungsberechtigten zogen mir ein Wertekorsett an. Selbst habe ich dies noch ein wenig zurecht geschliffen. Darin fühle ich mich wohl und kann anderen in diesem Kleid begegnen. Ein Kleid aus Respekt, Disziplin, Aufmerksamkeit, Empathie, Großzügigkeit, Gerechtigkeit, Offenheit, Sensibilität und Verantwortung. Dieses Korsett ist nicht eng, aber auch kein lappriges Kleid. Und wieder meine Frage. An welcher Stelle kommt die Moral ins Spiel? Ist die nicht eng an Zeit gebunden? An Menschengruppen? Warum wird sie häufig bei Nacktheit und Sexualität ins Spiel gerollt? Dabei steckt das Wort Oral doch ganz augenscheinlich in ihr. (Ein Witz, ein Witz)
Oh weh, oh jeh.
Ich jammere, weil die Straßenbahn heute den ganzen Tag nicht fahren wird.
Du jammerst, weil die Käsepackung anstatt sechs Scheiben, nur noch vier enthält.
Er jammert, weil seine Schicht noch weitere drei Stunden andauern wird.
Sie jammert, weil der Fingernagel wieder abgebrochen ist.
Es jammert, weil es viel zu langsam geht, alles!
Wir jammern, weil unser Hab und Gut immer noch zu wenig ist.
Ihr jammert, weil die Heizung für ein paar Stunden ausfällt.
Sie jammern, weil die Züge einfach immer Verspätung haben.
Oh weh, oh jeh.
Ich befinde mich knapp 500 Meter über dem Meeresspiegel, sieben Kilometer von Weimar, etwa 130 Kilometer von Leipzig und 286 Kilometer von Berlin entfernt, in Buchenwald. Es ist Anfang Januar 2024, die Temperaturen liegen zwischen minus 15 und minus 10 Grad Celsius. Mit dem Zug bin ich nach Weimar gefahren. Vom Hauptbahnhof bringt Bus Nummer 6 Menschen zur Gedenkstätte.
Der Himmel ist nicht von freundlichem Graublau, sondern von einem undurchsichtigen, sturmgepeitschten Dunkelgrau beherrscht. Die Sonne scheint fern, als hätte sie diese Gefilde längst vergessen. Und das Licht, es wird von zischenden Schneestürmen verschluckt. Ein eisiger Wind heult durch die leblosen Gassen, wirbelt Schneefahnen auf und trägt das ferne Knirschen von gefrorenen Seelen mit sich. Die nicht zarte Stille wird von einer bedrohlichen Schwere durchdrungen, als lauere in den Schatten des Frostes eine unsichtbare Gefahr. Die Schornsteine spucken bittergelbe Rauchschwaden aus, die die Lungen aller lebendigen Wesen mit wilder Chemie benetzen.
Filmsuppe und andere analoge Fotografie-Spielereien
yStolpern oder kriechen? Oder einfach üben und wie eine Braumeisterin die besten Rezepte für die neuen analogen Prozesse finden? Das kreative zweitausendvierundzwanzig will (noch) nicht richtig in Fahrt kommen, thematisch zumindest. Es fällt mir ziemlich schwer, das Thema des letzten Jahres loszulassen. 1923 war so ein Reichtum, lange habe ich nicht geschafft, alles abzuarbeiten, was hätte noch Raum einnehmen können. Nun bin ich da in 2024 und kann mein neues Jahresthema noch nicht spüren. Bereits seit letztem Oktober hatte ich Ausschau gehalten, und ziemlich schnell "JA" gesagt, als DAS Thema mir begegnete. Theoretisch ist ES also schon da, liegt vor mir in großen Lettern, aber im Herzen hat's sich noch nicht eingenistet. Und so lasse ich meinem neuen Jahresthema die Zeit und den Raum, um sich in Ruhe zu entfalten, größer und wichtiger zu werden, damit ich hoffentlich bald anfangen kann, mit ihm zu arbeiten. Bis dahin lerne und lehre ich.
Ein Jahr voll 1923er Gedanken. Ein Jahr 2023. Ein Jahr erschaffen, denken, leben, fühlen auch. Ein heftiges Jahr. Als ich am 1. Januar 2023 am Grabstein meiner Großmutter stand, hätte ich mir nicht ausdenken können, was in einem Jahr alles stecken kann. So viel Kraft. So viel Energie. So viel Veränderung. So viel Leid. So viel Traurigkeit. So viel Wucht. So viel Unbehagen. So viel Rausch. So viel Bewegung. So viel Erstarren. So viel Herz. So viel Neu. So viel Nähe. So viel Naivität. So viele Farben. So viele Dimensionen. So viel Rhythmus. So viel Groteske. So viel Melancholie. So viele Tränen. So lautes Lachen. Krieg. Monströse Begegnungen. Loslassen. Entdeckungen. Erwartungen. Enttäuschungen. Tanz und Tod. Blick und Distanz. Witz, Diabolik, Sinnlichkeit. Zerstörung. Wut. Magie. Ich. Mir. Mich. Mein. „Zum Kotzen schön“ (Otto Dix)
Ich hänge am Tod. Oder hängt dieser gar an mir? Solange ich mich erinnern kann, stellte ich die Frage: Gehen wir heute auf den Friedhof? Sobald meine Frage im Raum herumschwirrte, war die Antwort schon in Stein gemeißelt: Natürlich. So trabte ich an Großmutters Hand und an ihrer Seite den Weg zum Friedhof der Stadt, in der ich geboren wurde. Dort befand sich Großvaters Grab. Ein Großvater, der nur drei Monate, bevor ich das Licht der Welt erblicken sollte, starb, um in dieser Grabstelle ewig weiterzuleben. Oma und ich besuchten Benno. Tot oder lebendig. Spielte doch keine Rolle. Besuch war Besuch. Großvater war Großvater. Zu Hause, also in Omas Wohnung (Zeit meines Lebens hatte ich nicht nur ein Zuhause, Orte, die ich von Herzen liebte, nannte ich schnell "Zuhause", auch wenn sie nur kurz durch mein Leben hindurch reisten), schaute ich mir die alten Fotografien aus dem Karton an. Schließlich brauchte ich ja ein Bild von Benno in meinem Kopf.
In des Auges tiefschwarzer Schlund, ein Schimmer von Rot,
Geboren in die Leere, in die Stille aufgebrochen, fast tot.
Zäh, wie das Flüstern der Zeit,
Weben Kriechtiere, in Unsichtbarkeit geweiht.
In Äons Labyrinth, ein Wesen, nicht gebeugt, allein,
Durch Gassen aus Lügen und Verrat gegangen, auf der Suche nach dem weisen Stein.
Bewohnt ein Irrgarten der Leiden--Sucht, von bunten Schatten überzogen,
Will es der Vergangenheit begegnen, doch die Stille bleibt ungebogen.
Gespenster gehen um in dieser Welt, Gespenster von Terror & Krieg, aber auch Gespenster des neuen Nationalismus, Patriotismus, Fanatismus, wieder aufsteigenden Patriarchats, Gespenster der Veränderung von Macht und Interessen, Gespenster aus den Religionen dieser Welt. Gespenster der Verblendung, der Verzweiflung, der Verbitterung.
Hat sie sich ins eigene Fleisch geschnitten oder wurde ihr das Messer hinterrücks ins Fleisch gerammt? Tropft das Blut aus ihr heraus, weil sich die Wunde so tief ins Fleisch verkrochen hat? Beginnt das Fleisch abzufallen vom Knochen, weil sich die Traurigkeit manifestiert und zur chronischen Krankheit wird? Dabei liegt der Dreizack doch neben ihr. […]
Licht und Schatten. Wir blätterten zusammen in einem Buch herum mit genau diesem Titel. Simon erzählte von der neuen Staffel von Babylon Berlin, ich trennte mit meiner Kuchenkabel ein Stück Teig vom Obst. Es war Simons zweiter Selbstgebackener. Ich hatte schon ein paar mehr gebacken im Leben, aber keiner war so lecker. Unsere großen Türkenpötte […]
Ganz früh am nächsten Morgen verließ ich Norditalien. Auf nach Slowenien. Letzter Halt: Ljubljana, die nördlichste Hauptstadt Ex-Jugoslawiens. Einordnen lässt sich dieser Ort schwerlich. Nicht Fisch, nicht Fleisch, sage ich als Norddeutsche. Ganz nah an der Grenze zu Italien, aber nicht italienisch. Lange Jahre ein Teil des sozialistischen Jugoslawiens, aber nicht post-sozialistisch. Vielleicht ein Hauch belgisch oder holländisch. Idyllisch, mit einem Flüsschen in der Mitte, malerischer Architektur und ein paar Plattenbauten drumherum. Das Städtchen ist ein Touristenmagnet, gleichzeitig hip. Nach meiner Ankunft beschäftigte ich mich natürlich erst einmal mit dem Bahnhof.
Ich danke dem Sommer und dem frühen Herbst für das viele Licht, welches sie mir schenkten. Ich danke dem Fleisch, das mich zu dem Menschen werden ließ, der ich nun gerne bin. Ich danke den Knochen, die mein Fleisch (fest)halten, und durchhalten, mich durch die Welt zu tragen. Ich danke meinem Bewusstsein, zu wachsen, jeden […]
ZAGREB – Stadt der Springbrunnen & der Menschen-Unfreundlichkeit, des brutalen Plattenbaus und der Sonne auf der Oktober-Haut Auf den letzten Metern fuhr der Ex-Jugoslawien-Zug doch noch eine Verspätung ein. Und das im ganz solidarischen Sinn. Gewartet wurde auf einen verspäteten Zug, eine Station vor Zagreb. Als dieser ankam, stiegen sage und schreibe fünf „Kinesen“, wie […]
von Antje Kröger & Paul Thomas Taue, gehängt an totem Holz. Später gesellen sich netzartige Strukturen aus dünnem Seil dazu. Efeu rankt lebendigplastisch empor zum Himmel, versucht so sein Glück. Es formt sich langweilig-gleichförmig überall da, wo sich Platz auftut. Die Luft der Freiheit erstickt. Das tote Holz knarrt. Der lebendige Leib steigt in den […]
Die Zauber sind verschwunden,
die Mythen im Schlaf versunken.
Wer soll sich ihrer erinnern ...
Nackt in ihrer Angst, liegt sie da, im Meer, die Insel der Ägäis.
Schönheit hat aufgehört der Gewalt zu dienen.
Die Masken – gefallen.
Zähne, scharf wie Dolche, zerschneiden die Wirklichkeit, enthüllen die geheime Verwesung unter der Oberfläche. Fleisch, ein Panzer aus Sehnsucht und Wunsch, trägt die Narben der Zeit stolz auf seiner Haut. Die Verwesung, unvermeidliche Muse, singt leise das morbide Lied. Eine stinkende Wolke, heraufsteigend aus dem Abgrund, umarmt unsere Sinne, sie erinnert uns an die Vergänglichkeit der Dinge. Die Unsterblichkeit ist ein Witz, über den nur die Toten lachen können.
In einer Siedlung nahe der großen Stadt mit den Zwiebeltürmen, deren Name längst im Nebel der Geschichte verblasst war, ereignete sich ein lautes Sterben. Die Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit ätzten ihre Spuren tief in die Seelen der Menschen in dieser abgelegenen Gemeinschaft. Gewalt und Drogen durchzogen die Landstraßen, die Menschen flüsterten Geschichten von Verlust und Schmerz in den Wind. Die Mauern der alten Häuser hüteten düstere Geheimnisse, die Luft war schwer von Tristesse.
Parallelität. 1923. 2023.
Zeit. So flüchtig manchmal. So zäh oft. So gleich. So ähnlich. Wiederholungen. Kann Zeit sich überhaupt wiederholen? Nein. Nur Ereignisse in Zeiten. Ereignisse sind gekoppelt an ihre Zeit, im ersten Anschein. Beim genauen Hinsehen. Mehr. Zeit läuft nur in eine Richtung. In unserer Welt schon. Dennoch. Alles ist wahr. Alles ist falsch. Und manchmal ist da nur ein Gefühl von parallelen Ereignissen.
Im Glanz vergang'ner Habsburgzeit, ein Reich so weit, Wo Donauströme sanft wie Seidenfäden gleiten. Die Sehnsucht lodert. Nach einer Ära, längst entschwunden, im Vergessen. Ungarns Zauber, ewig in den Sternen steht. Großeltern Dorf, so fern, Die ungarische Sprache, Musik im Ohr, jedoch nicht in der Kehle. Ein junger Mann, der nicht mehr will leben, 20 […]
Die Alte liegt auf einer Bank am Rande einer mit Gänseblümchen übersäten satten Wiese. Als ich näher an sie herantrete, setzt sie sich auf, legt beide Hände vor ihr Gesicht und beginnt zu schluchzen. Innerhalb weniger Momente sind ihre Hände Tränen-nass, es tropft laut auf das Weich der Wiese. Ich wundere mich erst ob der Situation, dann verstört sie mich. Mir verschlägt es kurz den Atem und lang die Sprache. Kein Wort will mehr über meine Lippen kommen. Mein Herz stolpert. Meine Augen füllen sich mit den Wassern der Meere. Mein Sein ist geladen, emotional aufgeladen, durch den Kummer der Alten. Plötzlich schaut sie mich an. Aus dem Nichts erscheint das schönste Lächeln, das meine Augen bisher erblicken durften. Ich schüttele ungläubig den Kopf. "Mein Mädchen, spiel mit mir!"
Diese Kamera hat mir mehr über die Fotografie erzählt, als jedes Buch, jeder Mensch, jede Reportage ... Ihr Name ist und war für mich Programm! Dabei wusste ich, als ich sie während der Pandemie erwarb, nicht viel oder gar nichts über Großformatkameras. Ich wusste nur, dass ich lernen wollte, Wetplates anzufertigen. Dafür brauchte ich ein analoges Gerät. Schnell packte ich Gelegenheit am Schopfe, in einem Forum erstand ich eine gebrauchte Mentor Studio, die irgendwie in den Westen von Deutschland gereist war. Ein wenig probierte ich mit Wetplates herum, stellte aber schnell fest, dass diese Art der Fotografie nichts für mich war, zu langsam, zu chemisch, zu anstrengend. Nun stand die Kamera herum. Bis ich Karoline Schneider aus Berlin auf einer Ausstellung traf. Von ihr waren dort Wetplates und Papiernegative zu sehen, von mir Polaroids. Wir begegneten uns im analog kreativen Raum. Diese Begegnung schätze ich bis heute so sehr. Weil Karoline mich fragte, warum ich nicht einfach Fotopapier in die Kassetten legte, um diese direkt zu belichten und anschließend in der Dunkelkammer zu entwickeln? Ja, warum eigentlich nicht?
Sehen umfasst nicht nur die Fähigkeit, elektromagnetische Wellen zu registrieren, sondern auch die, auf diese Wellen zu reagieren. Die Stäbchen und Zapfen in unserer Netzhaut nehmen den Lichtreiz wahr, leiten diese Information zum Gehirn weiter, und wir reagieren auf die Information. Auch Pflanzen können das visuelle Signal in physiologisch erkennbare Instruktionen übersetzen.
Das Ziel ist die große Pose. Melancholische Heiterkeit. Statuenhafte Haltungen. Verzerrungen und Schmeichelei. Der Einstieg ins Reich der Süße durch den grauen Schlamm der Weltgeltung. Sonne brennt, das Viehzeug versteckt im Geäst, die Wasseroberfläche verdächtig still. Keine Woge, nicht eine. Blubbernder Morast. Die untere Welt will emporsteigen. Doch das gleißende Licht hindert sie daran. Es brennt Wunden in die Ober-Haut. Kleine Male, die langsam größer werden. Der Schmerz gräbt sich tiefer.
Wie beschreibt sie sich selbst? Sie sagt, sie sei eine kluge, große, schöne, dicke Frau in einem alterslosen Körper. Alterslos, weil sie es so will. Die Gedanken sind frei, und Kunst darf sowieso alles! Sie sagt niemals über sich, sie sei korpulent, sie sei mollig, sie sei mehrgewichtig, sie sei fett, sie sei dick-fett, adipös oder fettleibig und was es da noch alles für Wortungetüme gibt. Schlimmer wird es noch mit den Monstern, wenn sie sich in der englischen Sprache umschaut. Body-positiv, Fat-positiv, Plus-Size …
Meine Großformatkamera heißt: Studiokamera Mentor (13 x 18 cm) und wurde zwischen 1966 und 1970 in der DDR hergestellt. Mit ihr fotografiere ich direkt auf analogem Fotopapier. Diese Kamera war im wahrsten Sinne meine Mentorin. Hat mich gelehrt, mich zum Schwitzen gebracht, mich immer wieder dazu gezwungen, regelmäßig zu üben. Eine fantastische Lehrerin, die Kamera. Ich eine wissbegierige Schülerin!
Sie wurde keine 30 Jahre alt. Starb ausgezehrt, verarmt, unverstanden. Die Anita. Die Berber. In Berlin kannte & kennt jeder und jede sie, der einem wilden Nachtleben frönt. Dort findet sie statt, auch heute noch. Was ist los in Leipzig? Dort wurde das erste It-Girl der Nation schließlich geboren. Seitdem ich im Jahre 1923 festhänge, geistert die Dame in meinem Kopf herum.
Sie ist ein Sommerkind, obwohl geboren im Herbste. Sie ist ein Sommerkind, obwohl die Drüsen schwitzen und die Fesseln anschwellen. Sie ist ein Sommerkind, obwohl die Nächte sind auf-wühlend.
Heute war sie schon sehr früh am geliebten Wasser-Platz. Ihr ging durch den Kopf: 'Einen Herzensspot verrät mensch einfach nicht, same procedure wie mit des Zauberers Tricks.' Aber nicht alle kennen diese Regeln, oder halten sich nicht gerne an elementare Lebensgrundlagen. Anders konnte sie sich die vielen Karren nicht erklären an diesem Geheimörtchen. Wildes Parken. Heißes Autoblech unter Sommerlaub. Schade. Sie hätte ihren ersten Kaffee an diesem SonnenSonnTag gerne alleine mit den Fröschen zu sich genommen, mit den Erinnerungen an die Seetage ihrer Kindheit. Damals war sie naiv-klndlich-glücklich. Wichtig waren nur genügend Essen, das Federballspiel und die stundenlangen Wasserspiele, zufriedenes Mädchen im Schoße der Familie.
Das venusianische Ballett, ein Traum im Zwielicht, in dem Grenzen verschwimmen und das Licht im Dunkel bricht. Unsere Venussen tanzen auf unsichtbarem Parkett, in einer Welt, in der die Wahrheit niemals Oberhand gewinnt. Im Labyrinth der Existenz verirren sie sich, ihre Seelen gefangen in einem endlosen Strich. Eine Prinzessinengruppe, drei gleiche ohne Gleichen, versunken in einem Strudel von Liebe und Leiden. Die Blühende, Versehrte, die Befangene in Schmerz, die Pflanzliche, Schmerzhafte, die Durchlässige im Herz. Die Natur, der Krieg, die See in ewigem Streit, die Weh-Nussen gefangen in ihrer eigenen Zeit.
oder // Der süße Schlaf auf der Moosdecke Dann also liege ich unter dem Moos, oben auf der eingebrachten Beute, umflossen von Blut und Fleischsäften, und könnte den ersehnten Schlaf zu schlafen beginnen. Nichts stört mich, niemand ist mir gefolgt, über dem Moos scheint es, wenigstens bis jetzt, ruhig zu sein, und selbst wenn es […]
Im Raum der zeitverschlungenen Daseinsformen, gefangen zwischen Leben und Vergänglichkeit, manifestieren sich zwei Kreaturen, aus unterschiedlichen Brunnen geklettert. Der eine, ein männlicher Schatten, der die Kühle der Sachlichkeit in seinen Adern trägt. Sein Antlitz in greller Schärfe erzählt stolz von vergangenen Schlachten und zerrissenen Träumen. Sein Leib, von Krieg gezeichnet, gleicht einem Messer, scharf und dünn, das die Grenzen seiner Existenz zu durchdringen scheint. Seine Wunden, stolz zur Schau getragen, sind das Echo eines vergangenen Grauens, das ihn mit jedem Atemzug zu verschlingen droht.
Sie hängt an der Leine: Mein mechanischer Schnur-Auslöser sorgt dafür, dass ich mit meiner geliebten DDR-Großformatkamera meine geliebten Papiernegative auf 13x18 Zentimetern aufnehmen und dabei selbst in den fotografischen Raum treten kann, den ich gerade erschaffen habe. Alle Fotografien sind um die 10 Sekunden belichtet. Ich bin schon sehr erstaunt, wie still ich doch halten kann. Dieser Prozess ähnelt mehr dem Modellstehen vor der Malereiklasse als der Fotografie. Doch die Magic in der Dunkelkammer, wenn jedes Papier das Negativ freigibt und später noch einmal eine ähnliche Magic, wenn der Scanner aus dem Negativ das fertige Bild spuckt, ist anders als Bleistift oder Pinsel auf Papier.
Da gibt es Räume, die füllen einem das Herz. Da gibt es Räume, die erinnern einen an erfüllende Lebens-Zeiten. Da gibt es Räume, die richten den inneren Kompass auf Frieden aus. Solche Räume braucht wohl jedes Geschöpf. Dabei spielt es gar keine Rolle, wie breit, lang, hoch dieser Raum ist. Wichtig ist nur dieses Gefühl von Fülle, von Zufriedenheit für den Moment. Diese Art von Raum kenne ich. Für mich existiert er an verschiedenen Orten auf dem Planeten. Dieser Ort kann durch sich selbst heraus strahlen oder er ist eine Melange aus geografischen Koordinaten und Mensch. Immer, wenn ich solch einen Raum betrete, schreit das Ich nicht mehr nach einem Mehr, sondern ist mit dem Status Quo zufrieden. Kein Verlangen nach Zukunft. Nach Außen-Raum-Kommunikation. Sein in Zeit und Raum, mit Körper, Geist und allem andren, das mich so ausmacht.
Der Wechsel der Jahre. Immer, wenn wir uns begegnen, ist eine Zeit vergangen. Das bringt Zeit so mit sich. Nichts bleibt. Alles im Fluss, das wusste schon Heraklit. Nur haben wir so eine Angewohnheit als Spezies, nach hinten oder vorne zu schauen. Wir treffen aufeinander. Und sprechen über das Damals bis zum Jetzt. Und das wieder und wieder. Mit allen Beteiligten unseres Lebens. So entsteht ein Denken und Fühlen und Leben in Phasen. Alles wird in Phasen betrachtet, bemessen und bewertet. Kaum ist das Sein im Jetzt möglich. Und auch nicht zu verstehen, wahrscheinlich.
Mir erschien die überdimensioniert große Schnecke im Traume. Sie hatte sich aufgemacht aus ihrem Glaspalast. Den Deckel beiseite geschoben. Schleimiger Weg zu mir ins Schlafzimmer. Ihr Kalziumkarbonat-Haus passte kaum durch die Türen. Das schleifige Geräusch drang an meine Schlafohren. Während sie zu mir kroch, kaute sie genüsslich auf ihrem Blatt herum und schiss gleichzeitig das Verdaute wieder hinaus. Das Getier hinterließ eine Spur aus Sekret, Fäkalien, Abrieb des Gehäuses. Mich schüttelte es im Traum. Es war klar, den Besuch der Todesschnecke würde ich nicht überleben. Genauso kam es. Nur noch Fetzen meines Traumes sind mir in Erinnerung. Die Schnecke legte sich wie der Mantel des Todes auf meinen nackten Körper. Der Mantel war schwer. Doch ich wurde nicht erdrückt, zerdrückt. Nein. Ich ertrank im Schleim der Kriechenden. Sie nässte mich komplett ein. Erst schluckte ich noch, dann verschluckte ich mich, schließlich ging ich unter und riss dabei die Augen ganz weit auf …
Sie ist Künstlerin. Auch ihr Körper ist politisch. Sie ist Frau, qua Geburt und auch sozial. Mit aller Selbstverständlichkeit. Sie durfte studieren, musste aber immer von ihrem Werk und durch ihr Schaffen leben. Das war und ist nicht immer easy peasy. Auch sie liebt den Rausch. Im Jahr 2023 beschäftigt sie sich mit dem Jahr 1923. Sie begegnete Gluck. Beschäftigt sich zusätzlich mit Raum, Material, Bedeutungsebenen, Ihre Kunst besteht aus Schichten. Menschlichen. Materiellen. Symbolischen. Diese trägt sie auf. Manchmal langsam und unregelmäßig, dann wieder schnell und überbordend. Sie mag, wenn alles mit allem zu tun hat, ineinander übergeht oder verschwimmt. Sie mixt und remixt. Sie mischt, dreht um, überrascht sich selbst. Sie sammelt Material auf der Straße, klaut Blumen auf Friedhöfen und von öffentlichen Rabatten, lässt sich mit Ausrangiertem beschenken. Nichts in ihrer Kunst geschieht ohne Grund.
ICH habe das Gefühl, ICH möchte etwas sagen beziehungsweise schreiben. Um meine Aussagen zu bündeln, geschieht es an dieser Stelle und nicht in den sozialen Medien. In den vergangenen Wochen geschahen verschiedene Ereignisse, die zu diesem Wortausbruch führen. Im Grunde kreisten diese Ereignisse immer um ähnliche Themen. Was ist Kunst? Was kann Kunst? Was darf Kunst? Wie gehe ich als Rezipient*in mit Kunst um? Wie stehe ich als Künstlerin zu alledem? ICH gebe hier jetzt keine abschließenden Schlüsse und Gedanken, sondern nur das wieder, was mein sogenannter Status Quo ist. Auch ich entwickle mich weiter oder sehe das ein oder andere demnächst vielleicht anders. Dies soll auch kein Vorwurf sein an die Menschen, die mit dem Ausbruch der Worte verquickt sind. Im Gegenteil. Ihr helft mir, klarer zu werden. Und ihr helft mir vor allem darin, auch klarer das zu kommunizieren, was für mich sowieso klar ist! Aber eines nach dem anderen …
Es hatte noch einmal geschneit. Und das in der Mitte des Märzes. Dabei war ihr Herz doch bereits auf Frühling und dessen Duft eingestellt. Stattdessen also weiße Flocken en masse, die Wege und Straßen glatt puderten. Das Geräusch des Schneeschiebers weckte sie. Sie sah durch das Fenster diesen Himmel, der klar machte, it's wintertime. Genau wie der Himmel klar machen konnte, dort ist ein großes Wasser. Nun also Winterlandschaft. Sie saß auf dem Klo, schob die Jalousie nach oben (sie war die Einzige in der Familie, die das tat) und schaute den Menschen nach, die mit Schirmchen umher rutschten. It was time for winterdancing. Sie dachte über ihre wintertime-Garderobe nach. Natürlich hatte sie diese, aber nicht dabei. Sie war mit Turnschuhen und Jacke in die Heimat gekommen. Keine Stiefel, keinen Schal, keine Mütze, keine Handschuhe, dafür Rock und Strumpfhose.
Ich-Zerfall: Das Wort zog mich an. So richtig in seinen Bann. Vom ersten Moment an. Ich las und recherchierte über die 1920er Jahre und begegnete schnell dem Expressionismus und der Psychoanalyse. Ich-Zerfall. Im damaligen Verständnis. Zum einen die Darstellung des ICHs im Zentrum eines Kunstwerkes, damit also das Sein des Künstlers, der Künstlerin im Mittelpunkt […]
Da sind Orte, Räume, Plätze.
Da sind Menschen.
Nur in wenigen Fällen passen diese wirklich zueinander. Spüren sich wechselseitig, lassen Weite zum Atmen, reiben sich aneinander ab, wachsen zusammen.
Räume, Orte, Plätze sind geübter als Menschen. Meist. Oftmals hatten sie einfach mehr Zeit zu lernen, zu spüren, verschiedene Menschenarten auszuprobieren. Ob gewollt oder ungewollt. Viel öfter ungewollt, natürlich. Der ungewollte Mensch im Raum. Wie fühlt dieser sich an? Was macht das mit dem Raum? Wann ist Raum ein eigener Raum? Welche Zustände lässt Mensch des Wohlstandes zu am Raum? Dann, wenn dieser vorzeigbar im Hochglanzkatalog erscheinen könnte? Dann, wenn dieser sauber, aufgehübscht ist, in den Zeitgeist passt?
Ich wurde geboren. Hinein ins Tiefland. Das tiefe Land. Ein Land, verschwommen und unscharf. Schön, flach, mit Schlunden hinter den Bäumen. Kalt und starr. Warm und weich. Jahreszeiten verändern den Habitus. Das Schwarz verändert sich im Lichte der Tage und zeigt sich in Millionen Facetten. Ich bin Tochter dieses Landes. In meinem Körper verfestigte sich seit meinem Hineingebären ein dunkler Gedanke der Sehnsucht. Die Sehnsucht, die nur aus diesem tiefen Land stammen kann. Diese dunkle Sehnsucht, die tanzt, als gäbe es keinen Morgen. Die kriecht wie eine Äskulapnatter. Die verschwiegen ist wie die Trappistin. Die laut ist wie der morgendlich nervige Rasenmäher und scharfzüngig wie HH, Heinrich Heine. Dabei passt in dieses Tiefland doch viel mehr der unheimliche Herr Storm.
Das dünne Mädchen entdeckte die kleinen Wasserfontänen in der Nähe des Zaunes als Erste. Das Einöden-Eckhaus versprühte das kostbare Gut über den kurzen, grünen Rasen. Das dicke Mädchen folgte ihrer Freundin. Sie wuschen sich ihre staubigschwarzen Hände in den schmalen Strahlen. Danach sammelten sie das Nass in ihren Handkrügen und führten diese zu ihren gierigen, ausgetrockneten Mündern. Dick und Dünn quälte der Durst. Die vergangenen Stunden verbrachten die Mädchen zusammen in den sengenden Sonnen-Schatten der ehemaligen Einöden-Fabrik. Der Schornstein thronte dabei über ihrem Spiel.
Unter den nackten Füßen. Hunderte Meter tief. Fossiles. Flammen. Fanal. Durch unserer Münder strömend. Ein unsichtbare Lebenselement – gespeist aus dem sich verdünnendem Blätterwald. Atme. Der Erstickungstod folgt später.
Der Kopf hängt, die Emotionen verwirbeln zu chaotischen Nestern. Das Leben fährt auf der Überholspur - als Geisterfahrerin. Das Herz schlägt, überschlägt, fehlschlägt kurz, dann wieder zurück zum normalen Rhythmus eines Lebens. Das Auge zuckt nervös, eigentlich nur sein Lid. Das Linke. Übertragung. Der Speichel rinnt langsam aus dem Winkel des Mundes, mehr rechts als links. Anstatt Nest nun Spinnefäden. Die Pupillen ziehen sich zusammen bis zur Starre. Ausnahmezustand? Traumsequenz? Angst? Schock? Trauma? Wahnsinn? Leben? Schreck?
Die Kunde aus der Anderswelt ist für dich schwer zu ertragen. Die scheinbare Endgültigkeit, die Nicht-Mehr-Einflussnahme, die gefallene Entscheidung. Doch, bedenke - die Botschaft hat nur eine Relevanz in dieser Realität. Die Überbringerin lächelt dich an, wenn auch DU es schaffst, dein Lachen nicht zu verlieren, sie schenkt dir Energie, weiterhin, wenn DU die Flügel nicht einknickst, sie ist auf deiner Seite, wenn DU erträgst. Sie orakelt, zeigt auf die Veränderung, mitunter macht sie kaputt, zerschlägt, wirbelt durcheinander. Aber, und da musst DU ihr einfach vertrauen, braucht es diese Energie, um wieder zu kreieren, um zu schaffen, zu gestalten, neu zu atmen, zu er-leben. Habe keine Angst und schau ihr in die Augen. Schaue in dich, durch SIE ...
Er nimmt aus der Innentasche seiner Jacke eine Rasierklinge. Er packt sie aus, legt das Papier neben sein Knie. Er schneidet dem Fuchs den rechten hinteren Fuß ab.
Der getötete Wal geht rasch in Fäulnis über. Schon einen Tag nach seinem Tode ist er zu einer ungeheuren schwammigen Masse angeschwollen, und gar nicht selten treiben die sich entwickelnden Gase den Leichnam so auf, daß er unter heftigem Knall berstet und dabei einen unerträglichen Gestank verbreitet. Gewöhnlich haben die Walfischfänger ihre Arbeit schon beendet, […]
Den siebten Teil meiner Todestanz-Serie kann ich nun zeigen. Ein wilder Mix aus Kleinbild-Film, Polaroid und digitalem Foto. Passend. Zu der Angst der Protagonistin. Wenig fassbar, mit einer Menge Rätsel verbunden. Ein intensives, heißes, energetisches Shooting, bei dem das Licht unsere wichtigste Antreiberin war! Todestanz_Part I Todestanz_Part II Todestanz_Part IIITodestanz_Part IVTodestanz_Part VTodestanz_Part VI Hannah ist […]
Seit einigen Tagen sind auch in Reichweite liegende Namen und Daten oft fort, versunken. So fiel mirneulich meine eigene Postleitzahl nicht und nicht ein. Dann hatte ich den Einfall, nach einem gesternerhaltenen Brief zu suchen, und als ich dann auf dem Umschlag meine Postleitzahl las, war sie mirzunächst völlig fremd, ich erkannte sie nicht als […]
... CASTI PIANI. Was ich als Kind erlebt habe, das erlebt kein menschliches Geschöpf, ohne daß seine Tatkraft bis zum Grabe gebrochen ist. Können Sie sich in einen jungen Menschen hineindenken, der mit sechzehn Jahren noch geprügelt wird, weil ihm der Logarithmus von Pi nicht in den Kopf will?! Und der mich prügelte, war mein Vater! Und ich prügelte […]
Das Leben ist wie die Lampe, die auch schon anfängt auszubrennen, wenn sie angezündet wird! So alt wie jeder von euch ist, so viele Jahre habe ich schon mit euch getanzt. Jeder hat seine eigenen Touren, und der eine hält den Tanz länger aus als der andere. Aber die Lichter verlöschen zur Morgenstunde, und dann […]
Aber eines ist in unserer Seele, welches, wenn wir es gehörig ins Auge fassen, wir nicht aufhören können, mit der höchsten Verwunderung zu betrachten, und wo die Bewunderung rechtmäßig, zugleich auch seelenerhebend ist; und das ist: die ursprüngliche moralische Anlage in uns überhaupt. – Was ist das (kann man sich selbst fragen) in uns, wodurch […]
"was würde ich tun ohne diese Welt ohne Gesicht ohne Fragenwo Sein nur einen Augenblick dauert wo jeder Augenblickins Leere fließt und ins Vergessen gewesen zu seinohne diese Welle wo am EndeKörper und Schatten zusammen verschlungen werdenwas würde ich tun ohne diese Stille Schlund der Seufzerdie wütend nach Hilfe nach Liebe lechzenohne diesen Himmel der […]
Hier stand ein Gedicht von Erich Kästner. Ein Zuschauer meines Blogs machte mich darauf aufmerksam, dass der Erbe von Kästner mit seinen Anwälten gerne alle abmahnt, die die Worte des Vaters benutzen. Sehr schade.
Wo komm' ich her? Wo geh' ich hin? Diese Frage habe ich in diesem Sommer dem ein oder anderen gestellt. Meine Liebe zur Fotografie entstand in der Dunkelkammer. Da komm' ich her. Stunden um Stunden beobachten, staunen, entwickeln. Ich hab lange auf Film fotografiert. Und ich hab wieder viel zu lange wieder nur digital […]
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn, wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören, und ohne Füße kann ich zu dir gehn, und ohne Mund noch kann ich dich beschwören. Brich mir die Arme ab, ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand, halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen, und wirfst du in mein Hirn den Brand, so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
Rainer Maria Rilke, Sommer/Herbst 1899
Die Angst.Lähmend. Angst. Sie tanzt über die Hautund hinterlässt rote Flecken. Diese Angst.Fordernd. Sie zieht den Körper zusammen,macht ihn eng,so eng,dass die Luft knapp wirdund nur durch ein kleines Ventilwieder neu in ihn hineinkriecht. Doch gut zu wissen,dass es dich gibtauf dieser Welt. Auch du sitzt im Dunkeln.Auch du denkst über das Jetzt nach.Auch du […]