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Georgien Jun*2025: Batumi, ბათუმი

Von Tiflis nach Batumi fahren täglich zwei Züge: ein Morgenzug, ein Abendzug. Für meinen Reise-Samstag war der Morgenzug bereits ausgebucht. Es gibt nämlich ausschließlich Sitzplätze in der georgischen Eisenbahn. Ist der Zug voll, wird einfach kein Ticket mehr verkauft. Also nahm ich den Abendzug: Abfahrt 17:10 Uhr, Ankunft um 22:45 Uhr. Der Zug war rappelvoll. Niemand sprach ein Wort, alle starrten schweigend auf ihre Smartphones oder Tabletts, hatten Kopfhörer auf den Ohren. That’s normal here, dachte ich mir. Völlige Separation. In Batumi angekommen, stellte ich fest: Es fuhren keine Busse mehr ins Zentrum. Ich hatte keine Internetverbindung auf dem Handy und keinen genauen Plan, wie ich vom Bahnhof (dieser war ein Stück außerhalb) zum Hostel kommen sollte. Schlecht vorbereitet, ich weiß. Glücklicherweise traf ich auf zwei palästinensische Studenten aus den USA, die gerade in Georgien studieren. Sie nahmen mich kurzerhand in ihrem Taxi mit und brachten mich bis ins Stadtzentrum, von dort organisierte ich mir ein eigenes Taxi und fuhr weiter zur Unterkunft. Es war fast Mitternacht, als ich endlich im Hostel ankam. Die Gastgeberin war unglaublich freundlich. Obwohl sie deutlich kleiner, älter und zierlicher war als ich, trug sie meinen Koffer bis an mein Bett. Ich wohnte diesmal in einem Frauenzimmer, zusammen mit ein paar spannenden Mitbewohnerinnen. Das Hostel punktete mit einer familiären Atmosphäre. Es wurde gemeinsam gekocht, gegessen, erzählt. Übrigens: nur noch höchstens 20 Grad in Batumi. Verrückt, wenn man bedenkt, dass es in Tiflis zuvor fast 45 Grad in der Sonne gewesen waren. Das Wetter ganz anders am Schwarzen Meer: bewölkt, kühl. Es regnete viel und heftig.

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Das ist einer der seltsamsten Orte, die ich je gesehen und gefühlt hatte. Batumi. Hafenstadt am Schwarzen Meer, nur 18 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Mir fielen sie sofort auf, die Straßenköterbanden, wie damals in Kaliningrad oder in Transnistrien. Nachts ein bisschen Las Vegas, sonst nur wenig Osteuropa, tagsüber fühlte ich den Orient oder das Osmanische Reich und die Touristenströme. So richtig kam ich auf den Ort nicht klar. Fast jeden Tag waren meine Schuhe nass, das war jedoch besser als die brütende Hitze davor. Während der Tage, in denen ich in Batumi war, spielten sie im Theater Kafka. Leider gab es keine Karten mehr. Kafka würde diesen Ort lieben ob seiner Absurdität.

Ich wohnte wieder einmal im Hostel. Besonders angetan hatte es mir der alte Mann aus Brasilien, der eigentlich aus Uruguay stammte. Er hatte alles verkauft und reiste nun durch die Welt. Seine Finger sahen aus wie Tierpfoten, schlanke Finger, aber mit breiten Kuppen, von einer Nagelkrankheit gezeichnet. Er mag Osteuropa und hasst den Kapitalismus. Dann war da die Frau aus Algerien, ein wenig jünger als ich, wir haben mehrere Abende diskutiert und zusammen unsere Süßigkeiten miteinander geteilt. Sie trug einen Hidschab. Schon als Kind interessierte sie sich für die Sowjetunion, deswegen studierte sie Russisch, in der Ukraine, war aber noch nie in Russland. Witzig, irgendwie. Sie war schon seit mehreren Monaten unterwegs, ihr nächstes Ziel Usbekistan. Ich traute mich nicht zu fragen, woher sie das Geld zum Reisen nahm. Die alte Georgierin aus Tiflis, die mir gegenüber schlief, verließ das Hostel fast nie. Ich verstand gar nicht richtig, warum sie nach Batumi gekommen war. Jeden Tag fragte sie mich nach meinem Befinden und wo ich essen gehen würde. Sie gab mir kulinarische Tipps und fragte mich aus über mein deutsches Familienleben. Die Hostelmama konnte auch mit einem ziemlich interessanten Leben aufwarten. Ihr Mann war Fußballprofi und spielte in der belgischen Liga. Sie selbst war in Batumi geboren. Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Georgien zurück, erst nach Tiflis, dann nach Batumi. Das alte, verfallene Haus, in dem sich das Hostel jetzt befindet, sanierte und rekonstruierte sie fast alleine. Die Tage in diesem Hostel waren wirklich sehr besonders. Sie hinterließen mehr Eindruck als die Stadt selbst.

Batumi. Perle des Tourismus für die Russen und Menschen der ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken. Ein „künstlicher“ Ort, ein Ort wie ein Rummel oder Zirkus. Es soll unterhalten und verköstigt werden. In Batumi wird viel gefeiert, das erzählte mir zumindest ein Mädchen in Tiflis. Es blinkert und blitzt auf jeden Fall überall. Der Taxifahrer, der mich in der ersten Nacht ins Hostel fuhr, ist auch Türsteher eines Clubs. Er erzählte mir von heißen Nächten, heißen Menschen, heißen Rhythmen. Die Nächte sind für mich als Reisende immer zum Ausruhen da, zum Regenerieren, zum Rekapitulieren. Die Zauberwelt der Nacht in Batumi blieb mir deshalb also verschlossen. Nicht schlimm. Denn zumindest das Schwarze Meer konnte einen Tag mein Herz für diesen Ort öffnen. Okay, ich fühlte das Meer nicht an meinem Körper, denn ich hatte leider keine Badesachen dabei, aber ich konnte das salzige Wasser riechen und hören und beobachten. Es machte so eine Freude, den Menschen dabei zuzuschauen, wie sie die Wellen bezwingen wollten, wie sie sich abkämpften, über die Steine ins Wasser zu gelangen, wie sie es genossen, die Wildheit zu spüren. Den Kindern und Hündchen sah ich am liebsten zu. Pures Leben, pures Gefühl, pures Erleben. Ich war kurz an Odessa erinnert. Das erste Mal, dass ich damals das Schwarze Meer erblickte. Ich vermisse Odessa, ich vermisse die Ukraine.

Georgien. Du hast mir gutgetan nach einer belastenden Zeit. Dein Licht, dein Essen, deine schönen Häuser, deine Artefakte aus längst vergangenen Zeiten, deine Kunst, deine Menschen, die weiterhin kämpfen für eine andere Freiheit, deine wilden Busfahrten, deine irren Friedhöfe, dein leckeres Eis, dein guter Wein. Es war eine schöne, wenn auch anstrengende Zeit bei dir. Dennoch mochte ich deine Nachbarin Armenien lieber im letzten Jahr. Da war Liebe da, sogar fast auf den ersten Blick. Zu dir konnte ich kein klares Gefühl aufbauen. Die vielen Autos störten so sehr, die Menschen mit ihren Handys, der Tourismus. Alles war so vorsortiert, so schmackhaft gemacht, so bereitgestellt. Aber da war so wenig wahrhafter Moment, so wenig Überraschung, so wenig Mangel. So wenig ging schief. Alle Wege schon so oft vorher belaufen. Ich will mich nicht beschweren, das täte dir Unrecht. Es liegt an mir. Ich brauche mehr denn je Plätze, Orte, Menschen, die ich fühle. So tief. Denn ich wurde im Tiefland geboren.

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27. Juli 2025

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Der Korb meines Rotkäppchens war irgendwann gefüllt mit Sorgen, bis zum Rand. Sorge. Vorsorge. Sorge vor Sorge. Versorgen, umsorgen, (selbst)fürsorgen. Wo war das niedliche, furchtlose Mädchen geblieben? Angst oder Furcht. Egal. Beides in ordentlichem Maße vorhanden. Nur die Sehnsucht war geblieben. Natürlich. Und wenn sie nicht gestorben sind… Aber so viel(e) war(en) schon gestorben. Die Großmama natürlich. Aber auch die ein oder andere Utopie. Menschen. Vorhaben. Lieben, die Leichtigkeit.
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24. September 2026