Wieder in Belgrad angekommen, schrieb ich meinem Vermieter. Er konnte sich erst gegen sechs Uhr am Abend mit mir treffen, also wartete ich im Starbucks, trank Kaffee und schrieb E-Mails. Ich war verblüfft: Die Preise waren fast identisch mit denen in Deutschland, obwohl die Menschen hier deutlich weniger verdienen. Trotzdem war das Café voll. Ich […]
Zum ersten Mal hatte ich in Serbien eine Straßenköterbande gesehen. Das war ziemlich schön. Es war der Tag, an dem ich in Niš ankam. Aber der Reihe nach. An meinem Geburtstag, einem Samstag, fuhr ich mit dem Bus von Novi Sad nach Niš im Osten des Landes, drittgrößte Stadt. Die Fahrt dauerte rund fünf Stunden, […]
Serbien im Oktober Drei Städte: Belgrad, Novi Sad, Niš.Und wieder Belgrad – diese Betonburg. Viele krude Busfahrten,mindestens ein Eis am Stiel pro Tag,wundervoll freundliche Menschen.Deutsch statt Englisch als Verständigung,Baulärm, Sonnenstunden, Müdigkeit. Bloks.Buntes Gemüse – Paprika, Tomaten, Auberginen –in wilden Massen auf wilden Märkten.Wandmalereien, Flusswasser, Kraft.Blockaden, Freiheit, Botschaften. Teure Lebensmittel in kleinen Supermärkten,Jogginganzüge, verrückte Hunde als […]
Der Zug Richtung Novi Sad war weder voll noch leer, angenehm gefüllt, würde ich sagen. Die Fahrt verlief ruhig. Die Züge fuhren nun nur noch bis nach Petrovaradin, einem Vorort von Novi Sad. Der Hauptbahnhof war nach dem tragischen Dacheinsturz vom 1. November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, gesperrt. Wie es nach […]
Von Tiflis nach Batumi fahren täglich zwei Züge: ein Morgenzug, ein Abendzug. Für diesen Samstag war der Morgenzug bereits ausgebucht. Es gibt nämlich ausschließlich Sitzplätze. Ist der Zug voll, wird einfach kein Ticket mehr verkauft. Also nahm ich den Abendzug: Abfahrt 17:10 Uhr, Ankunft um 22:45 Uhr. Der Zug war rappelvoll. Niemand sprach ein Wort, alle starrten schweigend auf ihre Smartphones. That’s normal here, dachte ich mir. In Batumi angekommen, stellte ich fest:
Georgien Jun*2025: Tiflis, Tbilissi, თბილისი (Teil II)
Eine Busfahrt, die ist lustig. Eigentlich. In Tiflis eher stickig und überfordernd und meist sehr lang. Die Fahrer, zumeist mit ziemlich aggressiv-rabiatem Stil unterwegs, versuchten, das Gefährt durch den Stadtverkehr zu lenken. Wenigstens gab es da eine eigene Busspur. Weiblichen Busfahrerinnen begegnete ich nie. Irgendwie sah ich überhaupt fast ausschließlich Männer am Steuer von Fahrzeugen. Der Verkehr in der georgischen Hauptstadt war überbordend, aggressiv, ruhelos.
In manchen Bussen gab es W-Lan, in nur einigen Klimaanlagen, nur manchmal wurden die Stationen angezeigt (natürlich auf Georgisch). Deshalb verfolgte ich die Fahrten immer mit dem GPS auf meinem Handy. Erst zählte ich noch die Stationen, aber das gab ich schnell wieder auf, funktionierte fast nie. Manchmal ließ ich mich einfach treiben, nahm irgendeinen Bus und fuhr und fuhr. Hatte ich jedoch ein bestimmtes Ziel, musste ich mich konzentrieren, manchmal fragte ich nach.
Georgien Jun*2025: Tiflis, Tbilissi, თბილისი (Teil I)
Das mit Georgien war ein ewiges Hin und Her. Es hat nie richtig gepasst. Mein Leben war so voll mit seiner Organisation, mein Konto war so leer. Meine Kraft war so alle.
Und auf einmal ging es doch ganz schnell: Zwei (eigentlich drei) Menschen fragte ich nach ihrer Meinung – Menschen, denen ich eine gute Antje-Kenntnis zutraute. Ich war nicht überrascht – über die Großzügigkeit ihrer Gedanken und auch über die (nicht)Zweifel, die an meinem Vorhaben geäußert wurden. Flüge gebucht, eine Woche später bereits unterwegs gewesen. Denn die Großzügigkeit dieser Menschen ließ meine Kräfte wieder groß werden.
Zehn Tage Georgien: Tbilisi und Batumi und all die Fahrten dazwischen.
Der Start war diesmal wirklich holprig, und damit meine ich nicht den Flug. Der war ziemlich angenehm. Keine Probleme. Die gingen danach los. Oder besser: ein Problem. Geschichte von vorn: In der Nacht kam ich in Vilnius an. Der Flughafen ist ziemlich klein, deshalb stand ich schnell am Gepäckband. Am BER in Berlin hatte die innere Kritikerin in mir sich schon darüber aufgeregt, dass ich meinen Koffer selbst wiegen und labeln musste (beschlich mich da schon eine Vorahnung?), und nun passierte gar nichts an diesem Band. Nichts. Es standen auch erstaunlich wenig Leute herum. Nach fast einer Stunde nervösen Wartens passierte es dann doch noch. Das Band setzte sich in Bewegung, und so zwanzig Koffer, Köfferchen und andere Stücke fuhren ihre Runde. Mein Koffer nicht. Vorerst machte ich mir noch keine Sorgen.
Užupis ist ein Stadtteil von Vilnius. Er war einst ein Jüdisches Viertel. In der Sowjetunion war Užupis das Refugium des Rotlichts, von Obdachlosen, völlig verwahrlost. Nach den Wirren der 1990er Jahre zogen Studenten und Künstler (und alle *innen) in die billigen Häuser, machten diesen Platz urban, bunt und eigenwillig. Es entstand sogar eine eigene Spaßrepublik mit Verfassung. Meine drei liebsten Paragrafen von sehr vielen: 1. Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach. 2. Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein. 3. Jeder Mensch kann teilen, was er besitzt. Niemand kann teilen, was er nicht besitzt.
Dann war ich schon wieder weg. Ein neuer Ort, ein neues Land sogar. Lettland. Mit dem Bus fuhr ich von Kaunas nach Riga, fünf Stunden Fahrt, gemächlich, mit 90 Kilometern die Stunde. Als wir in Kaunas losfuhren, strahlte die Sonne, als wir in Riga ankamen, regnete es. Riga. Ich glaube, deswegen hatte ich mich auf diese Reise gemacht. Zum einen sind alle drei baltischen Staaten post-Sowjetstaaten, per se also für mich interessant. Aber vielleicht war ein Ticken ausschlaggebender, dass ich RIGA schon auf so vielen Grabsteinen las, als Ort des Todes. Für mich war Riga schon immer einer dieser Orte wie Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Theresienstadt und und und. Als der Bus am Abend in Riga einrollte und der Regen an den Fensterscheiben herunterrann, dachte ich nur so: wie passend. Nachdem ich ausgestiegen war und die erste Luft der Stadt eingeatmet hatte, fühlte ich etwas anderes. Ich freute mich sehr auf diesen Ort, keine fünf Minuten anwesend und schon wusste ich, das ist ein Platz, den ich mochte. Mit meinem wiedergewonnenen Koffer rollte ich in Richtung Tram. An einem kleinen Kiosk kaufte ich ein Ticket für drei Tage (acht Euro). Riga, vor mir waren deine Trams und Busse ab diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher! Doch für den Augenblick war genug, nur noch Herberge suchen, duschen und dann ab in die Koje. Das mit dem Duschen wurde zum Problem, denn diese Hightech-Dusche von Riga hatte einen so hohen Einstieg, dass ich mir das genau einmal gab, danach nie wieder. Bin doch keine Hochleistungssportlerin. Duschen soll doch ein sinnliches Erlebnis sein.
Mein einziger ganzer Tag in Tartu, der ältesten Stadt des Baltikums, begann neblig. Es war ein Sonntag, ein sonniger Herbstmoment; größtenteils ohne Menschen (wie meine Fotos zeigen), denn die tummelten sich lieber in den Shoppingmalls und Supermärkten. Ich spazierte zum Bahnhof, einem wunderhübschen Provinzbahnhof aus Holz. An diesem Morgen versank er ästhetisch in dichtem Nebel, bis sich die Sonne schließlich durchkämpfen konnte.
Am Morgen rollte ich mit meinem Koffer zum hübschen Tartu-Provinzbahnhof. Die Strecke kannte ich ja bereits. Mein Zug stand an Gleis 1 bereit zur Abfahrt. Knapp drei Stunden später fuhr er am Kopfbahnhof der estnischen Hauptstadt Tallinn (440.000 Einwohner) ein. Die Fahrt war kurzweilig. Zuerst machte ich Reisenotizen, später starrte ich aus dem Fenster. Ein paar Mal hielt der Zug, Menschen stiegen ein und aus. Die Ortschaften und Bahnhöfe waren meist klein. Auch der Bahnhof von Tallinn ist überschaubar. Die meisten Menschen kommen wohl eher mit dem Schiff oder der Fähre in die Stadt.
Warum ausgerechnet Armenien? Eine Reise in eine ehemalige sowjetische Teilrepublik, an der Schwelle zu Asien? Es gibt dafür keine eindeutige Antwort. Ausschlag gab wahrscheinlich der erneute Konflikt, Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, einer anderen ehemaligen Sowjetrepublik. Der Konflikt um Bergkarabach (russisch Nagorny Karabach). Schon als Kind klingelte dieser Name in meinen Ohren, wenn ich mit meiner Großmutter Nachrichten schaute, schon als Kind fragte ich mich, wo dieser ominöse Berg sich wohl in die Luft erstrecken würde. Damals wusste ich noch nicht, dass es sich gar nicht um einen Berg handelt, sondern um eine Region. Im September des letzten Jahres klang das Wörtchen "Bergkarabach" wieder in unserer aller Ohren. Als zirka 140.000 Armenier, die dort (manchmal seit Generationen) lebten, ihr Zuhause verlassen mussten, wohl endgültig.
Armenien Feb*2024: Rundreise – Sewansee, Sewankloster, Dilidschan, Goschawank, Kloster Haghartsin
Frierend sitze ich in einem Kleinbus aus deutschen Landen. Er steht an einer Ausfallstraße Jerewans, vor einem Reisebüro. Für armenische Verhältnisse ist es richtig früh, deutlich vor 9 Uhr an einem Donnerstag Ende Februar. Mit dem Taxi habe ich mich von meinem Unterschlupf in Armeniens Hauptstadt herbringen lassen, weil ich so gar nicht einschätzen konnte, wie lange ich mit Metro und den Beinen brauchen würde, um an den Ausgangspunkt meiner eintägigen Rundreise durch ein paar Provinzen Armeniens zu kommen. Ich bin hier allein, schaue nach rechts auf den leeren Bürgersteig, nach links auf die Straße, auf den ununterbrochenen Automobilrausch. In der letzten halben Stunde hatte ich versucht, einen Kaffee aufzutreiben. Nicht möglich. Die Rollläden waren noch überall heruntergelassen. Dumm herumstehen wollte ich nicht, also hinein in den kleinen Bus. Ich setze mich auf einen einzelnen Fensterplatz ganz vorne. Später wird sich das als sehr klug herausstellen, denn genau vor mir wird unsere Reiseführerin sitzen. Aber noch bin ich allein. Nach unendlich langer Warterei (so zwanzig Minuten) besteigt das erste Mit-Reise-Pär-chen das Büs-chen. Die beiden sind Russen aus St. Petersburg im mittleren Alter (genau genommen, bin ich das ja auch, aber sie erscheinen mir älter). Dreißig Minuten später haben alle Platz auf ihren Sitzen genommen. Die Reisegruppe meines, unseres Tages setzt sich wie folgt zusammen: 14 Russen, ein Filipino, lebend in Dubai, zwei Franzosen, eine Schwedin und eine Deutsche. Unsere Reiseanführerin heißt Marina, ist Ende 50 und gebürtige Bürgerin Jerewans. Sie erzählt uns alles doppelt, erst in russischer Sprache, dann auf Englisch. Ich freue mich immer, wenn ich ihrer russischen Erzählung lausche und wenigstens einiges verstehen kann.
Es ist Sonntag. Der Mond steht noch hoch am Himmel. Dennoch muss ich schon heraus aus meinem gemütlichen Bettchen. Heute fahre ich mit dem Zug nach Gyumri. Ich erinnere mich noch ganz genau, als meine Vermieterin Armine zu mir sagte, nachdem ich schon ein paar Tage in Jerewan war, dass Armenien nicht nur Jerewan sei. Dabei hatte ich bei weitem noch nicht einmal die Hauptstadt ganz erkundet. Und doch nahm ich mir vor, über den Rand der Hauptstadt hinauszuschauen. Heute also eine Zugreise nach Gyumri, an einem Wintersonntag, der sonnig werden würde. Das mit der Eisenbahn in Armenien ist so eine Sache. Es gibt nicht viele Verbindungen. Der Direkt-Zug von Jerewan nach Gyumri verkehrt nur zwischen Freitag und Sonntag, einmal hin, einmal zurück. Das Hin-und-Zurück-Ticket kostet 11 Euro. Der Zug nennt sich Express. Er wird später mit mir durch das Land tuckern und zwei Stunden und 10 Minuten für 154 Kilometer brauchen. Gar nicht so langsam. Angefühlt hat sich die Fahrt jedoch wie eine unendliche Reise, vor allem die Rückfahrt.
Ganz früh am nächsten Morgen verließ ich Norditalien. Auf nach Slowenien. Letzter Halt: Ljubljana, die nördlichste Hauptstadt Ex-Jugoslawiens. Einordnen lässt sich dieser Ort schwerlich. Nicht Fisch, nicht Fleisch, sage ich als Norddeutsche. Ganz nah an der Grenze zu Italien, aber nicht italienisch. Lange Jahre ein Teil des sozialistischen Jugoslawiens, aber nicht post-sozialistisch. Vielleicht ein Hauch belgisch oder holländisch. Idyllisch, mit einem Flüsschen in der Mitte, malerischer Architektur und ein paar Plattenbauten drumherum. Das Städtchen ist ein Touristenmagnet, gleichzeitig hip. Nach meiner Ankunft beschäftigte ich mich natürlich erst einmal mit dem Bahnhof.
Neuer Tag, neue Sonne. Wirklich warm in Zagreb im Herbst 2023. Bereits morgens um 9 Uhr T-Shirt-Wetter. Dennoch trugen die Einheimischen Jacken, Jäckchen und Pullover. Ich war verwundert. Für meinen Morgenkaffee hatte ich mir einen Platz auf dem Dolac-Markt im Herzen der historischen Stadt ausgesucht. Es gab wirklich ziemlich viel frisches Obst und Gemüse, Pilze und Öl, Nüsse und vieles mehr hier zu erstehen, aber der Markt selbst, meines Erachtens, kein großes Ereignis. Überall waren rote Schirme aufgespannt, die die Händlerinnen und die Waren vor der Sonne schützen sollten. Vorwiegend ältere Kroatinnen (spannend, wie homogen die Bevölkerung ist) waren auf dem Markt unterwegs und schleppten ihre Einkäufe in tausend Plastiktütchen nach Hause. Der junge kroatische Mensch dagegen geht im Konzum einkaufen.
Prag (Juni 2022) – Ein Käfig ging einen Vogel suchen
„Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«»Ja«, sagte Karl, »Ich bin noch nicht lange in Amerika.«»Woher sind Sie denn?«»Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.»Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und bin aus Wien. Und Prag […]
Ende März 2022Ich muss die Arbeit an dieser Reisereportage dringend abschließen. Zu viel passiert Stunde um Stunde, Tag um Tag. Marina Weisband sagte die Tage, wenn es so weitergehen würde, sei die Existenz der Ukraine bedroht und nächsten Winter gäbe es dieses Land nicht mehr. Unglaublich. Nicht zu glauben. Schon jetzt gibt es Orte im […]
Los. Fahren. An. Kommen. Beide Zustände elementar für das Reisen. In diesen Zeiten gesellt sich übergroße Vorfreude dazu. Möglichkeit hatte sich seit einer bleiernen Ewigkeit nicht verändert. Manchmal war ich kurz an meine Kindertage vor 1989 erinnert. "Frei" fühlte ich dennoch fast immer. Alles hängt von der Perspektive und dem Wissen (darum) ab. Spontane Entscheidung […]
Als ich ankomme, fremdele ich.Sofia, die Hauptstadt von Bulgarien, ist in diesem Jahr der erste Ort, an dem ich mich nicht gleich wohlfühle.Berlin-Sofia eine Flugreise von zwei Stunden. Ich breche im winterlich abendlichen Berlin auf, komme im dunklen, noch winterlicheren Sofia an. Die S-Bahn bringt mich in mein Hostel im Zentrum, ein leichter Weg. Zum […]
Chișinău, Republik Moldau & Tiraspol, Transnistrien - eine kalte Winterreise (Februar-März 2018)
"Je besser der Wein in einem Haus, umso ehrbarer der Besitzer." (Moldawisches Sprichwort) Es ist Ende Februar 2018, ein strahlender Sonnen - Sonntag als ich in Chișinău lande, der Hauptstadt der Republik Moldau und mit mehr als 500.000 Einwohnern auch die größte Stadt. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die bestimmt 15 Jahre her ist. […]