Suspensorium
Posted by Antje Kröger Photographie on Apr. 12 2026, in Mensch
„Damit sich alles erfüllte, damit ich mich weniger allein fühlte, brauchte ich nur zu wünschen, dass am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer da sein würden und dass sie mich mit Schreien des Hasses empfangen.“ Dieser letzte Satz aus Camus Fremdem erregte dich.
Tief im Körper, tiefer als eine andere Sprache dafür reicht, verstandest du dieses Verlangen nach:
Zeugen. Zeugnis. Zeugschaft.
Nach Augen, die sehen. Nach Anwesenheit, die bestätigt: du bist noch da. Du bewegst dich noch. Du bedeutest noch etwas, wenn nicht für die Welt, dann wenigstens für die, die schauen. Denn die Welt herself schaut nicht. Die Welt ist/war/wird sein zärtlich gleichgültig. Sie hat noch nie interessiert, ob der Geist noch folgt. Ob zwischen dem, was der Körper tut, und dem, was der Geist versteht, noch Verbindung besteht. Die Welt schweigt. Immer. Aber die Zuschauer, die Zeuginnen und Zeugen, sie schweigen nicht. Ihr Blick ist Sprache. Ihre Anwesenheit ist Antwort. Solange jemand schaut, existiert das, was geschaut wird. Solange jemand sieht, dass du tanzt, tanzt du wirklich. Solange der Blick des anderen auf dir liegt, bist du noch ganz, Körper und Geist zusammen, noch nicht getrennt, noch nicht verloren.
Meursault in Camus „Der Fremde“ wollte Hass. Wenigstens Hass. Wenigstens das. Nur das.
Du willst, dass jemand schaut. Wirklich schaut. Und sieht, dass dein Geist noch tanzt. Dass zwischen deinem Fuß, der sich hebt, und deinem Bewusstsein, das diesen Fuß schickt, noch Verbindung besteht. Noch Absicht. Noch du. Die alten Grammophonplatten hängen. Die Schnüre halten. Der Raum wartet. Du tanzt für alle Augen, die es bezeugen. Du fühlst dich.
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