Gestalten. Die eine hat den Pelz um sich gelegt wie eine zweite Haut, dunkles Haar fällt darüber, das Gesicht halb verschluckt vom Korn des Papiers. Die andere trägt Strohhut und Hosenträger in Streifen. Hockt, wartet, beobachtet mit einem Blick, der älter wirkt als gelebt. Großformatkamera, Mentorin, Papiernegative. Jedes Bild ein Universum, mit Rand in Rissen, […]
Zauberei. Das Wort klang so viel schöner als das englische: Its magic. Sie wiederholte es ein paar Mal. Sauberrei. Sauberrei. Mit ihrem herrlichen argentinischen Akzent. Sauberrei. Aus dem harten Z wurde ein weiches S, aus dem Rachen-R ein rollendes. Ich verschwand wieder unter dem glitzernden Stoff hinter meiner Großformatkamera, Zauberei. Eine Begegnung wie ein Zufall, der keiner war.
Erinnerst du dich an den Rock mit den strengen Falten? Den du trugst, als du ein Straßenköter-Schaf warst? Erinnerst du dich an die Scheren, die versuchten, damals, ein so starkes Band zu zerschneiden? Sie konnten (oder wollten) es nicht, die vermeintlich stumpfen Scheren. Oder das Band so fest, so ineinander verdreht, so anscheinend unkaputtbar. Doch. Ich weiß. Nun. Das Wasser wird diese Kraft aufbringen. Auch wenn es lange dauern kann. Aber schau hin, der Rock schon gekürzt. Auch der Wal. der herabsinkt in die Tiefe See endet als Meeresschnee.
Das Meer nimmt auf. Es kleidet, es färbt, es lässt tanzen, bevor es behält. Das Meer als Raum, nicht mehr der tiefe Grund, auf den etwas fällt, sondern die Essenz, aus der alles gemacht ist. Licht, das durch Wasser bricht. Es treibt darin, hängt darin, mal aufrecht, mal gekippt, mal ganz umgedreht, als hätte die Schwerkraft aufgehört zu existieren.
Der Schnee fällt weiter. Dieser Schnee, der auf eine Fortsetzung gedrungen hat. Die Farbe des Fallens hat sich verschoben, als hätte jemand das Licht ausgewechselt, das durch das Wasser bricht. Pink leuchtet, Schwarz scheint. Es kommt etwas durch, dass sich nicht mehr an Grau hält, weil Grau vielleicht immer nur die eine mögliche Entscheidung war. Unsere Vorstellung von Tod: gedämpft, gedimmt, entfärbt, als hätte das Sterben ein Anrecht auf Stille und Blässe, als wäre Trauer nur echt, wenn sie trauert mit dem Schleier aus weißen Lilien.
Membran. Ich. ist eine analoge Fotoserie in zwei Teilen, aufgenommen auf Fomapan Ortho 400, gepusht. Im Mittelpunkt steht ein dicker Körper und transparente Folie als Material und Metapher. Folie als Kokon, als Schutz, als Gefängnis, als zweite Haut. Die Serie fragt nach dem Wunsch, sich vor der Welt zu verbergen, und danach, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn er sich einpackt. Entstanden in einem theatralischen Setting mit schweren Vorhängen und hartem Licht. Analoge Fotografie, Kunstfotografie, Körperbild, Inszenierung.
Die Folie ist älter geworden, zerschlissener, vertrauter. Der Körper hat sich arrangiert. Mit der Folie, mit dem Verstecken, mit sich selbst. Aufgenommen auf Fomapan Ortho 400, gepusht, mit hartem Licht und theatralischem Setting aus schweren Vorhängen und altem Holzboden.
Sonntagmorgen. 11 Uhr Alexanderplatz. Ostberlin. Der letzte Tag des Monats Mai. Die Sonne brannte. Beim letzten Besuch vor ein paar Wochen war mir mein coloriges Filmmaterial ausgegangen. Deswegen hatte ich die Nuttenbrosche, den Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Alex, nur dilettantisch in schwarz/weiß fotografiert. Aber die bunten Bildchen von Pflanzen und Vögelchen sind in monochromer Darstellung natürlich verschenkt. Deshalb an diesem Morgen eine kleine fotografische Tour, again.
DDR-Pilz-Klettergerüst in Jena und Halle & Leipzig im Mai
Neue (Zug)Reisegeschichten aus (ost)deutschem Land, mit dem Konvolut analoger Kameras. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 10 Kapitel meiner 9-Euro-Ausblicke. Alle Fotos aus Jena: ➨ JENA, GERA, WURZEN, TORGAU, DRUMHERUM von LEIPZIG Jena Nach Jena fuhr ich nur wegen des Pilzes. Was denn für ein Pilz? Na der Klettergerüstpilz. So eine schöne Kindheitserinnerung. Und die Erinnerung […]
Leichen säumten ihren Weg – Leichenwagenprozession WGT 2026
Pfingsten, wenn möglich, nicht in Leipzig verbringen. So lautete die Parole der letzten Jahre. „Dieses schwarze Treiben" war noch nie wirklich etwas für mich. Es erinnerte mich an die Zeit, als ich mit zwei Grufti-Frauen zusammen wohnte. Keine schönen Erinnerungen! Also Wave Ghotic den Vortritt in Leipzig lassen für ein verlängertes Wochenende und irgendwo anders die Beine in den See hängen. Aber dieses Jahr wollte es anders. Pfingsten in Leipzig. Gut. Meinetwegen. Dann wenigstens richtige Ungewöhnlichkeit.
gedanken splittern und bleiben doch licht brüchiges licht fällt auf die schattenschweren arme und beine werden zu marmor zu säulen aus müdigkeit zu einer form die sich hält und zugleich nicht hält sie steht wie ein ja das sich selbst nicht glaubt wie ein körper aus frage aus wiederholung aus stillstand und strom und in dieser statur liegt das zögern der erkenntnis das wissen dass das eigene bild nur an der kante erscheint und dort schon wieder vergeht ja sprach der riss und das licht antwortete leise nein
Isolation
iso lation
iso
sol
solo
is
isolation
ist
ist so
so
so late
late
lation
relation
relatio
ratio
io
Ion
Isolation
iso–sol–solo–ist–so–late–ratio–Ion
Isolation
Ich wollte keine Wälin mehr sein, zu viele Zuschauer, zu viele Experten, zu viele Nicht-Fühler, ich wollte keine Wälin mehr sein, weil der Körper schmerzte, weil der Körper zu schwer war, um die Leichtigkeit auf der Haut prickeln zu lassen, weil der Körper steif und träge wurde und mich greisig fühlen ließ, ich wollte keine Wälin mehr sein, weil ich kein Habitat mehr um mich hatte, weil ich nichts mehr von den Walgefühlen fühlte, weil ich so erschöpft war von meiner Präsenz
Wie Gera genau auf meinen Plan trat, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es die Sonne, die mich anlockte. Jedenfalls war es ein spontaner Ausflug in die thüringische Fastgroßstadt — und fotografisch hat er sich mehr als gelohnt. Menschlich war ich ein wenig lost. Viele Alte, viele Schülerinnen, viel Pack. Viele merkwürdige Blicke, viele niedere Beweggründe. Menschlich hat mich lange kein Ort mehr so dermaßen abgestoßen.
Mit Essen spielt man nicht! Einer von Muttis Lieblingssätzen. Oh doch. Mit Essen spielen, mag große Freude bereiten. Sehr große sogar. Sie hört den Satz im Ohr klingen und muss unvermeidlich an den Suppenkaspar denken. Der hörte einfach auf, seine Suppe zu essen, aus Protest und starb.
Stich. Wundmal. Zeichen.
Alle drei brauchen die Oberfläche.
Alle drei verändern sie.
Alle drei bleiben.
Und alle drei kennen einen Schmerz, der nicht schreit.
Der sich einrichtet.
Der irgendwann aufhört, sich Schmerz zu nennen und anfängt,
normal zu heißen.
Meursault denkt: ob man jetzt stirbt oder erst in zwanzig Jahren, die Welt wird weitergehen, als sei nichts gewesen. Andere werden leben, als wäre das Sterben nur ein schmaler Fehler im System der Zeit. Früh oder spät: kein Unterschied, kein Trost, kein Sinn. Nur das unausweichliche Schweigen des Endes.
„Damit sich alles erfüllte, damit ich mich weniger allein fühlte, brauchte ich nur zu wünschen, dass am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer da sein würden und dass sie mich mit Schreien des Hasses empfangen.“ Dieser letzte Satz aus Camus Fremdem erregte dich.
Berlino. So nannte ich dich immer. Ganz liebevoll. Aber diese Beziehung hatten wir nicht (mehr) in den letzten Jahren. Nix mit Liebe. Alles an dir war schwierig für mich. Alles in dir war schwierig. Für mich. Immer nur kurze Zwischenstopps und Umsteigesituationen. Mehr war nicht drin. Berlino im Frühling. Ich wollte eine Annäherung. Ich wollte eine Klärung. Ich wollte eine paar Bildnisse einsammeln. Wir beide also wieder in Verbindung. Es war schön, es war bunt, es war ein Mix aus Sonnen und Wolken, es war wieder ein bisschen Zuhause. Es war auch ein Laufen ohne Pause. All
die Orte mussten in einen Tag passen. Hatten sie letztendlich auch und ich war danach ziemlich kaputt.
Diese Filmsuppe hatte sich ganz alleine angerührt. Eine Fujicolor Superia 1600-Filmrolle lag ungefähr 25 Jahre in meinem Kühlschrank. Vor einem Vierteljahr passierte dort eine kleine Havarie. Alle Filmrollen, die nicht gut genug verpackt waren, badeten in einer nicht näher zu bestimmenden Flüssigkeit und trockneten danach ein paar Wochen vor sich hin. Wow. Abgelaufener Film aus einer ganz anderen Zeit meines Lebens. Lange gehütet wie ein Schatz. Dann gebadet. Dann getrocknet. Dann belichtet. Dann selbst entwickelt. Sieh an, was das Material zusammen mit dem Licht für Farben zaubern kann. Ich bin berührt. Viel Licht brauchte der Film. Ich belichtete ihn (für alle Techniknerds) wie einen ISO 800-Film und pushte bei der Entwicklung noch einmal um eine Stufe. Hui. Das war ein leckeres Fest.
Ziemlich lange nicht mehr hier gewesen.
Räume und Zustände haben sich geändert.
Die Zeit macht dies alleine und regelmäßig.
Der Vergänglichkeit in den letzten Jahren beim Vergehen zugeschaut.
Hunderte kleine Tode gestorben.
Dennoch gefeiert und dem Rausch die Stirn geboten.
Das tanzende Glitzer in den verschiedenen Farben aufgehängt.
Dem Abschied und dem Schmerz mit einem Lachen begegnet.
Leipzig im Winterjanuar & ein buntes Observatorium in Schkeuditz
Der Januar war schnell, emotional, eisig, glatt, dunkel, energetisch, kreativ, analog, ruhelos, schlafintensiv, schneeflockig, geburtstaglich, still, kalt, rot, blau, gelb, ärgerlich, wiedersehend, digital, selbstdarstellend, weiß, sorgenvoll, aufreibend, verändernd, wortreich, mexikanisch, links, verknüpfend, lehrreich, lehrend, kümmernd – und noch so viel mehr. Ein Jahresauftakt, der an einen Einstieg in die Berg-und Talbahn erinnerte. Was das für 2026 bedeuten könnte? Eine rasante Fahrt, ein anstrengender Ritt. Oder alles ist offen und kommt ganz anders…
Es ist bitterkalt, als wir durch das Gartenzimmer ins Freie treten. Die Schneedecke unberührt, die Luft feucht und für einen Nachmittag viel zu dunkelgrau. Die mitgebrachte Lampe kann ein wenig Licht leuchten lassen auf den Körper, auf den Menschen, auf das Sein.
Ich wurde geboren. Hinein ins Tiefland. Das tiefe Land. Ein Land, verschwommen und unscharf. Schön, flach, mit Schlunden hinter den Bäumen. Kalt und starr. Warm und weich. Jahreszeiten verändern den Habitus. Das Schwarz verändert sich im Lichte der Tage und zeigt sich in Millionen Facetten. Ich bin Tochter dieses Landes. In meinem Körper verfestigte sich seit meinem Hineingebären ein dunkler Gedanke der Sehnsucht. Die Sehnsucht, die nur aus diesem tiefen Land stammen kann. Diese dunkle Sehnsucht, die tanzt, als gäbe es keinen Morgen. Die kriecht wie eine Äskulapnatter. Die verschwiegen ist wie die Trappistin. Die laut ist wie der morgendlich nervige Rasenmäher und scharfzüngig wie HH, Heinrich Heine. Dabei passt in dieses Tiefland doch viel mehr der unheimliche Herr Storm.
Ich kippe nicht um, wenn ein Lüftchen zu stark weht. Ich will einfach nicht umkippen. Mein Körper wankt und schwankt zwar, vor allem drinnen. Normal. Aber ich will nicht kippen. Ich versuche, fest zu stehen, auf beiden Füßen. Knie durchgedrückt. Das Becken ein wenig nach hinten geschoben. Oberkörper aufrecht. Brust raus. Kopf angehoben. Innen Aufruhr. Innen Frust. Innen Unsicherheit und Unwissen. Innen Angst und Zweifel. Innen Denken und Fühlen. Innen Aufnahme von Außen. Innen Feuer und Bewegung. Außen aber Stand. Und Stehen. Aufrecht. Und welche Magie. Plötzlich auch Drinnen sicherer Stand, Überzeugung, Wissen, Lust, Ruhe, Festigkeit, Klarheit. Innen und Außen. Das Spiel miteinander. Sich aufeinander einlassen. Den gemeinsamen Klang hören und sich in ihm wiegen. Stabilität erst denken, dann fühlen, dann herstellen.
Ihr seid irgendwie stabil miteinander. Trotz eurer Unsicherheit, Angst und Vorsicht. Wie kommt das? Durch Vertrauen? Durch Zutrauen? Durch Sich-Trauen? Wahrscheinlich ist's die Summe. Wahrscheinlich gibt es da einen Urzustand ganz tief drinnen, auf den ist Verlass, selbst wenn das Außen verrückt spielt oder auch das Innen, das nicht ganz so tief sitzt, meint, es müsse mal am Rad drehen. Wie bei einem Vulkan gibt es in uns einen Kern, der war schon immer da, der ist schon immer fest in seiner Aussagen, an ihm ist nicht zu rütteln. Und genau dieser Kern gibt die Stabilität. lässt uns nicht umfallen, wenn der Wind so stark pustet, dass das Gebäude einkracht. Das Fundament bleibt stabil.
Das dünne Mädchen entdeckte die kleinen Wasserfontänen in der Nähe des Zaunes als Erste. Das Einöden-Eckhaus versprühte das kostbare Gut über den kurzen, grünen Rasen. Das dicke Mädchen folgte ihrer Freundin. Sie wuschen sich ihre staubigschwarzen Hände in den schmalen Strahlen. Danach sammelten sie das Nass in ihren Handkrügen und führten diese zu ihren gierigen, ausgetrockneten Mündern. Dick und Dünn quälte der Durst. Die vergangenen Stunden verbrachten die Mädchen zusammen in den sengenden Sonnen-Schatten der ehemaligen Einöden-Fabrik. Der Schornstein thronte dabei über ihrem Spiel.
Prag (Juni 2022) – Ein Käfig ging einen Vogel suchen
„Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«»Ja«, sagte Karl, »Ich bin noch nicht lange in Amerika.«»Woher sind Sie denn?«»Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.»Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und bin aus Wien. Und Prag […]
Unter den nackten Füßen. Hunderte Meter tief. Fossiles. Flammen. Fanal. Durch unserer Münder strömend. Ein unsichtbare Lebenselement – gespeist aus dem sich verdünnendem Blätterwald. Atme. Der Erstickungstod folgt später.
Das ruhige Lichtspiel fasziniert, bevor er, der Sturm, aufzieht. Es sieht aus, als wenn ein blau-anthrazitfarbener Deckel auf einem hellen Schnellkochtopf sitzt. Der Deckel thront erst über dem Topfe, unter ihm blitzen Farben anmutender Schönheit heraus, dann stülpt er sich über, wächst und begräbt den Topf ganz unter sich. Blau wird zu Schwarz und pustet die Helligkeit hinweg. Nur noch Flecken der Leichtigkeit im Universum. Aus Pusten wird Wehen wird Stürmen. Wird Orkan. Ruhe vorbei. Raus aus der Starre. Aus Bunt wird monochrome Schönheit. Aus Stabilität Wanken. Auf Sicherheit folgt Unruhe. Aus der sanften Hügeligkeit des Meeres wachsen Wellen.
Seit knapp einem halben Jahr fertige ich Wetplates auf Glas- und Aluplatten an, Nassplattenfotografie heißt der Prozess in der deutschen Sprache. Ich lerne immer noch (dazu) – mit zwei unterschiedlichen Kameras und der ganzen Handhabe in der Dunkelkammer. Ich mag den Prozess so gerne, hab aber auch schon bemerkt, wann ich keine Lust drauf hab: […]
Der Kopf hängt, die Emotionen verwirbeln zu chaotischen Nestern. Das Leben fährt auf der Überholspur - als Geisterfahrerin. Das Herz schlägt, überschlägt, fehlschlägt kurz, dann wieder zurück zum normalen Rhythmus eines Lebens. Das Auge zuckt nervös, eigentlich nur sein Lid. Das Linke. Übertragung. Der Speichel rinnt langsam aus dem Winkel des Mundes, mehr rechts als links. Anstatt Nest nun Spinnefäden. Die Pupillen ziehen sich zusammen bis zur Starre. Ausnahmezustand? Traumsequenz? Angst? Schock? Trauma? Wahnsinn? Leben? Schreck?