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Der Matrone Klagegesang

Sie hängt an der Leine: Der mechanische, selbst erdachte Schnur-Auslöser sorgt dafür, dass ich mit meiner in Amour verbandelten DDR-Großformatkamera „Mentor“ meine Papiernegative auf 13×18 Zentimetern aufnehmen und dabei selbst in den fotografischen Raum treten kann, den ich gerade erschaffen habe. Die Fotografien dieser Serie sind um die 10 Sekunden belichtet. Ich bin schon erstaunt, wie still ich doch halten kann. Dieser Prozess ähnelt wohl mehr dem Modellstehen vor der Malereiklasse als der Fotografie. Doch die Magic in der Dunkelkammer, wenn jedes Papier das Negativ freigibt und später noch einmal eine ähnliche Magic, wenn der Scanner aus dem Negativ das fertige Bild spuckt, ist anders als Bleistift oder Pinsel auf Papier.

In diesem Fotografiestück spielt eine wuchtige Matrone die Hauptrolle. Eine wuchtige Matrone wie Maria Marc. Ehefrau von Franz Marc, dem Expressionisten, der auf blauen Pferden ritt. Der Matrone, die ihren Marc im Leben wie eine Löwin beschützte und auch das Erbe nach seinem Tod als Soldat im Ersten Weltkriege. Der Matrone, die sich 1922 in der Webereiklasse am Bauhaus in Weimar einschrieb und als Studentin an der Bauhausausstellung von 1923 teilnahm.

Meine Matrone ist eine Naturgewalt. Der Wind bringt ihr eine Schieflage als Geschenk mit. Ein Geschenk von Furchen und Gräben, von Hindernissen und Unwägbarkeiten. Im Flüstern des Windes erklingt die Matronenklage, ein trauriges Lied der Zeit. In ihrem Klagelied webt sie Erinnerungen an vergangene Tage, verloren in den Schleiern der Vergangenheit. Die Töne ihrer Seufzer durchdringen die Luft. Das Blut, aufgefangen zwischen ihren Schenkeln, sammelt sich. Ihre Mitte verstummt durch die lauten Einschläge des Todes. Sie legt Blumen nieder. Auf die Gräber der Angst.


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Der Matrone Klagegesang
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14. Mai 2023

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026