andacht-fotoserie-antjekroeger

an(ge)dacht

Elfter Gesang

  »Du unser Vater, der im Himmel bist,

  Allgegenwärtig, doch in Wohlgefallen

  Ihm hold, der Deiner Schöpfung Erstling ist!

  Geheiligt sei Dein Name und bei allen

  Erschaffnen Deine Macht, daß Lob hienieden

  Und Dank gebührend Deiner Huld erschallen.

  Dein Reich, Herr, komme und mit ihm sein Frieden:

  Kommts nicht zu uns, mit unsrer Macht allein

  Zu ihm zu kommen, ist uns nicht beschieden.

  Dein Wille, wie ihm Deiner Engel Reihn

  Lobsingend dienen, also auch auf Erden

  Laß ihm die Menschen ihren Willen weihn.

  Laß unser täglich Manna heut uns werden

  In dieser Wüstenei, da ohne Dich

  Wir rückwärts gehn, so jach wir uns geberden.

  Und wie auch wir verzeihn, was freventlich

  Uns kränkte, sieh nicht an, was uns gebührte,

  Und unsre Schuld vergib uns gnädiglich.

  Laß unsre Tugend nicht, die leicht verführte,

  Versuchen mehr den alten bösen Feind,

  Erlös uns von den Flammen, die er schürte!

  Nicht für uns selbst ist, lieber Herr, gemeint,

  Weil nicht mehr not uns, was zum Schluß wir bitten,

  Nein, denen gilts, die noch der Tag bescheint.«
Die Göttliche Komödie
Dante Alighieri

andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht

Zum ersten Mal diskutierten sie über ihren persönlichen (nicht)Glauben, als seine Frau Mutter die irdische Welt verlassen musste. Sprachen in ihren Rollen als irischer Boy und ostdeutsches Girl. Ungläubigkeit in vielen Momenten, beidseitig. Mehr Fragen als Antworten. Erziehungsmethoden. Kulturprägung. Erweckungserlebnisse. Nun kam sie gerade zurück von einer Reise, einem Stück Land, das sich durch starken christlichen Glauben prägte und heute mehr denn je identifiziert. Seine irische Heimat ist mit ’ner Menge Spiritualität aufgeladen, Glaubenskriege haben die seinen geführt, noch nicht so lang ist’s her. Von den Skandalen der ansässigen Kirchen ganz abgesehen. Ihre ostdeutschen Gehirnareale wurden mit Marx, Engels und Lenin, vielleicht noch den klugen Sätzen von Frau Krumpholz, ihrer ersten Deutschlehrerin, gefüttert.

Brauchen wir eine spirituelle Heimat, um mit dem Leben umgehen zu können? Und wenn ja, wie sieht solch ein Glaubens-Zuhause aus? Was ist Glauben? Er spricht von Karma. („Ich bin ein guter Mensch, also wird das Gute auch zu mir kommen. Ich sammle Spenden, also wird das Gute zu mir zurückkommen. Ich bete jeden Tag, also wird das Schlechte von mir weichen.“) Schauen wir hinein in die aktuelle Real-Welt – da gibt es ein paar alte, weiße Männer (im wörtlichen Sinne!), die diese in Schach halten, mit Krieg, Drohgebärden, wirtschaftlicher Macht. Sind diese karma-los? Von den Männern der Weltgeschichte, die den Planeten in Schutt und Asche legten, oder zumindest Teile davon, erst gar nicht zu reden. Welche Bestrafung hat das Karma über sie gebracht? Oder sprechen wir über den freien Willen. Einem Thema, an dem sie sich mindestens die letzten zwanzig Jahre abgearbeitet hat. Lässt der Glaube an einen Gott, eine Gottheit, an Spiritualität, an Karma, etwas Größeres, etwas Nicht-Irdisches zu, überzeugt von einem freien Willen und Selbstbestimmung zu sein? Und wenn nicht, wie lässt es sich ohne leben, überleben? Was für einen Sinn hat das Leben, wenn wir nicht selbst darüber bestimmen können? Sprechen wir über den Glauben, der alles leichter macht zu ertragen? Den Glauben, an den wir abschieben können, all das, was wir selbst verantworten müssten, ansonsten. Buße tun. Büßen. Sündenstrafen. Ablasshandel. Was steuert unsere Taten? Viel mehr Fragen als Antworten. Er glaubt. Er trägt das Kreuz um den Hals. Sie wollte immer glauben. Immer glauben, dass es für all das eine Antwort gibt, diese eine Antwort, die das Herz geschmeidig macht und all den großen Schmerz mit Leichtigkeit aushalten lässt. Aber sie glaubt nicht. Und sie trägt das Kreuz aus Holz auch nicht auf dem Rücken, gebeugt und büßend. Sie hat dafür so viele Fragen. Ist der Glaube an Resonanz, an Energien, an Fäden, die sich irgendwann zu einem ziemlich individuellen Knäuel zusammenfinden, so etwas wie Religion? Ihre liebste Großmutter sagte immer, dass Gott die Natur wäre, damit kann sie ziemlich gut leben. Vorerst.


andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht
andacht-fotoserie-antjekroeger
an(ge)dacht

Werbung

NÄCHSTER FOTOWORKSHOP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

31. März 2024

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second
Farbfoto, Mann mit schwarzer Mütze und Zigarette steht vor einer grün-weiß-rot gestrichenen Hauswand mit zwei gerahmten Porträts, links bärtiger Mann mit Schriftzug, abgeplatzter Putz, Sofia, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second

Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)
Die-Verteidiger-von-Stara-Zagora-brutalismus, Schwarzweißfoto mit sepiafarbenem Stich, Betonkreuz mit weißem Kreuzausschnitt über einem Hügel, dahinter das Soldatendenkmal mit Bajonetten, Kugellaterne, Nadelbäume, Vignettierung und körniger Himmel, abgelaufener Kodak Tri-X 400, Stara Zagora

Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)

Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
Farbfoto, Rückenansicht einer Frau mit langem schwarzem Haar in rosa Kleid mit voluminösen Rüschenärmeln, glitzernde Handtasche in der Hand, roter Teppich, Gäste, Kinder und Kameramann bei einem Fest, rosa Luftballons, Stolipinowo, Plowdiw, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)

Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026