Brojleri

Ich blute. Kopfüber aufgehängt an einem starken Faden aus imperialistischer Baumwolle um mein schmales Füßlein tropft mein roter Lebenssaft aus mir heraus. Tropf, tropf. Mein Elixier riecht warm. Es verdickt sich von Moment zu Moment. Troopf, troopf. Mein Köpfchen liegt in einem roten Eimerchen ein paar Holz-Türchen weiter. Vor einer halben Stunde noch standen wir ziemlich lebendig zu viert auf unserem Quadratmeter im losen Verschlag herum, „erfreuten“ uns unserer Leben. In meinem Todeskampf aber fühlte ich mich so allein, obwohl ich wusste, dass den anderen dreien bald das gleiche Schicksal ereilen würde.

Mein herrlicher Körper war in den letzten Wochen beachtlich angewachsen, mehr in die Breite als in die Höhe. Gemästet. Die anderen hatten sich natürlich auch nicht lumpen lassen. Schmackhaftestes Fett unter der Haut. Unser Kraftfutter teilten wir geschwisterlich, obwohl gar nicht klar war, in welchem familiären Verhältnis wir zueinander standen. Zumindest eine Schicksalsgemeinschaft waren wir, also wurde brav geteilt.

Jeden Tag lebten wir Huhn-Routine: schlafen, essen, schlafen, essen, schlafen und immer so weiter. Von der Welt sahen wir leider nicht sehr viel. Unser Zuhause war umzäunt. Manchmal versuchte ich mir vorzustellen, wie es hinter unserem Minigehege, hinter dem Verschlag wohl aussehen könnte, wie riechen, wie schmecken, wie das Leben sich anfühlen. Als ich in den Zaun gesetzt wurde, war ich noch ein süßes Baby. Wer kann sich schon an Babymomente erinnern von euch? Niemand. Als ich wieder aus dem Zaun herausgehoben wurde, war das mein Weg zur Schlachtbank. Da war ich panisch, schlug mit den Flügeln und konnte mich nicht mehr der Schönheit der Welt widmen. Schade eigentlich.

Ihre fleischigen Finger umfassten mich. Irgendwas war zu diesem Zeitpunkt anders. Das machte mir Angst. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich wehrte mich mit aller Kraft. Aber ihre fleischigen Finger hatten auch starke Armmuskeln, hielten mich so fest, dass mein Widerstand zwecklos war. Ein paar Meter weiter stand ein in die Jahre gekommener Holzpflock, in den zwei große Nägel geschlagen waren. Sie drückte erst meinen Hals zwischen die Nägel, dann meinen Rumpf gegen das Holz. Mein Herzschlag gab alles und pumpte das gesamte Blut durch meinen nur noch für kurze Zeit lebendigen Körper. Ich wollte nicht sterben. Ein Axthieb von oben unterbrach meinen Gedankenfluss. Kopf ab, die Schlächterin hatte zugeschlagen. Meinen Federrumpf stopften die Fleischfinger in einen Eimer. Ich zuckte. Ich gab alles, ich verspritzte mein Blut. Doch schließlich verließ mich das Leben, nach einem letzten Zucken wurde ich ganz ruhig, schaute auf mein Köpfchen, das auf dem Pflock lag und in seiner Atemlosigkeit ganz wunderschön aussah.


brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
Alternativtext
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
Alternativtext
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
Alternativtext
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
Alternativtext
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri
Brojleri
brojleri-fotokunst-antjekroeger-antjekroeger
Brojleri

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

15. Juli 2024

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Piroska (Zweie)
rotkäppchen wald zweig berühren weidenkorb boden, rotes cape kapuze, inszenierte märchenfotografie piroska

Piroska (Zweie)

Der Korb meines Rotkäppchens war irgendwann gefüllt mit Sorgen, bis zum Rand. Sorge. Vorsorge. Sorge vor Sorge. Versorgen, umsorgen, (selbst)fürsorgen. Wo war das niedliche, furchtlose Mädchen geblieben? Angst oder Furcht. Egal. Beides in ordentlichem Maße vorhanden. Nur die Sehnsucht war geblieben. Natürlich. Und wenn sie nicht gestorben sind… Aber so viel(e) war(en) schon gestorben. Die Großmama natürlich. Aber auch die ein oder andere Utopie. Menschen. Vorhaben. Lieben, die Leichtigkeit.
4. Oktober 2026
Piroska (Einse)
rotkäppchen haarbürste neonlicht wald, geschlossene augen, inszenierte fotografie piroska selbstfürsorge

Piroska (Einse)

Auf dem Nachttischchen aus Holz, das neben dem knarrenden Omabett stand, lag dieses wunderschöne DDR-Märchenbuch. Es war ein dicker Brocken und die Seiten waren mit einem goldenen Schnitt verziert. Als Kind dachte ich, dieses Buch wäre ein Schatz. Denn immer, nachdem Omama mir daraus vorgelesen hatte, verschwand es wieder in einer roten Box aus dicker Pappe. Dann war das wunderschöne Cover nicht mehr sichtbar, welches mich durch meine gesamte Kindheit begleitete.
4. Oktober 2026
FORM | BEZIEHUNG | INHALT (auch ein Fotoseminar)
selbstporträt inszeniert, sandkastenform als maske vor auge, grüner lidschatten, analog-digitaler remix, konzeptuelle porträtfotografie

FORM | BEZIEHUNG | INHALT (auch ein Fotoseminar)

ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026