125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über Wintermäntel, einer DDR-Waage, ganz viel Licht, einem Kolben und der Angst

125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über die Mäntel des Winters, eine DDR-Waage, ganz viel Licht, einen rauchenden Kolben & die Angst

Was für ein Affentheater

Die Fotokünstlerin erklärt: Leider sehen wir folgende Fotografien nicht: Mein Marmor (das weibliche Model mit dem wohlklingenden Namen Juni) mit erstem hellen Ledermantel und Fellmütze auf rotem Sessel, pinkes Licht von der Seite. Der Marmor raucht und kriecht tief hinein in den noch tieferen Sessel, befreit sich vom Mantel. Danach pustet „Marmor J“ den Rauch in einen Kolben aus Glas, sehr engagiert. Und dann, dann werden die Pflanzen (Kakteen und Ziergestrauch in alten Tassen) vom Holztisch geräumt. Auf einen Mantel, der ausgebreitet auf dem Boden liegt. Mit dem braunen Fell nach oben. Der Tisch ist fast leer. Auf dem Mantelfell steht auch eine alte Personenwaage aus der DDR. Sie zeigt an: Maximal 125 KG. Auf dem Holztisch steht noch ein Kerzenleuchter, die zwei weißen, krummen Kerzen brennen. Mein Marmor-Model steigt auf den Tisch hinauf, spielt mit einer Pflanze in einem weißen Plastik-DDR-Übertopf. Es hält das Ensemble vor die Scham. Ich sitze unter „Marmor J“ auf dem Sessel und fotografiere. Der Marmor sitzt, kniet, liegt auf dem Tisch. Anschließend steigt J hinab, wandert zum Fenster, dort hängt ein neuer Mantel (rötlich). Sie bekleidet sich, öffnet das Fenster und greift nach dem Schnee auf dem Sims. („Marmor J“ wird angestrahlt von unten, von einer sehr alten Theaterleuchte mit dem schönsten Licht, das ich kenne.) Anschließend lässt sie den Schnee auf sich hinab schneien. Diese Szene wiederholt J ein paar Mal. Ich genieße die kurze Eisigkeit, die sich durch den warmen Raum schneidet. (Die Schneebilder fehlen mir und J. Schon jetzt. Am meisten.) In der Nähe des Fensters steht ein gelber Stuhlsessel. Mein Marmor fällt hinein. Von oben hängen Schnüre vor der Decke hinab. J legt sich die Schnüre um den Körper, um den Hals.


125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über Wintermäntel, einer DDR-Waage, ganz viel Licht, einem Kolben und der Angst
125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über die Mäntel des Winters, eine DDR-Waage, ganz viel Licht, einen rauchenden Kolben & die Angst

Ihr Blick in meine Kamera berührt mich. Denn wir arbeiten uns zusammen an der Angst ab. Nicht an der Angst im Allgemeinen. An der existenziellen Angst, die mensch „überfällt“. Manchmal aus dem kalten Nichts. Diese Angst, die verschwistert ist mit der Panik. Diese Angst, die einsam macht, wenn sie bleiben täte für immer. Diese Angst, die ängstlich macht. Ich erzähle J von mir als Ballon an einer langen Schnur, das Ende der Schnur ist um einen großen Stein gewickelt und fest verknotet. Dieser Stein lässt mich in der Welt verbleiben. Er sichert mich, wenn auch meine Schnur sich mal verwickelt, oder kürzer wird. Dieser Stein festigt mich, ohne mich anzubinden. Er gibt mir Kraft und Halt, ohne mich zu beschweren. Er unterstützt meine freiheitlichen Gewünsche. Wenn aber die Angst kommt, spüre ich zwar seine Anwesenheit, aber die Schwere des Steines hilft nicht gegen das zuschnürende Gefühl, das Angst macht. Hilflosigkeit. Auf allen Ebenen. Es hilft nur: Atmen. 4x4x4.

Diese Angst, die einen taub und stumm werden lässt. Diese Angst, die einengt, um sich herum nur graue Schattierungen zulässt. Wir kennen diese Angst J und ich. Auch wenn jede von uns ihr wahrscheinlich einen anderen Namen geben würde.

„Marmor J“ sitzt noch immer auf dem Sesselstuhl. Setzt sich ein Geweih auf, das auf einem kleinen Hocker neben ihr liegt. Ich leuchte mit einer Taschenlampe in das Gesicht von J. Sie steht auf, geht zu einem weiteren Fenster, dort hängt ein Jägermantel. Den streift sie über und erblickt den Affen…


125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über Wintermäntel, einer DDR-Waage, ganz viel Licht, einem Kolben und der Angst
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Warum so viele Worte anstatt Fotografie? Zwei Drittel dieser Geschichte in Fotografien sind verloren. Gegangen. Auf wirklich wundersame Weise verschwunden. Irgendwann die Anzeige „Karte voll“. Wechsel. Neue Karte. Fotos verschwunden. Im digitalen Nirvana. Wie das passieren konnte? NULL PLAN. Aber auch nicht mehr veränderbar. Diese Geschichte ist nicht mehr rein bildlich erzählbar. Deshalb Worte um Worte um Worte.


125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über Wintermäntel, einer DDR-Waage, ganz viel Licht, einem Kolben und der Angst
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13. Dezember 2022

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
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Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
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Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026