Nachtschatten_Fotokunst

Nachtschatten (Arbeitstitel: Der Alp)


Ich traf das Froillein Blau mehrfach. Doch in diesem November lernte ich mit ihr und durch sie so viel über das Menschsein in der Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten. Danke für das Wollen, die Grenzen langsam zu überschreiten. Und danke an das Foto-Kunst-Universum, dass ich immer wieder Workshops erleben darf, die alles verrücken, bei mir und meinen Schüler*innen. Ich möchte weiterhin mehr davon! Auf 2023.



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Nachtschatten

Dystopie ist meine Lebensrealität. Die Bäume sind Nutzholz für euch, die Tiere Nutzvieh, die Menschen Humankapital. Wohin mit meiner Wut? Sie wird wachsen und sich von mir lösen und meine Alpträume werden euch heimsuchen. Bis ich selbst zum Alptraum werde, der eure Nächte stört.

Die Träumtänzerin ist euer Alp. Sie erwacht aus ihrem Puppenschlaf, ihre Fäden lösen sich. Der Puppenspieler wird nie mehr leichtes Spiel mit ihr haben. Mein Körper wird sich aufbäumen, gegen euer Machtgetue. Die Fäden reiße ich ab von meinen Gliedmaßen und tanze auf den Gräbern eurer Vorväter. Bis ihr mich ernst nehmt, werde ich Witze über euren Jahreswagen machen und eure teuren Anzüge. Das ist Satire.

Im Spiegelkabinett wird meine facettenreiche Persönlichkeit euch den Weg in euren eigenen Irrsinn weisen. Ein Labyrinth für Geist und Seele, der euch vielleicht in die Freiheit der geländerlosen Gedanken entlässt. Oder ihr fallt, wie im Traum; endlos, bis ihr schreiend erwacht. Ihr verflucht den Alp, der von eurer Brust gesprungen ist. Dann geht ihr eurer Arbeit nach. Was habt ihr zu verlieren?

Wehe, wenn sie losgelassen, eure Fesseln halten nicht den weiblichen Alptraum, Nachtmahrin, die sich auf eure Brust hockt und lacht, darüber, dass ihr wieder einen abfälligen Kommentar im Internet losgelassen habt, darüber, dass ihr auf dem Gehweg nicht ausweicht, wenn euch eine Frau* entgegenkommt, darüber, dass ihr mich abwertet, um euch aufzuwerten. Das ist alles ein armseliger Versuch, die Kontrolle zu behalten. Ich habe euch durchschaut. Keine Maschen mehr, das bedeutet kein Netz mehr, das mich hält in diesem System.

Über diese Schwelle zu schreiten, sich selbst zu fühlen, sich selbst zu kennen und sich selbst zu akzeptieren, ist ein wichtiger und schwieriger erster Schritt. Es heißt: Wir sind die Töchter der Hexen, die ihr zu verbrennen nicht fähig wart. Heute habe ich Lust, euch meine Fratze des Zorns ins Gesicht zu schleudern und dabei zu tanzen. 

Wer will schon Eva sein, wenn sie doch in Wahrheit immer Lilith war? Eure Symbole langweilen mich. Solange ihr mich davor festhaltet, werde ich heimlich lachen. Alles vergeht, selbst eure Autorität.

Immer wieder neu, das Spiegelspiel. Du und Ich und Ich und Du. Der Raum dazwischen ausgefüllt mit Rätselraten, mit Konventionen und Traditionen. Heteronormativ alles abarbeiten nach Schema F. Uns aneinander reiben, ohne Lust dabei zu empfinden, uns lieben ohne Schauder oder auch nur Zauber. 

Diese Vorstellung von Partnerschaft verfängt sich in den Fäden der Schicksalsweberin, wird bedeckt vom Schnee der Hölle, um dann von den Sirenen angelockt und hinabgezogen zu werden in den Abyss. Ich bin in euren Träumen immer furchteinflößend gewesen, Lilith ist eure Fantasie, der ihr im Traum gern erliegt. Ereschkigal ist die, vor der ihr im Alptraum euer Haupt beugt.

Lust und Achtung sind gute Wegweiser im Umgang mit mir. Lasst euch auf mich ein und ich werde euch überraschen.

Johanna Blau
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Nachtschatten // Foto: Johanna Blau (Ein Foto triggert mich leider. Ich möchte so nicht von anderen gesehen/wahrgenommen werden, da es bei mir Assoziationen mit stigmatisierender Wahrnehmung von Wahnsinn auslöst.) Stattdessen, ein Foto der Fotokünstlerin, auf dem Foto zu sehen, die Künstlerin, die das MAß darstellt.
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2. Dezember 2022

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Farbfoto, Mann mit schwarzer Mütze und Zigarette steht vor einer grün-weiß-rot gestrichenen Hauswand mit zwei gerahmten Porträts, links bärtiger Mann mit Schriftzug, abgeplatzter Putz, Sofia, digital, Leica

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
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Die-Verteidiger-von-Stara-Zagora-brutalismus, Schwarzweißfoto mit sepiafarbenem Stich, Betonkreuz mit weißem Kreuzausschnitt über einem Hügel, dahinter das Soldatendenkmal mit Bajonetten, Kugellaterne, Nadelbäume, Vignettierung und körniger Himmel, abgelaufener Kodak Tri-X 400, Stara Zagora

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Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
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Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026