Die August-Nachmittagssonne warf lange Schatten durch die Fenster des von konzentrierter Aufmerksamkeit erfüllten quadratischen Raumes, in dem sich diese zwei Frauenzimmer gegenüber saßen. Die Besucherin, eine zierliche Gestalt in osteuropäischer Anmut, hielt ihre Kaffeetasse fest umklammert, als wäre sie Halt in einer aufmüpfigen See. „Es ist seltsam, wie sich das Leben gerade anfühlt“, begann sie, […]
In einem Raum ohne Ecken und Wände, einem endlosen Labyrinth aus Grau, kämmt eine Gestalt das Haar vor einem Spiegel, der kaum etwas zurückwirft. Die Bewegungen sind mechanisch, als ob der Körper ein Eigenleben führt, losgelöst von dem, was einst Geist genannt wurde. Luftnot füllt die Lungen mit einer unsichtbaren Last, Gedanken sind gefangen im Gefängnis, welches keine Gitterstäbe braucht. Erinnerungen, trügerisch und unbestimmt; war die Gestalt einst Mensch oder Tier? Wer ist sie jetzt? In Träumen erscheint sie als Insekt, das über den Boden kriecht, ringend nach einer Freiheit, die nicht existiert.
Krumm war der Weg, den ich ging, krumm war er, ja, denn, ja, er war gerade. VON PAUL CELANAUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA Seine Augen waren jung und frisch und keck aufgeweckt, ihre hingegen manchmal schon trüb, wässrig und in den schummrigen Momenten des Lebens manchmal ziemlich blind. Ausnahmsweise saß er ein paar Augenblicke still auf […]
Ein Jahr voll 1923er Gedanken. Ein Jahr 2023. Ein Jahr erschaffen, denken, leben, fühlen auch. Ein heftiges Jahr. Als ich am 1. Januar 2023 am Grabstein meiner Großmutter stand, hätte ich mir nicht ausdenken können, was in einem Jahr alles stecken kann. So viel Kraft. So viel Energie. So viel Veränderung. So viel Leid. So viel Traurigkeit. So viel Wucht. So viel Unbehagen. So viel Rausch. So viel Bewegung. So viel Erstarren. So viel Herz. So viel Neu. So viel Nähe. So viel Naivität. So viele Farben. So viele Dimensionen. So viel Rhythmus. So viel Groteske. So viel Melancholie. So viele Tränen. So lautes Lachen. Krieg. Monströse Begegnungen. Loslassen. Entdeckungen. Erwartungen. Enttäuschungen. Tanz und Tod. Blick und Distanz. Witz, Diabolik, Sinnlichkeit. Zerstörung. Wut. Magie. Ich. Mir. Mich. Mein. „Zum Kotzen schön“ (Otto Dix)
Sie hängt an der Leine: Mein mechanischer Schnur-Auslöser sorgt dafür, dass ich mit meiner geliebten DDR-Großformatkamera meine geliebten Papiernegative auf 13x18 Zentimetern aufnehmen und dabei selbst in den fotografischen Raum treten kann, den ich gerade erschaffen habe. Alle Fotografien sind um die 10 Sekunden belichtet. Ich bin schon sehr erstaunt, wie still ich doch halten kann. Dieser Prozess ähnelt mehr dem Modellstehen vor der Malereiklasse als der Fotografie. Doch die Magic in der Dunkelkammer, wenn jedes Papier das Negativ freigibt und später noch einmal eine ähnliche Magic, wenn der Scanner aus dem Negativ das fertige Bild spuckt, ist anders als Bleistift oder Pinsel auf Papier.
Da gibt es Räume, die füllen einem das Herz. Da gibt es Räume, die erinnern einen an erfüllende Lebens-Zeiten. Da gibt es Räume, die richten den inneren Kompass auf Frieden aus. Solche Räume braucht wohl jedes Geschöpf. Dabei spielt es gar keine Rolle, wie breit, lang, hoch dieser Raum ist. Wichtig ist nur dieses Gefühl von Fülle, von Zufriedenheit für den Moment. Diese Art von Raum kenne ich. Für mich existiert er an verschiedenen Orten auf dem Planeten. Dieser Ort kann durch sich selbst heraus strahlen oder er ist eine Melange aus geografischen Koordinaten und Mensch. Immer, wenn ich solch einen Raum betrete, schreit das Ich nicht mehr nach einem Mehr, sondern ist mit dem Status Quo zufrieden. Kein Verlangen nach Zukunft. Nach Außen-Raum-Kommunikation. Sein in Zeit und Raum, mit Körper, Geist und allem andren, das mich so ausmacht.
Sie ist Künstlerin. Auch ihr Körper ist politisch. Sie ist Frau, qua Geburt und auch sozial. Mit aller Selbstverständlichkeit. Sie durfte studieren, musste aber immer von ihrem Werk und durch ihr Schaffen leben. Das war und ist nicht immer easy peasy. Auch sie liebt den Rausch. Im Jahr 2023 beschäftigt sie sich mit dem Jahr 1923. Sie begegnete Gluck. Beschäftigt sich zusätzlich mit Raum, Material, Bedeutungsebenen, Ihre Kunst besteht aus Schichten. Menschlichen. Materiellen. Symbolischen. Diese trägt sie auf. Manchmal langsam und unregelmäßig, dann wieder schnell und überbordend. Sie mag, wenn alles mit allem zu tun hat, ineinander übergeht oder verschwimmt. Sie mixt und remixt. Sie mischt, dreht um, überrascht sich selbst. Sie sammelt Material auf der Straße, klaut Blumen auf Friedhöfen und von öffentlichen Rabatten, lässt sich mit Ausrangiertem beschenken. Nichts in ihrer Kunst geschieht ohne Grund.
Du Wasser sprichst. Wie immer. Mit ihr. Auch schockgefrostet. Sie ist die Prinzessin der Wale. Sie ist DIE Wälin, mittelalt, mittellos, Mittelpunkt. Betritt sie die Eisarena, ziehen Risse ihre Kreise. Materialermüdung? Oder ein Konzert deiner Moleküle? Spiel auf für die Prinzessin, sie hört dir zu. Oder magst du Wasser einfach nur heraus aus deinem winterlichen Käfig? Der Wälin Epidermis aus Basal, Stachel, Korn, Glanz und Horn dreht sich in Sonnenstrahlen. Mädel dreh dich. Einzelne Tropfen perlen ab wie die Tränen des Januars. Sie dreht ihre langsamen Pirouetten. Und verliert das Gleichgewicht.
Hast Du schon einmal den Hunger verloren? Ich noch nie. Oder doch? Wenn, dann nur kurz. Aber von welchem Hunger sprechen wir denn überhaupt? Den Nahrungshunger? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich mal hungrig war in den letzten Monaten. Es ist doch immer so viel Essen um mich herum. Schlaraffenland.
nähre mich. ich verhungere. beschütze mich. ich hungere. fülle mich. ich verhungere. in mir macht sich eine leere breit. sie wächst. wie ein furunkel. sie schmerzt. wie der gebrochene knochen. ich krampfe. ich kann nichts mehr sehen. ich erblinde. ich habe hunger. mein körper bläht sich auf. blitze im kopf. ich ver-rücke. nähre mich. fließe durch meinen schlund. in mich hinein. wärme mich. hilfe. ich verhungere. mein geist oszilliert. ich werde panisch. ich habe solchen hunger. komm endlich wieder zu mir. in mich. ich reibe mich auf. gedanken schwirren um dich. es existiert nur noch mein hunger. nach dir. ich ver-rücke mehr und mehr.
Identität, Schönheit, Selbstausdruck (1923 // 2023)
Fantasievolle Verwebung dreier Frauenbiographien des 20. Jahrhunderts, angelehnt an die Leben der kroatischen Komponistin Dora Pejačević, der Lebefrau und Wienerin Alma Mahler-Werfel, der amerikanischen Tätowiererin und Schaustellerin Betty Broadbent.
125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über die Mäntel des Winters, eine DDR-Waage, ganz viel Licht, einen rauchenden Kolben & die Angst
Die Fotokünstlerin erklärt: Leider sehen wir folgende Fotografien nicht: Mein Marmor (das weibliche Model mit dem wohlklingenden Namen Juni) mit erstem hellen Ledermantel und Fellmütze auf rotem Sessel, pinkes Licht von der Seite. Der Marmor raucht und kriecht tief hinein in den noch tieferen Sessel, befreit sich vom Mantel. Danach pustet "Marmor J" den Rauch in einen Kolben aus Glas, sehr engagiert. Und dann, dann werden die Pflanzen (Kakteen und Ziergestrauch in alten Tassen) vom Holztisch geräumt. Auf einen Mantel, der ausgebreitet auf dem Boden liegt. Mit dem braunen Fell nach oben. Der Tisch ist fast leer. Auf dem Mantelfell steht auch eine alte Personenwaage aus der DDR. Sie zeigt an: Maximal 125 KG.
Dystopie ist meine Lebensrealität. Die Bäume sind Nutzholz für euch, die Tiere Nutzvieh, die Menschen Humankapital. Wohin mit meiner Wut? Sie wird wachsen und sich von mir lösen und meine Alpträume werden euch heimsuchen. Bis ich selbst zum Alptraum werde, der eure Nächte stört.
Zwei Fotosezionen aus dem November miteinander verwoben Zu sehen zwei Frauen, ihre Namen beginnend mit einem A. Zehn Jahre liegen dazwischen. Eine Dekade, ein Jahrzehnt, ein Dezennium. 2012. 2022. Im alten Rom feierten die Herren Decennalia. Ich feiere auch. Mich. Freiheitlich. Freischaffend. Mit unendlich großer Kampfeskreativität. Stetig. Stoisch. Stolz.
Das dünne Mädchen entdeckte die kleinen Wasserfontänen in der Nähe des Zaunes als Erste. Das Einöden-Eckhaus versprühte das kostbare Gut über den kurzen, grünen Rasen. Das dicke Mädchen folgte ihrer Freundin. Sie wuschen sich ihre staubigschwarzen Hände in den schmalen Strahlen. Danach sammelten sie das Nass in ihren Handkrügen und führten diese zu ihren gierigen, ausgetrockneten Mündern. Dick und Dünn quälte der Durst. Die vergangenen Stunden verbrachten die Mädchen zusammen in den sengenden Sonnen-Schatten der ehemaligen Einöden-Fabrik. Der Schornstein thronte dabei über ihrem Spiel.
Alles beginnt mit dem, was nicht zu sehen ist. Was zu sehen ist, sieht jeder. Auf Blick Nummer Eins. Wer wahres Interesse hegt, der blickt tiefer. Spätestens mit Blick Nummer Zwei. Ihm oder ihr offenbart sich das, was ich andeute, manchmal auch deutlich mache. Es geht mir um eine Sichtbarmachung für diejenigen, die imstande sind, tiefer zu blicken.
“Wie heißt denn deine Puppe?”
Einfache Frage.
Die Antwort für mich selbst ernüchternd.
“Sie hat keinen Namen.” Danach Schweigen. Ich überlege.
War das schon immer so? Meine längste Begleiterin im Leben eine “madame without a name”?
In meinem Schlafzimmer sitzt noch eine original DDR-Babypuppe, nur ein paar Jahre jünger als der Lockenkopf. Ich weiß noch, sie kam an einem Weihnachtsfeste zu mir. Wie das Jesuskind. Sie blieb immer namenlos, auch. Vielleicht nannte ich sie “Baby”.
Die Welt ist im Krieg!
Im Kampf mit der größten Ressource. Im Kampf mit der größten Schwachstelle. Die Welt ist nicht genug, doch alles, was wir haben. Gestaltet nach unseren Vorstellungen – unseren Willen aufgezwungen. Sehenden Auges in die letzte Vorstellung? Der Vorhang senkt sich wider Willen, aber langsam doch, so what... lachend ins Verderben, alle auf Los und dann los! Kopfüber oder Knie in die Weichteile. Wir nehmen, was gegeben und wir krallen, was nicht niet- und nagelfest. Hauptsache viel, Hauptsache ich, Hauptsache frei. Meine Freiheit über allem. Mein Leben über allem und allen.
update: 12.08.2013 Hier stand bis heute ein Auszug aus: Erich Kästner, Fabian – Die Geschichte eines Moralisten Dann bekam ich eine E-Mail, die mich darauf aufmerksam machte, dass der Sohn und seine Anwälte Menschen abmahnen, die seinen Vater im Netz ungefragt zitieren. Nun ja. Ich liebe Erich Kästner und all das, was ich auf meinen […]
" Es ist immer, wenn ich schreibe, der Punkt erreicht, wo ich mit mir selber (und das heißt auch mit dem, was mich umgibt) nicht mehr umgehen kann. Ich ertrage meine Sinne nicht mehr. Ich ertrage mein Nachdenken nicht mehr. Es ist alles so verstrickt geworden, daß ich nicht mehr weiß, wo die äußeren Dinge anfangen und aufhören. Ob sie in mir sind, oder ich in ihnen. Es brechen Stücke Welt heraus, als hätte ich alles geschluckt, was ich nicht tragen kann. Und dann gibt es später diese Sätze. Schwarz auf weiß, wie ein Kleidungsstück, in dem man selber nicht nicht drin ist." Herta Müller
„Nirgends kommen sich Menschen näher als beim Verrat.“ Stefan Schütz Und immer spielt die Sehnsucht in das Thema des Verrats und speist es: die Sehnsucht nach der tiefen Überzeugung, der großen Leidenschaft, der starken Loyalität, der Einzigartigkeit und der Unerschütterlichkeit.
Manche fotografischen Begegnungen hallen nach – das ist für mich nichts Neues. Diese Begegnung allerdings war sowohl eine stark persönliche Auseinandersetzung als auch künstlerisch eine Herausforderung. Die Fotos liegen seit mehr als einer Woche bei mir, spuken immer wieder in meinem Kopf herum und sind auf eine besondere Weise gut zu mir. Jetzt bin ich bereit, zumindest einen Teil davon zu zeigen.
Der andere Teil – sie und ich gemeinsam – bleibt vorerst unsichtbar. Es sind starke Bilder. Vielleicht bin ich eines Tages so stark, sie zu präsentieren. Aber das ist im Moment nicht wichtig. Ich habe mich fotografisch an ein sehr persönliches Thema gewagt, und das allein zählt gerade. Sie traut sich. Ich traue mich.
Ich bin dankbar für die gemeinsamen Augenblicke, ob im Gespräch oder vor der Kamera. Vorsicht und Schonungslosigkeit wechselten sich ab. Emotionalität war in jeder Sekunde präsent. Und dieser Nachhall, der etwas mit mir macht – etwas, das ich jetzt noch nicht benennen kann...
Wenn das Destruktive ein böses Gesicht hätte, es wäre nicht verlockend, wenn es mit Ankündigungen kommen würde, wir wären gerüstet. Aber so geht das Destruktive nicht vor. Es tarnt sich, es schleicht sich an, es arbeitet mit dem Unverhofften und es täuscht. Und deshalb ist die einzige Methode, ihm zu begegnen, es anzuschauen. Elia
Ein neuer Raum hat sich für mich geöffnet. Ich, selbst Element Wasser, bin immer auf der Suche nach neuen Konzepten und/oder Räumen, die eine Menge fotografischer und persönlicher Auseinandersetzung versprechen. Der eng begrenzte Raum, gefüllt mit Flüssigkeiten oder in Zukunft anderen organischen Materialien. Die Menschen, die sich einlassen, an ihre Grenzen gehen, versuchen, ihre Körperlichkeit […]
was siehst du im spiegel? die wahrheit, das gegenteil, eine vermutung?wann bist du frei, wann bist du gefangen?bist du es selbst, der sich in die enge begibt?lebst du?
Alpha-Wölfin. Sie ist das dominanteste weibliche Tier innerhalb des Rudels. In den späten Wintermonaten führt sie Kämpfe mit rangniedrigeren Wölfinnen, um ihren Platz zu behalten. Sie fletscht die Zähne, fixiert den Gegner/in, stellt die Ohren und die Nackenhaare auf. Das Mienenspiel, die Körpersprache und die Duftmarkierungen sind ritualisiert. Sie werden von allen verstanden und dienen dem […]
HAMM: Was zu tun, das frage ich mich. CLOV: Ich betrachte die Wand. HAMM: Die Wand! Und was siehst du da, auf deiner Wand? Menetekel? Nackte Leiber? CLOV: Ich sehe mein Licht, das stirbt. HAMM: Dein Licht, das…!? was man nicht alles zu hören kriegt! Na ja, es wird ebenso gut hier sterben, d e […]
Gedanken ohne Inhalt sind leer.Beschreibungen ohne Begriffe sind blind.Bewegung ohne Fokus führt in die falsche Richtung.Raum ohne Fenster und Türen hält gefangen.
Du freier Mensch, du liebst das Meer voll Kraft, Dein Spiegel ist’s. In seiner Wellen Mauer, Die hoch sich türmt, wogt deiner Seele Schauer, In dir und ihm der gleiche Abgrund klafft. Du liebst es, zu versinken in dein Bild, Mit Aug‘ und Armen willst du es umfassen, Der eignen Seele Sturm verrinnen lassen In […]
Nicht jedes Ende ist ein Ziel. Das Ende der Melodie ist nicht deren Ziel.; aber trotzdem: hat die Melodie nicht ihr Ende erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht erreicht. ein Gleichnis… Friedrich Nietzsche
Mein Dauerprojekt „Leiber“ gedeiht. Es kommen in unregelmäßigen Abständen neue Bilder, neue Leiber dazu, der Frühling und auch der Sommer werden ihr Übriges tun. Am Ende des Jahres hoffe ich dann, meine 20 Lieblingsleiber zu haben, um sie auszustellen, live, in Farbe und Schwarzweiß. Doch bei diesen Fotosessions passiert meist so viel mehr. Viele Bilder entstehen, und damit sie nicht alle einfach so wieder verschwinden, zeige ich ab und an einige auf meinem Blog. Dennoch: Die Ausstellung wird es vorerst nur in der analogen Welt geben, und das ist auch gut so.
Das gängige latainische Wort für Maske war „persona“. Daneben wurde auch „larva“ – abgeleitet von „lar“, dem Namen des römischen Huasgottes – in diesem Sinne verwendet, meinte aber primär Geist und wurde folglich eher mit Geistererscheinungen assoziiert; „imago“ wiederum bezeichnete ausschließlich die Totenmaske……Der maskierte Schauspieler spielt eine Rolle, doch diese Rolle ist nicht Teil seiner […]