gubin-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-mercedes

Viele Fäden führen nach Guben

Neue (Zug)Reisegeschichten aus (ost)deutschem Land, mit dem Konvolut analoger Kameras, immer regelmäßig aktualisiert werden Leipzig & Mecklenburg, aber auch neue Orte kommen hinzu. Heute GUBEN.


Zu diesem Zeitpunkt gibt es 9 Kapitel meiner 9-Euro-Ausblicke. Wahrscheinlich werden weitere dazukommen. Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis:

➨9-Euro-Ausblicke-Und-Weiterreisend / TEIL VIII


guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-bahnhof2
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-gubentutgut
Viele Fäden führen nach Guben

Alle Fäden führten nach Guben. Irgendwie. Und auf einmal war ich auch noch in Polen. Aber der Reihe nach. Lange hatte ich keine neue ostdeutsche Stadt mehr analog fotografiert. Zu viel war 2025 los. Nach Serbien im Oktober war ich nicht mehr fotografisch auf den Straßen unterwegs. Ende des Jahres fühlte es sich so an, als solle es wieder sein. Neue Filme, endlich wieder Chemie, um auch buntes Filmmaterial zu entwickeln. Und dann sah ich irgendwo ein Foto vom Innenleben des Gubener Bahnhofs. Dachte ich mir an einem sonnigen End-Dezember-Tag: Los geht’s. Zwei Fäden fehlen noch in meiner Aufzählung. Ich hatte eine analoge Kamera, die ausprobiert werden wollte, denn beim letzten Fotografieren vor ein paar Monaten zickte sie sehr, und ich las gerade Das Narrenschiff von Christoph Hein. Dieses Buch ist pure DDR-Geschichte. Gleich zu Beginn spielt Wilhelm Pieck eine Rolle, der erste Präsident der DDR. Deshalb trug Guben ab 1961 den Ehrennamen „Wilhelm-Pieck-Stadt“. Der Treppenwitz meiner Fadengeschichte. Das Bahnhofsgebäude war bei meinem Besuch wegen eines Dachschadens gesperrt, und meine zickige Kamera machte weiter mit ihrem Gehabe, sodass ich einen Film und circa 20 Fotografien verlor. Doch Guben konnte mich dennoch für sich gewinnen. Und zwar ungefähr eine halbe Stunde nach meiner Ankunft am Bahnhof, als ich auf einmal am Fluss stand, eine Brücke überquerte und in Polen war. 1945 wurde Guben durch die Neiße geteilt, wobei die historische Altstadt auf der polnischen Seite (Gubin) liegt. Das hatte ich vergessen, nie gewusst oder verdrängt. Ich weiß es nicht genau. Doch einigermaßen überrascht war ich, denn ich hatte mit dem Gedanken gespielt, über die Weihnachtstage nach Südpolen zu reisen. Nun also spontan Gubin. Polen. Schön. Und Gubin schenkte mir ein wunderbares Bild für den Zustand der „westlichen“ Welt. Guben, deutscher Teil: gleichmäßig sanierte Häuser, wenige Menschen auf der Straße, dafür überall Autos, Geschäfte mit weihnachtlicher Dekoration, aber ohne Leute, dafür alles sauber. Gubin, polnischer Teil: Menschen aller Altersklassen auf den Straßen, volle Märkte und Einkaufsläden, Müll auf den Straßen, Neubaublocks. Lebendig. Leben. Mein Herz sprang vor Verzückung. Leider war es zu kalt, um lange zu bleiben, und auch die Sonne blieb nicht mehr lang. Und das ist*s, was ich so bizarr finde: In deutschen Städten ist es oft trostlos, langweilig und ziemlich leblos. Aber all die Menschen der Welt wünschen sich „unseren“ Wohlstand und Luxus. Warum? Getauscht gegen Tristesse, komplette Individualisierung und Überregulierung. Gubin, ich schaue irgendwann in einem warmen Monat mal in Ruhe vorbei.

guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-bahnhof
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-poetensteig
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-laternengasse
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-kirche
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-uhren
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-neisseproenade
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-grenzezupolen
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-gubin
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-gubin-weihnachtsbaum
Viele Fäden führen nach Guben
guben-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-gubin-kathetrale
Viele Fäden führen nach Guben
gubin-analogefotografie-agat18k-ostdeutschland-mercedes
Viele Fäden führen nach Guben

Werbung

NÄCHSTER FOTOWORKSHOP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

27. Dezember 2025

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Piroska (Zweie)
rotkäppchen wald zweig berühren weidenkorb boden, rotes cape kapuze, inszenierte märchenfotografie piroska

Piroska (Zweie)

Der Korb meines Rotkäppchens war irgendwann gefüllt mit Sorgen, bis zum Rand. Sorge. Vorsorge. Sorge vor Sorge. Versorgen, umsorgen, (selbst)fürsorgen. Wo war das niedliche, furchtlose Mädchen geblieben? Angst oder Furcht. Egal. Beides in ordentlichem Maße vorhanden. Nur die Sehnsucht war geblieben. Natürlich. Und wenn sie nicht gestorben sind… Aber so viel(e) war(en) schon gestorben. Die Großmama natürlich. Aber auch die ein oder andere Utopie. Menschen. Vorhaben. Lieben, die Leichtigkeit.
4. Oktober 2026
Piroska (Einse)
rotkäppchen haarbürste neonlicht wald, geschlossene augen, inszenierte fotografie piroska selbstfürsorge

Piroska (Einse)

Auf dem Nachttischchen aus Holz, das neben dem knarrenden Omabett stand, lag dieses wunderschöne DDR-Märchenbuch. Es war ein dicker Brocken und die Seiten waren mit einem goldenen Schnitt verziert. Als Kind dachte ich, dieses Buch wäre ein Schatz. Denn immer, nachdem Omama mir daraus vorgelesen hatte, verschwand es wieder in einer roten Box aus dicker Pappe. Dann war das wunderschöne Cover nicht mehr sichtbar, welches mich durch meine gesamte Kindheit begleitete.
4. Oktober 2026
FORM | BEZIEHUNG | INHALT (auch ein Fotoseminar)
selbstporträt inszeniert, sandkastenform als maske vor auge, grüner lidschatten, analog-digitaler remix, konzeptuelle porträtfotografie

FORM | BEZIEHUNG | INHALT (auch ein Fotoseminar)

ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026