Tupfen über Tupfen, schwarz und weiß. Wirklich? Oder sehen wir sie nur schwarz und weiß? Illusion! Gold glitzert im Hintergrund (Woher wissen wir denn das? Es könnte doch auch Silber sein!) Der Raum gleicht einer Zirkuskulisse, die ihr Unterhaltungsversprechen längst gebrochen hat. Die kleinen und großen Punkte. Dots. Das Muster des Clowns, komisch und traurig zugleich, ein Kostüm. Der Körper dick, unverstellt, geöffnet. Kein Grund zur Scham, nur Fleisch
eine gemeinsame Fotoinszenierung von: ALEXANDRA TCHERKASSOVA. MARTIN ZANOTTI. ANTJE KRÖGER Mein Leben ist Widerspruch.Leben in Widersprüchen.Das Leben sind Widersprüche.Meist bin ich warm.Wenn ich will, kann ich auch so richtig, richtig kalt. Sogar mit ziemlicher Kältest-Lust.Ich bin ein Wassertier.Ich liebe das Feuerspiel.Lachen (mit den anderen) ist Überlebens-Medizin.Das Weinen (mit mir allein) die größte Kraftquelle.Musik muss laut […]
Schwan ist Schwan. Schwan bleibt Schwan.
Ob gefiedert in Schwarz oder Weiß,
ob schmächtig oder schwer,
ob das Herz nach diesem oder jenem Ufer verlangt,
ob der Körper Narben oder Wunden trägt.
Schwan ist Schwan. Schwan bleibt Schwan.
Form follows function.
F wie F reiheit.
F wie f uck, ich hänge fest. In diesen F esseln.
F wie F unktionsstörung.
F wie F assung bewahren.
F wie weiterhin F ragen stellen.
F wie f inde den F ehler.
F wie F alle. Sie ist ein Nagelbrett.
F wie F lucht. Fluchtfahrzeug verbrannt.
F wie F allhöhe. Du kannst das überleben!
Versuch. Flügelschlag. Das Versagen der Energiereserven. Freiheit weggeflogen, aufgesogen, in weite Ferne gezogen. Flügellahm. Prinzessin Vogelfrei kämpft mit den Winden von vorn. Weh und Lust. Freiheit eingebüßt. Doch gesehen immer noch am Horizont. Flügellahm nicht bewegungslos. Jede Bewegung kostet. Das Doppelte, das Dreifache. Kostet mehr, als sie einbringt, und weiter und weiter. Schlag auf Schlag. Bunte Flügelchen mit abgebrochenen Federchen. Frei-heit. Flügelfederfreiheit. Kein Ast hält. Brüchiges Holz durch die Hitzen der Welt. Das Fliegen und das (herunter) Fallen. Prinzessin Vogelfrei trägt beides, ineinander verwoben. Bunt bleibt! Lächeln bleibt!! Freiheit bleibt!!!
Erinnerst du dich an den Rock mit den strengen Falten? Den du trugst, als du ein Straßenköter-Schaf warst? Erinnerst du dich an die Scheren, die versuchten, damals, ein so starkes Band zu zerschneiden? Sie konnten (oder wollten) es nicht, die vermeintlich stumpfen Scheren. Oder das Band so fest, so ineinander verdreht, so anscheinend unkaputtbar. Doch. Ich weiß. Nun. Das Wasser wird diese Kraft aufbringen. Auch wenn es lange dauern kann. Aber schau hin, der Rock schon gekürzt. Auch der Wal. der herabsinkt in die Tiefe See endet als Meeresschnee.
Der Schnee fällt weiter. Dieser Schnee, der auf eine Fortsetzung gedrungen hat. Die Farbe des Fallens hat sich verschoben, als hätte jemand das Licht ausgewechselt, das durch das Wasser bricht. Pink leuchtet, Schwarz scheint. Es kommt etwas durch, dass sich nicht mehr an Grau hält, weil Grau vielleicht immer nur die eine mögliche Entscheidung war. Unsere Vorstellung von Tod: gedämpft, gedimmt, entfärbt, als hätte das Sterben ein Anrecht auf Stille und Blässe, als wäre Trauer nur echt, wenn sie trauert mit dem Schleier aus weißen Lilien.
DDR-Pilz-Klettergerüst in Jena und Halle & Leipzig im Mai
Neue (Zug)Reisegeschichten aus (ost)deutschem Land, mit dem Konvolut analoger Kameras. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 10 Kapitel meiner 9-Euro-Ausblicke. Alle Fotos aus Jena: ➨ JENA, GERA, WURZEN, TORGAU, DRUMHERUM von LEIPZIG Jena Nach Jena fuhr ich nur wegen des Pilzes. Was denn für ein Pilz? Na der Klettergerüstpilz. So eine schöne Kindheitserinnerung. Und die Erinnerung […]
Leichen säumten ihren Weg – Leichenwagenprozession WGT 2026
Pfingsten, wenn möglich, nicht in Leipzig verbringen. So lautete die Parole der letzten Jahre. „Dieses schwarze Treiben" war noch nie wirklich etwas für mich. Es erinnerte mich an die Zeit, als ich mit zwei Grufti-Frauen zusammen wohnte. Keine schönen Erinnerungen! Also Wave Ghotic den Vortritt in Leipzig lassen für ein verlängertes Wochenende und irgendwo anders die Beine in den See hängen. Aber dieses Jahr wollte es anders. Pfingsten in Leipzig. Gut. Meinetwegen. Dann wenigstens richtige Ungewöhnlichkeit.
gedanken splittern und bleiben doch licht brüchiges licht fällt auf die schattenschweren arme und beine werden zu marmor zu säulen aus müdigkeit zu einer form die sich hält und zugleich nicht hält sie steht wie ein ja das sich selbst nicht glaubt wie ein körper aus frage aus wiederholung aus stillstand und strom und in dieser statur liegt das zögern der erkenntnis das wissen dass das eigene bild nur an der kante erscheint und dort schon wieder vergeht ja sprach der riss und das licht antwortete leise nein
Sein Atelier hat er auf einer Burg eingerichtet – deshalb nenne ich ihn den Burgfotografen. Einmal kam er nach Leipzig und nahm an einem meiner Foto-Workshops teil. Dann zogen Jahre ins Land. Wolken auf und ab, Regen und Sonne im Wechsel. Irgendwann kam ich ihm wieder in den Sinn. Wir telefonierten. Er wollte von mir lernen – individuell, fordernd, ernsthaft. Er wollte ein Meister werden und von der Meisterin lernen. Vier Monate folgten. Viele Gespräche, viele Übungen, viel Kritik, viel Aushalten, viel Disziplin. Und ich war sehr oft sehr stolz. Mein ältester Schüler – mit solchen Fortschritten, solchem Willen, solcher Freude am Fotografieren. Und genauso viel Freude vor der Kamera. Vor meiner Kamera.
tack tack tack
ruhe.los
tack tack tack.
luft.los
tack tack tack
kraft.los
es wütet und trotzt
es schreit
es treibt
tack tack tack
das leid
leidet
die sehnsucht
sehnt oder süchtet, je nachdem
der kummer
kümmert sich einfach nicht
es wütet und kotzt
tack tack tack
ru.ckt.
zu.ckt
fu.ckt,
tack tack tack.
Meursault denkt: ob man jetzt stirbt oder erst in zwanzig Jahren, die Welt wird weitergehen, als sei nichts gewesen. Andere werden leben, als wäre das Sterben nur ein schmaler Fehler im System der Zeit. Früh oder spät: kein Unterschied, kein Trost, kein Sinn. Nur das unausweichliche Schweigen des Endes.
„Damit sich alles erfüllte, damit ich mich weniger allein fühlte, brauchte ich nur zu wünschen, dass am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer da sein würden und dass sie mich mit Schreien des Hasses empfangen.“ Dieser letzte Satz aus Camus Fremdem erregte dich.
Grobkorn, Riss, Falte, Bruchkante, Schattenrand, Druckstelle, Abdruck, Nachhall, Restwärme, Widerstand, Reibung, Schwere, Zug, Drängen, Überschuss, Leerstelle, Halbdunkel. Hingabe, Spur, Sediment, Leuchtkraft zu viel, zu nah, zu eng, zu laut, nicht glatt, nicht fertig, nicht gefällig, aus dem Takt, gegen den Strich, neben der Spur, unter der Haut, im Nachglühen, im Vergehen müde, zäh, aufgeraut, verdichtet, […]
Die Lebenden werden zu Toten,
die Toten werden zum Leben erweckt.
Die Toten feiern ihre Feste, wie sie fallen.
Die Lebenden sind stumm, steif, unsicher.
Ihre Sehnsucht nach Sicherheit und einem langen Leben
versetzt sie in eine Starre.
Lebensstarre.
Beide dachten über die Lücke nach. So viel Lücke, so wenig Lücke. Welche Lücke verspüren sie und was genau meint diese Lücke? Die Lücke, die vielen Schmerz oder Kopfweh bedeutet. Die Lücke, die vermissen lässt, die nichts füllt, die grau in grau in grau daherkommt. Aber beide denken die Lücke in eine andere Richtung. Die Lücke, die Platz lässt, die Lücke, die Raum gibt, um tief durchzuatmen, die Lücke, die in allen Farben der Welt leuchten kann und in allen Formen daherkommt. Die mehr gibt, als dass sie nimmt, die auch mit Gefühlen in den Ring tritt, aber oft mit solchen, die uns wachsen lassen, in die Höhe und in die Breite.
Meine Selbstporträt-Serien bestehen derzeit aus wilden Remixen aus analoger und digitaler Fotografie. Ich arbeite mit altem Filmmaterial, schaue, was das Material aushält (pushen, viel Licht, wenig Licht), entwickle es dann in der Dunkelkammer – zu lange, zu kurz, mit verschiedenen Temperaturen. Ein interessantes Experimentieren mit dem Zufall. Zusätzlich arbeite ich digital, um das Thema nicht aus den Augen zu verlieren, um mich bei der Selbstinszenierung zu beobachten, um den Raum offen zu halten, den der Zufall auch schließen könnte.
Linda und Dzevad Karahasan inspirierten mich zu dieser Serie. Und ich mich selbst. Weil ich „Schlaf" auf meinen Zettel mit den zehn Worten geschrieben hatte – als zehntes und damit letztes Wort. Aber eines nach dem anderen.
Masse. Volumen. Schwerkraft.
Nicht leicht, nicht gefällig, nicht mühelos.
Und: nicht zu übersehen.
Körper hat Stand. Körper nimmt Raum. Körper bleibt: eindrücklich.
Haut über Fett, gewichtig an Hüften und den Schenkeln.
Mädel dreh dich. Aber sachte.
GELB
Galle und Glorie. Schwefel und Krankheit. Gift und Schande.
Wille, Kraft, Selbsterkenntnis. Ekel, Gier und Lust. Sehnsucht, Eidotter, Rausch.
Verrat. Feigheit. Gelbsucht. Judenstern.
Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie blickst du auf mich? Wie formt sich mein Sein für das Außen?
Gewänder? Präsenz? Körper(form)? Stimme? Spiele ich auf der Vorderbühne oder ist meine Rolle die der Beobachterin auf der Hinterbühne?
Es ist bitterkalt, als wir durch das Gartenzimmer ins Freie treten. Die Schneedecke unberührt, die Luft feucht und für einen Nachmittag viel zu dunkelgrau. Die mitgebrachte Lampe kann ein wenig Licht leuchten lassen auf den Körper, auf den Menschen, auf das Sein.
Da stehen viele Betten in diesem Sanatorium. Eines neben dem anderen. Sie bilden horizontale und vertikale Reihen. Gleich einem Schachbrett. Doch es sind immer noch nicht genügend Betten in diesem Sanatorium. Bettenknappheit für all diese Malaise.
Das Sanatorium liegt nicht wie beim berühmten Mann auf einem Berg, der zaubern kann, es befindet sich inmitten eines Nichts. Keine Wälder. Keine Moore. Keine Wiesen. Keine Seen. Keine romantische Naturidylle drumherum. Dafür Beton und Stahl und Gewimmer und Gejammer. Nicht, weil das Selbst der Insassen mitleidig ist. Nein. Der Schmerz schmerzt. Und niemand besucht sie, die Schmerzvollen. Sie sind so gefüllt mit diesem Stoff, dass ihnen von Zeit zu Zeit der Atem stockt, der Leib zuckt, die Windungen hinter der Stirn zu einem Kurzschluss verschmelzen. „Besuchst du mich?“ — niemand antwortet: „Ich glaube nicht.“ Der verletzende Schmerz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch die der Schmerzvollen. Gerade ihre.
Der Rausch läuft die Kehle hinunter. Dunkles, trockenes Rot oder zähes, milchiges Weiß. Lieber Genuss und Verdichtung als diese erzwungene Leere. Die hohlen Worte der Leute. Wie die Höhlen der maskierten Larve. Diese Worte. MIT wenig Witz, wenig Eloquenz, wenig Schönheit, wenig Wahr, wenig Echt, wenig leisen Tönen, wenig Poetik. Dafür viel Moral, viel Halbwissen, viel Nachgeplapper, viel Unkonkretes, viel Schattenloses, viel Angst, viel Laut, viel Wollen, viel Anpreisen, viel Schnell, viel Banal.
Ich habe einen Raum der Unvernunft erschaffen. Der Raum ist nicht sehr groß – braucht er auch nicht zu sein. Alle Türen sind verschlossen. Wenig Licht dringt hinein; die Gardine der Großmutter, diese hübsche, hält es zurück. Alle Fenster sind geschlossen, damit die Realität der Straße nicht hineinkriechen kann. Der Raum ist erfüllt von: es darf, es kann, es muss, es ist. Eintritt nur mit Einladung. Spärlich ist er ausgestattet. Wenig Spielzeug. Hier darf alles gedacht, alles gesagt, alles gewünscht, alles gewollt werden. Die Unvernunft als Grenze und Möglichkeit. Gewollte Narrheit.
l o s tost L SO T ʇsᴉ⅃ Als sie damals zum ersten Mal ins Tiefland hinabstieg, wusste sie gar nichts von der Macht, die die Tiefe auf alles in der Zukunft Liegende haben würde. Als sie sich damals, von Rodin inspiriert, in Alighieris Hölle umschaute, ahnte sie noch nicht mal ansatzweise, dass die Angst in der […]
Schon als sie ein kleines Mädchen war, betrachtete sie mit ihrer Oma die alten schwarz-weißen Fotos mit gezacktem Rand aus der Hauswirtschaftsschule der späten 1930er Jahre. Auf diesen Bildern standen junge Frauen nebeneinander, schauten gezwungen freundlich in die Kamera. Sie trugen weiße Schürzen über Röcken, die die Knie bedeckten. Dabei hätte ihre Großmutter lieber Abitur gemacht. Doch ihr Geschlecht gab nur eine Richtung vor: Richtung Ehefrau, Richtung Mutter, Richtung Haushalt. Kochen, Nähen, Betten machen. Klug und wirtschaftlich einen Haushalt führen – das wurde in dieser Schule gelehrt.
Johann Wolfgang von Goethe: »Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden.« André Breton sagte einst, Schönheit soll erschütternd oder gar nicht sein! »Schönheit ist Schrecken. Wir wollen verschlungen werden von ihr […]« – Donna Tartt, Die geheime Geschichte“ Sie erschrickt (ziemlich) oft.Weil sie sich alleine wähnt (in ihrer Welt).Weil die Musik oder die Worte aus […]
Wir hatten ein Date, weil ich es so wollte.Das schrieb ich dir auch genauso,in kurzen Sätzen,plus einer Beschreibung,wie du mich finden würdest. Welche Kräfte vorher gewirkt hatten,weiß ich nicht genau.Aber ich ahne es. Ich wollte keine Blumen von dirals Willkommensgruß,sondern Kuchen zum frisch gebrühten Kaffee(und du trankst eine Menge davon!). Als du ankamst, warst du […]
Der Spielling sitzt am Harmonium.Sein graziler Oberkörper schwingt in der Dunkelheitwie ein Pendel hin und her.Sein starker rechter Fuß stampft auf einen Tretschemel,der andere ist gerade außer Betrieb. Seine schlanken Finger ziehen an den Registern –für die Klangfarbe seiner magischen Töne –oder berühren die weißen und schwarzen Tasten,streicheln sie, schlagen sie, hämmern, klopfen, hauchen.Abwechselnd. Das […]
Die Künstlerinnen in der Ukraine machen weiter, „einfach“ immer weiter. Jeden Tag. In Sumy, in Dnipro, in Charkiw, in Kiew, in all den anderen Orten. Auch nach Raketenangriffen, auch nach Toten und Verletzten und Verlust, auch nach Schmerz und Verzweiflung, auch nach Zerstörung, Wut, Kraft- und Hoffnungslosigkeit. Jeden einzelnen Tag zollt mir dies Respekt ab. […]
1990.
Der Heldentenor – mein Protagonist – hängt seinen blauen Tannhäuser-Mantel – er ist leuchtend blau, mit Gold abgesetzt am Kragen und der Knopfleiste – an den Garderoben-Nagel. Für immer. Nie wieder Oper. Nie wieder Richard Wagner.
Kein sichtbares Beben der Aufruhr – sondern der Moment, in dem der Raum nicht mehr das war, was er zu sein schien. Ein Verwirren der Perspektiven, ein Rauschen im Kopf, das keine Form annahm und doch alles in Bewegung hielt. Und als der Vorschlaghammer erneut auf den Boden schlug, wusste niemand mehr, was noch stand oder was bereits gefallen war. Gefallen, verschlungen, wieder ausgespien in eine andere Welt, in ein anderes Sein. Neu atmen lernen, neu sehen lernen, neu hören lernen. Luft herauslassen aus dem Dauer-Spannungsbogen. Licht fressen, damit endlich der Hunger gestillt. Schatten trinken, damit das Untergehen gestoppt. Münzen zählen, dass der neue Unterschlupf bezahlt.
Hast du den vollen Mond der vergangenen Nacht auch angestarrt, so wie ich? Hat dich der volle Mond in seinem tiefen Orange genauso kirre in die Nacht entlassen, so wie mich? Hat dich der volle Mond auch daran erinnert, wie wir beide einst an unseren Fenstern standen, um ihn gemeinsam durch das Telefon anzuheulen?
Ihre Drahtfüße, an Porzellanbeinchen, steckten tief im Emailleeimer mit der heißen Asche. Der Kohleofen hatte die Asche in den Morgenstunden ausgespien, nachdem er in der noch kalten Nacht langsam und bedächtig seine schöne Wärme abgegeben hatte. Der Frühling würde bald in das Leben einziehen, die Sonne schickte an den Tagen schon kräftige Strahlen aus dem Universum. Doch in den Nächten hatte noch immer Väterchen Frost das Sagen.
Che Guevara oder Napoleon, Dandy oder Pierrot?
Er schwebt. Ein roter Lichtkegel umfließt ihn, sein Körper baumelt an einem brüchigen Seil, das nicht hält und doch nicht reißt. Die Menge unten atmet flach, hält inne, aber er hört sie nicht. Vielleicht existiert sie nicht. Vielleicht existiert er nicht.
Die Zeit ist heruntergefallen, und sie ist rot. Sie liegt auf dem Teppich, breitet sich aus wie ein sanfter Schimmer. Der Teppich, tiefrot und fest, verankert die Minuten im Hier und Jetzt. In der Mitte des Raumes ruht ein Thron, ebenfalls rot, mit Polstern, die Geschichten erzählen. Er atmet Stille, während die Zeit sich ausdehnt.
Im engen Raumbrennt ein Sternunter kaltem Licht,funkelt gegen Dachschrägen. Rot peitscht durch die Adern,doch die Kälte schneidet tiefer.Es schneit durch die Luke,das Weiß legt sichnur auf die Haare,die Haut bleibt nacktwie ein offener Nerv. Zart krallt sich an Wände,hart schlägt der Atem.Energie zuckt, zwart, ein Funke ohne Halt,verheddert in der eigenen Existenz. Der Stern hängt […]
Winter liegt trüb über der Stadt, ein Mantel aus Schnee, der die Dächer bedeckt und die Gassen in Blässe hüllt. Die Fenster der alten Häuser stehen schief in ihren Rahmen, die Scheiben gefroren. Draußen, jenseits der Glasscheiben, recken sich die Dächer gen Himmel, die Simse beugen sich unter der weißen Last. Der Putz bröckelt von den Wänden, der Wind pfeift durch die Ritzen. Die Fenster gleichen toten Augen, leere Blicke in einer Welt aus erstarrtem Frost. Die Stadt friert. Die Stadt hat Sorgen. Sie atmet aus. Sie stöhnt. Sie lächelt gequält. Der Wind kommt von Ost. Bringt nichts. Nimmt nichts.
Manchmal schlafen zart und hart ganz dicht nebeneinander.
Manchmal zerreißt ein Raum, um erst recht seine Schönheit zu entfalten.
Manchmal greifen die wilden Flammen um sich, um verbrannte Erde zu hinterlassen.
Manchmal gerät die Melodie einfach aus dem Takt.
Manchmal steht es auf einmal Spitz auf Knopf.
Manchmal bleibt dann ein Herz einfach stehn.
Manchmal ist das Gestern traurig, das Morgen aber noch viel mehr.
Manchmal schwimmt das „Es war einmal …“ im Tränenmeer.
Manchmal ist das Jetzt ergeben und langweilig.
Manchmal braucht das Pflänzchen eine Vision.
Manchmal will das Beil nur Blut sehn.
Manchmal kämpft sich die Kraft wieder heraus auf dem zerrissenen Mantel.
Manchmal passt sich das Schuhwerk an die geschundenen Füße an.
Manchmal springt das Licht durch die Decke.
Manchmal erstickt der Schatten im Keim.
Manchmal zieht sich die Schlinge fest um den Hals.
Manchmal lacht das vibrierende Blatt der Säge.
Manchmal hat alles mit allem zu tun.
Manchmal hat sie das einfach vergessen.
S CHATTEN: Bekannte Tiere An der Wand ihrer Geschichte Die Jahre Kerben im Fleisch GESTERN Ein ausgebrannter Zirkuswagen Sie streichelt ihre Konturen ohne Angst Der Körper eine Frage ohne Antwort noch
a:u:f:g:e:k:r:a:t:z:t und ent//rückt: fragmente skurriler brüche (II)
Ein tiefschwarzer Raum ohne Anfang, ohne Ende. Lautlos beginnen sich die Konturen zu verändern. Wände verschieben sich, Türen erscheinen und verschwinden wieder. Der Raum dehnt sich aus, faltet sich, vervielfältigt sich – Dimensionen entstehen, überlagern sich, zerfallen wieder. Die Schwärze wird durchzogen von Grautönen, flüchtigen Schatten, die für einen Moment Bestand haben, nur um dann zu verglühen. Flash. Wieder Dunkelheit. Schwarz. Weiß. Hell. Dunkel. Ein flackernder Rhythmus. Begrenzungen lösen sich auf, die Wände fließen ineinander, als würde die Wirklichkeit selbst Wellen schlagen. Dimension um Dimension wird geboren, jede will sich behaupten, will bleiben – doch keine kann die nächste aufhalten. Du bist mittendrin, Teil dieses ständigen Wandels, dieser unaufhörlichen Entwicklung. Und aus diesem Spiel von Licht und Schatten, von Sein und Nichtsein, entfaltet sich eine Welt, die zugleich vertraut und unbegreiflich scheint.
Zwischen-Räume. Zwischen-Zeiten. Zwischen-Menschen.
Ein Tänzeln zwischen dem, was war, und dem, was niemals sein wird.
Abgewandtes, Gesenktes, Instabiles. Der Raum ist grell erleuchtet – das Licht stark und unerbittlich, es schneidet, blendet, frisst die Schatten.
Diese Geschichte besteht aus drei Strängen: drei Strängen, die auch die Großmutter unterteilte, wenn sie der erstgeborenen Enkelin einen Bauernzopf aus den dünnen Haaren flocht und ihn um den kleinen Kinderkopf legte. Das Mädchen liebte diese intimen Momente mit ihrer Omama. Strang Nummer eins nimmt im August 1980 seinen Anfang. Zu diesem Zeitpunkt lernte die Enkelin Mischka kennen, das Maskottchen der Olympischen Sommerspiele in Moskau. Sie war noch ganz, ganz jung, und eigentlich ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sie sich so genau an dieses große Sportereignis und den niedlichen Bären erinnern konnte, wie sie es behauptet. Wollen wir ihr aber mal glauben. Seit diesem August 1980 begleitet Mischka sie in ihrem Leben, ebenso wie die Matroschka, der Wolf und der Hase sowie andere sowjetische Artefakte. Auf ihren Reisen durch Osteuropa trifft sie diese regelmäßig wieder – in allen möglichen Daseinsformen: auf Plastiktüten und Buttons, als Lampen und auf Wasserbällen. Es gibt nichts, was es nicht gibt – fast immer „billiger“ Plastikkram zu horrenden Preisen. Der Rubel muss eben immer weiter rollen.
Zwei Menschen werden geboren. Zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Ländern. Den beiden sind (mindestens) drei Dinge gemein: Ihre Mütterchen hatten bereits Töchter auf die Welt gebracht, sie sprechen dieselbe Sprache und – sie verlieren etwas: nämlich ihr Land. (Vorerst) Ihre Identität. (Vielleicht). Ihre Heimat. (Wer weiß?) Auf unterschiedliche Weise. Einmal sogar zweimal.
Zwei Jahrzehnte liegen zwischen ihren Geburten. Zwei Jahrzehnte voller Irr und Wirr. Zwei Jahrzehnte, die dazu führen, dass aus Siegern moralische Verlierer werden. Zwei Jahrzehnte, in denen ein ganzes Volk von einer Seite auf die andere Seite wechselt. Vom Opfer zum Täter. Zwei Jahrzehnte, die vielleicht alles, aber vielleicht auch nichts ändern.
In einem Raum ohne Ecken und Wände, einem endlosen Labyrinth aus Grau, kämmt eine Gestalt das Haar vor einem Spiegel, der kaum etwas zurückwirft. Die Bewegungen sind mechanisch, als ob der Körper ein Eigenleben führt, losgelöst von dem, was einst Geist genannt wurde. Luftnot füllt die Lungen mit einer unsichtbaren Last, Gedanken sind gefangen im Gefängnis, welches keine Gitterstäbe braucht. Erinnerungen, trügerisch und unbestimmt; war die Gestalt einst Mensch oder Tier? Wer ist sie jetzt? In Träumen erscheint sie als Insekt, das über den Boden kriecht, ringend nach einer Freiheit, die nicht existiert.
Außen Materialschlacht, innen Rückzug, Einkehr in die Kathedrale der Gedanken, Gefühle, Gespenster. Die Schlacht implodiert und findet ihren Höhepunkt in der Stille. Sie hört die gesprochene Botschaft: Ich bin so traurig, ich bin so traurig. Die Stimme ist leise und sanft. Der Wortrhythmus gleichmäßig. Sie weiß, was die Stimme ihr sagen will. Sie weiß. Sie weiß. Aber sie ist jetzt auf einem anderen Meer unterwegs. Sie spürt die Kraft der anderen Wellen und den Druck der anderen Tiefe. Er ist wieder frei. Aber in der Freiheit lauert wieder die alte Plage. Er ist zurück in der Heimat, die schon vorher keine Heimat mehr war. Die Zwischenstation nun geschlossen, zurückkehren als Ausweg, eine Einbahnstraße der Selbstbestimmung. Sie akzeptiert. Aber die Angst ergreift den Körper. Wie ein wabbeliges Plastikgeschwür breitet sie sich zwischen Bauchnabel und Haarwurzel aus. Angst macht Angst. Akzeptanz und Angst. Eine wilde Mischung. Auch in einem Leben, das eingeschnürt ist, bleibt Raum für den Genuss. Er genießt. In seinen Träumen. Das Leben ist Schicht auf Schicht auf Schicht. Unendlich. Es hört nicht auf zu wachsen. Es wächst in all seinen Dimensionen. Wohin verstecken wir unsere Ängste?
Das Zimmer leuchtet. Die April-Abend-Sonne gibt so viel Kraft in den ausklingenden Tag, das es durchaus Mai sein könnte, mindestens, Denke ich. Die Stimmung ist gut.
Klingt belanglos. Ist's aber nicht, denn schwierige Themen wurden verhandelt in den letzten Stunden. Nein, keine schwierigen Themen, sondern schwere Themen. Manchmal müssen Worte genau sein! Was ist passiert in den ersten 1000 Tagen des Seins? In ihrem Leben? In meinem Leben?
Da ist viel, was uns verbindet, mehr als ein Jahrzehnt schon – überschwängliche Emotionen zum Beispiel oder der Hang zum Weiterdenken, eine unstillbare Neugier, das viel-zu-Viel manchmal, Freiheitsliebe, Rückzug, der Fokus auf unsere Körper, sich ausdrücken zu wollen, die Sehnsucht nach Welt … unsere wichtigste Gemeinsamkeit jedoch ist die Großliebe zum Wasser.
Zum ersten Mal diskutierten sie über ihren persönlichen (nicht)Glauben, als seine Frau Mutter die irdische Welt verlassen musste. Sprachen in ihren Rollen als irischer Boy und ostdeutsches Girl. Ungläubigkeit in vielen Momenten, beidseitig. Mehr Fragen als Antworten. Erziehungsmethoden. Kulturprägung. Erweckungserlebnisse. Nun kam sie gerade zurück von einer Reise, einem Stück Land, das sich durch starken christlichen Glauben prägte und heute mehr denn je identifiziert. Seine irische Heimat ist mit 'ner Menge Spiritualität aufgeladen, Glaubenskriege haben die seinen geführt, noch nicht so lang ist's her. Von den Skandalen der ansässigen Kirchen ganz abgesehen. Ihre ostdeutschen Gehirnareale wurden mit Marx, Engels und Lenin, vielleicht noch den klugen Sätzen von Frau Krumpholz, ihrer ersten Deutschlehrerin, gefüttert.
Filmsuppe und andere analoge Fotografie-Spielereien
yStolpern oder kriechen? Oder einfach üben und wie eine Braumeisterin die besten Rezepte für die neuen analogen Prozesse finden? Das kreative zweitausendvierundzwanzig will (noch) nicht richtig in Fahrt kommen, thematisch zumindest. Es fällt mir ziemlich schwer, das Thema des letzten Jahres loszulassen. 1923 war so ein Reichtum, lange habe ich nicht geschafft, alles abzuarbeiten, was hätte noch Raum einnehmen können. Nun bin ich da in 2024 und kann mein neues Jahresthema noch nicht spüren. Bereits seit letztem Oktober hatte ich Ausschau gehalten, und ziemlich schnell "JA" gesagt, als DAS Thema mir begegnete. Theoretisch ist ES also schon da, liegt vor mir in großen Lettern, aber im Herzen hat's sich noch nicht eingenistet. Und so lasse ich meinem neuen Jahresthema die Zeit und den Raum, um sich in Ruhe zu entfalten, größer und wichtiger zu werden, damit ich hoffentlich bald anfangen kann, mit ihm zu arbeiten. Bis dahin lerne und lehre ich.
Ein Jahr voll 1923er Gedanken. Ein Jahr 2023. Ein Jahr erschaffen, denken, leben, fühlen auch. Ein heftiges Jahr. Als ich am 1. Januar 2023 am Grabstein meiner Großmutter stand, hätte ich mir nicht ausdenken können, was in einem Jahr alles stecken kann. So viel Kraft. So viel Energie. So viel Veränderung. So viel Leid. So viel Traurigkeit. So viel Wucht. So viel Unbehagen. So viel Rausch. So viel Bewegung. So viel Erstarren. So viel Herz. So viel Neu. So viel Nähe. So viel Naivität. So viele Farben. So viele Dimensionen. So viel Rhythmus. So viel Groteske. So viel Melancholie. So viele Tränen. So lautes Lachen. Krieg. Monströse Begegnungen. Loslassen. Entdeckungen. Erwartungen. Enttäuschungen. Tanz und Tod. Blick und Distanz. Witz, Diabolik, Sinnlichkeit. Zerstörung. Wut. Magie. Ich. Mir. Mich. Mein. „Zum Kotzen schön“ (Otto Dix)
Licht und Schatten. Wir blätterten zusammen in einem Buch herum mit genau diesem Titel. Simon erzählte von der neuen Staffel von Babylon Berlin, ich trennte mit meiner Kuchenkabel ein Stück Teig vom Obst. Es war Simons zweiter Selbstgebackener. Ich hatte schon ein paar mehr gebacken im Leben, aber keiner war so lecker. Unsere großen Türkenpötte […]
Die Zauber sind verschwunden,
die Mythen im Schlaf versunken.
Wer soll sich ihrer erinnern ...
Nackt in ihrer Angst, liegt sie da, im Meer, die Insel der Ägäis.
Schönheit hat aufgehört der Gewalt zu dienen.
Die Masken – gefallen.
Parallelität. 1923. 2023.
Zeit. So flüchtig manchmal. So zäh oft. So gleich. So ähnlich. Wiederholungen. Kann Zeit sich überhaupt wiederholen? Nein. Nur Ereignisse in Zeiten. Ereignisse sind gekoppelt an ihre Zeit, im ersten Anschein. Beim genauen Hinsehen. Mehr. Zeit läuft nur in eine Richtung. In unserer Welt schon. Dennoch. Alles ist wahr. Alles ist falsch. Und manchmal ist da nur ein Gefühl von parallelen Ereignissen.
Die Alte liegt auf einer Bank am Rande einer mit Gänseblümchen übersäten satten Wiese. Als ich näher an sie herantrete, setzt sie sich auf, legt beide Hände vor ihr Gesicht und beginnt zu schluchzen. Innerhalb weniger Momente sind ihre Hände Tränen-nass, es tropft laut auf das Weich der Wiese. Ich wundere mich erst ob der Situation, dann verstört sie mich. Mir verschlägt es kurz den Atem und lang die Sprache. Kein Wort will mehr über meine Lippen kommen. Mein Herz stolpert. Meine Augen füllen sich mit den Wassern der Meere. Mein Sein ist geladen, emotional aufgeladen, durch den Kummer der Alten. Plötzlich schaut sie mich an. Aus dem Nichts erscheint das schönste Lächeln, das meine Augen bisher erblicken durften. Ich schüttele ungläubig den Kopf. "Mein Mädchen, spiel mit mir!"
Diese Kamera hat mir mehr über die Fotografie erzählt, als jedes Buch, jeder Mensch, jede Reportage ... Ihr Name ist und war für mich Programm! Dabei wusste ich, als ich sie während der Pandemie erwarb, nicht viel oder gar nichts über Großformatkameras. Ich wusste nur, dass ich lernen wollte, Wetplates anzufertigen. Dafür brauchte ich ein analoges Gerät. Schnell packte ich Gelegenheit am Schopfe, in einem Forum erstand ich eine gebrauchte Mentor Studio, die irgendwie in den Westen von Deutschland gereist war. Ein wenig probierte ich mit Wetplates herum, stellte aber schnell fest, dass diese Art der Fotografie nichts für mich war, zu langsam, zu chemisch, zu anstrengend. Nun stand die Kamera herum. Bis ich Karoline Schneider aus Berlin auf einer Ausstellung traf. Von ihr waren dort Wetplates und Papiernegative zu sehen, von mir Polaroids. Wir begegneten uns im analog kreativen Raum. Diese Begegnung schätze ich bis heute so sehr. Weil Karoline mich fragte, warum ich nicht einfach Fotopapier in die Kassetten legte, um diese direkt zu belichten und anschließend in der Dunkelkammer zu entwickeln? Ja, warum eigentlich nicht?
Meine Großformatkamera heißt: Studiokamera Mentor (13 x 18 cm) und wurde zwischen 1966 und 1970 in der DDR hergestellt. Mit ihr fotografiere ich direkt auf analogem Fotopapier. Diese Kamera war im wahrsten Sinne meine Mentorin. Hat mich gelehrt, mich zum Schwitzen gebracht, mich immer wieder dazu gezwungen, regelmäßig zu üben. Eine fantastische Lehrerin, die Kamera. Ich eine wissbegierige Schülerin!
oder // Der süße Schlaf auf der Moosdecke Dann also liege ich unter dem Moos, oben auf der eingebrachten Beute, umflossen von Blut und Fleischsäften, und könnte den ersehnten Schlaf zu schlafen beginnen. Nichts stört mich, niemand ist mir gefolgt, über dem Moos scheint es, wenigstens bis jetzt, ruhig zu sein, und selbst wenn es […]
Das Jahr 1923 bringt so viele Überraschungen mit sich, dass ich immer wieder gleite von jetzt nach damals und versinke in der anderen Zeit. Überall auf der Welt passieren Unglaublichkeiten, denen eine Recherche zusteht. Doch meine Zeit ist begrenzt. Meine bisherigen 1923-Reminiszenzen: Zu Lebzeiten schillerte der Pharao eher grau, im Tode vergoldete sich sein Sein. […]
ICH habe das Gefühl, ICH möchte etwas sagen beziehungsweise schreiben. Um meine Aussagen zu bündeln, geschieht es an dieser Stelle und nicht in den sozialen Medien. In den vergangenen Wochen geschahen verschiedene Ereignisse, die zu diesem Wortausbruch führen. Im Grunde kreisten diese Ereignisse immer um ähnliche Themen. Was ist Kunst? Was kann Kunst? Was darf Kunst? Wie gehe ich als Rezipient*in mit Kunst um? Wie stehe ich als Künstlerin zu alledem? ICH gebe hier jetzt keine abschließenden Schlüsse und Gedanken, sondern nur das wieder, was mein sogenannter Status Quo ist. Auch ich entwickle mich weiter oder sehe das ein oder andere demnächst vielleicht anders. Dies soll auch kein Vorwurf sein an die Menschen, die mit dem Ausbruch der Worte verquickt sind. Im Gegenteil. Ihr helft mir, klarer zu werden. Und ihr helft mir vor allem darin, auch klarer das zu kommunizieren, was für mich sowieso klar ist! Aber eines nach dem anderen …
Es hatte noch einmal geschneit. Und das in der Mitte des Märzes. Dabei war ihr Herz doch bereits auf Frühling und dessen Duft eingestellt. Stattdessen also weiße Flocken en masse, die Wege und Straßen glatt puderten. Das Geräusch des Schneeschiebers weckte sie. Sie sah durch das Fenster diesen Himmel, der klar machte, it's wintertime. Genau wie der Himmel klar machen konnte, dort ist ein großes Wasser. Nun also Winterlandschaft. Sie saß auf dem Klo, schob die Jalousie nach oben (sie war die Einzige in der Familie, die das tat) und schaute den Menschen nach, die mit Schirmchen umher rutschten. It was time for winterdancing. Sie dachte über ihre wintertime-Garderobe nach. Natürlich hatte sie diese, aber nicht dabei. Sie war mit Turnschuhen und Jacke in die Heimat gekommen. Keine Stiefel, keinen Schal, keine Mütze, keine Handschuhe, dafür Rock und Strumpfhose.
Da sind Orte, Räume, Plätze.
Da sind Menschen.
Nur in wenigen Fällen passen diese wirklich zueinander. Spüren sich wechselseitig, lassen Weite zum Atmen, reiben sich aneinander ab, wachsen zusammen.
Räume, Orte, Plätze sind geübter als Menschen. Meist. Oftmals hatten sie einfach mehr Zeit zu lernen, zu spüren, verschiedene Menschenarten auszuprobieren. Ob gewollt oder ungewollt. Viel öfter ungewollt, natürlich. Der ungewollte Mensch im Raum. Wie fühlt dieser sich an? Was macht das mit dem Raum? Wann ist Raum ein eigener Raum? Welche Zustände lässt Mensch des Wohlstandes zu am Raum? Dann, wenn dieser vorzeigbar im Hochglanzkatalog erscheinen könnte? Dann, wenn dieser sauber, aufgehübscht ist, in den Zeitgeist passt?
Hast Du schon einmal den Hunger verloren? Ich noch nie. Oder doch? Wenn, dann nur kurz. Aber von welchem Hunger sprechen wir denn überhaupt? Den Nahrungshunger? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich mal hungrig war in den letzten Monaten. Es ist doch immer so viel Essen um mich herum. Schlaraffenland.
nähre mich. ich verhungere. beschütze mich. ich hungere. fülle mich. ich verhungere. in mir macht sich eine leere breit. sie wächst. wie ein furunkel. sie schmerzt. wie der gebrochene knochen. ich krampfe. ich kann nichts mehr sehen. ich erblinde. ich habe hunger. mein körper bläht sich auf. blitze im kopf. ich ver-rücke. nähre mich. fließe durch meinen schlund. in mich hinein. wärme mich. hilfe. ich verhungere. mein geist oszilliert. ich werde panisch. ich habe solchen hunger. komm endlich wieder zu mir. in mich. ich reibe mich auf. gedanken schwirren um dich. es existiert nur noch mein hunger. nach dir. ich ver-rücke mehr und mehr.
Identität, Schönheit, Selbstausdruck (1923 // 2023)
Fantasievolle Verwebung dreier Frauenbiographien des 20. Jahrhunderts, angelehnt an die Leben der kroatischen Komponistin Dora Pejačević, der Lebefrau und Wienerin Alma Mahler-Werfel, der amerikanischen Tätowiererin und Schaustellerin Betty Broadbent.
Schwarze Gardinen (Schatten des Unvorhergesehenen)
Am 1. Januar 2023, das Jahr war erst wenige Stunden alt, stand sie am Grab der Großmutter. Martha. Marta, die das "h" einfach strich aus ihrem Leben. Marta. Deren Hochzeitskette sie an besonderen Tagen um den Hals hängte, um Omama nahe zu sein. Marta, die 1923-geborene. 100 Lebens-Jahre würde Marta 2023 feiern, wenn nicht der Tod dazwischen gekommen wäre in den frühen Stunden eines 1. Januars vor fast zwanzig Jahren. Damals wurde sie geweckt durch das Telefon, Silvesternacht-verkatert horchte sie erst den sanften Worten des Onkels. Danach lag sie nur noch bewegungslos da und schrie. Mehrere Stunden dauerte dieser Zustand an bis die guten Menschen aus ihrem Schutzraum sie beruhigen konnten. Damals breitete sich der Schmerz wie ein bleierner Schleier über sie aus und blieb ein paar Jahre. Sie kannte den Schmerz. Seitdem sie ein kleines Kind war. Aber dieser Schmerz war anders. Er schoss bis tief ins Mark. Eine Liebe starb. Vor ihren Augen. Eine Liebe, die vom ersten Tag ihrer Geburt liebte und liebte und liebte. Eine Liebe, die andere starke Lieben überlebte. Eine Liebe, die es prägte, ihr System von Werten und Normen.
Zwei Fotosezionen aus dem November miteinander verwoben Zu sehen zwei Frauen, ihre Namen beginnend mit einem A. Zehn Jahre liegen dazwischen. Eine Dekade, ein Jahrzehnt, ein Dezennium. 2012. 2022. Im alten Rom feierten die Herren Decennalia. Ich feiere auch. Mich. Freiheitlich. Freischaffend. Mit unendlich großer Kampfeskreativität. Stetig. Stoisch. Stolz.
Das dünne Mädchen entdeckte die kleinen Wasserfontänen in der Nähe des Zaunes als Erste. Das Einöden-Eckhaus versprühte das kostbare Gut über den kurzen, grünen Rasen. Das dicke Mädchen folgte ihrer Freundin. Sie wuschen sich ihre staubigschwarzen Hände in den schmalen Strahlen. Danach sammelten sie das Nass in ihren Handkrügen und führten diese zu ihren gierigen, ausgetrockneten Mündern. Dick und Dünn quälte der Durst. Die vergangenen Stunden verbrachten die Mädchen zusammen in den sengenden Sonnen-Schatten der ehemaligen Einöden-Fabrik. Der Schornstein thronte dabei über ihrem Spiel.
Manchmal ziehen Fischchen ihre Kreise ziemlich weit, zum Laichen legen sie nämlich Kilometer um Kilometer zurück. Der Schwarm bewegt sich, immer. Macht Strecke. Keine Energie rausnehmen, mit Volldampf voraus. Wer steht, der geht. Oder so ähnlich. Auch meine Fischchen haben eine interessante und lange Reise hinter sich. Nicht zum Laichen sind sie nach Mitteldeutschland gekommen. Nein. Nur auf Wunsch einer einzigen Dame. Weil sie sich in dieser kleinen August-Mittagsgasse Camoglis schockverliebte in diese herrlichen Tierchen.
“Wie heißt denn deine Puppe?”
Einfache Frage.
Die Antwort für mich selbst ernüchternd.
“Sie hat keinen Namen.” Danach Schweigen. Ich überlege.
War das schon immer so? Meine längste Begleiterin im Leben eine “madame without a name”?
In meinem Schlafzimmer sitzt noch eine original DDR-Babypuppe, nur ein paar Jahre jünger als der Lockenkopf. Ich weiß noch, sie kam an einem Weihnachtsfeste zu mir. Wie das Jesuskind. Sie blieb immer namenlos, auch. Vielleicht nannte ich sie “Baby”.
Das ruhige Lichtspiel fasziniert, bevor er, der Sturm, aufzieht. Es sieht aus, als wenn ein blau-anthrazitfarbener Deckel auf einem hellen Schnellkochtopf sitzt. Der Deckel thront erst über dem Topfe, unter ihm blitzen Farben anmutender Schönheit heraus, dann stülpt er sich über, wächst und begräbt den Topf ganz unter sich. Blau wird zu Schwarz und pustet die Helligkeit hinweg. Nur noch Flecken der Leichtigkeit im Universum. Aus Pusten wird Wehen wird Stürmen. Wird Orkan. Ruhe vorbei. Raus aus der Starre. Aus Bunt wird monochrome Schönheit. Aus Stabilität Wanken. Auf Sicherheit folgt Unruhe. Aus der sanften Hügeligkeit des Meeres wachsen Wellen.
Auch tote Götter regieren. Auch Unglückselige bangen um ihr Glück. Traumsprache. Vergangenheitssprache. Hilft mir heraus, herauf aus dem Schacht, weg von dem Geklirr in meinem Kopf, warum höre ich das Klirren von Waffen, kämpfen sie denn, wer kämpft, Mutter, meine Kolcher, höre ich ihre Kampfspiele in unserem Innenhof, oder wo bin ich, wird denn das […]
Manche Freundschaft fühlt sich im Sommer anders an, genauso wie das Wetter, dass im Sommer verrückter spielt und seine Kräfte walten lässt. Manche Freundschaft nährt sich durch Tradition. Die Sommerwochen sind mir ein Vergnügen, Wohnung und Atelier ein Taubenschlag, Menschen gehen ein und aus, bleiben, feiern, essen & sind. Das macht mich lächelnd. Zwei Sehnsuchtswilde […]
ebene wege mochte ich auch als kind nicht, habe nie verstanden, wofür ein lehrer verspricht, verfolgte immer das übersehene. durch regen und schlamm spürte ich die erdtiefe. ebene wege waren gehbar, aber ich lief hinter unmöglichen dingen her, ebene wege waren verfolgbar, doch meine spuren sollten sich im weltall verlieren. ebene wege mochte ich auch […]
Der Trilogie des Jahres 2014 zweiter Teil, der erste Teil Sausen & Brausen Er zog an seiner Zigarette, und in ihm waren wohl schon die Gestalten eines neuen Buches. Immer in der Anspannung, schien Josef sich ein Privatleben nicht zu gestatten. Er prüfte die Luft, aber Andreas schien, daß er es nur tat, um die […]
Überall im Jahr 2014 prangerte für mich das Wort "Mensch". In meinen Fotoworkshops mehr denn je, in Projekten, an denen ich noch regelmäßig arbeite und die irgendwann auch aus der Schublade an die Öffentlichkeit wollen, in meinem privaten Leben. Aber wie nähert man sich dem Mensch, dem Freund, dem Kollegen fotografisch am? Eine lehrreiche Aufgabe. Eine kommunikative Lehrstunde, ein Experiment. Ich weiß, dass sich meine Arbeitsweise von all den anderen Fotomenschen unterscheidet - das fotografische Gespräch hat sich für mich etabliert.
Getäuscht hat sich die Taube. Sie hat sich getäuscht. Um nach Norden zu fliegen, flog sie nach Süd.Sie glaubte der Weizen sei Wasser.Sie hat sich getäuscht. Sie glaubte das Meer sei der Himmel,die Nacht sei früher Morgen.Sie hat sich getäuscht. Die Sterne seien Tau,die Hitze Schneegestöber.Sie hat sich getäuscht. Dein Rock sei deine Bluse,in deinem […]
Ich gebe seit 1 1/2 Jahren Fotoworkshops zum Thema Fotografie und die Bedeutung, die diese „Kunst“ für mich und mein Gegenüber hat, in ganz verschiedenen Konstellationen, mit anderen Künstlern und/oder Freunden, meist in Berlin oder Leipzig. Die Workshops unterliegen einer Philosophie: Die wichtigste Botschaft in den Fotoworkshops ist die Aufforderung, eine gestalterische Position zu entwickeln. […]
" Es ist immer, wenn ich schreibe, der Punkt erreicht, wo ich mit mir selber (und das heißt auch mit dem, was mich umgibt) nicht mehr umgehen kann. Ich ertrage meine Sinne nicht mehr. Ich ertrage mein Nachdenken nicht mehr. Es ist alles so verstrickt geworden, daß ich nicht mehr weiß, wo die äußeren Dinge anfangen und aufhören. Ob sie in mir sind, oder ich in ihnen. Es brechen Stücke Welt heraus, als hätte ich alles geschluckt, was ich nicht tragen kann. Und dann gibt es später diese Sätze. Schwarz auf weiß, wie ein Kleidungsstück, in dem man selber nicht nicht drin ist." Herta Müller
was siehst du im spiegel? die wahrheit, das gegenteil, eine vermutung?wann bist du frei, wann bist du gefangen?bist du es selbst, der sich in die enge begibt?lebst du?
Offenbar erfordert das Zusammenleben von Individuen einige Gitterstäbe in ebendiesen Individuen. Die dunklen Kerker unserer Seelen, in die wir einschließen, was die dünne Schale unseres Menschseins bedroht. Ich verdränge täglich eine Flut von Ereignissen und Gefühlen, die mich demütigen und verletzen. Ohne diese Verdrängung wäre ich nicht fähig, am Morgen aus dem Bett aufzustehen. Gitter, […]
Ich glaube, dass die Angst, die man hat, wenn man an einem Abgrund steht, in Wahrheit vielmehr eine Sehnsucht ist. Eine Sehnsucht, sich fallen zu lassen – oder die Arme auszubreiten und zu fliegen. Isabel Abedi
Gedanken ohne Inhalt sind leer.Beschreibungen ohne Begriffe sind blind.Bewegung ohne Fokus führt in die falsche Richtung.Raum ohne Fenster und Türen hält gefangen.
Ich war betrunken vor Eurem KaminIch war alt genug, um zu verstehenIch sah Deine Hand, die die ihre sahBei mir ist heile Haut, wo eine Wunde warEs gibt Aufgaben, die zu erfüllen wärenDen Traurigen die Welt erklärenDass ich meinen großen gelben Vogel fandAls die kanadische Band ihre traurigen Lieder sang Walter & Hail (Tomte)
Die Angst.Lähmend. Angst. Sie tanzt über die Hautund hinterlässt rote Flecken. Diese Angst.Fordernd. Sie zieht den Körper zusammen,macht ihn eng,so eng,dass die Luft knapp wirdund nur durch ein kleines Ventilwieder neu in ihn hineinkriecht. Doch gut zu wissen,dass es dich gibtauf dieser Welt. Auch du sitzt im Dunkeln.Auch du denkst über das Jetzt nach.Auch du […]
Dies ist ein Anfang. Wie dieses Buch zu mir kam, keine grosse Geschichte. Aber dem Menschen, der es mir schenkte und der wundervollen Frau auf den Bildern ist diese Serie gewidmet. Und ja, vielleicht ist es ein Anfang für eine andere Art von Serie. Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen und danke […]
Wenn ein Künstler stirbt, hinterlässt er ein Werk, ein Gefühl, Trauer…
Als Nils Koppruch vor ein paar Tagen für immer ging, führte er mich dadurch in ein Wunderland voller Poesie und schöner Melodien. Natürlich kannte ich Fink, ich hatte auch schon die Platten von Gisbert gehört und die Kooperationen mit Tocotronic oder Fehlfarben beobachtet.
„Um meine Geschichte zu erzählen, muß ich weit vorn anfangen. Ich müßte, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück. Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie Gott […]