Antje Kröger | Fotokünstlerin

Wüst Geweiht

Posted by on Nov 27 2019, in Mensch, Welt

Wüst Geweiht Antje Kroeger

Sechs Kilometer in der Stunde schnell oder langsam schippert Hermine, die hübsche Hausbootgefährtin, Korppi und mich auf verschiedenen Wassern (flämische Flüsse, Nordsee, Elbe, Havel) nach Mecklenburg Vorpommern im deutschen Lande. Das ganze ein riesiger Zufall. Wir wollten gar nicht hinweg aus Belgien. Wir suchten dort doch nach des Raben Stimme. Aber es sollte eben anders kommen. So wie immer alles anders kommt. Erinnert ihr euch an diese Sturmnacht in Gent? Ich erzählte davon. Irgendwie hatten sich die Knoten gelöst. Kurios. Alle auf einmal. Einen Monat und sieben Tage dauerte unsre schauklige Reise bis sich die Knoten wieder festmachten. Kurios. Ich schlief. Korppi auch, nur etwas flatterhafter. Warum aber schickt uns Hermine an diesen Ort? Sollen wir hier Ausschau halten? Kurios.

Dieses Mecklenburg. Ich kenne es, ein wenig. Vorfahren. Vorvor(vor)fahren. Hanse, Preußen, französische Besatzung, Rheinbund… Urgroßvater lehrte mir als Kind ausschließlich Geschichte, Familiengeschichte. Als Kind hatte ich jedoch höchstens Ohren für Uromamas Zauberschule. Nur half sie uns, mir und Korppi, nein Korppi und mir, denn der Esel nennt sich immer zuletzt, hatte Mamama mir eingebläut, gerade auch nicht aus der Patsche. Noch immer ist er sprachlos. Nicht ganz, hatte mein Rabenfreund ja noch sein Lämpchen dabei. Doch wo sollen wir anfangen zu suchen hier in diesem Meckpomm? Zu allem Überfluss knickte mein stummer Gefährte auch noch um, als wir Hermine verließen, um in Richtung Wald aufzubrechen. Korppi sehnte sich nach natürlichem Habitat.

Wir schlendern zusammen. Ich mit ihm, er mit mir. Wir genießen uns, er mich, ich ihn. Dank seines Knickfußes marschieren wir im Gleichschritt. Korppi – der ansonsten so flinke Rabe, ich – DER behäbige Körper. Über Stock und Stein. Es nieselt. Es kältet. Wir rasten an der Wüsten Kirche. Ein Juwel im Juwel. Korppi an diesem Ort: sucht, findet, kämpft, leuchtet, trauert. Ich hier: wüte, verzweifle, unruhe, wundere mich. Diese Stätte hinterlässt Gefühle, die ich lange nicht fühlte…

Wüst Geweiht Antje Kroeger
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Wüst Geweiht

Der Rabe stieg auf, trotz des Schmerzes, sein verfaultes Königreich zu beschauen von oben, all die traurigen Plätze, die verwunschenen Ecken, stickige Säulen, die qualmend die Stellen zeigten, denen kürzlich erst noch die Kämpfe tobten. Wie so oft bei Gefechten, gab es trotz Siegern und Verlierern keine Gewinner. Sein Reich, dem Erdboden gleich. Wälder schwarz, Erde rot, Luft fahl. Augen wässrig, Gedanken trübe, Zunge schal. Bis er diese Wüste Kirche fand, der Wald um sie nahezu abgebrannt. Nur ganz nah um sie herum, einfassend, das Grün verschont. Der Rabe, versehrt, müde, kraftlos, halbtot. Landet, besieht sich den Bau, Erschöpfung zieht ihn nieder, Ruhe suchend, streckt seine Glieder, so wie es ihm möglich. Ausgiebig nicht nötig, sein Kopf spielt verrückt, es hält nicht horizontal, Erinnerungen, Fakten, Bilder schießen durch seine Windungen. Er spürt die Steine unter seinen Krallen, lässt die Flügel hängen, jeder Schritt begleitet von einem anderen Schmerz. Worte dringen an sein Ohr. „Das ist ein geweihter Ort.“ Seine Augen verfolgen die Worte zurück. Ein Kerl steht da, mit seinem Weibchen, er groß, sie stumm, er dunkel, sie blond, er dumm, sie verängstigt. Der Rabe, er steht, doch versteht er nicht. Nichtigkeit! Warum an ihn herangetragen? Geweihter Ort? Wo doch weit vor den alten Tagen seine Ahnen diesen Ort gebaren. „Sieh dort, du Molch! Dort steht der Baum der Raben!“ „Wenn hier irgendwas passiert, rufe ich die Gendarmen.“ Selbstgefälliges Lächeln. Die Gewichtung der Worte aus dem Munde dieses Gargoyle in Steppjacke und der Bilder im Kopf des erniedrigten Raben, so ungleich wie Fisch und Vogel. So stinkt der Gargoyle auch vom Kopfe her und des Raben Verband hält nicht mehr die Säfte, die sickern aus seinen offenen Wunden. Kurzes Geschrei, kurzes Geflatter, ein Griff hier, ein Schlag dort, schon stieben die beiden auseinander. Der Gargoyle zieht seiner Wege, sein Weibchen wendet den Blick wortlos in die Ferne, in ihr gemeinsames Heim, das Herz ihres Martyriums? Der Rabe, er bleibt zurück, wendet sich nach seinem Ahnenbaum, aufgewühlt. Die Fragen, die er wollte fragen, in den Hintergrund getreten, verschoben durch des Gargoyles hohle Prioritäten. So schwer sie ihm fällt, ein klein wenig Flatterei macht des Raben Köpfchen wieder frei. Frei für seine Fragen freilich nur. So klar er nur vermag, stellt er seine Fragen. Die Ahnen so wie Ahnen sind, antworten verwoben, verschroben, sinnenthoben. Sind das Antworten oder Fragen nur im Kreis gestellt? Die Kraft, die noch in ihm, jetzt muss sie raus. Gargoyle wo? Entschwunden, na klar. Die juckenden Wunden nicht mehr ertragbar. Der Rabe reißt und fetzt, Verbände ab und, zuletzt, kasteit sich an den Baum, den alten, stranguliert sich bald selbst, alles ist besser als dieses Reich zu verwalten, als über diese Worte zu grübeln, als mit diesem Schmerz und diesem Jucken zu leben, diesen Bildern der Erinnerung einen Hort zu geben. Bis er merkt, so leicht stirbt es sich als Rabe nicht, die Alten vom Baum, erinnern ihn an seine Pflicht. Herr sein über dieses Reich, Wächter, Chronist, nicht aber Regent, nicht König, nicht Kaiser. Beobachter. Blicker. Hinseher. Erkenner. Erkenntnis stellt sich ein. Vom siechenden Bein, der Rabe seine Haut nun zerrt und siehe da, mit der Haut auch die offenen Wunden gehen, nun wieder, kann er aufrecht stehen, kann über die wüste Kirche hüpfen, mit dem, was ihm die Alten da an die Hand gaben, seine Lampe nun geremixt für größere Aufgaben. Er schaut tief in den Brunnen der Erkenntnis. Nimmt sich eine Handvoll Tropfen, führt sie zum Schnabel und zu seinen Augen. Benetzt Zunge und Lider, die Kraft kehrt langsam wieder in seinen Geist und die Glieder. In dieser Wüsten Kirche, nahe dem Baum der Ahnen, dort ist nun der Platz vom beobachtenden Wächter, des Raben.

Tobias Crain

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