Antje Kröger | Fotokünstlerin

BRNO (Oktober 2018) Moravian Rhapsody

Posted by on Apr 01 2019, in Mensch, Welt

BRNO_Antje Kroeger

Diese Reise drängelt sich vor. Meine sommerliche Fahrt von Wien nach Auschwitz wird bald folgen. Warum darf sie sich denn vordrängeln? Ganz einfach, weil sie ja schon fix und fertig daliegt. Warum das? Weil ich den besonders unterstützenden Menschen meiner TRÜMMER eine zusätzliche Freude bereiten wollte. In einer Auflage von 40 Exemplaren druckten Tobias Crain und ich unseren Reisebericht des letzten Oktobers nach Brno in einem A5-Heftchen ab. Ich lieferte die Fotos, Tobias die Worte. Viele, wunderbare Worte. Ich hab*sie ein wenig gekürzt, natürlich. Nun aber viel Spaß beim Lesen und Schauen…

Wort // Tobias Crain

BRNO_Antje Kroeger
BRNO – Moravian Rhapsody

Der Tag kam nach dem Übertritt der Grenze langsam in Schwung und legte sich golden über die herbstlich-braunen Blätter an den Bäumen und über die sanften Hügel Böhmens. (Mit diesem Übertritt kamen neben uns auch die wohl hässlichsten Schuhe in die Tschechische Republik, die das arme Land in seiner illustren Geschichte bisher auf seinem Rücken ertragen musste. Geschenk von Antjes Mutter, an ihren Füßen, weil so bequem, aber leider eine Beleidigung für alle Augen, die sie in den drei Tagen sehen mussten. Mit Reißverschluss am Außenrist, mehr muss man nicht sagen.) Noch war es ein Stückchen bis Prag. Das Abteil füllte sich nach und nach mit tschechischen Pendlern. Zumindest hatte es den Anschein, dass sie das waren. Sie nahmen keine Notiz von uns. Nicht so, wie die Dame, die uns bis Dresden begleitet hatte, unseren Einfall in „ihr“ Abteil mit einem abschätzigen Blick würdigte und dann so tat, als schliefe sie, um doch nur, gewollt oder ungewollt, unser Gespräch zu belauschen.

Die ersten tschechischen Worte trafen unser Gehör. Lauschen machte keinen Sinn, so stöpselte ich mir die Ohren mit meinen Kopfhörern zu, hatte irgendwie Lust auf die slawischen Tänze von Dvořák, die ich natürlich nicht auf das Handy geladen hatte. Blieb nur Johnny Cash und mit ihm die Erkenntnis, dass Vorbereitung doch manchmal nicht schadet. Und damit meine ich nicht die fünfzehn Minuten, die ich für den Wikipedia-Artikel und ein paar Ansichten der Stadt sowie den Wetterbericht für die nächsten Tage aufgebracht hatte. Brno also. Partnerstadt von Leipzig. Aha. Hellmuth Karasek dort geboren. Aha. Zweitgrößte Stadt Tschechiens. Ah. Alles klar. Wie genau diese Stadt in die Planung als Geburtstagsort für Antje kam, kann ich gar nicht mehr genau sagen, vermutlich hat ihr ihr sommerlicher Besuch in Ostrava so gut gefallen, dass sie unbedingt noch ein Sequel Tschechiens brauchte.

Wie auch immer, wir waren auf dem Weg. Ich wusste so gut wie nichts über die Stadt. Sowie über das Land im Allgemeinen. Abgesehen von Spejbl und Hurvínek, Knödel, Prag, Dvořák und Frau Moslerova, eine alte Dame aus Karlsbad, die meine Eltern und mich im Urlaub ´92 beherbergte, Typ verschrobene, allein stehende Katzenlady in Besitz einer alten Villa mit gruseligem Interieur, Style Gruftioma mit eiskaltem Lächeln, aber großem Herzem.

Nach dem Prager Zugwechsel war mein Platz neben einem Ömchen, das gegenüber ihrem Sohn saß, Typ ehemaliger tschechischer Olympionike (Speerwurf oder Ringen). Sie unterhielten sich ganz herzerweichend. So intensiv, ohne Pause, mit langen Blickkontakten, so zugewandt. Mein Eindruck war, dass sich Mutter und Sohn nach längerer Zeit wieder trafen, sich alles, was seither geschehen war, erzählten. Gesprächsanteil 50/50, würde ich sagen. Die Augen des Sohnes glänzten die ganze Zeit, seine Lippen formten ein konstantes, zartes Lächeln. Von ihrer Konversation verstand ich nichts, las nur in seinem Gesicht. Daraus sprach innige Liebe. Wenn ich Tschechien schon nicht kannte, Menschen lesen konnte ich. Plötzlich, kurz vor dem nächsten Zugstopp, stand Sohnemann auf, gab Frau Mama einen Handkuss und stieg aus. Verschwand ohne einen nochmaligen Blick zum Fenster, an welchem doch seine Mutter saß… Tja, wer Tschechien nicht kennt, kennt auch die Menschen dort nicht. Soviel begriff ich nun.

Von Antje wusste ich, dass sie es mag, auf Bahnhöfen (in fremden Städten) zu sein – mit all ihren spannenden Menschen und Begebenheiten. Und ja, sie mag auch Züge und das Zugfahren. Ich hingegen kenne Bahnhöfe nur durch ihre Buchhandlungen. Und, wenn ich ehrlich bin, auch nur den Leipziger. Was Antje faszinierte, wurde mir aber schnell klar. Angekommen in Brno stiegen wir aus unserem Hänger. Ich musste mir zunächst ein Bild der Umgebung machen, den Bahnsteig sich leeren lassen, einmal rundum blicken, in der Hoffnung, schon die Stadtsilhouette zu erblicken. Doch hängen blieben meine Augen an einem Roller, angeschlossen am Lenker an einem Geländer. Kein schnittiger City Roller, wie man ihn aus unserem Stadtbild kennt, auf dem der hippe Büromensch von der S-Bahn zum Büro prescht. Eher Typ geländegängiger Lowrider für den gepflegten Gleisbauer. Während ich noch respektvoll die Augenbrauen hob und mit dem Kopf nickte, hatte Antje bereits den ersten spannenden Menschen entdeckt. Wobei entdeckt nicht ganz stimmt, er hatte sie wohl eher mit der riesigen Bierflasche vor seinem Gesicht vor den Kopf gestoßen. Sie hielt unverzüglich mit der Kamera drauf und ich stürzte von vollem Respekt für die 4×4 Rollergilde in blankes Entsetzen über die Skrupellosigkeit dieser Fotografin. Antje hielt genau auf Eugen. (Den Namen wählte seine Mutter nach Tschaikowskis Oper Eugen Onegin für ihn aus, sie war auch eine Liebhaberin des russischen Ballettes gewesen, er ging dafür später zu russischen Marine.) Auch noch, als er sich genau zu ihr umdrehte, sie über die nun schief gehaltene Flasche anglotzte; ohne abzusetzen. Vor lauter Überraschung über diese Szene hielt ich gehörigen Abstand zu beiden. Da war ein Gefühl in mir während dieser Situation, das in diesen Tagen in Brno noch öfter eintreten sollte. Antje mit Kamera voll in die Fresse der Leute und ich in irgendeiner Ecke am Rand. Eugen jedenfalls fühlte sich gar nicht tangiert von der Fotografin, setzte weder die Flasche ab, noch verzog er eine Miene. Für ihn gab es nur den nächsten Schluck. Und für uns bald den Weg aus dem Bahnhof hinaus ins, an diesem Tag, sonnige Brno.

Dachte ich, aber Frau Fotografin stolperte noch über unseren ersten Zeitungsleser in Brno. Dass diese eine ganz besondere Spezies darstellen, sollten wir in den folgenden Tagen noch erleben. Jener hier bemerkte Antje, wie sie ihn mit ihrer Kamera in der Draufsicht aufnahm, blickte auf, etwas fragend, aber schon war Antje wieder weg. Nur ich musste nun noch an ihm vorbei. Was wusste ich denn, wie ich ihm jetzt begegnen sollte? So rutschte ich nur schnell mit breit gezogenem Mund, welcher ein (künstliches) Lächeln ergeben sollte, an ihm vorüber. Mit leichtem Kopfschütteln widmete er sich wieder seiner Lektüre und ich begab mich auf die Suche nach dem blonden Dutt, der sicher schon das nächste unfreiwillige Modell im Visier hatte. Das fand sich wartend vor dem Bahnhof neben einer Mülltonne. Ein Typ Typ ehemaliger Rummelboxer oder wenigstens Gewichtheber im Zirkus, ohne Bart, dafür mit Glatze. Antje näherte sich schräg von hinten und nahm ihn ins Bild in korrekter Flucht zu einer Dame Typ abgehalfterte Ehefrau eines Rummelboxers oder wenigstens eines Gewichthebers im Zirkus. Mehr wird in diesem Büchlein nicht von der Herangehensweise der Fotografin A. Kröger verraten, aber dafür umso mehr von meinem Befinden bei ihren fotografischen „Überfällen“. Ich ging unauffällig und beobachtete von der Fern. Stoisch stand der Mann neben seiner Tonne und bemerkte… nichts. Oder er wollte nichts merken oder — meine These — es war ihm einfach scheißegal. So ein Typ war er, es juckte ihn nicht die Bohne. Respekt, dachte ich. Respekt für alle drei Protagonisten. Da sich an der Szene nichts änderte, aber in uns der Durst nach einem Kaffee wuchs, zogen wir mit dem Menschenstrom weiter Richtung Zentrum der Stadt. Wir fanden ein Café und dort die für mich wegweisende Begegnung dieser Reise. Wir trafen niemand Geringeren als den Gott der tschechischen Hobos, the mighty Ivo Rümmler.

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BRNO – Moravian Rhapsody
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Dogs of Brno

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Natürlich kannten wir ihn nicht, demzufolge erkannten wir ihn auch nicht, niemand außerhalb von Brno kennt ihn, er zeigt sich ja auch nicht jedem, schon gar nicht in seiner wahren Gestalt. Wir aber haben es Antjes Kommunikationsgeschick zu verdanken, dass er uns mit einem kurzen Blitzen seiner Augen wissen ließ: „Ich bin es, Ivo, Stadtstreicher und Lebemann, Gott der Herumtreiber und Tagediebe, Rächer der Obdachlosen und offenes Ohr der Menschen am Wegesrand.“ Das alles begab sich so: Wir setzten uns in ein Café, googelten nach den tschechischen Worten für Kaffee und Danke, bestellten und genossen die Sonne. Es dauerte nicht wirklich lange, bis am Nachbartisch Radek Platz nahm. Wir wussten noch nicht, dass es sich hier um Radek Kinski handelte. Wären wir in Paris gewesen, hätte ich gesagt, dass es sich ganz klar um Pupule handeln musste, einem Clochard aus Janoschs Buch „Hallo Schiff Pyjamahose“.

Als Ivo auftauchte, wurde das Bild noch stimmiger, Pomidore arrived on the scene, Pupules Freund in dieser Geschichte. Aber ich schweife ab. Erst einmal saß nur Radek mit seinem Nokia aus dem Jahre 2003 (oder früher), einer Schachtel Kippen und seinem Glas Bier da, dampfte und schlürfte vor sich hin. In Gedanken versunken, blickte er gen Himmel. Bis Ivo auftauchte, mit Schlapphut und Hemd (Typ osteuropäischer Abkömmling des Hawaii- Hemdes) mit Vollbart und Rucksack. Radek sprang sofort auf und fing an, auf den zurückhaltenden, etwas überfordert scheinenden Ivo einzureden. Radek erzählte nicht nur mit Mund und Stimme, sondern auch mit Händen und Armen, weit ausholenden Bewegungen und einer Lautstärke, die alle Blicke auf ihn zogen. Ivo lächelte schüchtern und blickte zu Boden. Dann gab er dem immer größer werdenden Mund Radeks nach, setzte sich, bestellte ein Wasser und einen Schnaps und ergab sich seinem Schicksal an diesem Tag, Opfer Radeks Gesprächslust, Gesprächswolllust zu werden. Man kann nicht sagen, dass Gesprächsfetzen der beiden zu uns vordrangen. Es war eher so, dass Radeks Worte die ganze Straße beschallten. Ivo hingegen schien für die Rolle des Zuhörers geboren zu sein. Radek deckte Ivo mit Worten (lauten), Gesten (großen) und vermutlich einigen eifrig im Redefluss, Redeüberfluss, rausgeschossenen Speicheltropfen ein und Antje hatte, again, ein für sie spannendes Motiv gefunden. Lange dauerte es nicht, bis Ivo dank seines immensen peripheren Sehfeldes immer wieder zu uns blickte, die Kamera bemerkte oder sagen wir, sich durch sie gestört fühlte. Das war zumindest mein Eindruck. Gespannt war ich jedenfalls, als er sich zu Antje wendete. Aber sein einfach zu freundlicher Blick ließ keinen Spielraum für Interpretation und er bat sie einfach an ihren Tisch…

Dann geschah etwas Erstaunliches. Unvorhersehbar. Radek verstummte! Ivo übernahm jetzt das Gespräch. Radek antwortete nur noch auf ihm direkt gestellte Fragen. Sein Name, ob er aus Brno stamme, sonst war Ruhe. Frau am Tisch, aus Deutschland? Das war zu viel für Radi, er war raus. Widmete sich ab jetzt nur noch seinem Bier und der Fluppe zwischen seinen Fingern. Worüber sich Antje und Ivo anfänglich unterhielten, kann ich leider nicht sagen, ich war an meinen Stuhl gefesselt, versuchte Radek in Gestus und Haltung zu spiegeln und beobachtete mit Erstaunen, was da vor sich ging. Wenn ich unterwegs bin, ist es für mich fast unmöglich, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, umso mehr faszinierte mich, wie leicht es Antje fiel. Jedenfalls schrak ich auf, als Antje auf mich zeigte und Ivo mich heranwinkte. Ich setzte mich zu beiden (Radek, wie gesagt, raus) und mir platzte der Kopf vor Druck, wie ich mich denn jetzt ins Gespräch einbringen sollte. War aber unnötig, Beobachter war eindeutig die beste Aufgabe für diesem Moment. Was gesprochen wurde, weiß ich nicht mehr. Trotzdem glaube ich, die Geschichte Ivos zu kennen. Ich meine, seine Augen haben mir alles verraten. Google weiß nichts über ihn, ich hab nachgeschaut, vielleicht bin ich auch der Einzige, der die Geschichte spüren kann, vielleicht überschätze ich mich jetzt auch gewaltig und er hat mich an der Nase herumgeführt. (Es wäre ein Leichtes für ihn.) Vielleicht ist seine Story auch ganz anders, er ist ja irgendwie eine Mischung aus Rübezahl, dem Yeti und Bohumil Hrabal. Aber in der kurzen Zeit in Brno sprachen die Straßen, die Frauen auf dem Markt, die Toten, die Straßenköter und alle Wegelagerer, ja sogar die Luft am Abend eine eindeutige Sprache. Und ich glaube, dass sie mir schon die richtige Geschichte von Ivo Rümmler erzählt haben. Oder zumindest die richtige Geschichte für genau diesem Moment.

Wir verließen irgendwann den Tisch, widmeten uns wieder unserem Kaffee und planten den weiteren Tag, als Ivo sich nochmal zu uns beugte und uns eine Frage stellte. Er frug nach Karl-Marx-Stadt. Zuerst dachten wir, er wolle sich nach den Unruhen erkundigen, die dort kurz vorher im Gange waren. Und ob doch hoffentlich nicht alle so blind wären und wieder einem Pfad folgen wollen, der doch schon einmal ins Verderben führte. Trugschluss. Er wollte nur wissen, ob der olle Nischel dort noch steht.

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BRNO – Moravian Rhapsody
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BRNO – Moravian Rhapsody
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Alchemie des Siegers

Wir ließen die beiden in ihre Rollen zurückgleiten. Die, die sie vor unserem Eingriff in ihr natürliches Gebaren innehatten. Radek sprudelte von Neuem los und Ivo, Ivo war einfach wieder Ivo, nur welcher davon, das bekamen wir nicht mehr mit, denn wir steuerten schon über Mendels Garten auf den Krautmarkt zu. Dort trennten sich unsere Wege kurz. Jeder machte eigene Entdeckungen: Antje Menschen, ich Bücher und Platten. Das Aufregendste, was mir ins Auge sprang, war, dass die Frauen in Brno alle ziemlich große Brüste haben. Schlanke Frau, großer Vorbau. Sehr auffällig, sehr angenehm anzusehen. Antje bemerkte davon erst nichts, musste mir aber im Laufe der drei Tage immer wieder zustimmen. Antje traf neben dem allgegenwärtigen Marktgeist (Die gute Seele; man sagt, der Markt trägt den Namen nur wegen ihres wirren Haargeflechtes, definitive Bestätigung fehlt. Ivo schweigt zu dieser Vermutung…) auch die berüchtigten Weinschnepfen. Die fotografierte sie nicht, sondern ließ sich einen Wein für ihren Geburtstag aufschwatzen. Wie der wirkte und was der anrichtete, darüber wird hier der Mantel des Schweigens gelegt… oder Antje? Was sagst du dazu? Imker, Zeitungsleser, Vinyldigger, Umweltaktivisten, Frauen mit großen Brüsten, (Sagte ich das schon?), ein buntes Potpourri an Menschen und Fabelwesen versammelte sich auf diesem Markt. Kafka himself blickte vom Theater aus über den Platz, Medizinmänner, Raben (angeführt vom Zauberer Rumburak) und Tauben trugen bisweilen bösartige Gefechte aus, gewöhnliche Gespenster, der Geist des Henkers, der hier früher seine eigene (Waffen) Kammer hatte, streift immer mittwochs umher. Die Zwerge aus dem Labyrinth unter dem Markt zeigen sich selten, aber wenn, dann in Gruppen von vier bis sieben Mann. Die Steinwesen auf dem Parnass- Brunnen thronen so plakativ über der Szene, dass nur ganz aufmerksame und im Allgemeinen sehr feinfühlige Menschen vom Treiben der wahren Fabelwesen etwas merken. Alle anderen wundern sich nur über die seltsamen normalen Gestalten.

Unter all den Lesern, ob noch wühlend in den Bücherkisten des Flohmarktes oder schon in ihren Schätzen blätternd, fiel einer besonders auf. Ein junger Mann wahlweise Typ ewiger Student der Philosophie oder Maestro der Messerwurf-Kunst. Er saß über die aktuelle Ausgabe einer Tageszeitung gebeugt und inspizierte das Bild auf der Seite mit LUPE (!). Ich näherte mich (schon immer daran interessiert, was andere Menschen lesen) von hinten und spähte mit langem Hals über seine Schulter. Er schaute auf ein Foto mit preisgekröntem Rennpferd. So jung und schon so schlechte Augen, dachte ich gerade, als er mich mit einem Zucken erschrak. Mit einem kurzen Satz sprang ich zurück und war gleich darauf, aufgrund meiner Aufdringlichkeit, peinlich von mir selbst berührt. Aber er lächelte und ich entspannte mich leicht. Er sagte etwas, was ich für eine Frage hielt. Mit tschechisch konnte ich nicht dienen, also fragte ich ihn (erstaunt über mich selbst, noch erstaunlicher in Englisch), was er denn mit Lupe auf dem Bild suche. (Das fragte ich natürlich nicht, aber er antwortete mir, als ob ich das gefragt hätte.) Sicher bin ich mir seiner Antwort nicht, aber ich glaube, er sagte: „Wenn man erfolgreich auf Pferderennen wetten will, muss man sich den Nasenrücken der Tiere genau ansehen. Den Aufzeichnungen Paul Schockemöhles habe ich entnommen, dass der Verlauf der Adern auf dem Nasenrücken klar Auskunft über die Mentalität der Pferde gibt. Ich suche hier bei Rollo, dem Champion des Derbys am Wochenende, nach der Sieger-Struktur der Adern. Und ich glaube auch, sie gefunden zu haben. Übernächste Woche reise ich nach Olmütz und werde dort viel Geld mit Rollo gewinnen.“ Er sah meinen skeptischen Blick und verwies auf Schockemöhle: „Seine Theorie hat eine enorm hohe Erfolgsquote, es gibt nur einen kleinen Kreis Anhänger des großen Pferdealchemisten.“ Hatte er gerade Pferdealchemist gesagt? Alles, was ich mit Schockemöhle in Verbindung bringe, sind Tierquälereien.

BRNO_Antje Kroeger
BRNO – Moravian Rhapsody
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BRNO – Moravian Rhapsody

Ich entfernte mich, suchte Antje, und wir gemeinsam das nächste Café. Bevor wir das aber fanden, blieben wir an einem Ort hängen, auf dem ein furchterregend hohes Pferd stand. Schwarz, glatt, riesig. Aufgesattelt war ein ebenfalls schwarzer Reiter mit langer Lanze. Ganz die unvorbereiteten Touristen hatten wir natürlich keine Idee, was das zu bedeuten hatte. Fotografie – Großmeisterin Antje, (sie mag es sehr, wenn ich das sage), sprach zu mir: „Sieh und lerne! Straßenfotografie ist zu neunzig Prozent Warten und zehn Prozent Glück, Zufall und Arbeit. Also bleiben wir hier und warten ab, ob etwas passieren wird. Ich habe ein gutes Gefühl. Intuition und Menschenkenntnis sind übrigens auch ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Fotografie auf der Straße.“ Ich weiß gerade gar nicht, ob sie es gut findet, dass ich hier ihre Weisheiten verbreite…

Wir warteten also und beobachteten. Immer wieder traten Gruppen von Menschen unter die Statue. Sie stellten sich darunter und berührten die Beine, streichelten sie, eine Dame küsste sie sogar. Wir fragten uns, was das bringen soll. Sicher war das so ein Glücks-Ritual, wie den Hexen auf dem Hexentanzplatz in Thale auf den Arsch zu klatschen oder Geld in Brunnen zu werfen. Vielleicht wünschte man sich auch etwas unter dem Pferdeleib. Kurios war dann nur, dass gar keine Kinder unter das Pferd gingen, sind diese doch Weltmeister im Wünschen. Ausnahmslos Erwachsene nahmen unter dem Gaul Platz ein. Vielleicht sollten wir es auch einmal probieren? Gesagt, getan. Wir imitierten all die Menschen vor uns (ohne das Küssen der Beine) und wünschten uns diverse Dinge. Besser gesagt, ich wünschte mir etwas. In Absprache mit Antje für Antje. Verraten wird hier nichts, sonst erfüllen sich Wünsche ja nicht. Nur so viel sei gesagt, das Tier ist eine Instanz auf dem Gebiet des Wunscherfüllens oder mindestens die Erfüllung der Wünsche in die Wege zu leiten. (Wenn es überhaupt wirklich sein Fach ist, das Wünsche-Erfüllen, vielleicht steht es ja auch als Symbol für den stetigen Kampf gegen Windmühlen der Tschechen…)

Wir mäanderten danach weiter durch die Straßen. Mir fiel dabei etwas auf, was ich schon lange vermisste ohne dies gewusst zu haben. In Brno gibt es kleine Büdchen, rundherum aus Glas. Dort werden nur Zeitungen, Zeitschriften und Magazine verkauft. Zeitungsgewächshäuser sozusagen. Wie früher bei uns auch. Vielleicht noch Fahrkarten und die obligatorischen Zigaretten, aber kein sonstiger Schwulst, keine Lottoscheine, keine Kaugummis, kein billiger Kindermüll aus China, nur Lektüre. Wie traumhaft das sein muss als Verkäufer in dieser Hütte umgeben von Zeitungen, ein König inmitten seines Reiches. Man kann Runden drehen, sich Magazine aussuchen, dann sagt man den Titel und der König sucht sie einem heraus. Traumhaft. Kein Stöbern, kein Durchblättern, nur nach dem Cover kaufen. Bezahlen, erst dann schmökern. Wie früher und wie schön. In Osteuropa liegt und steht Magie tatsächlich noch auf der Straße. Nicht nur dort. Eigentlich ständig. Wenn man dafür ein Auge hat. Gerade in Brno kam es mir so vor, als hätten alle Menschen ein geheimes Wissen. Etwas, das uns verwöhnten Westeuropäern abgeht. Wir, die wir geblendet von Konsum und ständigem Wachstum nachhechelnd den Blick für das Wesentliche verloren haben. Vielleicht kam es mir nur so vor, nachdem ich die Ehre hatte, mit Ivo am Tisch zu sitzen und ich suchte nach dem Etwas oder glaubte, es sehen zu müssen. Aber eigenartig fühlte es sich schon an.

Der Wiedergänger

BRNO_Antje Kroeger
BRNO – Moravian Rhapsody

Es war langsam Zeit, an den Weg Richtung Hostel zu denken. Trotz dessen wir seit vier Uhr auf den Beinen waren, ging es unseren Füßen noch sehr gut. Antje hatte die ultrahässlichen alte-Frauen-bequem-Schuhe an, die ihr ihre Mama geschenkt hat, die sich aber als angenehmste Reise-Fuß-Verhüllung erwiesen hatten (nur original mit Reißverschluss, der nirgendwohin führt.) Erwähnte ich die schon? Und ich, ich habe vor lauter Eindrücken eh nichts gemerkt und alle vorherigen Gebrechen, die ich mit nach Brno brachte, glatt vergessen. Trotzdem ließen wir uns von Google Maps langsam in Richtung Unterkunft leiten, direkt am Pražákův Palác vorbei, besser gesagt direkt über dessen Innenhof. Dort saßen ganz entspannt nach Kunst aussehende Leute unter den Bäumen. Antje zog es, mit Kamera um den Hals, natürlich zu ihnen, mich eher zum Hostel. Ich ging weiter, eine große Treppe hinunter und versuchte den weiteren Weg zu erkunden, da wurde ich von Antje zurückgerufen. Sie hatte jemanden entdeckt, der eigentlich ganz woanders hingehörte. Sie führte mich an eine Bank und stellte mir Franz Kafka als Peter vor. Erstaunt schüttelte ich seine Hand mit den feingliedrigen, langen Fingern. Peter Typ, wie gesagt, Franz Kafka himself war Slowake und in Brno, um sich diverse Ausstellungen anzusehen. Alles was ich noch weiß, er meinte in schön gesprochenen deutschen Worten diese, die er gerade gesehen hatte, sei schlecht kuratiert. Ansonsten war ich wohl etwas zu beeindruckt von dem Moment, um mehr zu behalten vom Gespräch zwischen Antje und Franz, äh Peter. Auffällig war nur noch, wie die beiden Begleiterinnen von Peter sich ziemlich bald aus dem Staub machten. Ihnen schien etwas nicht zu behagen, aber unwichtig, weil uninteressant, meinte Antje später über sie…

Kafka in Brno also. Ich weiß gar nicht, ob der wirkliche Franz je in Tschechiens zweitgrößter Stadt war, so viel kam er aus Prag ja nicht raus. Eine Bekannte sollte nach den Tagen in Brno zu Antje sagen, dass das ja das ultimative Prag-Bild wäre. Das ist wohl das Schicksal einer zweitgrößten Stadt im Lande. Man lechzt irgendwie immer nach etwas mehr Anerkennung, man versucht näher an die Hauptstadt heranzukommen und verpasst dadurch, eventuell die eigene Identität wirklich herauszustellen. Wie es zwischen Brno und Prag ist, vermag ich nach drei Tagen dort nicht zu sagen. Grund gäbe es allerdings. Nehmen wir nur mal die Fensterstürze in Prag. Wie sehr wünschen sich die Brnoer wohl einen eigenen Fenstersturz? Und ist es nicht der blanke Hohn, dass der vierte Prager Fenstersturz just einem Sohn der Stadt Brno passierte? Der Schriftsteller Bohumil Hrabal fiel beim Tauben füttern aus einem Fenster im fünften Stock eines Krankenhauses und starb. Man munkelt, dass es ein von ihm inszenierter Selbstmord war. Aber das macht alles ja nur noch fieser. Hätte er seiner Heimatstadt nicht wenigstens den ersten eigenen Fenstersturz schenken können? Anstatt 3–1 steht es nun 4–0 für Prag. Brnos ganze Hoffnungen ruhen jetzt auf Milan Kundera…

Das ist ähnlich wie Brnos Suche nach dem Superstar. Prag hat eben Kafka und Hašek, Brno Kundera und Hrabal. Prag hat Václav Havel, Brno Bedřich Pokorný, der den Brünner Todesmarsch organisierte. Prag hat Antonín Panenka, Brno Jana Novotná. Prag hat Dolly Buster, Brno Carla Cox (bekannt aus Ass Traffic 5 und The Big Lebowski: A XXX Parody). Aber vielleicht sollte man Brno gar nicht als zweite Stadt Tschechiens sehen, sondern als das, was sie auch ist, die Hauptstadt Mährens. Und sie hat etwas, was es zwar auch an jedem anderen Ort der Welt gibt, aber eben auch nicht, nämlich Originale. Den Typ Mensch, den es genau nur hier gibt. Wo begegnet man denn nach 90 Minuten schon einem wandelnden Halbgott? Oder dem Jungen, der mit zwei Schokoladenweihnachtsmännern (Anfang Oktober, die Sonne knallt!) aus der Kaufhalle kommt und sich lüstern über sie hermacht. Oder Kellnern, bei denen man anfänglich denkt, sie seien überhebliche Pisser, die sich dann aber als witzige Charme-Granaten entpuppen. Oder einem jungen, betrunkenen Typ, der mich nachts um eine Kippe anschnorrt, obwohl er eine in der Hand hält. Auf meinen Verweis darauf aber sagte, dass er, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben, dieses Weiberkraut doch nicht auf offener Straße rauchen könne, die Selbstgedrehte wegwarf und zu mir sagte: „You understand me, buddy.“ (I’m feelin’ you, I’m feelin’ you. Got cha back, bro!) Verabschiedung mit Fistbump. Oder dem molligen Skatergirl mit der Kneebrace, das sehnsüchtig die „big boys“ auf den Boards beobachtete. Oder den drei Obdachlosen, die auf einer Bank saßen, sich die Pfeife teilten, jeder von ihnen mit zerfleddertem Taschenbuch auf dem Schoß. Letztendlich liegt doch überall ein ganz eigener Zauber, den man eben nur finden muss. Man darf nicht suchen, entweder es passt oder eben nicht.

Brno hat, so glaube ich, viel von dieser Magie und, da bin ich mir sicher, wir haben sie gefunden in den drei Tagen. Oder besser sie hat sich von uns finden lassen. Sie hat sich uns gezeigt oder nur zu schlecht versteckt. (Oder Ivo hat uns getestet und für würdig befunden…) Kurzum, es sind doch immer Menschen, die die Türen für uns öffnen. Jetzt bin ich völlig vom Weg abgekommen. Zurück zu Peter, auch er musste leider sehr schnell aufbrechen. Mir tat es etwas leid für Antje, war sie doch ganz schön verliebt in die Situation. Zum Nachtrauern blieb keine Zeit, wurde sie doch von zwei jungen Fotografen abgelenkt. Sie kamen auf den Platz mit einem großen lila Pilz. Sie posierten auf verschiedene unspektakuläre (O-Ton Antje) Weise. Dann kamen sie zu der Eva- Statue neben uns. Der kameralose Jüngling sah die Kamera in Antjes Hand, sofort überkam Unsicherheit sein Gesicht, ob der Pose, die ihn sein Spannemann anwies, einzunehmen. Sie knipsten sich noch was zurecht und ließen uns dann mit Eva allein. Diese Eva war von seltener Unförmigkeit. Übergroße Hände, unproportional große Füße, ein Haltungsschaden der Beine. Hätte Eva damals im Garten Eden wirklich so ausgesehen, die Menschen wären schon direkt, nach diesen ersten beiden, ausgestorben (oder Adam hätte es trotzdem durchgezogen, war ja niemand anderer da). Der weitere Weg führte uns über die erwähnte große Treppe. Beim Hinuntergehen sah Frau Fotografin etwas, ich musste auf halber Strecke stehen bleiben und verschiedene Posen einnehmen.

Etwas Erstaunliches geschah dabei, es kamen während des Posierens immer wieder junge Damen vorbei. Studentinnen vermutlich. Hübsch allesamt. Von beeindruckender Statur (damit meine ich mit ansprechender Figur). Damen also, die Männerherzen höher schlagen lassen (damit meine ich die Männerblicke auf sich ziehen). Damen also, die Typen wie mich nie eines Blickes würdigen, die maximal durch mich hindurch sehen würden, doch heute, also jetzt gerade war ich ja quasi Model, das änderte alles. Sie warteten geduldig vor der Treppe, lächelten mich an, senkten sogar etwas verschämt den Blick. Entschuldigten sich, als sie vorübergingen und legten einen Zahn zu. An mir konnte das ja kaum liegen, war ich doch so unterwegs wie immer. Es muss wohl die Kamera gewesen sein, die mich und meine (normalerweise maue) Ausstrahlung irgendwie in ein anderes (besseres, interessanteres) Licht setzte. Professionell sah es sicher aus, wie Antje oben am Treppenanfang stand und mich mit Anweisungen eindeckte. Oder war es nur die Furcht, die diese Ladys überkam? Die Furcht, gleich selber an dieser Lady da oben vorbei zu müssen und eventuell ihr Motiv gestört zu haben… Ich denke eher, dass die Kamera im Rücken mir nur mehr Größe verliehen hat. Offenbar ist es so, dass immer, wenn irgendwo eine Kamera, ein Mikrofon oder eine kleine Menschenmenge ist, vor der jemand steht und redet oder sich zeigt, da gleich eine Form von größerem Respekt da ist. Selbst die unsichtbarsten, unscheinbarsten Personen können im Rampenlicht etwas darstellen. Wenn auch nur in den Augen der Zuschauer, Passanten und sich leicht blenden lassenden Köpfen. Noch wussten wir es nicht, aber der kurze Weg zum Hostel (Es waren tatsächlich nur noch 250 Meter.), sollte sich für uns noch etwas in die Länge ziehen. Direkt vor der Treppe lag eine größere Baustelle. Ein Platz umgeben von Häusern, manche alt und schön, manche typische Bauten aus dem Sozialismus. Original mit Arbeiterstatuen davor. Die Baustelle war mit Bauzäunen abgesperrt, an denen eine undurchsichtige Folie befestigt war. Eine langweilige Ecke eigentlich. Als wir aber einen kleinen Bogen liefen, gingen wir an alten Stadtansichten von Brno vorbei. Da hatte sich die Stadtverwaltung ja etwas Kreatives in die kleinen Beamtenschädel kommen lassen. Für uns Touristen durchaus spannend. Denn es war auch der Platz auf den Bildern abgebildet, den wir gerade umrundeten.

BRNO_Antje Kroeger
BRNO – Moravian Rhapsody
BRNO_Antje Kroeger
BRNO – Moravian Rhapsody

Lügenguide

Antje wies mich an, doch mal den Polizisten nachzustellen, der auf dem direkt vor uns liegenden Foto zu sehen war. Aber ich kam gar nicht dazu, mich in meiner neuen Rolle richtig einzufinden. Kaum hatte ich halbwegs Position, stellte sich ein Mann neben mich. In genau der Haltung, die ich gerade innehatte. Ich schaute ihn unter meinem erhobenem Arm an, er mich auch. Er war sicher nicht so alt, wie seine Zähne mir weismachen wollten. Da fehlte nämlich schon so Einiges… Sein Bart war zerzaust, ansonsten sah er ganz sportlich aus. Rucksack auf dem Rücken, blauer Hoodie, dunkle Jeans und Sneaker. Und, das wurde schnell klar, sturzbesoffen. Oder einfach nur sehr seltsam unterwegs. Wir standen also beide vor dem Bild und er schaute mich immer noch herausfordernd an, zog die Augenbrauen hoch und lachte. Warum, weiß ich eigentlich nicht mehr, aber ich sprengte das Bild, ging zu Antje. Er aber sprang mit seltsamen Bewegungen an die Stelle, wo ich eben noch stand, nahm jetzt meine vorherige Pose ein. Antje drückte ab. Ich war in meinem gerade erwachendem Modell-Stolz gleich etwas gekränkt. Als er genug vom Stillstehen (und schwanken) hatte, kam er zu uns und schüttelte erst mir die Hand, gab dann Antje einen Handkuss.

Er fragte, woher wir kämen. Als er hörte aus Deutschland, war er Feuer und Flamme, uns auf einen Schluck aus seinem Flachmann einzuladen. Man nennt ihn Stan und er ist Stadtführer in Brno und Umgebung. Besser gesagt, er war. Hat heute seine Kündigung bekommen. Die Stadtverwaltung setze nicht mehr auf Originale, sondern will eine Aufhübschung der Führer. Junge Damen sollen vermehrt eingesetzt werden. Ob aus Brno oder sonst woher, Lokalkolorit spielt dabei keine Rolle. Hauptsache jung und weiblich. Offiziell sage das natürlich keiner, aber er hätte seine Quellen. Und er war seinen Vorgesetzten schon immer ein Dorn im Auge, weil er es sich erlaubte, Fiktion und Wirklichkeit zu verweben. Dazu noch der Alkohol. Aber er fühle sich geboren für diesen Job. Er könne nichts anderes, sagte er. Diese Uhr dort an dem Haus zum Beispiel. Was wir denn denken, was die für einen Zweck hätte, wer soll sie an so einem langweiligen Platz denn sehen? Auf unser Schulterzucken zeigte er in die andere Richtung auf diesen seltsamen, scheinbar aus Hoy Woy hergebeamten Neubauklotz. Da drin säße das Bauamt. Die Damen und Herren Beamten hätten es nicht so mit der Arbeit, wie man ja auch an diesem Platz hier sehen kann. Die Pausen werden gedehnt und gestreckt wie es nur geht, Feierabend wird vorgezogen – wie sie es gerade bräuchten, und ganz allgemein beschissen, was das Zeug hält. Um nun diesem elenden Zeitdiebstahl entgegenzuwirken, hat sich ein Künstlerkollektiv die erste Beamtenuhr ausgedacht. Sie läuft stundenweise unterschiedlich schnell. Morgens bis zur ersten Pause normal, dann während der Pausen natürlich schneller. Von Frühstück- bis Mittagspause langsamer, denn in der Vormittagszeit ist der Mensch im Kopf ja am produktivsten. Und auch zum Feierabend läuft sie wieder langsamer, sodass die Beamten nicht länger machen müssen (kann ja keiner verlangen), aber doch wenigstens nicht soooo zeitig ihre Zelte abbrechen. Tja, und der Bürgermeister der Stadt hat mittlerweile in einer Depesche (so etwas gibt es hier noch) mitgeteilt, dass man sich nur noch nach dieser Uhr richten darf. Er glaubt ja, das bringe nichts, dann setzen sich eben alle länger aufs Klo und vertrödeln dort ihre Zeit. Wie sonst soll erklärt werden, warum sie jetzt zehn Toiletten mehr brauchen?

Stan nahm noch einen Schluck, drehte sich um, winkte ab und ging geradewegs (versuchte es zumindest) in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Viel Spaß mit der Treppe wünschten wir ihm und gingen kopfschüttelnd weiter. Wir fanden später am Abend heraus, dass sein Bauamt gar kein Bauamt ist, sondern ein Hotel. Vermischung von Wahrheit und Ausgedachtem. Auch das war Brno: Wir konnten die zweihundert-fünfzig verbleibenden Meter zum Hostel ohne Zwischenfälle und besondere Begegnungen zurücklegen. Ich erwartete nach diesem Tag irgendwie eine Behausung, die einem Kuriositätenkabinett gleicht, aber es war „nur“ ein sehr hübsches, kleines, freundliches Etablissement. Wir verweilten nur so lange dort, bis uns der Hunger wieder auf die Straße trieb. Glücklicherweise mussten wir gar nicht weit gehen. Wer weiß, was uns sonst wohl noch passiert wäre. Direkt unter dem Hostel war eine sehr einladende Gaststätte. Dort machten wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer sonderbaren Spezies Mensch: Tschechischen Kellnern. Erste Kontaktaufnahme mit ihnen ist schwierig und lässt einen mit ungutem Gefühl zum Tisch gehen. Mit jedem weiteren Erscheinen an selbigem nehmen sie es dir aber wieder, Stück für Stück. Es ist, als würde man langsam Teil einer Familie werden. Wie der Schwiegervater, der sich vorgenommen hat, den Liebsten seiner Tochter erst einmal gründlich auf die Probe zu stellen. Schließlich aber kann man ihn dann doch irgendwie für sich gewinnen. Die Kellner, die uns bedienten, man will sie fast gar nicht Kellner nennen, Ober wäre passender, entpuppten sich jedenfalls als spitzbübische Versionen von Fritz Dellwo (Einschlag Theo Lingen, erster Abend) und entspannte Version von Paul Trimmel (Einschlag Christoph Daum, zweiter Abend). Wobei alle Ober irgendwie Ähnlichkeiten mit ehemaligen Tatort Kommissaren aufwiesen. Auch Sander, Riedmüller und Stark (in Groß) waren vertreten. Fallen gelassene Suppen wurden umtänzelt, so souverän, wir bekamen den Eindruck, das passierte nur zur zusätzlichen Unterhaltung der Gäste. Von den Speisen selber fange ich hier mal gar nicht an zu schreiben. Wenn ich sage, ich fühle mich schon von der Vorspeise an die Einlaufsuppe meiner Oma erinnert, dann spricht das wohl Bände. Wir beschlossen den Tag mit einem letzten Gang durch die Straßen der Innenstadt. Schön in Ruhe verdauen und sich die Anstrengung des Tages von der sich langsam ausbreitenden Kühle der Nacht austreiben lassen. So war der Plan, klappte auch, nur mit Ruhe wurde es schwer. Die Straßen waren voller Menschen. Sie quollen aus den Kneipen und Bars. Standen auf Gehwegen, saßen auf Bordsteinen, flanierten händchenhaltend oder schritten in großen lauten Gruppen vorüber. Alle Altersstufen waren vertreten. Es erinnerte an Festivalstimmung (ohne kurz vorm Nirvana stehende Komaleichen). Hier in Brno war es aber just an ordinary Mittwoch.

An Eindrücken, Begegnungen und Erlebnissen hatten wir genug, ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich ins Hostel und ins Bett gekommen bin, jedenfalls fand ich mich am nächsten Morgen genau dort wieder, relativ frisch, relativ fit. So konnte es auch gleich wieder aufgehen, auf in diese mysteriöse Stadt mit ihrem fantastischen Ensemble an Menschen und Figuren.

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BRNO – Moravian Rhapsody

Die Trauer der Anderen

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BRNO – Moravian Rhapsody

Im morgendlichen Studentenstrom schwammen wir mit, bis wir an die erste Straßenbahnhaltestelle kamen. Wir stürzten uns einfach in die erstbeste Tram, die vor uns hielt. Ein Stück fahren, das war der Plan. Sonne, Straßenbahn und mit dieser über hüglige Landschaft zuckeln, junge Menschen all-überall, ich fühlte mich wie in San Francisco. Nicht, dass ich je dort war, aber ich hatte eben sofort dieses San -Francisco-Gefühl. Nun fragt man sich, was das denn sein soll. Naja, das Frisco-Feeling stellt sich ein, wenn vier Dinge (eben Sonne, junge Menschen, hüglige Landschaft, historische Straßenbahnen) zusammentreffen. Das Einzige, was fehlte, waren Bernie -Sanders-Plakate an den Hauswänden. Wir sogen auch mal Eindrücke der Brnoer Vorstadt ein, bisher kannten wir ja nur das Innenstadtgebiet. Von der Bahnfahrt blieb bei mir nicht allzu viel hängen, wahrscheinlich waren die Menschen und die vorüberziehende Stadt einfach zu viel für meinen Kopf. Dafür geschah kurz nach dem Ausstieg etwas Seltsames. Die drei Tage waren ja wirklich von Sonne durchtränkt, am Himmel nur wenige Wolken, nur die Nacht vermochte der Sonne etwas entgegenzusetzen. Wir stiegen also aus der Tram und suchten unseren Weg zum jüdischen Friedhof. Google Maps versprach uns, in fünfzehn Minuten wären wir nach eins Komma zwei Kilometern da. Wir gingen los und drei Straßen weiter bogen wir in eine schmale Gasse ein. Wir tauften sie später die Vergessene Gasse, denn kurioserweise zog sich beim Eintritt der Himmel komplett zu. Nicht nur eine Wolke, die sich vor die Sonne setzte, nein, komplett. Grau. Schnell. Komplett. Grau. Schnell. In jener Gasse waren die Häuser bis auf wenige Abweichungen alle gleich. Schon irgendwie niedlich, nicht so wie die Reihenhäuser bei uns, alle gleich und zweckdienlich, aber doch schon. Mit Tiefgaragen sogar. Aber die Rampe war so steil, dass man sie mit einem herkömmlichen PKW kaum bewältigen konnte. Hauptsache Tiefgarage. Klein auch waren die Tore zur Garage. Vielleicht waren sie nur für Fahrräder gedacht. Oder einfach nur für Kram. Aber auch vor den Häuschen standen keine Autos. War schon etwas seltsam. Spielte aber keine weitere Rolle. Irgendwie rechnete ich jeden Augenblick damit, dass gleich ein altes Muttchen aus dem Eingang käme, einen Raben oder wenigstens eine Katze auf dem Buckel, uns zahnlos anlächelt und mit dünnem Finger heranwinkt. Hans und Gretel in Brno.

Umso erstaunter war ich zu sehen, was Antje gerade machte. Sie öffnete eine Zaunpforte und ging in den Vorgarten eines der Häuschen. Die Hausnummer war nicht, wie sonst, an der Wand befestigt, sondern nur auf dem Fensterbrett des (Klo?) Fensters aufgestellt. Antje nahm sie in die Hand, drehte sich lächelnd um und deutete auf die Zahl. 259. „So eine hohe Zahl in so einer kurzen Gasse, komisch“, sagte ich. „Stell sie wieder hin!“ Antje: „Die passt doch prima zu meiner Z-Serie. Als Ergänzung.“ „Ja, Z-259 klingt wie ein Giftgas“, wieder ich. „Außerdem können wir doch nicht als reiche Westeuropäer hier in Osteuropa einfallen und den Menschen ihre Hausnummern klauen. Fehlt nur noch, dass wir uns wieder mehr Lebensraum im Osten holen wollen.“ Mit diesen Totschlagargumenten konnte ich die Zecke im Herzen natürlich überzeugen. Sie stellte die Nummer wieder an Ort und Stelle, kam vom Grundstück, und wir setzten unseren Weg durch die Graue Gasse fort. Keine Ahnung, ob Antje den Wetterumschwung bemerkte oder ob sie zu sehr mit ihrem geplanten Diebstahl beschäftigt war. Grau blieb es aber nicht mehr lange. Als wir an die nächste kreuzende Straße kamen, begegnete uns eine Kindergartengruppe. Wir gingen kurz auf die Straße, um ihnen auf dem Gehweg genug Platz zu lassen. Schön in Zweierreihe, Hand in Hand gingen sie an uns vorbei. Und je mehr Mädchen und Jungen uns passierten, um so heller wurde es wieder. Die Kinder waren vorbei, unsere Schatten hatten wieder scharfe Konturen, wie beim letzten Schritt vor der Gasse und auch sonst auf diesem Trip. Ich frage mich, woran es lag, dieser kurze Wetterumschwung, ich weiß es nicht. Die einzige Antwort ist eine kühne Vermutung mit drei Buchstaben. Aufmerksame Leser können mitsprechen: I-V-O.

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BRNO – Moravian Rhapsody
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Noch etwa einhundertachtundsiebzig Meter an einer Backsteinmauer entlang und wir standen am Eingang zum Jüdischen Friedhof. Noch ahnten wir nicht (obwohl Antje vielleicht schon), dass wir die längste Zeit des Tages hier verbringen würden und dass es zwei sehr spannende Begegnungen geben würde. Speziell ich (als noch unerfahrener Friedhofsbesucher) wusste nicht, in was für unterschiedliche Gefühlswelten ich eintauchen würde (oder besser, welche Gefühle mich übermannen sollten). Vor Eintritt durchschritten wir das Foyer. Hinter einer Glasscheibe erwartete uns ein junger, in seiner Freundlichkeit sehr eingeschränkter, Pförtner. Geld wollte er keines, mich wies er darauf hin, eine Kippa aufzusetzen (leicht genervter Blick) und Antje dürfe keine Bilder machen. (Ich wusste schon, wer sich darüber hinwegsetzen sollte…)

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Wir signalisierten ihm, alles verstanden zu haben, fanden beim zweiten Versuch auch die richtige Tür zum Friedhof und traten hindurch. Eine Frage, die sich mir dort stellte, kam durch die immense Größe der Grabsteine. Wie riesig sie waren und wie verziert, wie ausgearbeitet. Woran lässt sich diese Größe bemessen? Reichtum, Einfluss, Bekanntheit, Liebe der Hinterbliebenen, testamentarische Festlegung? Ich vermag es nicht zu sagen. Und so richtig bin ich auch noch nicht bereit, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich weiß nur, dass meine Nachkommen möglichst wenig Aufwand betreiben sollen, wenn ich einmal abgetreten bin. Jeder ging auf dem Friedhof so seiner Wege, vor manchen Gräbern blieb ich länger stehen und sann über die eventuelle Geschichte dieser Menschen nach oder versuchte Familienkonstellationen zu rekonstruieren. Auf vielen Grabsteinen lagen Kieselsteine aufgereiht. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was das bedeutete, dachte mir aber, dass damit eventuell die Besucher anzeigten, dass sie da gewesen waren. Ein jüdisches „Ich war hier!“ sozusagen. Kurz spielte ich auch mit dem Gedanken, selbst einen Kiesel abzulegen, an einem Grab, das mich besonders berührte. Bei der Suche allerdings kamen mir immer mehr Zweifel. Darf ich das als Nichtjude überhaupt? Und konnte ich ein Grab über alle anderen stellen? Ich steckte den Kiesel, den ich aufgehoben hatte, also in meine Hosentasche und ließ von meinem Vorhaben ab.

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Am Morgen, beim Frühstück, hatte mir Antje eine Kamera über den Tisch geschoben. „Auf dem Film sind noch 27 Bilder, Tagesaufgabe für dich, vollmachen!“ Ich schaffte genau zwei. Hier auf dem Friedhof wurde meine Aufgabe mit dem Verbot jeglicher Fotografie natürlich völlig torpediert. Zu den beiden Fotos konnte ich mich hinreißen lassen, aber ich sah auch nichts, was mir für ein Foto genügt hätte. Nur Grabsteine, Wege und Efeu. Ich konnte nicht durchblicken, konnte nicht hinter das Augenscheinliche sehen, sah nicht das große Ganze und auch nicht die kleine Auffälligkeit. Dafür aber immer über meine Schulter, ob nicht gleich der Wärter käme und uns des Platzes verweisen würde ob der wilden Knipserei der gepunkteten Frau dort. Wie dem auch sei, wir wurden nicht behelligt, weder vom Wärter, noch von Trauernden, denn es waren einfach keine da. Kein Mensch auf dem ganzen riesigen Areal. Bis ich in einiger Entfernung einen Mann auf einer Bank sitzen sah. Ich ging weiter meiner Wege, machte einen Bogen um ihn. Sollte er in Ruhe trauern; ich, als Mensch, der hier eigentlich nichts verloren hatte, wollte ihn nicht behelligen. Doch dann sah ich ihn wieder an anderer Stelle, dann eine andere Bank ansteuern.

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Diesmal vermied ich es, eine direkte Begegnung zu vermeiden, er setzte sich ja genau in meinen Weg. So kam ich ihm also näher, er saß mit überkreuzten Beinen da und spielte mit etwas in seiner rechten Hand, Kugeln wie es aussah. Er könnte etwa mein Alter gewesen sein, leger gekleidet, jung geblieben. Nicht gerade die Person, die ich hier erwartet hätte. Ich wollte schnell vorübergehen, nickte ihm nur kurz zu. In seinem Blick lag aber eine seltsame Freundlichkeit, die mir ein zweites Hinschauen abrang. Diesmal hatte er sogar ein Lächeln auf den Lippen. Normalerweise neige ich dazu, abzulehnen, wenn mir Fremde etwas anbieten, auch wenn es nur ein Platz neben ihnen ist, ein Überbleibsel meiner guten Erziehung. Doch in dieser Stadt war aus zufälligen Begegnungen schon so viel Gutes geschehen… Ich setzte mich also zu ihm. Ungefragt begann er zu erzählen, er habe hier keine Verstorbenen zu betrauern, auf gewisse Art, nur sich. Er käme oft hierher, denn er wolle allein sein. Allein mit seinem Schmerz, wolle sich ihm ungestört aussetzen, ihn mit seiner ganzen Kraft spüren. Am besten gehe dies in der abendlichen Dämmerung. Ohne Zuschauer, keine zufälligen Begegnungen, kein Mitleid, keine Passanten. Nur er und sein Schmerz. Puh. Was für ein Einstieg in ein Gespräch. Ich traute mich kaum, die auf der Hand liegende Frage zu stellen. Musste ich auch nicht, er sprach schon wieder. Er wusste natürlich, dass sein Schmerz gar nicht der Größte war, dass er anderen viel größeren Schmerz brachte und vielleicht immer noch bringt.

Er hatte seine Söhne verkauft, ein Satz, der mir ins Gehirn knallte wie ein Peitschenhieb. Bevor sich aber wilde Bilder in meinem Kopf formen konnten, sprach er schon weiter, verkauft für ein Gefühl. Ein Gefühl, das mir vorgaukelte, das Größte zu sein. Für ein Gefühl, das mir am Ende alles nahm, alles, was ich hatte und war. Das mich meines Bildes, meiner Aufgabe des Lebens beraubte. Jetzt kam er erzählerisch ins Rollen, ich spürte, er hatte Bedarf. Er sprach von seinen Kindern, sprach vom Moment des (unfreiwilligen) Alleinseins, von Abenden am Küchentisch mit Tränen in den Augen, von Schokoladenresten am Waschbeckenrand, von schmutzigen Fußballschuhen, an denen er die Knoten aufdröselte, der Dreck fiel ab, er ließ ihn liegen, drei Tage lang. Bilder aus dem Kunstunterricht, für Papa, Herzchen daneben, wellige Punkte darauf von seinen Tränen, ihre Worte, die in seinem Kopf nachhallten. Und immer wieder diese Fragen nach dem Warum. Warum war er so blind gewesen? Warum hatte er sie so aus den Augen verloren? Warum sein eigen Fleisch und Blut so vergessen? Werden sie ihm irgendwann genau das zum Vorwurf machen? Ihn nicht mehr lieben, sich entfernen? Er schaute mich an, hielt mir seine Faust entgegen. Als er sie öffnete, lagen zwei Kastanien auf seiner Handfläche. Eingetrocknet schon, alt. Als er sie hier auflas, erzählte er, war eine warm, sie lag in der Sonne, die andere kalt, aus dem Schatten. Wie seine Söhne. Der eine ein Heißblut, der andere eine Friermaus. Der eine stark, voller Energie, der andere zart, zurückhaltend. Der eine geradeaus, der andere bedacht. Der eine noch unangepasster Rebell, der andere unsicher und empathisch. Feuer und Wasser, Tag und Nacht, Hund und Katze. Aber dann doch froh, den anderen zu haben und ihn schnell vermissend, der eine, der andere das Einzelkind im Herzen nie aufgebend. Die Kastanien hatte er fast immer bei sich. Immer in der Hand, wenn er unterwegs war. Jetzt waren beide von seiner Körperwärme warm. Seinen Kindern konnte er diese Wärme nicht immer geben, aber den Kastanien wenigstens. Kein Trost. So eingeschrumpelt wie sie waren, sollten sie ihn daran erinnern, dass auch die Liebe der Kinder sich verlieren kann. Liebe stirbt, von heute auf morgen. Er selbst hatte es zu spüren bekommen. Nichts ist für immer, eine Floskel, klar, doch wahr. Nichts so stabil, um immer zu sein. So, er wäre jetzt gern wieder allein. Boah! Ich schüttelte mich und stolperte davon.

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Antje war schon ein ganzes Ende weiter, hatte auch auf einer Bank Platz genommen und ließ sich die Sonne auf den Dutt brennen. Zur Auflockerung spielten wir Stadt-Land-Fluss. Tat uns beiden gut. Diesem Ort vielleicht auch. Das ist jetzt die Frage: Darf man als Deutscher auf einem jüdischen Friedhof Spiele spielen? Zeugt das von mangelndem Respekt? Von Vergessen, Verdrängen, Unwissen? Ich hoffe ja, dass der Fakt, dass wir überhaupt auf dem jüdischen Friedhof waren, uns von all dem freispricht. Mit unserer Kategorienwahl kann man uns natürlich wieder ins Kreuzfeuer nehmen: Jüdische Namen, 2. Weltkrieg und Sehnsuchtsorte. Kann schon einen faden Beigeschmack haben. Aber Antjes Antwort unter der Rubrik: Was ich nicht vergessen will mit J boxt uns wieder heraus: Judenhass. Finde ich. Den gepflegten Teil des Friedhofes schnitten wir nur kurz an, versprachen wir uns doch wenig Spannung. Weit gefehlt. Trafen wir doch dort auf einer Wiese, an einer gespannten Schnur arbeitend, zwei Grabumsetzer. Die genaue Berufsbezeichnung kenne ich nicht, wahrscheinlich fällt das, was sie gerade taten, auch einfach nur in den Bereich: Totengräber.

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Auf Baustellen spricht man vom Maurerdekolletee, hier begrüßte man uns mit einer Friedhofsversion davon. Ein Kollege Typ intellektueller Erik der Rote mit Nickelbrille und verdrehtem Käppi war gerade dabei, einen Grabstein aus der Erde zu hucken, der Andere Typ polnischer Sonnenkönig, der nur für das Spannen der Schnur zuständig war, dessen Gesichtszüge aber mehr zu Einstein tendierten, stand entspannt in der Sonne (wo auch sonst) und schaute Erik beim Bulgsen zu. Diesem Erik haben wir es zu verdanken, dass diese Erzählung hier nicht so musiklos bleibt, wie sie begonnen hat. Auf die Frage hin, ob sie Grabräuber seien, was er verneinte, obwohl man schon interessante Dinge finden könne, erzählte er, dass er als 16-Jähriger schon gern mit der Wünschelrute durch das Brnoer Umland streifte. Einen Metalldetektor hatte er sich immer gewünscht, aber der war seiner Mutter zu teuer. Er fand nie größere Dinge, nicht mal Wasser. Wenn er etwas entdeckte, dann über der Erde. Damenhöschen neben einer Bank im Wald, einen halben Totenkopf, vermutlich weiblich, einen Bilderrahmen, eine halb vergammelte Holzkiste (oh, welch Aufregung) mit Knöpfen, Nadeln und Zwirn (oh, da geht sie dahin, die Aufregung). Vor Langeweile aber begann er kleine Gedichte über die Natur und ihre Bewohner zu verfassen. Alles im Kopf, er hatte ja die Hände nicht frei. Daheim schrieb er sie dann auf. Gut fürs Gedächtnis sagte er lächelnd. Damit es einfacher wurde, verpasste er den kleinen Gedichten eine einfache Melodie. Erst viel später sollte er erfahren, dass das, was er da tat, im weitesten Sinne Bukolische Dichtung war. Sogar ein Upgrade, ein musikalisches Upgrade sozusagen. „Hast du denn noch eines auf Lager?“ Ich konnte es mir nicht verkneifen. Als hätte er nur drauf gewartet, legte er los. Hier kommt es, so gut ich es wiedergeben kann:

Unter hoch stehender Sonne
träum’ ich von meiner Base
sie zu wiegen mit Wonne
im hohen Grase.
Unter Eichen und Tannen
entfacht sie meine Flammen
ich laufender Präriebrand
vergess’ nie ihren Diamant.
Doch wird auch sie alt
graues Haar, Gesicht
voller Falt’
in seiner Schönheit und
Gestalt
bleibt doch nur der
Böhmerwald

Was zum Teufel, dachte ich mir, bringt diese Stadt für Menschen hervor. Und in dieser Vielzahl. Nur gut, dass Sonnenkönig Albert noch nichts gesagt hatte, wer weiß, was er für Geheimnisse mit sich herumtrug und trägt. Wir wünschten weiterhin gutes Gelingen und gingen fassungslos zum Ausgang.

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Die polnische Dynastie

Es konnte doch nicht angehen, dass uns hier nur Sonderlinge und außergewöhnliche Individuen begegneten. Der Albert Supermarkt war uns zufällig vor die Füße gefallen. Auffällig waren auf den ersten Blick nur die sechs Mülleimer, die den Vorplatz säumten (Vorplatz, nicht Parkplatz. Und kein Mülleimer neben einer der sechs Sitzbänke). Nächster Eyecatcher waren die beiden asiatischen Mädchen, die mit schwarzen Pippi-Langstrumpf-Zöpfen vor der gelben Fassade saßen und sich je ein Eis einverleibten. Das wollen wir mal nicht weiter beachten, weil einfach nur niedlich. Wir setzen uns auf eine der Bänke, gönnten uns einen Kaffee und tatsächlich, es passierte nichts. Nichts, was nicht auch vor anderen Supermärkten auf der Welt passieren könnte. Es waren die wenigen Minuten in Brno, in denen wir uns wie unter ganz gewöhnlichen, normalen Menschen fühlten. Heißen soll das nichts, bestimmt war der kleine Weihnachtsmann-Fresser ein Wunderkind am Abakus und die beiden Mädchen die schlitzäugigen Ausgaben von Klein Mü. Aber hier zeigten sie sich uns nicht, was auch mal ganz entspannend war.

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Dieser Zustand hielt natürlich nicht lange an. Nur eine kurze Bahnfahrt später wurden wir einer Brnoer Tradition gewahr, ohne vorher je von ihr gehört zu haben. Wie wahrscheinlich jeder andere, der zum ersten Mal in der Stadt weilt. Es begab sich nämlich Folgendes: Wir stiegen aus der Tram und standen direkt vor einer Kirche. Schnell kam die Idee auf, doch mal hinein zu gehen; wir waren hier ja in noch keiner gewesen. Da diese aber verschlossen war, machten wir kehrt und wurden Zeuge, wie ein Täubchen (Felsentaube, Columba livia) einem anderen Täubchen (Ringeltaube, Columba palumbus) versuchte, den Garaus zu machen. Die Felsentaube hatte klar die Oberhand, es sah so aus, als würde sie im Flug versuchen, die Ringeltaube immer wieder an die Hauswand zu drängen, sich dann in ihr festzukrallen und sich mit ihr nach unten fallen zu lassen. Federn stoben und als sie unten waren, vereitelte die Felsentaube der Ringeltaube die Flucht, indem sie ihr jeden Weg absperrte und sie förmlich ansprang. Erstaunliche Aggressivität für ein Symbol des Friedens. Wir beobachteten den Kampf, je länger er dauerte, umso lauter drang ein kehliges Meckern in unsere Ohren.

Auf einer Bank saß neben Käfigen in Schuhkartongröße ein alter Mann und fuchtelte mit einem Krückstock in der Luft herum und feuerte die Tauben an oder schimpfte über ihre Leistung, ich kann es nicht genau sagen. Was ich als Nächstes vom Kampf mitbekam, war, dass die Felsentaube auf der nun reglos unter ihr liegenden Ringeltaube hockte. Vermutlich war das Duell entschieden. Der Alte erhob sich zitternd, streckte seinen Gehstock gerade vor sich aus, die siegreiche Taube flog auf und landete darauf. Von dort ließ er sie in ihren Käfig tippeln und verschloss diesen. Wir standen wohl ziemlich gebannt da, denn er blickte über seine Schulter, nickte kurz mit dem Kopf, drehte sich dann zu uns und sagte: „Hellmuth Olejnik, Taubenzüchter und -trainer. Fragen?“ Wir verneinten, aber er sprach trotzdem. „Felsentauben sind am zähsten!“ Er zog die Nase hoch, der Schleimbatzen rutsche durch den Rachenraum auf seine Zunge, von wo er ihn auf den Rasen spie. „Das kommt vom Leben an Klippen und Küsten. Das hier ist Mac IV“, sagte er und zeigte auf die Taube im Käfig. „Er ist Nachkomme in vierter Generation eines Taubenpärchens von den Orkneys. Hab ich selbst von Hand dort gefangen. War alles andere als einfach, aber mit dem richtigen Köder und der nötigen Ausdauer geht das schon mal. Über den Zoll rede ich nicht.“ (Als hätten wir gefragt, als hätten wir überhaupt Interesse in überhaupt einer Form gezeigt.) „Die haben mir den Taubenschlag ganz schön durchgepflügt. Hätte das mein Vater noch erlebt; der hätte die gleich in die Pfanne gehauen.“ Einmal in meinem Leben sah ich Tiere, die zum Kampf gezüchtet wurden. Französische Kampfhähne waren das, denen war die Aggressivität schon in den Augen und an der ganzen Körperhaltung abzulesen. Mac IV legte nur den Kopf etwas schief und gurrte sogar, als ich einen Blick in den Käfig warf. „Freitag Abend; wenn du Mac in Aktion sehen willst.“

Ich wusste nicht, ob ich wollte oder nicht, aber die Option fiel zum Glück aus, Freitagmittag ging unser Zug zurück nach Leipzig. Ganz spät an diesem Abend im Hostel ging mir der Taubendompteur nicht aus dem Kopf, ich befragte Google nach ihm und als hätte es das noch gebraucht, lernte ich, dass Brno schon seit Ewigkeiten eine Hochburg des Taubenkampfes war. Original mit rivalisierenden Züchterfamilien und klar, Olejnik ist eine davon. „Die Polen“, wie die Familie nur genannt wird. Angeblich sollen sie bei den illegalen Kämpfen ein halbes Vermögen gewonnen haben, man spricht von 450.000 Euro. Alles soll versteckt auf ihrem Hof lagern, aber noch niemand wagte sich, danach zu suchen oder sie zu überfallen… Tja, noch so eine mysteriöse Sippe. Als nächstes begegneten wir Adam Matyshuk Typ kerniger Kriegsveteran, mit Krücke und amputiertem Bein oder besser, wir stolperten über das einzig ihm verbliebene. So lag er nämlich auf dem Gehweg, frisch rasiert, mit einem Glas Essiggurken neben sich. Kaum hatte Antje die Kamera auf ihn gerichtet, streckte er uns auch schon die Hand entgegen, wollte Kronen abgreifen. Geld für Fotos gibt es bei der Koryphäe der Fotografie grundsätzlich nicht, also stellten wir uns nur etwas außer Reichweite, Antje machte ihre Bilder, was wollte er schon machen. Wirklich unerträglich musste für ihn aber etwas ganz anderes sein, dachte ich mir. Es roch schon die ganze Zeit furchtbar süßlich an dieser Ecke. Weihnachtsbäckerei im Oktober könnte man denken. Ich ging in etwas größerem Radius die Gegend ab und tatsächlich, keine dreißig Meter die Straße hoch war eine Backstube.

Hinter vergitterten Fenstern klapperten Bleche und Teig wurde auf eine Tischplatte geknallt. Was auch immer mich trieb, ich trat an das Gitter und machte durch Klopfen auf mich aufmerksam, eine Bäckerin (sehr jung noch, vielleicht Lehrling?) erschrak kurz, lächelte und schaute wieder nach unten auf ihren Teig (was für ein Kaventsmann). Mit meinen paar Brocken Englisch erzählte ich drauf los, dass unten an der Ecke ein Obdachloser liegt und gequält wird von dem süßen Duft, den sie hier verbreite (nicht sie selber natürlich, aber das Backwerk, das sie zaubert). Zumindest sagte ich das in meiner Erinnerung, in Wahrheit fragte ich sicher nur, ob sie nicht etwas bread für einen homeless man down the street hätte. Vielleicht sagte ich noch etwas über ihre dunklen Augen oder über die süßen dunklen Haare auf ihren kräftigen Unterarmen. Wie auch immer, es klappte, sie nahm Backpapier und ging zu einem Blech, das zum Abkühlen auf einem Regal lag, nahm zwei Brötchen, wickelte sie ein und verschwand mit einem Zucken ihres Kopfes. Ich wusste kurz nicht, was das bedeuten sollte, doch drei Fenster weiter ging plötzlich eins auf, ein kleines, vermutlich das Klofenster, sie reichte mir die Brötchen heraus. Alles, was ich ihr zum Dank geben konnte, war ein Handkuss. Und schon ging das Fenster wieder zu. Weg war sie. Und ich auch. Ich flitzte die paar Meter zu Adam zurück, um ihm die noch warmen Brötchen zu bringen. Alles, was er mir zum Dank geben konnte, war eine Essiggurke und ein Handschlag. Das reichte, denn wir wollten ja weiter. Nächstes Ziel das Roma-Viertel von Brno.

Volk im Nebel ( Das Reich hinter den Spiegeln)

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BRNO – Moravian Rhapsody

Wir gingen über die Bratislavska, dem Zentrum des Roma- Lebens in Brno. Wenn es sich ergeben sollte, wollten wir einen Blick ins Roma-Museum werfen. Gleich vorweg, es ergab sich nicht, wir gingen auf der Bratislavska in die falsche Richtung. Dieser Zufall führte uns aber an einen Ort, der in seiner Mystik genau passte. Genau ins Roma-Viertel und genau nach Brno, so wie es sich uns die Stadt bisher zeigte. Wir erlaubten uns noch einen kurzen Eintritt in die geheimnisvolle Welt der Roma. Ich kenne bisher ja nur die Klischees, Kinderräuber, Pferdehändler, Bärenführer, kriminell, dem Okkulten zugeneigt und was nicht alles. Wie gern würde ich eine spannende, zwielichtige kleine Episode erzählen, aber mit dem Blick, der sich uns dort bot und den Fakten, die ich später herausfand, vergeht mir gerade die Lust dazu. Von der Straße aus erhaschten wir immer wieder Blicke durch offene Tore auf die Hinterhöfe. Als wir an eine freie Stelle dieser Häuserzeile kamen, sahen wir, wie weit sich diese Höfe nach hinten erstreckten, wie weit die Häuser noch von der Straße weg liefen. Wenigstens einen riesigen Hof wollten wir von innen sehen. In einer offenen Haustür empfing uns eine bunte Kinderschar jeden Alters und Geschlechtes. Keiner sprach Englisch, also drängten wir uns an ihnen vorbei (nein, gestohlen wurde uns nichts), geradewegs durch den dunklen Zwischengang, dem Licht entgegen. Genießen konnten wir den Anblick nicht, denn kaum betraten wir den Hof, schlug uns ein Gestank entgegen, als wären wir direkt in die Ställe des Augias eingetreten.

Auch sonst entsprach alles in etwa den Klischees solcher Hinterhöfe, die von Randgruppen bewohnt werden. Wäsche hing auf den Emporen, über dem Geländer, Musik und lautes Stimmengewirr war zu hören, vergitterte Fenster, schiefe Gehwegplatten unter unseren Füßen, eine kaputte Waschmaschine neben der Treppe. Die Kinder hinter uns waren verschwunden. Vor uns war ein Zaun, der den Hof in drei Teile spaltete. Der Part, in dem wir waren, der Eingangsbereich sozusagen und dann der hintere Part, der nochmal zweigeteilt wurde. Die Größe dieses Hofes enttäuschte uns nicht. Wie viele Menschen hier wohl hausen mussten? Wenn man die Kinderzahlen im Kopf hat, die den Roma-Familien so nachgesagt werden, kann das schon für Beklemmungen in der Brust sorgen. Direkt vor uns spielten drei Jungs Fußball. Der Torwart stand mit dem Rücken zu uns und als er uns Gewahr wurde, merkte ich gleich, wie unruhig er wurde. Er schaute immer so halb nach hinten, um mitzubekommen, was wir taten. Seine Unaufmerksamkeit brachte ihm einen Gegentreffer und eine saftige Standpauke seiner Freunde ein. Bis auch sie uns registrierten. Fremde kommen wahrscheinlich nicht oft in ihre Nähe. Schon gar nicht blonde und wenn, dann verheißen sie vielleicht nichts Gutes. Die Neugier ließ sie aber näherkommen. Auch in der Schule waren sie wohl fit, sie parlierten unsere Fragen in fast perfektem Schulenglisch. Nur dem Torhüter machte seine Zurückhaltung einen Strich durch die Rechnung. Bis auf seinen Namen (Samuel) trug er nichts zum Gespräch bei. Simon, Sebastian und eben Samuel, keine Brüder, nur Freunde. Im Stile der Nationalspieler beim Hymnen-Vortrag posierten sie noch Arm in Arm für die Kamera, wurden aber dann sofort von einer rauchigen Stimme zum Fenster gerufen. In der Tür neben der Waschmaschine erschienen zwei Männer mit feindseligen Blicken und auch am Fenster tauchte ein Kopf auf, der uns wenig freundlich musterte. Es war damit wohl Zeit für uns zu gehen. Wir riefen den Jungs noch ein „Ahoj“ zu und drehten um. In ihren Augen war die ungezwungene Neugier der Jugend zu sehen. Kannten sie schon die Diskriminierung, erfuhren sie schon die Ablehnung, die ihrer Volksgruppe entgegen schlägt, der Hass, die Wut, die Vorurteile? Oder waren ihre Seelen noch ohne Schatten und stand ihnen die Erkenntnis, dass sie nirgends willkommen sind, noch bevor? Unser Weg durch das Viertel vermittelte nicht den Eindruck eines Ghettos. Vielleicht ist es aber genau das, vielleicht täuscht das Roma-Museum nur darüber hinweg, dass hier genauso verfahren wird wie in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Frankreich und die Roma einfach in einem Viertel sich selbst überlassen werden.

Man sagt, dass das Viertel hier in Brno früher hauptsächlich von Deutschen bewohnt war. Bis sie am 30. Mai 1945 mit dem Brünner Todesmarsch die Stadt verlassen mussten. Vielleicht aber täuschte mich die entspannte Stimmung an diesem sonnigen Oktobernachmittag auch nur und die Menschen, die so locker auf den Bordsteinen saßen, saßen nur dort, weil eben ihre Wohnungen viel zu klein waren, um alle Familienmitglieder auf einmal zu beherbergen. Vielleicht täuschten die schönen Fassaden der Gründerzeithäuser über die katastrophale Verfassung hinter den Wänden hinweg. Und vielleicht täuschten die jungen Studenten, die im Eckcafé saßen, auch über die allgemeine Ablehnung der Roma in der tschechischen Bevölkerung hinweg. Definitive Antworten ließen sich in zwei Stunden in Zabrdovice nicht finden; ich kann nur den Einblick mit mir nehmen und versuchen, diesem Thema mehr Platz in meinem Leben einzuräumen. Und dann ragt plötzlich ein Schiffsbug aus der Häuserreihe heraus. Wir kamen um eine Ecke und standen unter dem Rumpf eines Schoners. Ihm entwuchsen Planken, auf denen drei blecherne Figuren versuchten, eine mechanische Uhr zu stellen. Das war auch nötig, denn sie ging nach dem Wind, der gerade gar nicht wehte. Auf der Hauswand neben dem Schiff war ein Wandgemälde mit allerlei Fantasiegestalten. Findus erkannte ich, Rotkäppchen, einen weißen Wolf, ein Harlekin, alle in einem Luftschiff über einer Stadt, vermutlich Brno. Unten schwamm der weiße Wal, alles fügte sich irgendwie. Was war das für ein geheimnisvolles Gebäude? Irgendwie erinnerte es mich an das Carrousel des Mondes Marins in Nantes, wollte gleich abtauchen in die Welten von Hundertwasser, Da Vinci, Dem Wizard von Oz, und Antoni Gaudi. Bessere Paten kann es für ein Theater (das älteste der Stadt, seit 1947 bespielt), ein Puppentheater, nicht geben. Gäbe es keine Fotos von diesem Ort, würde ich mich heute fragen, ob das alles wirklich so war, wie ich es in Erinnerung habe.

BRNO_Antje Kroeger
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Aller Vorurteile zum Trotz ergab sich dann doch noch etwas, das den Roma zur Klischee-Ehre reichte. Uns kamen zwei kokett aufgetakelte (eine mehr, eine weniger) Mädels entgegen. Fünf und acht Jahre alt. Im Schlepptau Mutter und Oma. Aufs Foto wollten nur die Kleinen, die dunklen Prinzessinnen. Mutter und Oma zierten sich. Oma aber nahm mich ins Visier, kam auf mich zu, ich dachte schon, sie will auch wieder Kronen erbetteln, doch griff sie nur nach meiner Hand, drehte die Handfläche nach oben, spuckte in ihre Hand, klatschte mehrmals in schneller Folge auf meine Hand. Dann rieb sie ihre Handfläche an meiner, leckte ihren Zeigefinger an und fuhr meine Lebenslinie ab. Auch Kopf- und Herzlinie nahm sie sich, unter leisem Murmeln, vor. Sie schaute mir in die Augen, bis ihre Pupillen sich nach oben verdrehten und unter ihren Lidern verschwanden. Ich wollte etwas zurückweichen, doch hielt sie meine Hand (jetzt stark gedrückt) fest. Derweil versuchten sich die Mädchen darin, möglichst Topmodel-like rüberzukommen, soviel konnte ich noch wahrnehmen. Omas Hand strich über meine Wange. (Mit vollgerotzter Hand, nicht zu vergessen.) Wenn das überhaupt ging, wurde es mir noch unheimlicher. Doch dann verstummte sie, ihre Pupillen waren wieder zu sehen, sie lächelte mich an. „Gut Gefühl“, sagte sie. „Unglück weg“, ihr Arm machte eine Wellenbewegung. Wollte sie mir sagen, dass ich auf dem Weg nach oben bin? Möglich, aber egal, was sie meinte, ich gebe nicht wirklich viel auf Astrologie oder Wahrsagerei, darum ließ mich alles, was sie gemeint haben könnte relativ kalt. Ihre kleine Handmassage nahm ich natürlich gern mit. (Mit vollgerotzter Hand, nicht zu vergessen.) Nun haben wir doch noch das Klischee erfüllt. Da keine Bären im Viertel waren und Pferdewagen auch nicht, dann wenigstens Hexen.

Die Geschichte, die keine war

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BRNO – Moravian Rhapsody

Immer wieder begegneten wir in Brno spannenden Paarkonstrukten. Zweiergespanne, die diese Reise stark prägten. Michail und Pepin, die beiden asiatischen Zwillinge vorm Albert Supermarkt,Ivo und Radek natürlich, Franz Freiherr von Trenk und Christin Clementia, die Roma-Mädchen mit ihren Müttern. (Wobei man hier die Frage stellen muss, ob man sie offiziell zu den Pärchen zählen darf. Können 4 Personen noch ein Paar sein? Wie nennt man das dann? Quartett? Quartzier? Quadruple Quarter, Quadrigisches Quartett?)

Aber das auf den ersten Blick vielversprechendste Pärchen, zerstörte sich dann selber oder zeigte den Ur-Schaden unserer Gesellschaft auf. Oder nur the dark side of Brno (bis dato haben wir ja fast nur sonnige Gemüter dort getroffen, Unmenschen gibt es aber auch dort…

Wir kamen in diese Park-ähnliche grüne Oase am Rand der Innenstadt. Es lag eine angenehme spätsommerliche, laue Stimmung in der Luft. Hier leierten sich einige Brechtänzer zu (etwas zu) metallisch scheppernder Breaker-Mucke die Gelenke aus (werden sie das im Alter bereuen?), dort das obligatorische Liebespärchen auf der Parkbank. Daneben ein Elsterpärchen (Paare überall, ich sag’s euch) auf dem Rand eines Mülleimers. Weiter hinten eine vielköpfige Familie, die den Kleinsten beim Spielen im Staub zusahen. Fest im Boden verankerte Schachspieltische, drei an der Zahl, zwei frei, einer belegt. An dem saßen dann auch zwei Spieler, die ich gern namentlich vorstellen würde, aber ich kann es nicht. Zu gern hätte ich mehr über Beide erfahren, in welchem Verhältnis zueinander, welche Schicksalsschläge (offensichtlich) sie erlitten haben, was sie für Menschen waren. Für den letzten Punkt reicht vielleicht auch das 5-Minuten-Snippet, das wir bekamen. Wie immer mit Kamera und guten Absichten näherten wir uns dem Tisch, um das Spiel eventuell zu beobachten. Erste Überraschung, die Männer spielten kein Schach. Es könnte Kniffel gewesen sein, aber da sie es sofort einstellten, als wir näherkamen, kann ich nur mutmaßen. Zweite Überraschung: die offensichtliche Feindseligkeit eines der beiden Männer. Aus seinem Sven-Regener/Günther-Grass-Gesicht sprach die totale Missbilligung unserer Anwesenheit in seinem Umkreis. Apropos Umkreis, der Herr saß im Rollstuhl. Warum erwähne ich das? Weiß ich nicht. Vielleicht um einen Grund für seine verbitterte Abneigung zu finden. Die Fluchtdistanz seines Companion hatten wir da schon komplett unterschritten, man merkte es an seiner Körpersprache. Es sah auch so aus, als würde er sich fremdschämen für Sven/Günther in seiner konfrontativen Art. Aus seinem Mund kam ein schier ununterbrechbarer Schwall an Sätzen, Worten und Satzzeichen (Ausrufezeichen allesamt). Obwohl wir nichts verstanden, war die Ansage klar: „Verpisst euch“ Ausrufezeichen. Immer kleiner wurde der eine; immer lauter und ungehaltener der andere. Was war das nur für eine Spielgemeinschaft? Mit einer Handbewegung änderte Sven/Günther aber seine Taktik. Wenn die mich schon fotografieren will, dann soll sie auch dafür zahlen. Er machte die Geste, die überall auf der Welt verstanden wird. Cash. Unwissentlich hat er damit genau das geschafft, was er ürsprünglich wollte, weg waren wir. Aber nicht ohne ein finales Bild. Was wollte er denn machen, uns hinterher rennen? Hah!

Schade fand ich es viel mehr um den Mann unter dem Base Cap. Gern hätte ich etwas von ihm gehört, etwas über ihn erfahren. Wie kommt jemand mit so dezentem Wesen an so einen herrischen Stiesel. Und wie mit ihm aus? Gibt er sich freiwillig mit ihm ab? Wird er von Bluts her gezwungen? Was hat er zu sagen? Leider wurde uns der Blick hinter sein Unwohlsein ausstrahlendes Gesicht verwehrt. Wünschen wir ihm nur alle Kraft, die Launen seines Partners jederzeit zu ertragen.

Jack lives here… hoffentlich freiwillig und mit immer offener Hintertür.

Brunnen in Rosa

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Man hat ja im Allgemeinen ein Bild von sich und seinen Eigenschaften im Kopf, so grob. Ich hielt mich beispielsweise immer für mit halbwegs funktionalem Orientierungssinn ausgestattet. Doch Brno hat mir an diesem Abend den Zahn gezogen. Wir kamen am komplett anderen Ende der Innenstadt raus, als ich das erwartet hatte. Nicht den Hauptbahnhof erreichten wir als Erstes (das uns bekannte Gebäude), sondern das Janacek Theater und den Lichtbrunnen. Die erste Person, die mir hier ins Auge sprang, war ein kleines Mädchen Typ überzüchtetes Kind überambitionierter Eltern mit übersteigertem Ego in niedlich in rosa Cheerleader-Dress, wie sie da so allein unter Menschen stand. Das blieb sie aber nicht lange, denn schon kamen weitere Cheerleader in Begleitung ihrer Eltern. Und auch sonst füllte sich der Platz mit einem Haufen kunterbunter Leute. Es schien sich eine Art Veranstaltung zu entwickeln. Da war ein kleiner Stand mit einer unverkennbar beim Fernsehen arbeitenden (vermutlich) Moderatorin (groß, schlank, lange Haare, kleines Schwarzes in Rosa). Eine Bühne gab es nicht, doch werkelten Techniker an einem Mikrofon und Lautsprechern herum. Hier bahnte sich etwas an. Nur was, das war nicht ganz klar. Und nur einem von uns (mir) fiel auf, dass unverhältnismäßig viele Menschen in irgendeiner Form rosa gewandet waren. Der anderen Person (Antje) ging es eher darum, die vielen verschiedenen Rosatöne zu unterscheiden und sie ja nicht zu einer gemeinsamen Bewegung zusammenzubringen.

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Meine Vermutung war Brustkrebs. Die nordamerikanische Football-Liga hat jede Saison den Breast-Cancer-Awareness-Month, in dem viele Spieler etwas rosafarbenes tragen. Eine wasserfeste Bestätigung der Theorie bekamen wir aber nicht. Es wurde zwar viel gesprochen nach der Eröffnung, aber nichts gab uns einen Hinweis, kein englisches Wort. Eine zierliche Sängerin Typ Katharina Thalbach in weiblich und hübsch sang französische Lieder, es hatte etwas von Widerstandsmusik, hätte auch gepasst zur Stimmung auf dem Platz. Aber wenn es tatsächlich um Brustkrebs ging, passte das ja irgendwie auch. Nun waren endlich die Cheerleader dran. Die Kleine, die mir zuerst auffiel, war tatsächlich, obwohl eine der Jüngeren, die Chefin in klein. Eine richtige Chefin/Trainerin hatten sie auch. Weiter hatten sie, wie alle Kinder, die etwas aufführen, ihren eigenen Fanclub (oder sollte man eher sagen ihren Hofstaat?) Da werden hemdsärmelige Väter zu ganz sanften Jacken- und Wasserträgern mit Glitzern in den Augen. Omas quälen sich auf ihren Stöcken alle Treppenstufen hinauf und Mütter sehen sich selber in Miniformat, hätte es so etwas doch nur schon zu ihrer Zeit gegeben. Die Mädchen kamen in sämtlichen Körperformen daher, das allein war schon ein Augenschmaus.

Auch hier wieder der Querverweis zum American Football, man braucht hie wie da alle Typen, so eine Cheerleader-Pyramide steht ja nicht nur auf Haut und Knochen. Anstelle Pompons hatten sie aber Stöcke, waren sie doch eher Turnerinnen? Wo, außer im Wettkampf, liegt da eigentlich der Unterschied? Im Teamwork? Stimmung machen gegen knallhartes Training? Tanz und Dauerlächeln gegen Qual und Haltungsschäden? Hier tue ich sicher beiden Unrecht, drum stoppe ich mit diesem hinkenden Vergleich. Die Truppe war gut, sympathisch und zauberte nicht nur ihren Angehörigen ein Lächeln aufs Gesicht. Irgendwie bekamen wir Verlangen nach einer neuerlichen Dosis tschechischer Kellner, also verschwanden wir im Lokal unseres Vertrauens. Da ich die eigentümlichen Typen schon besungen habe, fasse ich mich diesmal kurz. Wir saßen in direkter Linie zu den WCs, die Bar und somit den Oberkautz (als Barkeeper) leider im Rücken. So ist die übliche Magie der Kellner etwas an uns abgeprallt, zusätzlicher Grund war auch noch ein Dreiergespann (Mann, Frau, Frau) an einem Nachbartisch. Wir versuchten, ihr Verhältnis zueinander zu ergründen, aber bis zu ihrem Abgang gaben sie uns Rätsel auf. Vielleicht waren wir auch nur zu borniert, vom Kopf her, um die Zusammenhänge zu blicken. Der Verdauungsspaziergang hatte diesmal auch ein Ziel, den beleuchteten Brunnen vor dem wir schon die Menschen in Rosa bestaunt hatten. Wir schauten auf ein Rechteck, von dem Wassertropfen von oben nach unten fielen, die während des Sturzes angestrahlt wurden. Im Licht leuchteten so Buchstaben, Muster und Zahlen auf. Wahrzeichen der Stadt waren zu sehen sowie Datum und Uhrzeit. Sogar Veranstaltungstipps konnte man lesen. Auch Nachrichten waren möglich. Tolles Ding das. Und auch Menschenmagnet. Besonderer Bonus: der schön meditative Sound, den die fallenden Tropfen beim Aufprall machten. Wahrlich ein

e n t s p a n n t e r T a g e s a u s k l a n g .

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BRNO – Moravian Rhapsody
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Zum zweiten Mal Aufwachen in Brno, leider schon zum letzten Mal. Es war unser Abreisetag. Also auf, um die letzten Kronen auf den Kopf zu hauen. Da sie auf unserem Weg zum Bahnhof lag, wollten wir auch noch die Kapuzinergruft besichtigen. Dort sollten zirka dreißig mumifizierte Ordensbrüder liegen. Morbiden Charme hatten wir noch nicht in Brno. In den Kellern unter dem Kloster trafen wir auch eine in ihrer Grausamkeit und Ambivalenz höchst faszinierende Persönlichkeit: Franz Freiherr von Trenck. Er lag in einem Sarg mit gläsernem Oberteil. Arme vor der Brust überkreuzt. Das Kinn einsinkend in den Hals. Braune, ins grau gehende papierene Haut, die sich um die Knochen legte. Optisch beeindruckend, aber sein Charakter und Wesen waren das eigentlich Fesselnde. Auf einer Seite gebildet (Kenntnis von sieben Sprachen), von hoher Tapferkeit (was auch immer das uns sagen soll…) und Freund englischer Literatur, andererseits jähzornig, gewaltbereit, habgierig, unnachgiebig. Dem Tod schon als Kind mehrfach von der Schippe gesprungen: von der Amme in den Kamin fallen gelassen, mit vier Jahren mit des Vaters Pistolen gespielt, aus denen sich ein Schuss löste und als Querschläger seinen Schenkel traf, auch beim Schwimmen und Eislaufen nur knapp überlebt, wenn die Quellen stimmen. Durch seine Aufmüpfigkeit flog er von der Schule, ein Feldherr wollte ihn später erst gar nicht im Regiment haben: So ging er zur Gegenseite (den Russen), verdiente sich dort eine Degradierung, dann aber auch eine Ernennung zum Major. Er ohrfeigte einen Vorgesetzten und wurde daraufhin zum Tode verurteilt. Aber das war es noch lange nicht mit seinem Leben. Denn schon vor dem Erschießungskommando stehend traf die Begnadigung ein. Erneute Degradierung und Verweis aus Russland waren die Folge. Der schlesische Krieg brach aus, er bot seiner Kaiserin an ein eigenes Regiment (die Paduren) aufzustellen. Angebot angenommen. Majorspatent ausgesprochen. Here we go again. Ihm gelangen mehrere gute Streifzüge durch Schlesien, als ihn aber ein Baron Menzel begleiten sollte, rebellierte Trenck. So stark, dass er unter Arrest gestellt wurde und besagter Menzel gar die Leitung der Paduren übernehmen sollte. Diese weigerten sich (seine Männer hatte er, trotz teilweise gnadenloser Härte ihnen gegenüber, im Griff) und nach kurzer Zeit war er wieder ihr Chef. Nun folgten erfolgreiche, aber auch grausame (gegen seine Gegner und auch Zivilisten) Feldzüge mit zahlreichen Eroberungen, Zerstörungen und Einnahmen. Maria Theresia beförderte ihn gar zum Obristen. Raffgier wurde ihm dann zum Verhängnis. Als er in der Schlacht bei Soor den Sieg schon als errungen sah, plünderte er das preußische Lager. Das war Wasser auf die Mühlen seiner nicht wenigen Feinde in den eigenen Reihen. Schwere Anschuldigungen zwangen die Kaiserin eine Untersuchungskommission anzuordnen. Seine Verteidigung nahm der Herr selbst in die Hand.

Trenck-typisch mit Übergriffen. Maria Theresia war dazu gezwungen, ihn vor das Kriegsgericht zu stellen. In alter Manier legte er sich dort mit dem Präsidenten an (man kann ja nicht aus seiner Haut), wurde handgreiflich und jetzt kommt’s: schleifte ihn zum Fenster und wollte ihn hinauswerfen. Hatte der Mann nicht ein Gespür für geschichtsträchtige Momente? Fenstersturz, wiedermal. Beinahe hätte er Wien den ersten Fenstersturz gebracht. Prag 4, Wien 1, Brno noch immer 0, so kann es gehen. Dafür hat Brno jetzt wenigstens seinen Papyrus-Körper, um auf Touristenfang zu gehen. Ende des Wurfversuches war dann sein Todesurteil (Schon wieder? Augenrollen…) Trenck wäre aber nicht Trenck und diese Geschichte nicht so gut, wenn nicht Freunde von ihm (ja, auch die hatte er (fragt sich nur woher, bei diesem Charakter)) sich für ihn eingesetzt hätten und bei der Kaiserin ein Aufheben des Urteils und Wiederaufnahme des Prozesses erwirkt hätten. So hatte er dem Sensenmann also once again ein Schnippchen geschlagen und wurde zu lebenslanger Haft auf der Festung Spielberg verurteilt. Ihm wurde alles gewährt, nur die Freiheit nicht. Seinen Tod bestimmte er wohl nahezu selbst. Mit dem Gift Aqua Toffana soll er sich getötet haben. Am 4.10.1749 um 12.00 Uhr verstarb er in Brno. Was für ein wilder Ritt. Und nun lag er da, klein und verschrumpelt, vor uns. Der Lauf der Geschichte halt. Da macht man sich über Jahre einen Namen wie Donnerhall und dann stehen Leute vorm Sarg, denen fehlt jeder Respekt. Sie lachen über die eingefallene Nase und über den neben ihm liegenden kleinen Finger, den man lange nach seinem Tod in einem anderen Museum gefunden hat.

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BRNO – Moravian Rhapsody
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Seitenlange Freundschaft

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Aus der kühlen Gruft stiegen wir direkt auf den Krautmarkt. Das Sammelsurium der Personen an jenem Tag reichte von jungen Ökologen, über Halbwesen zwischen Gestern und Morgen, aus der Zeit gefallenen Vokuhila- Trägern mit Schnauzbart, Druiden bis hin zu greisenhaften Rentnern, die Dodos fütterten und dabei versuchten, die Menschen um sie herum mit Flüchen zu belegen. Inmitten dieser skurrilen Ansammlung von Personen trafen wir auf Michail und Pepin. Sie saßen entspannt auf genau der Bank, auf der wir achtundvierzig Stunden vorher den Pferdefühler mit der Lupe trafen. Wie zwei Rentner, die in ihrem Leben schon Einiges geleistet hatten, saßen sie zurückgelehnt und zufrieden schauend da und hauten sich die Taschen mit Binsenweisheiten und Lügen, (aber was bitte ist in Brno schon eine Lüge?), voll.

Als ich an ihren ausgestreckten Beinen vorbeiging, sah ich ihren abschätzigen Blick. Da konnte ich nicht widerstehen, provokant zurückzuschauen. Bis Michail Typ ehemaliger Bauleiter mit Händen wie Radkappen, immer hart, aber immer gerecht, sich nach vorn beugte und mir seine Flasche Bier anbot. Keine normale Flasche, es handelte sich um eine 1,5-Liter Pulle. Wahrscheinlich ahnte er, dass ich eh ablehnen würde. Als ich verneinte, zuckte er mit den Schultern und gab die Flasche an Pepin ab. Da ich noch die Flasche Wein herum trug, die ich für meine Mutter geklaut hatte, bot ich, aus reiner Verlegenheit, ihm ebenfalls etwas an. Er winkte ab und spuckte aus. Schon gut, schon gut, hab verstanden. Pepin Typ ewiger Handlanger mit Hang zum Müßiggang machte einen (wie ich vermutete) blöden Witz auf meine Kosten, der mich irgendwie dumm dastehen ließ. Michail grinste nur, fragte mich dann, woher ich denn käme. „Deutschland, aha. Land der Dichter und Denker. Da hat man für unsereins nicht viel übrig.“ Auf meinen fragenden Blick hin sprach er weiter: „Pepin hier und ich, wir waren Pförtner. Seit 1985 machten wir das, ich vier Monate länger als Pep. Bis zur Rente vor zwei Jahren. Ich diesmal zwei Monate und fünf Tage eher als Pep. Ein schöner Job war das. Schichten, klar, aber gerade die Nachtschicht war immer wieder schön. Die Ruhe, wenn die letzten Kollegen weg waren und einen nichts mehr erwartete. Und im Sommer, wenn sich morgens langsam die Sonne ihren Platz am Himmel erkämpfte und jeder Sonnenaufgang anders war. Oder die Rundgänge immer zur vollen Stunde. Was da an Viehzeug vorm Lichtkegel der Lampe Reißaus nahm, das glaubst du nicht. Einmal, ich schwöre dir, war da auch ein Wolf.“ „Werwolf“, warf Pepin mit verschmitztem Lächeln ein.

Augenverdrehend schüttelte Michail den Kopf. Das Thema kam wohl öfter zur Sprache. „Nur weil du nie den Rundgang gemacht hast, fauler Hund.“ Mit dem Zeigefinger tippte sich Pep an den Kopf. „Köpfchen“, sagte er. „Aber, Dichter und Denker waren auch wir“, Michail wieder, „nächtelang in dieser Hütte, da wirste ja blöde, um das zu vermeiden, haben wir immer gelesen. Alle Klassiker durch. Ulysses, Fänger im Roggen, Krieg und Frieden, alles durch.“ „Und dann schön ausgewertet“, sagte Pepin. „Eine halbe Stunde haben wir immer noch zusammengesessen. Fünf Minuten Übergabe, fünfundzwanzig Literaturauswertung. Gute Chefs hatten wir auch immer. Drückten immer ein Auge zu.“ Michail: „Die Drei lustigen Zwei nannte man uns. Klar, bei dem Job, wie konnten wir da schlechte Laune haben? Selbst in finsteren Zeiten haben wir in unserem Häuschen an der Schranke Trost gefunden. Meine Frau verstarb und Pepins hat ihn sitzen lassen, aber in unsere Hütte kam das nie. Das blieb draußen, herein kamen nur wir und die Literatur. Vorher hatten wir nichts mit Büchern zu schaffen, völlig egal war uns das Lesen, aber dann kam die Langeweile, die hat uns die Tür zum geschriebenen Wort geöffnet.“ Pepin: „Auch jetzt noch lesen wir jeden Tag mehrere Stunden. Und das Gute daran ist: Jetzt können wir es zusammen machen.“ „Nur Freitag, da nicht, da nehmen wir uns eine Auszeit. Voneinander, nicht vom Lesen.“ „Freitag ist mein Magazin-Tag.“, sagte Pepin. Ihre Geschichte kam mir seltsam vertraut vor. Hart arbeitende Proletarier, die in jeder freien Minute lesen … Angeblich. Vielleicht waren sie auch nur zwei Tagediebe, die sich am Morgen schon die Kante gaben und dann die Leute auf dem Markt mit kruden Geschichten unterhalten. Und unterhalten, das konnten sie fürwahr.

Leider mussten wir auch schon weiter, es wollten noch Kronen ausgegeben und ein Zug erreicht werden. Wir stromerten noch durch die Markthalle neben dem Krautmarkt. Dort fanden sich weitere schicke kleine Stände mit handgemachtem Kram, selbst hergestellten Nahrungsmitteln und den wohl mit den einfallsreichsten Toppings gesegneten Donut-Laden. Gern würde ich hier Schleichwerbung machen oder gar nicht Schleichwerbung, richtige Werbung, damit die Jungs und Mädels mal kräftig expandieren, nur ist mir der Name entfallen. Also müssen alle Interessierten wohl selbst nach Brno fahren und dabei diese Metropole (wenn schon nicht in Größe, dann in Charme) selbst erkunden. Hmm, will ich das wirklich? Dann könnten alle meine Flunkereien aufgedeckt werden. Dann kommen alle meine Flunkereien ja zum Vorschein. Und dieser kleine Geheimtipp bleibt nicht mehr lange ein Geheimtipp. Also Leute, bleibt, wo ihr seid, das ist mein Bleibt-Daheim-Tipp. Unser Suppenteller- großer Donut hatte dann doch nur Standard-Schoko-Erdnuss-Glasur. Geschmacklich aber eine Erweckung allerhöchster Güte. Süße (pinke) Verpackung gab es obendrauf. Alles süß (niedlich) dort. Zeitlich gut unterwegs (das Urdeutsche konnte uns die Stadt in drei Tagen noch nicht nehmen) visierten wir den Weg zum Bahnhof an. In Osteuropa soll es ja so sein, dass alle Passagiere in der Bahnhofshalle vor einer Tafel warten, bis dort angezeigt wird, wann und wo ihr Zug einfährt und hält, um dann sogleich loszurammeln, um sich ins erste Abteil zu drängen (am besten auch gleich zur ersten Tür rein). Aber erst einmal war Warten angesagt. Warten und letztmalig in (noch) aller Entspanntheit die Menschen um uns beobachten, dieses redselige, mysteriöse, freundliche Volk, welches uns in den letzten 50 Stunden Herz und Kopf geöffnet hat. Ihre Seele haben die Tschechen uns zwar nicht gezeigt, aber wie sie sie versteckt haben hinter Geschichten vom Mond, Lächeln und Gebaren, hinter kurzer Bissigkeit, („Unser Laden schließt gleich, ich bitte sie um Verlassen.“), Lausbubenhaftigkeit und der Grandezza des tschechischen Lebemannes, das sagt mehr über sie aus, als sie uns hätten je erzählen können.

So warteten wir also in einer Innigkeit, die, je voller die Halle, immer enger wurde. An Bewegung war irgendwann nicht mehr zu denken. Noch nicht gepresst, aber doch schon ganz schön nah, standen wir also zwischen Backpackern mit Bier in der Hand, (die Flasche ansetzen ging ohne vorherige Absprache mit seinen Nebenleuten schon nicht mehr), den überall aus dem Boden sprießenden Asiaten (hier ein junges Ehe (?)- Pärchen) und einer Frau mit Robert-Smith-Gedächtnis-Frisur in blond. In meiner Hosentasche spielte ich mit den restlichen Kronen. Mein eigentlicher Plan, sie einem Obdachlosen zuzustecken, war in so weite Ferne gerückt, dass ich sie schon mit mir und der Ente, die Antje am Vorabend im Restaurant nicht geschafft hatte, komplett zu verspeisen, nach Deutschland fahren sah. Dann aber ruckte es, Antje zog mich am Arm, unser Zug war angeschrieben. Meine Hoffnung, dass doch nicht alle Leute hier unseren Zug nehmen würden zerplatzte, denn genau das wollten sie. Nun gar nicht mehr so entspannt und innig. Wie die Wilden liefen sie los. Gibt es also doch etwas, was überall gleich ist auf der Welt? Massenpanik? Oder Massenhysterie! Alle, wirklich fast alle, stürmten zur Unterführung. Mein letzter Blick durch die Wartehalle wurde von den steinernen Gargoyles in den Ecken mit gehässigem Lachen und Kopfnicken quittiert. Mit mehr Übung im Leute-über-den-Haufen-rennen und einfach nur biestig sein, kehrten alle ihren inneren Beastmode heraus und ließen uns ihren Staub schlucken.

Jetzt wäre eine gute Gelegenheit gewesen, jemandem eine kleine finanzielle Freude zu machen, aber niemand kam dafür infrage, kein Bedürftiger weit und breit, kein Kind mit nach Süßigkeiten schmachtenden Blick, keine Flaschensammler, Bettler, Straßenmusiker, nur hektische Körper, die in eine Richtung schoben. Als wir aus der Unterführung raus und in die wärmenden Strahlen der Brnoer Sonne traten, legte ich die Münzen unter das Geländer, der die Treppe umfassenden Wand. Ich würde jetzt gern schreiben, dass ein armer Junge in Lumpen mit Steckenpferd das Geld genommen hat und sich damit im Inneren des Bahnhofes einen schönen Nachmittag machte oder der Bahnsteigfeger, der am Rande stand und sich das Gedrängel in Ruhe angesehen hatte und wartete, bis alle weg waren und er wieder seiner Arbeit nachgehen konnte. Aber es hat sich nur eine pelzverhüllte Witwe angeeignet, die sich später am Bahnhof in Nymburk von einem Schuhputzer ihre Lederstiefel wienern ließ und den armen Kerl, weil es nicht ganz reichte, auch noch mit Schulden verließ. Die paar Kronen waren aber genau die, die ihm noch fehlten, um seiner, nach langer Krankheit, kurz vorher verstorbenen Agnes, den Trauerredner zu bezahlen, den sie sich wünschte. Er wusste nicht, dass sie ihn schon zwei Jahre betrog. Deshalb machten ihn die paar Kröten für den Moment glücklich. Ich möchte, auf Nachfrage, dieses Miniaturdrama etwas näher erläutern: Die geputzten Schuhe kosteten 50 Kronen, die Pelzdame hatte aber nur 43 Kronen gefunden. Die gab sie dem Schuhputzer, verließ ihn damit also hochnäsig und mit 7 Kronen Schulden. Da es aber sein letzter Job für den Tag war; er Feierabend machte; den Heimweg antrat und daheim Kassensturz machte, merkte er, dass ihm genau diese 43 Kronen fehlten, um den Redner zu bezahlen. Fun Fact am Rande: Seine Agnes betrog ihn genau mit dem Traueredner. Allet uffjeklärt? Allet kapiert? Aber die Reise und auch dieses Schriftstück sollen jetzt zu Ende gehen, drum gehe ich da nicht weiter drauf ein. Die Zugfahrt ist keiner Worte mehr Wert. Nur soviel, wir haben sie überstanden, und ich habe währenddessen oft die beiden Kastanien in meiner Hand hin und her gedreht und versucht, dabei die Menschen zu verstehen, denen wir hier begegneten. Es gelang mir trotz allem Verständnis nur schlecht. Es muss aber auch in und um Brno menschlichen Abschaum geben. Dieser war uns scheinbar komplett in den Zug gefolgt. Aber auch gut so, sollen die liebenswerten Originale dort bleiben, wo sie sind, nur so bleibt dieser Stadt die Seele erhalten. Die Kastanien liegen nun auf meinem deutschen Fensterbrett, etwas Soul braucht man ja auch hier.

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