Italien - eine Winterreise (Januar 2017: Rom, Florenz, Bologna)

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Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir? Mein Schatten kann es nicht sein, den habe ich ans Vorbei abgegeben, der war die ganze Zeit hinter mir, bin schon mehrmals an ihm vorbei, er wollte nicht mit, er wollte nicht mitziehen mit mir. Kann man ihn eigentlich vorauswerfen und dann entschlossen in ihn hineinspringen? Kann der Schatten das, was war, durchbrechen, indem er vor mir herläuft? Keine Ahnung. Ich spreche mit mir selbst, sonst spricht ja niemand mit mir. Ich stecke bis zum Hals in meinem Scheitern. Ich stecke in meiner Wanderpflicht, man nimmt mich in die Wanderpflicht, man nimmt mich dort auch noch hinein, aber man läßt mich dort nicht, ich kann dieser Pflicht ohnedies nicht genügen, das weiß man. Wer weiß, wer das weiß? Egal. Ich genüge nicht. Wem genüge ich denn nicht? Wer sagt, daß ich nicht genüge, meinem eigenen Leben nicht genüge, in der Schule des Lebens ein Nichtgenügend bekommen muß? Ich wollte recht zeitlich kommen, damit man nicht merkt, daß ich da bin, und mich nicht hinauswirft, wollte mich klein machen, aber die Zeit ist nicht meine, diese Zeitlichkeit war auch nicht meine, ich komme aus einer andren Zeitlichkeit, nicht aus dieser, habe ich mir eingebildet, aber das ging nicht. Kann man auch sagen: Zu zeitig, zu unzeitig bin ich, eine Übriggebliebene? Da ist die eine Wirklichkeit, die der Zeit, da ist die andre: ich.

Winterreise, Elfriede Jelinek

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh' ich wieder aus.

Wilhelm Müller, Franz Schuberts Winterreise

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Italien - eine Winterreise (Januar 2017: Rom, Florenz, Bologna)

Diese Winter-Reise hat mich emotional sehr gefordert. Nach der überwiegend entspannten Kubareise am Ende von 2016 war Italien am Anfang von 2017 ein schwer-er-er Gang. Zusammen kam vieles: Frieren (schade, wenn sich im Gepäck kaum Winterkleidung befindet), Verschwinden, Diebstahl, verpasster Flug, Konsum verhindert Begegnung, beobachtete Obdachlosigkeit, Armee - und Polizeipräsenz. Dafür gab es als Trost neben bestem Essen und verführerischem Eis wunderbarste Sonnen- und Schattenspiele, viele kleine Geschichten bis-hin zur Verdichtung und argentinisch.sozialistische Bekanntschaften, die die Vorfreude auf ein neues Land groß werden lassen.

Aber zurück zu Italien; für uns war es eine winterliche Bildungsreise, ich war wieder mit Frauke unterwegs (unser Fokus lag diesmal mehr denn je auf dem bewegten Bilde) … Museen in allen Formen und Größen und Farben: das Maxxi in Rom mit der Foto-Ausstellung von Letizia Battaglia und die Uffizien in Florenz waren meine Highlights - atemberaubend, berührend, aber vor allem lehrreich und inspirierend. Kunst ist so groß und bereichernd, ich befürchte, ein Menschenleben kann niemals ausreichen, um all die Schätze dieser Welt zu sehen und vor allem zu fühlen.

Von den drei Städten mag ich Florenz im Winter am liebsten. Ich glaube, es ist dieser besondere Atem, den die Stadt durch ihre Lunge zieht, sobald wenige Touristen anwesend sind. Die Stadt fror auch, wie zuvor schon Rom und danach Bologna. Selten ist es so kalt in diesem Teil von Italien. In Rom erzählte uns ein Wirt, der fast 70 Jahre alt ist, dass er in seinem Leben nur vier Mal Schnee in seiner Stadt erlebt habe. Schnee gab es am Anfang von 2017 in Rom, Florenz und Bologna zwar keinen, aber die Temperaturen waren deutlich unter 0. Damit hatte ich nicht gerechnet, sondern mich bereits auf meinen ersten Frühling des Jahres gefreut. Genau einen Tag, am Tag unserer Anreise, durfte ich kurz ins Frühlingsgefühl hineinschnuppern. Dann kamen Kälte und Glätte. Diese beiden Gefährten forderten nicht nur uns heraus, sondern auch die Obdachlosen (vor allem in Rom und Florenz). Noch nie in meinem Leben war ich so besorgt um Menschen, die auf der Straße leben. Dass dies ausgerechnet in Italien passieren würde, hätte ich niemals vermutet! Statistisch gesehen, gibt es in Italien viel weniger Obdachlosigkeit als in Deutschland. Mein Auge hat anderes wahrgenommen, eine Menge Matratzen, Pappen, Koffer und ähnliches vor allem unter Brücken, in Unterführungen, in der Nähe von wärmenden öffentlichen Räumen, schlafende Menschen (Flüchtlinge, Gestrandete) auf vielen Bänken in den Parkanlagen. Ich war und bin traurig darüber. In einem Land, das den katholischen Glauben auch öffentlich sehr hoch hält. Wo sind denn da auf einmal Grundwerte wie Nächstenliebe oder Fürsorge oder Hilfe in Not? Ver-rückt.

Ich möchte zwei Geschichten erzählen, Geschichten, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind von dieser Reise:

Am zweiten Tag unserer Reise waren wir auf dem Protestantischen Friedhof von Rom. Der Name ist ganz schön irreführend. Der Friedhof wurde einmal angelegt für Ausländer, die nach Italien kamen (Italiensehnsucht vor allem im 19. und 20. Jahrhundert) und von nicht katholischer Konfession waren, in der Mehrzahl Deutsche und Engländer. Später wurden dort aber auch Italiener begraben, die einfach nicht katholischen Glaubens waren. Auf dem Friedhof gibt es Grabstätten von vielen bekannten Persönlichkeiten, auch Kinder von Goethe und Humboldt sind hier beigesetzt worden. Der Ort ist wirklich poetisch und ein Lichtwunder-Platz. Ein Spaziergang durch die Grabreihen gleicht einem Spaziergang durch die Geschichte Europas. Überall sind große und kleine Biografien versteckt. Ich, ich fand die des Ehepaares Aufrichtig: Hans Aufrichtig (Journalist) und Käthe Aufrichtig, geboren Schröder (Schriftstellerin). Der Grabstein der beiden ist unscheinbar, aber mir gefiel ihr Name so sehr, dass ich ein Foto machte, nur zur Erinnerung. Später recherchierte ich und fand diese Website: http://www.nachlass-aufrichtig.de/

Auf einmal bekamen die beiden durch ihre Fotos und das dargestellte Schaffen ein Gesicht für mich. Die Mecklenburgerin und der Jude aus Böhmen liebten sich, sehr. Käthe stellte ihr künstlerisches Sein hinter das von Hans, sie flohen nach Italien, sie starben, beide in Rom. Sie wurden dort begraben. Eine große Geschichte hinter einem kleinen, grauen Grabstein. Diese Worte begleiteten mich die kommenden Tage in Rom:

1980 stirbt Käthe nach mehreren Klinikaufenthalten. Während einer dieser Aufenthalte wird tatsächlich in ihrer Wohnung eingebrochen. Ein Großteil ihres Nachlasses verschwindet dabei, darunter auch ihre Autobiografie.

Bei ihrer Beerdigung wird sie von vier Menschen begleitet. Mehr Freunde hatte sie nicht mehr. Sie wird in Hans' Grab beigesetzt. Rita erinnert sich: „Ihr Sarg war in einem dieser römischen Leichenwagen aufgebahrt, die waren ja rundherum aus Glas. Wir fuhren quer durch Rom. Die Leute blieben am Straßenrand stehen und bekreuzigten sich. Wir fuhren dann in Richtung Friedhof durch eine große Allee mit Palmen. Überall waren Menschen, die beteten und ich dachte, das ist ja wie auf einer Bühne. Das ist Käthe! So müsste das Leben zuende gehen, das passt zu ihr. Wenn Käthe das sehen könnte, dann würde sie sagen: ‚Das Leben hat sich doch gelohnt'. Diese Fahrt war ja eigentlich die wahre Wiedergutmachung, mehr als Geld und all das Drumherum. Ihr Leben war einfach Wahnsinn. Es war einfach Wahnsinn.“

In meiner zweiten Geschichte spielt Francesca Woodman die Hauptrolle. An einem Samstag spazierten wir zur Synagoge von Rom, ich hatte vergessen, dass am Sabbat die Türen verschlossen bleiben würden. Dafür fanden wir oder uns fand Il museo del Louvre Roma mit Giuseppe Casetti. Eine kleine Gasse im jüdischen Rom, eine vollgestopfte Galerie, ein älterer, hübscher, weißhaariger Mann, dessen Augen leuchten, wenn er von Francesca erzählt. Ich mochte ihre Fotos schon immer sehr, manchmal noch mehr ihre Biografie. Nun auf unserer Winterreise erfahre ich in Rom so viel mehr, sehe Karten und Zeichnungen, die sie geschrieben und gemalt hat, erfahre etwas über Freundschaft und die Fotografie der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in Italien (Woodman hatte ein Jahr in Rom verbracht). Der Raum von Giuseppe ist vollgestopft mit Büchern über Kunst, Plakate, Fotos überall, immer mal wieder ein Besucher, der nach einer Rarität sucht. Wir stiegen in die zweite Etage der Galerie hinauf und verbrachten dort eine Menge Zeit, Giuseppe erlaubte es uns. Wir tauchten ein, in eine andere Zeit …

Natürlich, es gäbe noch eine Menge zu erzählen, kleine und große Begebenheiten. Eines Tages wird es die bewegten Bilder zu sehen geben, versprochen, denn sie berichten von anderen weiteren Geschichten.


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6. Februar 2017

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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