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Mir ist derzeit schwer ums Herz. Der Firnis vieler Menschen bröckelt und die Gefühle schwanken … Aber es nützt einfach nichts zu verzweifeln. Zweifeln jedoch sollte jeder und vor allem seine Informationen immer aus vielen Quellen schöpfen, unermüdlich weiter machen und nicht müde werden, helfen anstatt zu konsumieren, reflektieren anstatt nur wahrzunehmen, machen anstatt jammern!
Ich hab fotografiert und Informationen zusammengesammelt. Was ihr damit tut und wie ihr all das zusammen-puzzelt, ist euch überlassen, schauet und leset.

Wir sprachen über Exil. Mir fielen zuerst Hannah Arendt & Thomas Mann ein. Dann dachte ich länger darüber nach. Das innere Exil, die Juden während des NS-Regimes und ihrer gesamten Geschichte, die Oppositionellen nach dem Prager Frühling in der ČSSR, politisches Exil, die Türkei, Wolf Biermann … Ich dachte an meine Familie, einige waren vor über 70 Jahren mit einem Track von Ost nach West unterwegs gewesen, erzählten nicht gerne darüber, waren auf den Weg ins Exil, aufgenommen auch damals im eignen Land nur mit Zähneknirschen. Ich dachte an meinen Vater, der einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt hatte, bereit war, „freiwillig“ ins Exil zu gehen, von Ost nach West – wieder – aber ich dachte vor allem an die vielen Menschen, die sich derzeit aufmachen, aufmachen, um einen Platz zu finden, um zu über-leben in der Welt.

eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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  • 28.300 Menschen fliehen durchschnittlich pro Tag
  • 55 Prozent der Flüchtlinge weltweit kommen aus nur drei Ländern: 1.4 Mio Südsudan, 2,5 Mio Afghanistan, 5,5 Mio Syrien
  • Hauptaufnahmeländer: Türkei 2,9 Mio, Pakistan 1,4 Mio, Libanon 1 Mio, Iran 979.400, Uganda 940.800
  • die Hälfte der Flüchtlinge weltweit sind Kinder unter 18 Jahren
    Quelle: UNHCR
eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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Asylantragszahlen Deutschland, Quelle: BAMF Mai 2018

2011:                                            53.347
2012:                                            77.651
2013:                                          127.023
2014:                                         202.834
2015:                                         476.649
2016:                                         745.545
2017:                                         222.683
Januar bis Mai 2018:        78.026

eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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Europäische Union: Anzahl der erstmaligen Asylbewerber je eine Million Einwohner* in den Mitgliedsstaaten im Jahr 2017 (Quelle: Statista)

Griechenland        5.295
Zypern                   5.235
Luxemburg           3.931
Malta                     3.502
Österreich            2.526
Deutschland        2.402
Schweden             2.220
Italien                   2.089
Frankreich           1.359

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Tote während der Flucht (Quelle Pro Asyl)

  • 2014:      5.286
  • 2015:      6.305
  • 2016:      8.057
  • 2017:      6.142
  • 6 von 100 Flüchtlingen, die den Weg übers zentrale Mittelmeer wagen, finden aktuell den Tod
  • seit 2000 über 35.000 Menschen an den europäischen Außengrenzen ums Leben gekommen

 

eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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»Vermutlich ist die Zahl der Migranten, die in der Sahara ums Leben kommen, mindestens ähnlich hoch wie die derjenigen, die im Mittelmeer sterben.« (Internationale Organisation für Migration)

eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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03.07.2018

Bei ihrer gefährlichen Flucht über das Mittelmeer sind seit Anfang des Jahres mindestens 1405 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Toten sei um 40 Prozent höher als bislang befürchtet, berichtet die Organisation für Migration (IOM) in Genf. In dieser neuen Bilanz sind auch die Unglücke vom 19. und 20. Juni enthalten, wie Julia Black vom Datenanalysezentrum der IOM in Berlin erläutert. Demnach kamen allein an diesen beiden Tagen mindestens 215 Menschen ums Leben. (Quelle: DW.com)

eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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eine Fotoserie über den Tod bei der Migration über das Mittelmeer, fotografiert von Antje Kröger aus Leipzig, Frau mit weißem Hochzeitskleid in blauem Wasser
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Ich hörte davon, dass schwangere Frauen sich auf den Weg machen über das Meer. Sie kommen aus den großen Flüchtlings-Lagern im Libanon, wurden dort vergewaltigt. Für sie ist die Flucht über das Meer nach Europa der einzige Strohhalm von Leben, alles andere ist fast schon egal, ihr Körper, wurde einfach genommen  – und dann der Gedanke, diesem Kind eine Chance einzuräumen, an einem „besseren“ Platz in der Welt & dazu jegliches Risiko einzugehen, Tod oder Leben – nichts dazwischen…

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One thought on “humanorum”

  • Das ist wunderbar! Darf man es so nennen, trotz des Elends? Es wird mir täglich schlecht und ich bekomme Angst, aber es muss verarbeitet, bearbeitet werden. Jeder tut es auf seine Weise. Deine Weise könnte deutlicher nicht sein.
    Chapeau!

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9. Juli 2018

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
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Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
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Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026