Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger

Frau vom Schnee

Ein kleiner Zwischenfall warf ein grelles Licht auf diese breiter werdenden Risse. In dem weiten verschneiten Park wurde hinter dem Schewtschenko-Standbild eine junge Partisanin zum Galgen geführt. Eine Vielzahl deutscher Schaulustiger versammelten sich. Landser der Wehrmacht und Orpos, aber auch Angehörige der Organisation Todt, „Goldfasanen“ aus dem Ostministerium, Piloten der Luftwaffe. Es handelte sich um ein ziemlich mageres junges Mädchen, mit einem Anflug von Hysterie im Gesicht, das dichte schwarze Haar war unregelmäßig geschnitten, wie mit einer Gartenschere. Ein Offizier fesselte ihr die Hände, stellte sie unter den Galgen und legte ihr die Schlinge um den Hals. Dann defilierten die anwesenden Soldaten und Offiziere an ihr vorbei und küssten sie, einer nach dem anderen, auf den Mund. Sie blieb stumm, die Augen weit geöffnet. Einige küssten sie zärtlich, fast keusch, wie Pennäler; andere nahmen ihren Kopf in beide Hände, um ihr gewaltsam die Lippen zu öffnen. Als ich an der Reihe war, sah sie mich an, mit einem klaren, leuchtenden Blick, vollkommen reingewaschen, sie verstand alles, wusste alles, und dieses reine Wissen setzte mich in Flammen. Knisternd verbrannte meine Kleidung, die Haut auf meinem Bauch platze, das Fett brutzelte, das Feuer fauchte in meinen Augenhöhlen, im Mund und reinigte das Innere meines Schädels. Die Hitze war so intensiv, das sie den Kopf wenden musste. Ich verkohlte, und die Reste von mir verwandelten sich in eine Salzsäule; rasch abgekühlt, lösten sich Stücke, hier eine Schulter, dort eine Hand, dann die Hälfte des Kopfes. Schließlich fiel ich gänzlich zu ihren Füßen zusammen, der Wind erfasste dieses Salzhäufchen und zerstreute es. Schon rückte der nächste Offizier nach, und als alle sie passiert hatten, wurde sie gehängt. Tagelang dachte ich über diese seltsame Szene nach; doch meine Gedanken stellten sich wie ein Spiegel vor mir auf und zeigten mir immer nur mein tatsächliches Abbild, seitenverkehrt, aber naturgetreu. Auch die Leiche dieses jungen Mädchens war für mich ein Spiegel. Der Strick war gerissen, oder man hatte ihn durchgeschnitten, jedenfalls lag sie im Schnee des Parks der Gewerkschaften, das Genick gebrochen, die Lippen geschwollen, eine entblößte Brust von den Hunden angefressen. Ihr struppiges Haar umstand ihr Gesicht wie das Haar der Meduse, und sie erschien mir unsagbar schön, im Tode zu Hause wie eine Madonnenstatue, Notre-Dame-des-Neigers, Unsere Liebe Frau vom Schnee.
Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten

 

 

Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee
Frau vom Schnee Aktfotos Antje Kröger
Frau vom Schnee

One thought on “Frau vom Schnee”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

16. September 2017

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Piroska (Zweie)
rotkäppchen wald zweig berühren weidenkorb boden, rotes cape kapuze, inszenierte märchenfotografie piroska

Piroska (Zweie)

Der Korb meines Rotkäppchens war irgendwann gefüllt mit Sorgen, bis zum Rand. Sorge. Vorsorge. Sorge vor Sorge. Versorgen, umsorgen, (selbst)fürsorgen. Wo war das niedliche, furchtlose Mädchen geblieben? Angst oder Furcht. Egal. Beides in ordentlichem Maße vorhanden. Nur die Sehnsucht war geblieben. Natürlich. Und wenn sie nicht gestorben sind… Aber so viel(e) war(en) schon gestorben. Die Großmama natürlich. Aber auch die ein oder andere Utopie. Menschen. Vorhaben. Lieben, die Leichtigkeit.
4. Oktober 2026
Piroska (Einse)
rotkäppchen haarbürste neonlicht wald, geschlossene augen, inszenierte fotografie piroska selbstfürsorge

Piroska (Einse)

Auf dem Nachttischchen aus Holz, das neben dem knarrenden Omabett stand, lag dieses wunderschöne DDR-Märchenbuch. Es war ein dicker Brocken und die Seiten waren mit einem goldenen Schnitt verziert. Als Kind dachte ich, dieses Buch wäre ein Schatz. Denn immer, nachdem Omama mir daraus vorgelesen hatte, verschwand es wieder in einer roten Box aus dicker Pappe. Dann war das wunderschöne Cover nicht mehr sichtbar, welches mich durch meine gesamte Kindheit begleitete.
4. Oktober 2026
FORM | BEZIEHUNG | INHALT (auch ein Fotoseminar)
selbstporträt inszeniert, sandkastenform als maske vor auge, grüner lidschatten, analog-digitaler remix, konzeptuelle porträtfotografie

FORM | BEZIEHUNG | INHALT (auch ein Fotoseminar)

ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026