Aktfotografie Antje Kroeger

Die Erfahrung der Krankheit

“ In der Erfahrung der Krankheit lässt der Körper uns leiden: Da ist zum einen der Schmerz, der unseren Körper befällt. Und zum anderen wir, die wir diesen Schmerz durch unseren kranken Körper empfinden. Ist kein Schmerz vorhanden, erleben wir unseren Körper als den direkten Mittler unseres In-einer-bestimmten-Situation-Seins. Ich verfüge über meine schreibende Hand ja nicht wie über ein Instrument. Ich bin durch meine Hand hindurch, bin das, was meinem Gedanken hilft, in Schriftzeichen Form anzunehmen. Im Schmerz hingegen stehe ich einem Körperteil, beispielsweise der Hand, nicht länger mehr als Beobachter gegenüber. Ich bin, was die schmerzende Region angeht, wehrlos. Meine Hand tut mir weh: Sie besetzt mich, bedrückt mich, drängt sich mir geradezu auf. Der Körper, den man in der Krankheit entdeckt, ist ganz anders als der, den man zu kennen glaubte. So schreibt Proust in Die Welt der Guermantes: »Im Zustand der Krankheit merken wir, dass wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen ganz anderer Ordnung gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt, und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.«
 

Unser kranker Körper ist kein diskreter Gefährte mehr, sondern einer, der sich uns heimtückisch aufdrängt und sich nicht beiseiteschieben lässt: »Es ist mir nicht gelungen, mich meiner selbst zu entledigen. Ich bin das einzige Objekt meiner Aufmerksamkeit geworden. Man hat mich mir aufgedrückt. Man hat mich an meine Person genagelt.«

Die Krankheit rehabilitiert die Notwendigkeit einer engen Beziehung zum Körper, denn nun können wir uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass wir auch unabhängig von ihm sein könnten. Wenn mein Körper das ist, wodurch ich existiere und mich von anderen unterscheidet, treibt die Krankheit diese Erfahrung auf die Spitze. Gleichzeitig erlebt der Kranke sich als grundlegend ohnmächtig: Er weiß, dass er nicht mehr alles tun kann, was er möchte, da sein Körper kein Gegenstand der Außenwelt ist, sondern er selbst. Jeder Mensch kann versuchen, sich seines Körpers zu entledigen, doch wenn er krank wird, kann er die Empfindungen nicht mehr leugnen, die der Körper ihm verschafft und die ihn daran hindern, so zu leben, wie er es täte, wäre er nicht krank.“
Michela Marzano, PHILOSOPHIE DES KÖRPERS

 

Künstlerische Fotoserie einer nackten Frau mit bandagierten, teilweise blutverschmierten Beinen. Die Bilder thematisieren Schmerz, Verletzlichkeit und die körperliche wie seelische Erfahrung von Krankheit. Die Aufnahmen sind inszeniert, atmosphärisch und von intensiver emotionaler Symbolik geprägt.
Die Erfahrung der Krankheit
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Die Erfahrung der Krankheit
Eine sitzende Person auf einem alten Holzstuhl, den Kopf gesenkt, die Beine mit Bandagen umwickelt. Die Hände und Füße sind rot eingefärbt. Das Licht ist gedämpft, die Szene wirkt nachdenklich und emotional intensiv, vor einer rauen Wand in einem spärlich beleuchteten Raum.
Die Erfahrung der Krankheit
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2 thoughts on “Die Erfahrung der Krankheit”

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26. Juni 2016

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026