Antje Kröger | Fotokünstlerin

TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL I // DAS HERDEN(ER)LEBEN

Posted by on Mrz 23 2020, in Mensch

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Fotos: Antje Kröger / Tobias Crain

Lest bitte auch mein Lied der Solidarität!


Prolog

Schaf. Stier. Schmetterling. Aufgeladen mit Symbolik. S // S // S. Zufall? Ja. Gibt es den denn? Ich weiß es nicht. Aber ich nehme ihn an. Schaue ihm ins lächelnde Gesicht. Er, der ja nun unwiderruflich männlich ist. Oder gibt es auch daran schon etwas zu rütteln? Froillein Zufall. Meinetwegen auch dies. Gedacht waren Teile dieser Trilogie schon lange. Und nun, schneller als mir lieb ist, kommt noch eine Dringlichkeit hinzu. Mit S // S // S das Menschsein erklärt und der damit verbundene Wunsch, alles möge sich nach dem Schmerz in eine Schönheit verpuppen. Doch. Stopp. Haben wir es denn nicht sowieso in der Hand. Sind nicht wir die Gestalter(*innen)? Fragezeichen. Fragezeichen! Fraaaagezeichen!!!


TEIL I // DAS HERDEN(ER)LEBEN

Alleine unter Schafen. Immer wollte ich lieber Wölfin sein. Eingeordnet wurde ich von den weißen Wolltieren aber als eines von ihnen, wenn auch als ein schwarzes. Eins von ihnen. Natürlich. Nur die Farbe eine andere. Mit gehangen, mit gefangen. Kein Entkommen. Du bist anders, gehörst aber doch zu uns. Jede Herde kann solch einen Ausrutscher unterbringen und aushalten. Ja? Färben Demut, Lenksamkeit, Wehrlosigkeit, Herdentrieb irgendwann ab von weiß auf schwarz? Und was wird aus mir schwarzem Schaf so? Ein graues Schaf? Ein Straßenköter-Schaf? Ein geschecktes Wolltier? Ich mag nicht gezähmt werden. Warum habt ihr alle, ihr weißen das mit euch machen lassen? Und zwar ihr alle? Ich klage euch an. Denn ich mag das Schwarz meiner Wolle. Und wenn ich Lust habe, dann färbe ich es ein, mit einer anderen Farbe, der des Blutes.

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Ich nahm das Foto in die linke Hand, die Lupe in die rechte und sah mir die Aufnahme aufmerksam an. Ein paar Schafe schauten in die Kamera, ein paar schauten woanders hin, und ein paar fraßen einfach Gras. Aufregend wie ein langweiliges Klassenfoto. Ich nahm jedes Schaf einzeln unter die Lupe, sah mir den Grasstand der Wiese an, den Birkenwald hinter der Wiese, das Bergmassiv im Hintergrund und die Wolkenfetzen am Himmel. Es gab nichts Auffälliges, nicht das geringste. Ich sah vom Foto und der Lupe auf und den Mann an. »Ist Ihnen etwas aufgefallen?« fragte er. »Nicht das geringste«, sagte ich. Der Mann machte nicht den Eindruck, enttäuscht zu sein. »Sie haben doch Biologie studiert, nicht wahr?« fragte er. »Was wissen Sie über Schafe?» »So gut wie nichts. Ich habe Fachstudien betrieben, fast alles ohne praktischen Wert.« »Erzählen Sie das, was Sie wissen.« »Paarhufer. Pflanzenfressendes Herdentier. In Japan wohl zu Anfang der Meijizeit eingeführt, siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Genutzt werden Wolle und Fleisch. Das ist so ziemlich alles. « » Korrekt«, sagte der Mann. »Wenn ich nur einen kleinen Punkt berichtigen darf: Sie wurden in Japan nicht in der frühen Meijizeit eingeführt, sondern während der Anseiperiode, zwanzig Jahre früher also. Davor allerdings gab es, wie Sie richtig bemerkten, in Japan keine Schafe. Schon zur Heianzeit sollen welche aus China ins Land gebracht worden sein, aber wenn diese Theorie den Tatsachen entspricht, müssen sie danach auf irgendeine Weise ausgestorben sein. Bis zur Meijizeit hatten die meisten Japaner also weder je ein Schaf gesehen noch eine Vorstellung davon, was für ein Tier das sei. Keine präzise Vorstellung jedenfalls, obwohl das Schaf zu den zwölf chinesischen Tierkreiszeichen gehört und verhältnismäßig populär war. Unter einem Schaf konnte man sich, mit anderen Worten, ebensowenig vorstellen wie unter einem Drachen oder einem Tapir. Tatsächlich sind die vor-meijizeitlichen japanischen Zeichnungen von Schafen völlig verzerrt. Die Japaner wußten damals so viel von Schafen wie H. G. Wells von den Marsmenschen. Auch heute noch ist das Schafbewußtsein der Japaner erschreckend gering. Kurzum: Der Japaner hatte, historisch betrachtet, im täglichen Leben mit dem Schaf nichts zu tun. Der Staat importierte es aus Amerika, man züchtete es, und dann wurde es vergessen. Nach dem Krieg schließlich sank mit der Aufhebung der Einfuhrbeschränkungen für Schafswolle und Lamm- und Hammelfleisch aus Australien und Neuseeland der Anreiz für einheimische Züchter auf beinahe Null. Das ist das Schaf. Ein armes Tier, finden Sie nicht? Es steht, könnte man sagen, für die Moderne Japans schlechthin. Aber ich will Ihnen natürlich keinen Vortrag über die Nichtigkeit der japanischen Moderne halten. Was ich sagen will, ist zweierlei: Zum einen, daß bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts in ganz Japan vermutlich nicht ein einziges Schaf existierte, und zum anderen, daß die danach importierten Schafe vom Staat Stück für Stück einer rigorosen Kontrolle unterworfen wurden. Was bedeuten diese beiden Punkte? « Die Frage ging an mich. »Daß sämtliche in Japan vorkommenden Schafarten genauestens bekannt sind.« »Ganz recht. Hinzu kommt, daß sich, da es bei Schafen genau wie bei Rennpferden auf die Zucht ankommt, bei so gut wie allen in Japan vorkommenden Arten die Stammbäume mühelos über Generationen zurückverfolgen lassen. Das Tier ist, mit anderen Worten, gründlichst erfaßt. Selbst alle Kreuzungen lassen sich ermitteln. Illegale Importe kommen nicht vor – wer hätte schon eine Schwäche dafür, eigens Schafe zu schmuggeln? An Rassen haben wir Southdowns, Spanische Merinos, Cotswolds, Chinesen, Shropshires, Corriedales, Cheviots, Romanowskis, Ostfriesen, Border Leicesters, Romney Marshs, Lincolns, Dorsethorns, Suffolks – das dürften die wesentlichen sein. Und jetzt«, sagte der Mann, »schauen Sie sich noch einmal genau das Foto an. « Ich nahm noch einmal das Foto und die Lupe zur Hand. »Achten Sie besonders auf das dritte Schaf von rechts in der vorderen Reihe.« Ich führte die Lupe über das dritte Schaf von rechts in der vorderen Reihe. Dann sah ich mir die Schafe daneben an, schließlich noch einmal das dritte von rechts. »Fällt Ihnen jetzt etwas auf?« fragte der Mann. »Eine andere Rasse«, sagte ich. »Ganz recht. Bis auf das dritte von rechts handelt es sich ausschließlich um ganz gewöhnliche Suffolks. Nur dieses eine weicht ab. Es ist wesentlich untersetzter als die anderen, und die Färbung der Wolle ist anders. Auch der Kopf ist nicht schwarz wie bei den Suffolks. Es wirkt, wie soll ich sagen, gelassen und wesentlich robuster. Ich habe das Foto einigen Schafexperten vorgelegt. Sie alle kamen zu dem Ergebnis, ein solches Schaf existiere in Japan nicht. Vielleicht sogar nirgendwo auf der Welt. Sie schauen sich also gerade ein Schaf an, das es gar nicht geben dürfte.«

Haruki Murakami – Wilde Schafsjagd
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