Antje Kröger | Fotokünstlerin

Rabeneinführung

Posted by on Jul 04 2019, in Mensch

Fotokunst Antje Kröger Tobias Crain

Arbeitstitel sind schnell gefunden (meist). Sie kommen einem ohne vieles Nachdenken in den Kopf, werden benutzt, damit später noch einmal in Ruhe in sich gegangen werden kann, um den endgültigen Titel eines Werkes auszugraben. Manchmal bleibt’s beim Arbeitstitel, erster Impuls. Selten für ausreichend empfunden. Selten überlebt. Hier nun sitzt, wackelt und hat er Luft. Nichts anderes wollte über dieser Gemeinschaftsarbeit von Antje und Tobias thronen. Und der Rabe wird nun mal in das Werk Antjes eingeführt. Fakt. Beide Künstler haben zu Antjes Fotos ihre ganz eignen Worte gesucht und gefunden. Tobias würde am liebsten ein Battle draus machen. Antje braucht keinen Sieger und Verlierer. Aber ihr liebe Rezipienten seid gerne aufgefordert, in den Kommentaren eure Gefühle, Hinweise, und sonstige Regungen zu hinterlassen…

Fotokunst Antje Kröger Tobias Crain
Rabeneinführung

Ich habe nichts, was ihr haben wollt. Ihr tötet mich aus Angst.
Ich bringe Unheil. Ich nehme deine Augen zuerst.
Ich künde nur Schlechtes. Ich zehre davon.
Totentier. Totemtier
Ihr kennt mich nicht mehr. Habt die Furcht verloren.
Ich bin keine Krähe. Ich bin über ihr.
Ich bin keine Elster. Ich bin ihr Herr.
Ich bin keine Dohle. Ich bin ihr Meister.


Schwarz auf Schwarz
Ich sah diesen Raum.
Fenster weit offen
Ich roch den Verlust
Roch Fäulnis, roch Gas.
Mir fehlte die Luft.
Doch es zog mich an.


Ich taumelte in dies finstre Loch
Ich fühlte dies sinistere Hoch.
Staub auf meinem Gefieder
Schwarz auf Schwarz
Wo Schwarz sein so schwer dieser Tage
Ruß auf meinen Augen
Dunkelheit über mir
Schwarz in Schwarz


Tot über mir
Wut ensteht
Kraft erwächst
Ich ich ich
er er er
Wir wir wir
Tot. Tot. Tod?
Nicht mit mir


Rache!
Schwarz für Schwarz
Jetzt doch
Ich für ihn
Gegen dich
Du! Plage des Planeten
Ungetüm aller Tage
Tod! Auch dir


Zerren. Sinnlos.
Würgen. Nein.
Treten. Hacken. Beißen.
Aufbegehren. Umsonst.
Wie mir scheint
Die Schlinge, sie fasst.

Tobias Crain
Fotokunst Antje Kröger Tobias Crain
Rabeneinführung

Krächz, Krähääächz, Krraaawächz, Krrraaa, Krrra… , Krr… , Kr… , K. Stille.


Im Schaukelstuhl, im kleinsten Saal der unteren Etage, in der rechten Ecke des Raumes, neben dem Nierentischchen auf dem die gepunktete Kaffeetasse steht, sitze ich, döse und wippe mit meinem rechten Fuß auf und ab – das linke Bein schläft – eine Handvoll Bücher liegt seit Wochen nahezu ungelesen auf dem getürmten Stapel links neben mir. Ich zerdenke die Welt, ich zerdenke im großen Stil. Ich bin nicht Hannah Arendt, meine Lunge dankt für diesen Umstand, doch das mit dem Denken habe ich ziemlich gut kultiviert. Im Schloss ist es kühl. Im Schloss ist es dunkel, die Abendsonne zeichnet Muster auf Parkett und die rohen Wände. Im Schloss ist es muxmäuschenstill. Im Schloss war es muxmäuschenstill. Krrrrrraaaa. Der Rabe ist gelandet. Doch warum war es nun wieder muxmäuschenstill? Wo ist des Rabens Stimme Schall? Er ist doch immer solch ein Plappermaul. Auch kann ich ihn nicht sehen. Krächz, Krähääächz, Krraaawächz. Ununterbrochen. Normalerweise. Was er auch immer alles zu erzählen hatte. Geschichten von Tag und Nacht. Ja. Gut. Es gab schon Zeiten, da trug ihn das Gefieder nur melancholisch schwer durch die Lüfte. Dann lud ich ihn ein, sanft in meinem Dutt zu landen, damit ich ihn necken konnte: „Weißt du mein Freund, deine Genossen in Finnland werden Korppi gerufen, die in Island Krummi, in Ungarn Holló. Das habe ich letzte Woche hier in meinem schlauen Buch gelesen. Ab jetzt begrüße ich dich mit: Hallo mein Holló Krummi Korppi.“

Ich wippe noch genau dreimal auf und ab, damit ich den Schwung nutzen kann, um meinen schweren Körper aus dem Stuhl zu hieven. Ich stehe. Setze langsam ein Bein vor das andere. Bitte aufwachen. Ich drehe mich, die elegant-leichtfüßige Pirouette einer Wälin. Mein Kleid, gepunktet auch, flattert im Tanzlüftchen. Das Holz unter mir knarzt. Holló bleibt weiterhin stumm. Ist er gar wieder per Flügelschlag-Express davongeflattert? Ich kann es mir schwerlich vorstellen. Mein rhythmisches Fleisch folgt den Lichtstrahlen in den nächsten Raum, inklusive Raben-Landebahn. Ach. Mein Herz will zerreißen. Wer sitzt denn da kläglich am Fenster, öffnet mechanisch den Schnabel – auf, zu, auf, zu, auf, zu? Kein Ton mag dem schönen Rabenkörper entweichen. Keine Worte wollen auch über die meinen Lippen kommen. Meine Augen reiße ich dafür weit, weit auf. Das unterstützt die Dramatik der Situation, denke ich mir. Der Schnabel meines Freundes klappt ununterbrochen auf und zu, der Kopf dreht sich dabei panisch in alle Richtungen. Ich fasse mich wieder, fasse den nächsten Gedanken, fasse den Rabenschnabel fest, um ihn zuzudrücken. RUHE. Ich brauche Ruhe, um die nächsten Schritte zu denken. Dieses stumme Geplapper macht mich kirre. Laut in meinen Augen, laut in meiner Seele. Wir schauen uns an, Holló immer noch panisch, meine Augen habe ich wieder auf normale, liebreizende Größe schrumpfen lassen. Ich muss nachdenken, ich muss Vögelchen helfen, auf die Suche nach (s)einer Stimme zu gehen.


Ein Licht geht mir auf. Ich wandele zurück in den Saal hinter diesem. In der linken Ecke des Raumes steht die große Holzkiste. All der Krimskrams der vergangenen fünfzig Jahre Leben, Leben im Schloss. Und der Kram all der Schloss-Leben davor. Mindestens drei Generationen Schnickschnack. Was vom Leben übrig blieb! Ich wühle mich hindurch. Ich tauche ab in andere Zeiten, ich schwimme in meiner Großeltern- und Elternleben. Dabei brauche ich doch nur die kleine Lampe, die ich neulich fand im Gartenhaus. Ich säuberte sie von all dem Staub der letzten Jahrzehnte, befestigte ein dünnes Seil daran und tat sie in die Holzkiste zu all den anderen Schätzen. Endlich werde ich fündig. Hänge mir das Lämpchen um den Hals, schließe die Holztruhe, knarzig spricht sie zu mir. Zufrieden schreite ich zurück zu des Rabens Ruheplatz und lächle ihn an: „Höre gut zu, mein liebster Freund. Diese Lampe hier werde ich dir nun umhängen. Sie wird von diesem Moment an deine Stimme sein. Dazu werde ich dir ein Geheimnis verraten. Das Geheimnis ihres Lichtes.“ Nun sind es die Augen des Raben, die unnatürlich groß anwachsen. Er ist also auch eine Dramaqueen, denke ich so bei mir. Ich trete näher an den Rabenfreund heran. Flüstere. Ich schließe mit den Worten: „ … und niemandem darfst du den Code unserer geheimen Sprache verraten. Ansonsten wird die Lampe die Kraft ihres Leuchtens verlieren!“

Antje Kröger
Fotokunst Antje Kröger Tobias Crain
Rabeneinführung
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