Aktfotografie Antje Kroeger

Regung und Absicht

„1. Januar 1933; A: Berlin, E: Berlin, masch. (Augsb.)

Liebe Helli,
ich schreibe, statt zu sprechen, weil das leichter ist, gegen das Sprechen habe ich eine solche Abneigung, das ist immer ein Kämpfen. Für gewöhnlich ist es bei uns so: aus kleinen psychischen Verstimmungen, die viele Ursachen haben können und meist unaufklärbar sind, teils Mißverständnisse zur Ursache haben, teils nur die Müdigkeit oder Gereiztheit, die durch die Arbeit, also von außerhalb kommt, entsteht dann eine große undurchdringliche Verstimmung. Ich komme dann nicht heraus aus einem unlustigen und sicher quälenden Ton und Du machst abweisende oder tragische Gesichter. Ich habe nun oft gemeint, man sollte sich bemühen, das Körperliche nicht nach dem Psychischen zu richten, da es die naivere und unbelastetere Verständigung ergibt. Und auch ist es fast immer ein Mißverständnis, wenn man das Körperliche (wenn einmal etwas nicht klappt) als Ursache nimmt. Ich weiß von mir, daß ich Dir immer nah stehe darin, auch über Verstimmungen hinweg, auch während derselben. Wenn es nicht so scheint, vergiß nicht, ich lebe gerade (und meistens) in schwieriger Arbeit und schon dadurch ohne rechte Möglichkeit, mimisch usw. mich auszudrücken, und fürchte Privatkonflikte, Szenen usw., die mich sehr erschöpfen. Nicht aber lebe ich ausschweifend. Davon ist keine Rede. Ich weiß, daß fast alle Leute darauf bestehen, den Tag ihrer Geburt ausdrücklich zu feiern, wenn sie gehen, sich ausdrücklich zu verabschieden (auch wenn es nur für Stunden ist), wenn sie kommen, sich ausdrücklich zu begrüßen, wenn sie sterben, ausdrücklich letzte Worte zu sprechen, wenn sie etwas auf dem Herzen haben, es sich ausdrücklich vom Herzen zu reden, wenn sie fröhlich sind, es zu betonen, ebenso wenn sie mißgestimmt sind, kurz, alles ausdrücklich zu erledigen, in Worten festzuhalten, Punkte zu setzen, neue Sätze mit großen Buchstaben anzufangen – auch wenn sie wissen, daß es gar nicht in ihrem Interesse noch Wunsch liegt, etwas wirklich zu verändern. Es ist so allgemein, daß man es wirklich nicht jemand vorwerfen kann, wenn er das gewohnt ist, aber anders wäre es viel angenehmer. Was meinst Du?
b.“
»ich lerne:
gläser + tassen spülen«
Bertolt Brecht
Helene Weigel
Briefe
1923-1956

Aktfotografie Antje Kroeger
Regung und Absicht
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22. September 2016

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026