Konzentration Fotoserie Antje Kröger

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Es war ein vielfältiges Leben, das ich in diesen wenigen Grinzinger Jahren führte. Es war so widersprüchlich, daß ich wohl kaum alles zu bestimmen vermag, woraus es bestand. Alles was dazugehörte, empfand ich gleich stark und obwohl zu Zufriedenheit kein Grund war, erlag ich auch keiner Bedrohung. An meinem eigentlichen Vorhaben hielt ich hartnäckig fest. Ich las und verzeichnete viel für das Buch über Masse und sprach darüber zu allen, mit denen es sich zu sprechen lohnte. Schwerlich hätte man sich mit mehr Nachdruck und Anspruch an eine Absicht wie diese festnageln können. Was immer geschah – es geschah ungeheuer viel und es stürzte rapid auf noch viel mehr zu –, es war durch keine der gängigen Theorien zu begreifen.

Man fand sich in einer alten Kapitale, die keine mehr war, aber die Augen der Welt durch kühne, wohldurchdachte soziale Pläne auf sich gezogen hatte. Es waren Dinge geschehen, die neu und vorbildlich waren. Sie waren ohne Gewalt geschehen, man konnte stolz auf sie sein und lebte in der Illusion, daß sie sich halten würden, während nebenan in Deutschland die große Besessenheit um sich griff und ihre Wortführer alle Kommandostellen im Staat besetzten.

Elias Canetti, Das Augenspiel, Lebensgeschichte 1931–1937

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Die Toten als die Überlebten

Niemand, der sich mit den originalen Zeugnissen religiösen Lebens befaßt, wird verfehlen, über die Macht der Toten zu staunen. Das Dasein vieler Stämme ist von Riten ganz erfüllt, die sich auf die Toten beziehen. Was zuerst einmal und überall auffällt, ist die Furcht vor den Toten. Sie sind unzufrieden und voll von Neid auf die Angehörigen, die sie zurückgelassen haben. Sie versuchen, sich an ihnen zu rächen, manchmal für Beleidigungen, die man ihnen noch zu Lebzeiten zugefügt hat, oft aber auch für die bloße Tatsache, daß sie nicht mehr am Leben sind. Der Neid der Toten ist es, den die Lebenden am meisten fürchten. Sie suchen sie zu beschwichtigen, indem sie ihnen schmeicheln und Nahrung anbieten. Sie geben ihnen alles mit, was sie für den Weg ins Land der Toten brauchen, nur damit sie weit fort sind und nicht mehr zurückkommen, um Schaden zu stiften und die Hinterbliebenen zu quälen. Die Geister der Toten entsenden Krankheiten oder bringen sie selber mit, sie haben Einfluß auf das Gedeihen des Wildes und der Ernten, auf hundert Arten greifen sie ins Leben ein. Eine wahre Leidenschaft von ihnen, die immer wieder hervorbricht, ist es, die Lebenden zu sich herüberzuholen. Da sie diesen alle Gegenstände des täglichen Daseins neiden, die sie zurücklassen müssen, war es ursprünglich Sitte, nichts oder möglichst wenig von solchen Gegenständen zu behalten. Man gab ihnen alles ins Grab mit oder verbrannte es mit ihnen. Man verließ die Hütte, in der sie gehaust hatten, und kehrte nie wieder dahin zurück. Oft begrub man sie in ihrem Hause mit allen Habseligkeiten und machte ihnen damit klar, daß man nichts davon für sich behalten wolle. Doch genügte auch das nicht, um ihren Zorn ganz abzuwenden. Denn der größere Neid der Toten galt nicht den Gegenständen, die sich wieder herstellen oder erwerben ließen, er galt dem Leben selbst. Es ist nun gewiß auffallend, daß man überall, unter den verschiedensten Verhältnissen, den Toten dieses gleiche Gefühl zuschreibt. Die gleiche Empfindung, scheint es, beherrscht die Verstorbenen aller Völker. Immer wären sie lieber am Leben geblieben. In den Augen derer, die noch da sind, hat jeder, der es nicht ist, eine Niederlage erlitten: sie besteht darin, daß er überlebt worden ist. Er kann sich damit nicht abfinden, und es ist natürlich, daß er dieses Schmerzlichste, das ihm angetan worden ist, nun selber anderen zufügen möchte. Jeder Tote ist also ein Überlebter. Nur in jenen großen, relativ seltenen Katastrophen, bei denen alle zusammen zugrunde gehen, ist das Verhältnis ein anderes. Der vereinzelte Tod, um den es uns hier geht, spielt sich so ab, daß ein Mensch seiner Familie und seiner Gruppe entrissen wird. Es ist eine ganze Schar von Überlebenden vorhanden, und alle, die irgendein Anrecht auf den Toten haben, formen sich zu einer Trauermeute, die um ihn klagt. Zum Gefühl der Schwächung durch seinen Tod tritt jenes der Liebe, die man für ihn hatte, und eines ist vom anderen oft gar nicht zu trennen. Man klagt auf die leidenschaftlichste Weise um ihn, und diese Klage ist in ihrem Kern gewiß ein echtes Gefühl. Wenn Außenstehende dazu neigen, die Manifestationen dieser Klage zu verdächtigen, so liegt das an der komplexen Natur, an der Vieldeutigkeit der Situation als solcher. Denn dieselben Menschen, die Grund zur Klage haben, sind auch Überlebende. Als Verlustträger klagen sie, als Überlebende empfinden sie eine Art von Genugtuung. Sie werden sich dieses ungehörige Gefühl für gewöhnlich nicht eingestehen. Wohl aber wissen sie immer genau, wie der Tote es empfindet. Er muß sie hassen, denn das Leben, das er nicht mehr hat, haben sie. Sie rufen seine Seele zurück, um ihn davon zu überzeugen, daß sie seinen Tod nicht wollten. Sie erinnern ihn daran, wie gut sie zu ihm waren, als er noch unter ihnen weilte. Sie zählen die praktischen Beweise dafür auf, daß sie alles so tun, wie er es gewollt hätte. Seine ausdrücklichen, letzten Wünsche führen sie gewissenhaft aus. Vielerorts hat sein letzter Wille Gesetzeskraft. In allem, was sie tun, ist eines unerschütterlich vorausgesetzt: sein Groll gegen die Tatsache ihres Überlebens.

Elias Canetti, Masse und Macht

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3 thoughts on “Konzentration”

  • Starke Serie. Aber ist der „Groll gegen die Tatsache ihres Überlebens“ nicht heute leider noch immer speziell bei den Linken zu finden? Ich sage nur BDS… AirBnB macht da inzw. auch mit. Ich sage zudem: Von WEM GENAU kam den der Aufschrei gegen Trump zu seiner Konsequenz, eine demokratisch schon seit Jahrzehnten getroffene Entscheidung der US-Volksvertretung nun endlich auch umzusetzen.
    Statt des Textes von Cannetti hätte ich Zitate von Nethanyahu besser gefunden.

    • Du redest irgendwie wirres Zeug. Und du verallgemeinerst: „immer speziell bei den Linken zu finden“. Bist du ein Faschist? Oder kapierst du einfach nicht, was hinter den Worten links und liberal, gern auch zusammengefasst als linksliberal, steht?

  • Das ist eine wirklich starke Serie zu einem sehr schweren Thema, Ganz besonders intensiv wirken bei mir die Bilder in Verbindung mit den Polaroidfotos daneben. Mir kam die Gänsehaut. Tolle Arbeit, Antje!

    LG Jürgen

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5. Februar 2019

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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ich bin die form, in der diese serie (und auch ein seminar, welches ich anbieten werde) überhaupt erst denkbar wird. mein körper, mein status quo, hier und jetzt, inszeniert, gestellt, verstellt vor meinen kameras. beziehung ist das wort für das, was zwischen mir und der fotografie entsteht. zwischen mir und mir, zwischen dem, wer ich gerade bin, was ich weitergeben will, und dem, was ich selbst noch lerne. deshalb zeigt sich die serie „zweimal“: analog mit großformatkamera, auf altem orwo-fotopapier, das aus einem land stammt, in dem auch ich sozialisiert wurde, bevor es aufhörte zu existieren. und digital, in farbe, mit der technik unserer zeit. denn ich bin beides: das damals und das jetzt, ohne dass eines das andere widerlegt.
24. September 2026