Istanbul (Juni 2016)
Posted by Antje Kröger Photographie on Jul 27 2016, in Mensch, Welt
Prolog
30. Juni 2016, der Tag nach dem Terroranschlag am Flughafen Atatürk
Ich bin traurig, erschüttert und voller Mitgefühl für die Menschen in Istanbul, in der Türkei und den anderen Gebieten, wo der Terror zum täglichen Rhythmus des Lebens gehört.
Vor ein paar Wochen erlebte ich selbst einen Anschlag mit, in Istanbul. Danach weinte die Stadt große Tränen, ich mit ihr. Angst hatte ich keine, nur große Wut …
… genau wie jetzt, da die Welt immer noch Unterschiede macht, unterschieden werden die Plätze, wo dieser menschen-verachtende Terror stattfindet, unterschieden wird der Wert der Menschen und „Sie haben selbst schuld“ wird zu einem langweiligen Echo in meinen Ohren.Wir leben hier in unsrer Wohlfühlmatrix und verteilen Schuldzuweisungen aus den Fernsehsesseln heraus. Damit ist nun wirklich keinem geholfen. Es sterben weiterhin unschuldige Menschen!
Ich mag Istanbul sehr, die Menschen, die Plätze. Es gab dort noch keinen Moment, an dem ich nicht freundlich empfangen und behandelt wurde, immer spürte ich eine große Offenheit, Neugierde und Diskussionsfreudigkeit. Die Menschen selbst kämpfen mit ihrer Kultur, den Religionen und ihren Politikern. Ich mag mir kein Urteil über richtig oder falsch bilden. Ich mag aber in die Welt hinausrufen, dass niemand Angst haben und weiterhin Istanbul und die Türkei besuchen soll, denn die Schönheit der Menschen strahlt weit über den Terror und Schmerz hinaus*Ein paar Tage nach dem Putschversuch in Ankara und Istanbul
„Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische.“ Dieses Zitat stamm von Atatürk, dem Gründer der türkischen Republik. In meinem letzten Reisebericht über Istanbul habe ich auch zu ihm geschrieben (siehe Link). Die Türken, die ICH bisher in Istanbul oder auch in Deutschland traf, waren allesamt Anhänger der Ideen des Atatürk. Mich wundert es deshalb mehr und mehr, woher dieser große Mob kommt, der die demokratischen Gedanken der Türkei in Frage stellt und hinter einer Regierung steht, die die Demokratie mit Füßen tritt. Wieso wird über eine Wiederaufnahme der Todesstrafe nachgedacht? Wieso können an einem Tag tausende Richter und Staatsanwälte aus ihrem Amt erlassen werden, tausende Menschen festgenommen, Lehrer, Beamte suspendiert? Wieso fühlen sich Andersdenkende nun endgültig nicht mehr sicher? Wieso wird darüber nachgedacht, aus dem Museum Hagia Sophia wieder eine Moschee zu machen? Was wird aus dem touristischen Platz „Türkei“ (an manchen Orten ist bereits ein 70-prozentiger Rückgang zu spüren)? Schafft es die Regierung, die Verfassung zu verändern, um das Präsidialsystem einzuführen, um die Demokratie lenken zu können ist dies ein AUS für den laizistischen Staat Türkei?
Die Türkei ist geopolitisch wichtig in alle Himmelsrichtungen, neben Russland, zählt sie zur Schlüsselfigur der Weltpolitik. Ich weiß dies, die Anspannung ist groß, es floss bereits eine Menge Blut. Ich fühle so sehr mit den Menschen, die dort leben. Es gab so viele Jahre lang das Vorwärts – Europa öffnete seine Arme ein wenig und das Land bemühte sich, die Bedingungen für eine Aufnahme zu erfüllen, dann gab es eine Phase des Stillstands (politische Erpressungen gehörten zum guten Ton) und nun, nun hört diese Abwärtsspirale einfach nicht mehr auf (15 Terroranschläge bereits 2016 plus ein Putschversuch, eine Regierung, die die Spuren der Demokratie verlässt).
Die Verlierer sind die Menschen, die ihr Land lieben, es nicht verlassen wollen, dafür Gefahr in Kauf nehmen. Das Land ist so sehr gespalten. Es gibt die Menschen, die mit offenen, neugierigen, modernen säkularen Augen durch die Welt gehen, es gibt die anderen, die meist sehr gläubig an veralteten Traditionen, Denkweisen festhängen und Angst vor Veränderung haben. Die einen leben in der (Groß)Stadt, die anderen zumeist auf dem Land. Die Suche nach Arbeit jedoch treibt auch die Landbevölkerung in die Stadt; so ist es nicht verwunderlich, dass nun auch in Istanbul und Ankara Menschen die Gedanken des Atatürk in Frage stellen, der konservative Glaube ist auf dem Vormarsch.
Meine Gefühle schwanken zwischen Aufgeregtheit, Sorge und Traurigkeit. Dennoch oder gerade deswegen möchte ich die Bilder von den Menschen und Orten in Istanbul zeigen, die ich vor ein paar Wochen gemacht habe, diesen Platz gibt es so nicht mehr. Aber ich hoffe, dass die Aufklärung siegt. Ich las irgendwo, dass Menschen, die heute noch das Land Türkei touristisch unterstützen, Faschisten sind. Aha. Ich halte mich nicht für faschistisch. Mich wundert es nur als zusehr, dass niemand eingreift in dieses Geschehen. Das geschah vor nicht einmal einhundert Jahren, bereits*
26.Juli, es passiert so schnell, so viel. Ich komme gar nicht hinterher mit meinen Gedanken und dem Lauf der geschichtlichen Abfolge. Klar ist dennoch eines. Angst ist ein schlechter Lebensberater, ich habe keine Angst, weder vor Diktatoren noch vor einer Religion. Ich hoffe, dass es bald wieder möglich sein wird, in die Türkei zu reisen… einfach so, weil das ein schönes Fleckchen Erde ist.
Balat und Fener – alles ist bunt
Wieder machte ich mich auf nach Balat und Fener. Diese Stadtteile liegen auf dem Weg nach Eyüp am Goldenen Horn. Wer Lust hat, diese spannenden Orte von Istanbul zu besuchen, nimmt einfach einen Bus, der nach Eyüp fährt von Emininö aus und steigt an einer spannenden Stelle aus. Ich nahm wie auch beim letzten Mal die Fähre. Balat selbst hat keinen Fähranleger mehr, so stieg ich einfach an der nächsten „Station“ aus und spazierte zurück.
Balat ist ein Ort zum Staunen. Kinder und Erwachsene auf den Straßen, die Häuser bunt wie in Südamerika, die Märkte voll mit frischem Obst, manchmal spielen Musikanten auf der Straße auf, der Kaffee ist außergewöhnlich. Ich nahm mir wieder einen ganzen Tag Zeit, um durch die interessanten Straßen zu streifen und kehrte in verschiedene Lokalitäten ein, um die Menschen zu beobachten. Alles ist so bunt: Religion, Hautfarbe, Nationalität, Status…
Eyüp
Am Sonntag vor dem Ramadan fuhr ich nach Eyüp. Dieser Stadtteil am Goldenen Horn ist ein Ort, an dem sehr viele Gläubige leben, und dann gibt es dort diese wunderschöne Eyüp-Sultan-Moschee, die auch von vielen Pilgern besucht wird. Ich ahnte, dass viele betend unterwegs sein würden. Aber ich rechnete nicht mit so vielen Menschen. Die Moschee platzte aus allen Nähten, auch auf dem Hof des Gotteshauses wurden deswegen Teppiche verlegt, so dass vor allem alle Männer dort beten konnten. Das war ein Spektakel.
Mitten im Gemurmel nahm eine etwa Zehnjährige meine Hand und führte mich an einen Platz, von dem ich noch besser zusehen konnte. Sie erzählte mir in stolzem Englisch von sich und wollte von mir alles über meine Heimat wissen. Ich machte ein Foto von ihr, in diesem wundervollen Licht der Moschee, danach verschwand sie im Gewühl.
Nach den Gebeten spazierte ich durch Eyüp, Mädchen saßen am Fluss und kicherten, Mütter und Väter ließen mit ihren Kindern Drachen steigen, andere grillten im Park – ein normaler Sonntag, wie an vielen anderen Orten dieser Welt auch. Ich war glücklich.
Ramadan
Der Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime, im Jahr 2016 vom 6. Juni bis zum 4. Juli. Als eine der fünf Säulen des Islams hat der Ramadan für Muslime eine wichtige Bedeutung. Was bei uns fast ausschließlich als Fastenmonat bekannt ist, ist auch ein Begriff für den neunten Monat des Islamischen Kalenders. Nach dem Ende des Ramadans wird das Ramadanfest begangen. Ein wichtiger Teil im Ramadan ist das Fasten. Während des Monats fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs.
Gerade in den Sommermonaten, wo die Sonne sehr spät unter- und sehr früh aufgeht, gibt es sehr lange Fastentage. Wichtig ist es, sich in dieser Zeit zu besinnen, zum Glauben zurückzufinden und diesen zu feiern. Die Seele und der Körper werden während der Fastenzeit gereinigt und befreit. Eine Schlüsselrolle spielt die Selbstbeherrschung, die in dieser Zeit geprüft und verbessert werden soll.
Als ich meinen Flug nach Istanbul buchte, war mir nicht klar, dass ich mitten in den Ramadan geraten werde. Viele Tage lang beobachtete ich, wie fleißige Helfer an verschiedensten Spots der Stadt aufbauten, alles für diesen Monat, Sitz- und Essgelegenheiten, kleine und große Märkte, Zelte mit Lichterketten usw.
Den ersten Tag des Fastenmonats verbrachte ich in der Altstadt, im Sultanahmet, um in der Dämmerung zuzuschauen, wie die traditionellen Gewohnheiten des Fastenbrechens in der Öffentlichkeit zelebriert werden würden. Schon lange vor Sonnenuntergang versammelten sich Menschen auf dem Platz vor der Blauen Moschee. Es gab eine Menge Autos und LKW, die aus ihren Luken heraus Essen an die Gläubigen verteilten. Alles kostenlos, von der Stadtverwaltung und Sponsoren bezahlt. In und vor den Moscheen gab es auch an den kommenden Fastentagen kostenloses Essen für alle.
Zwischen acht und halb neun, die Sonne war gerade untergegangen, ertönten Böllerschüsse, die Minarette waren beleuchtet, der Muezzin rief: Gott ist groß! Das Fasten darf gebrochen werden. Tausende von Wasserflaschen wurden gleichzeitig geöffnet, das Essen begann. Suppe, Gemüse, Reis und kandierte Früchte.
Während des Fastens wird nicht nur auf das Essen am Tage verzichtet, es darf auch nichts getrunken werden – das Thermometer zeigte dieser Tage um die 30 Grad an, vor dem Ramadan sah man fast niemanden, der nicht eine dieser kleinen Wasserflaschen in der Hand hatte – es darf nicht geraucht werden, nicht geküsst während des Tages usw. Nun aber in der Dunkelheit war alles wieder möglich. Viele verpflegten sich mit dem kostenlosen Essen, einige machten aber auch ein Picknick mit eigenen zubereiteten Speisen auf den Grünflächen rund um die Blaue Moschee. Nach Speis und Trank ging es für viele auf die Märkte und an die Stände ringsherum, Volksfeststimmung – die Scharr der Müllmänner rückte an. Das war ein besonderes Spektakel. Plastik, wo man hinsah, Verpackungen, Flaschen, Dosen, Besteck. Die Müllbrigade arbeitete schnell und effizient …
Müll. Wer deutsche/europäische Verhältnisse gewöhnt ist, dem geht besonders der Plastik-Müll irgendwann sehr auf die Nerven. Die Türken kaufen gerne ein mit diesen dünnen Plastik-Tüten, dementsprechend fliegen sie auch überall herum. Pfand gibt es nicht, so ist es auch nicht verwunderlich, dass gerade die vielen verkauften Wasserflaschen überall landen und dann ganz zum Schluss auch im Bosporus. Dieser Anblick machte mich oft traurig. Aber das Bewusstsein für Müllvermeidung und Mülltrennung ist eben in der Türkei noch nicht angekommen. Es gibt einige wenige Gruppen, die sich für Belange der Umwelt und auch vor allem für die Säuberung des Bosporus einsetzen, aber ihre Lobby ist noch nicht sehr groß. Vielleicht ist dieses Problem anzupacken auch gerade noch nicht dran, andere Dinge erschüttern das Land fast jeden Tag.
Meine letzten beide Tage in Istanbul verliefen ruhiger als ich es mir gewünscht hatte. An einem Dienstag-Morgen gegen 10 Uhr gab es zwei Kilometer von meinem Wohnort entfernt einen Autobomben-Anschlag, Polizisten und Einwohner starben. Danach wurde es bedächtig still in der Stadt. An den Ufern des Bosporus wurde weiter gefischt, aber wenige Touristen ließen sich blicken, Straßenbahnen und Busse waren nicht mehr überfüllt. Der erneute Terror hatte noch mehr Geschwindigkeit aus der Stadt herausgenommen. Fast ein wenig gespenstisch. Nur die Tauben der Stadt erschütterte dies nicht …
Epilog
Am letzten Abend traf ich ihn, am Tünel, während ich mir die Fotos vom Entstehungsprozess der Standseilbahn anschaute. Er sprach mich auf Englisch an, ihm fehlten einige Zähne, hielt sich an seinem Stock fest. Als er an meinem Akzent merkte, dass ich Deutsche bin, wechselte er die Sprache, er war sehr gut darin. Er zeigte mir seinen Ausweis, dort stand, dass er 58 Jahre sei, er sah aber aus wie 70. Ich lud ihn auf einen Tee ein, er wollte lieber Raki. Wir saßen an einem Tisch, draußen in der Abendsonne. Er kannte den Wirt. Ich bat ihn um seine Lebensgeschichte. Er erzählte in so einem wunderbar poetischen Deutsch. Er ging auf ein österreichisches Gymnasium in Istanbul. Mit Anfang 20 machte er sich auf nach Deutschland, nach Hannover, um zu studieren. Dort traf er in dem kleinen Dorf, in dem er als einziger Türke lebte, eine Frau, verliebte sich, sie bekamen eine Tochter. Nach dem Studium (Germanistik) bekam er sofort einen Job in Deutschland, er war glücklich mit seiner kleinen Familie. Dann flatterte, als er 30 war, der Einberufungsbescheid aus der Türkei in seinen Briefkasten. Er musste zurück in ein Land, das ihm fremd geworden war. Er versuchte es, konnte aber seinen Mund nicht halten, Ergebnis: Militärgefängnis. Danach wurde ihm für immer die Möglichkeit entzogen, die Türkei zu verlassen. Seine kleine, deutsche Familie versuchte das Leben in Istanbul, es funktionierte nicht. Er schickte sie zurück in das Dorf bei Hannover. Ein Freund heiratete seine Freundin und kümmerte sich ab diesem Zeitpunkt auch um seine Tochter. Er, er blieb in Istanbul, arbeitete frei als Übersetzer auf Messen beispielsweise, verdiente gutes Geld. Sein Hobby: Motorrad fahren. Vor zwei Jahren dann gab es diesen schweren Unfall. Alles gesparte Geld verschlangen die Operationen, eine private Krankenversicherung hatte er nicht abgeschlossen. Es gibt keine Sozialhilfe in der Türkei. Er lebt in einem Junggesellen-Zimmer in einem schäbigen Teil von Istanbul, zahlt 14-tägig 80 Euro an seinen Wirt, hinter dem Haus ist der Drogenpark. Es gibt keine Obdachlosenheime in Istanbul. Er hat mittlerweile auch Asthma, er trinkt, hat oft nicht genug zu essen. Bis vor einem halben Jahr hat er deutschen Erasmus-Studenten Türkisch-Unterricht gegeben. Sie kommen nun ja nicht mehr ins Land. Jeden Tag ist er auf den Straßen von Istanbul unterwegs, um sich Jobs zu suchen, kleine Übersetzungen, die ihn über den Tag bringen. Jeden Tag aufs Neue. Dabei ist er so müde. Ich traf ihn einen Tag nach dem Terroranschlag. Er sagte mir, dass er so gerne auf der Straße entlanggegangen wäre, auf der die Bombe explodierte, sich selbst das Leben zu nehmen, davor hat er Angst. Er ist nicht gläubig, er ist klug. Ich hoffe, dass er immer noch lebt. Ich fragte nach seiner Tochter, die mittlerweile Mitte 30 musste. Er habe keinen Kontakt zu ihr. Er wüsste schon, wie er sie erreichen könne, aber er schäme sich zu sehr für sein „abgewracktes“ Leben. Ich versuchte ihn als Tochter eines sehr früh verstorbenen Vaters zu überreden, seine Tochter anzurufen. Er wollte dies partout nicht. Ich dachte daran, wie sie sehnsüchtig trauern wird, wenn sie irgendwann die Todesnachricht erreicht. Ich fragte ihn, auf welcher Straße seines Lebens er falsch abgebogen sei. Er antworte mir, dass dies am Zug war, am Zug, an dem er mit seinem Vater stand, als er sich auf die Reise machte nach Deutschland. Er versprach seinem Vater, niemals die türkische Staatsbürgerschaft abzulegen. Ich gab ihm meine Ramadan-Essens-Tüte, die ich noch dabei hatte und ging schnell weg von diesem traurigen Ort, mit vielen Tränen in den Augen, der Wirt gab mir mit auf den Weg: „Life is sad.“ Am nächsten Tag flog ich zurück in meine Heimat, danach überrollten mich die Ereignisse und immer, wenn ich wütend werde auf die Menschen um mich herum und ihren begrenzten Horizont, denke ich an ihn. Er ist mein Mahnmal.
Wolfgang Schörkhuber
Ein exquisiter Streifzug durch Istanbul. Kompliment!
VG Wolfgang
Marion Jäger
Die Stadt ist so wunderschön und Du hast mit Deinen Bilder und dem Text dazu ein sehr einfühlsames Portrait gezeichnet.