Antje Kröger | Fotokünstlerin

Schaflose

Posted by on Sep 05 2016, in Mensch

Aktfotografie Antje Kroeger

»Um es kurz zu machen«, begann der Schafprofessor. »Das Schaf ergriff von mir Besitz im Sommer 1935. Bei der Erkundung geeigneter Weideplätze nahe der mandschurisch-mongolischen Grenze verirrte ich mich und verbrachte die Nacht in einer Höhle, die ich zufällig entdeckt hatte. Im Traum erschien mir ein Schaf, das mich fragte, ob es in mich hinein dürfte. Ich sagte, ich hätte nichts dagegen. Damals dachte ich mir nichts Besonderes dabei. Es war schließlich nur ein Traum, das war mir klar.« Der alte Mann lachte gedankenverloren und aß seinen Salat. »Es gehörte einer Rasse an, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Von Berufs wegen kannte ich alle Schafrassen dieser Erde, aber das war ein besonderes Schaf. Die Hörner merkwürdig gewunden, die Beine gedrungen und untersetzt, die Augen klar wie Quellwasser. Es hatte schneeweißes Fell, nur an einer Stelle auf dem Rücken wuchs braune Wolle, in der Form eines Sterns. So ein Schaf gab es nirgendwo. Und gerade deshalb erlaubte ich ihm, in mich zu fahren.
Als Schafforscher konnte ich mir doch so eine seltene Art nicht entgehen lassen!«
»Und was war das für ein Gefühl, als das Schaf in Ihren Körper fuhr? «
»Nichts Besonderes. Ich spürte nur, daß es da war. Als ich am anderen Morgen aufstand, wußte ich, es war in mir. Ein ganz natürliches Gefühl.«
»Haben Sie je an Kopfschmerzen gelitten?«
»Kein einziges Mal, seit meiner Geburt.«
Der Schafprofessor tunkte jedes Fleischklößchen sorgfältig in die Soße, bevor er es in den Mund schob und herzhaft kaute. »Daß Schafe in den menschlichen Körper eindringen, ist im Norden Chinas, in der Mongolei, gar nichts Außergewöhnliches. Die Leute dort glauben, es sei eine Gnade Gottes, wenn ein Schaf in einen Menschen fährt. In einer Schrift aus der Yüan-Dynastie wird beispielsweise berichtet, Dschingis Khan sei von einem >weißen Schaf, welches einen Stern trug< bewohnt worden. Interessant, was?«

»Höchst interessant.«
»Schafe, die in Menschen eindringen können, werden für unsterblich gehalten, ebenso der Mensch, der ein Schaf in sich trägt. Aber sobald ihm das Schaf entkommt, verliert er seine Unsterblichkeit. Alles hängt vom Schaf ab. Wenn es ihm gefällt, bleibt es mehrere Jahrzehnte im selben Menschen, wenn nicht schwupp, und weg ist es. Menschen, die von einem Schaf verlassen werden, nennt man dort gemeinhin >Schaflose<. Mit anderen Worten, Menschen wie ich.«
Schluck, schmatz.
Wilde Schafsjagd, Haruki Murakami

Aktfotografie Antje Kroeger

Schaflose

Aktfotografie Antje Kroeger

Schaflose

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