Antje Kröger | Fotokünstlerin

Braderie de Lille 2019

Posted by on Nov 18 2019, in Mensch, Welt

Braderie de Lille 2019

Tobi hat (wie immer) einen so wundervollen Text über unser Lille-Abenteuer geschrieben, dennoch, ein paar Stichworte muss ich noch loswerden über dieses Wochenende…

  • Es war wundervoll warm.
  • Eine Stadt ohne Autos ist so traumhaft… Warum fühlt sich dies für viele so utopisch an?
  • Trotz Drängelei und voller Straßen und Gassen waren die Menschen meist höflich und zuvorkommend
  • Handeln und Feilschen war nicht so erfolgreich, Schnäppchen machen auch nicht, aber das war irgendwie auch nicht wichtig, hier zählte das Gesamtkunstwerk.
  • Leider hatten wir an unsrem Schlafplatz Gent nur so wenig Zeit. Dahin müssen wir noch einmal zurück. Natürlich schon allein wegen des Altars.
  • Die belgischen Autofahrer sind scheiße. Nicht alle, aber viele. 2019 hat dies deutlich aufgezeigt.
  • Ich mochte Sülze schon im Kindergarten nicht. Auch in Lille hat sie mich nicht vom Hocker gerissen.
  • Wir gerieten in einer Nebengasse in eine Schlägerei, die schnell sehr politisch wurde, auch in unserer Reisegruppe.
  • Und: wir wurden bestohlen, wieder zurück im deutschen Lande. Zum Diebesgut gehörten auch Braserie-Funde. Schämt euch!
Braderie de Lille 2019
Braderie de Lille 2019
Braderie de Lille 2019
Braderie de Lille 2019

Kein Hostel mehr frei, kein Air-BnB-Zimmer mehr zu haben, unter keiner Brücke wollte man uns beherbergen an diesem ersten Septemberwochenende 2019. Gar außer Landes mussten wir übernachten. Taten dies im belgischen Gent. Genauer gesagt im Dschungel vom Treck, einem Hostel bestehend aus einzelnen Campingwagen in einer großen Halle. Zwei Tiger, einer bengalisch, einer sibirisch, eine Gottesanbeterin und mehrere afrikanische Totenmasken wachten über unser Revier (eine grüne Oase als Veranda vorm Wagen). Liebevoll gestaltet alles in allem, nur blieb die Frage wie viel hier eigentlich schon wurde mitgehen gelassen… Aber welche Stadt wollte oder konnte uns denn nun nicht beherbergen? LILLE! Geburtsstadt von Charles de Gaulle, dem Präsidenten der Franzosen. Ort des und deshalb waren wir hier, größten Flohmarktes Europas. Die Braderie de Lille. Die ganze Stadt ein riesiger Marktplatz, Straßenzüge voller Stände und Händler, Menschen, wohin das Auge blickte, Musik an etlichen Ecken, Berge von Muschelschalen vor den Restaurants, Kram und Krimskrams all überall. Es lässt sich für mich kaum noch sagen, in welcher Reihenfolge sich die Ereignisse abspielte, die mir noch im Kopf hängen geblieben sind, so voll waren die Straßen, so viele Menschen haben meine Augen gesehen, an so viel Trödel bin ich vorbeigetrödelt. Ich weiß nicht, ob ich schon mal so viele Menschen zwischen den Gebäuden einer Stadt flanieren sah. Ich bezweifle es. Jährlich sollen zwei Millionen zu diesem Ereignis kommen, auch drei Millionen muss die Stadt schon gesehen haben.

Die ganze Innenstadt ist für jegliche Art von Verkehr gesperrt, keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine parkenden PKWs, keine Taxen, nur Menschen, Händler, Tiere (tot und lebendig), Puppen (komplett und in Teilen), Figuren, Musiker, Sammler, Feilscher, Nepper, Schlepper, Bauernfänger, Schnäppchenjäger, Künstler, Touristen, Polizisten (zu Fuß und beritten)… Die Stände ziehen sich durch die Straßen, kilometerlang. Laut Wikipedia 100 Kilometer lang.

Tatsächlich, jede Straße war beidseitig von Auslagen ausgelegt. Nahezu jedes normale Geschäft hatte nochmal einen Tisch vor der Tür mit Schnäppchen, Müll, Remittenten oder privatem Kram der Verkäufer. Dort, wo private Wohnungen oder Häuser waren, standen die Bewohner davor und verscherbelten ihren ganzen Dachboden und den halben Kellerinhalt. Auf Nachfrage sagte ein Händler zu uns: „Ich will nichts, von dem was hier liegt, wieder ins Haus schleppen.“ Eine ganze Stadt im Handelswahnsinn also. Ob die 100 Kilometer wirklich der Wahrheit entsprechen, kann ich nicht sagen, aber es war wirklich so, dass wir in diesen zwei Tagen nie an eine Grenze oder an ein Ende des Flohmarktes stießen. Egal welche Richtung wir einschlugen, es ging immer weiter und weiter und weiter.

Hier nun einige lose Episoden von diesem Wochenende in dieser Stadt:

Ein Hund namens Lille
Man kennt das. Bummelnd (alt), shoppend (neu) ist man mit Familie, Freunden, Bekannten, wem auch immer, aber immer in Gruppen oder wenigstens zu zweit unterwegs in – Malls, auf Flohmärkten, in Innenstädten, in Outlet-Centern. Eine Person entdeckt etwas für sie wahnsinnig tolles, wahnwitzig abgefahrenes oder wahnhaft überteuertes und sofort muss diese Person alle Umstehenden ekstatisch auf den Sensationsfund aufmerksam machen. Die Hingewiesenen fahren aufgrund der Freude im Gesicht des Entdeckers innerlich schon in eine hohe Erwartungshaltung. Es ist ja mit Großem zu rechnen. Der Bruder Ötzis, das Bernsteinzimmer, der heilige Gral, unentdeckte Aufnahmen von Robert Johnson, Kurt Cobain, 2Pac oder Roy Black, Konzerttickets für Abba, sowas halt. Oder etwas von unendlicher Schönheit, einen Löffel aus Perlmutt, Katzenbabys, Grönländische Lyrik, einen Fotoband über Marilyn Monroe, sowas halt. Oder etwas ganz ganz seltenes, ein Wolpertinger, na ja, egal, you get the point… auf dem Flohmarkt in Lille trug sich etwas ganz ähnliches zu. Unsere Reisegruppe schlenderte so vor sich hin, jeder träumte sich die angebotenen Auslagen zurecht, sondierte was nützlich, schön, schon kaputt, unmöglich zu verkaufen oder eventuell sogar zu stehlen war. Bis plötzlich Aufruhr in die Gruppe kam. Antje, ästhetisches Gewissen der Crew, hatte etwas entdeckt. Und wie gesagt, man rechnete mit nicht weniger als einem neuen Dürer oder da Vinci. Ihre Freude ließ kaum einen anderen Schluss zu. Alle Mann und Frauen stürmten ihr nach zum Stand, der diese Sensation (nicht anders konnte man es nennen) beherbergte. Was dann erst unsere Netzhaut und dann unsere Gehirne bestrafte, war… ein rosafarbener Wackeldackel… Wackeldackel! Rosafarben! Krank das Tier, fast tot. Gequält versuchten wir Antjes über das ganze Gesicht strahlende Lächeln zu erwidern und den Schmerz, den uns das Zusammenziehen unserer Innereien bescherte zu übertünchen. „Der passt doch in dein Auto. Ich fand Wackeldackel schon immer gut. Und der hier ist rosa.“ „H-hm.“ Mein Fehler war, hier nicht gleich abzuwiegeln und den Ort des Grauens umgehend zu verlassen. Denn schon war diese Missgeburt gekauft. Kurzer Widerstand meinerseits, mit der Begründung, dass in meinem Auto schon diverse Spinnen und anderes Kleingetier leben würden. Dann aber war Lille, so ihr offizieller Name (neuer Name und damit einhergehend gleich ein neues Geschlecht), neues Mitglied unserer Reisegruppe. Nun, 3 Monate später sitzt sie relativ unentspannt auf meine Ablage, kippt immer um, wenn ich den Kofferraum öffne und ernährt sich von Samen, die eine mir unbekannte Pflanze in meinem Fahrzeug verloren hat. Life of a Missgeburt can really be etwas träge. (Anmerkung von Antje: Zwei Menschen erzählen ein und dieselbe Geschichte ja gerne aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Kauf trug sich ungefähr so zu, wie Tobias es hier darlegte. Danach aber passierte folgendes: Der Herr verkündete sehr lautstark, wie hässlich er Lille (den Rosa-Hund, nicht die Stadt) fand. Die Damen der Reisegruppe aber waren sich ob ihrer Schönheit sehr einig. So fand Lille schnell einen Platz in dem Auto der Dame, die eigentlich auf der Suche nach einem roten Manta war. So fuhr die Hunde-Wackel-Dackel-Dame schon herum in ihrem neuen Zuhause, dachte sie jedenfalls. Als die Reisegruppe sich jedoch nach einem ereignisreichen Wochenende voneinander verabschiedete, die Flohmarkt-Funde verfrachtet wurden in die richtigen Gefährte, äußerte sich der Herr, der Lille (Hund) so hässlich fand, dass sie nun doch mit nach Leipzig kommen solle! Aha. Die andere Dame war sichtlich traurig, ich aber froh, dass meine Herzens-Lille uns nun begleitete und einen Blick auf Tobias wirft, wenn ich nicht anwesend bin.)

Der Hund, der den Elefanten stahl
Wie bekommt man die Menschen dazu, bei der Auswahl aus tausenden Anbietern, vor genau dem einen zu verweilen, den man selber betreut und mühsam aufgebaut und mit viel Liebe zum Detail angeordnet hat? Genau, Knöchelbruch. Darum stellte der eine Händler seine Figuren auch mitten auf den Fußweg. Eine kleine Ansammlung von Plastik-Tierchen. Dazu unzählige Menschen pro Stunde, die sie rechtzeitig sahen und auswichen, aber auch unzählige, die ihre Augen woanders hatten oder denen der Vordermann die Sicht versperrte und die Gefahr liefen, in einer Massenkarambolage à la Tour de France zu enden. Sich beim Sturz aber einen Blick auf die Auslage des zugehörigen Standes nicht erwehren konnten und im Moment des Aufpralls schon mit broken ankles: „Moment, genau das Buch hab ich gesucht.“ oder „Genau dieses Bild passt doch über unser Ehebett!“ ausriefen. Verkaufsfördernd oder nicht, es kam ein Hund vorbei, der war entweder mit der Konstellation der Figuren nicht einverstanden oder wollte schon seit Ewigkeiten mal Elefantenfleisch kosten, schnappte also zu und ließ den rosa Plaste-Eli erst wieder los, als Frauchen für das Vieh gezahlt hatte. Verkaufsstrategie erfolgreich umgesetzt. Nicht überliefert ist allerdings, wieviele Figuren einfach zerlatscht wurden…

Der rote Manta
Es war da diese Frau, die besuchte den größten Flohmarkt of Europe mit der vagen Vorstellung, eventuell einen roten Spielzeug-Manta zu bekommen. Gering nur war ihre Hoffnung, in Frankreich dieses deutsche Kultauto unter all den unendlichen Angeboten zu sehen. Es sollte ein Geschenk für ihren Vater werden. Zum 60. sein erstes Auto in klein. Für die Schrankwand. Noch nicht lange unterwegs und das unwahrscheinliche passierte. Ein roter Manta! Majorette. Fast ohne Makel. Gekauft! Doch halt, die 60, die der Händler anzeigte, bedeuteten nicht Cent, sondern Euro. Schnell die Finger weg! 60 Euro, way too much. Lieber noch etwas schauen, ob man das Glück nochmal und zu günstigeren Konditionen einholen könnte. Also weiter und weiter gestöbert. Aber nix da außer Hadern. Vor, zurück hin und her. Ebay gecheckt, nochmal zum Stand, versucht zu feilschen, auf Granit gebissen. Dann gelassen. Ohne roten Manta zum Geburtstag. 60 € behalten, aber auch die Zweifel. Geld und Gewissen über Lust und Geste. 60 € zum 60. Wiegenfest, diesmal nicht.

Moules-frites
Traditionell werden bei der Braderie Moules-frites in Massen verspeist. Jedes Restaurant bietet dieses Gericht an. Miesmuscheln im Topf mit Pommes. Wenn man die Gelegenheit bekommt und einen Platz in den Gaststätten, Imbissen, auf den Freisitzen zu ergattern, wird fast immer Moules-frites bestellt. Das Besteck könnte sich die Bedienung gleich kneifen, werden die Muscheln doch wie folgt gehandhabt: sobald man den ersten Muschelinhalt intus hat, wird die Schale zum Werkzeug, um dem restlichen Muschelfleisch beizukommen. Die noch mit Fleisch bestückte Muschel wird etwas aufgehebelt und dann wird die leere Muschel zur Zange, mit der das Muschelfleisch durch leichtes Drehen und Ziehen herausgelöst wird. So einfach und doch elegant speist man im Land von Elegance mit den Händen… Kein Vergleich zum deutschen Döner… Hat der Kellner dann den Tisch abgeräumt, sieht man ihn mit den leeren Töpfen vor die Tür spazieren, um dort die leeren Schalen zu entsorgen. Das geschieht nicht etwa, um Möwen, Ratten oder Bettler anzulocken. (Sie alle würden sich bei den Massen an Menschen eh kaum ran trauen.) Nein, an diesem Wochenende gibt es einen inoffiziellen Wettbewerb unter den Restaurants, wer am Ende der Veranstaltung den höchsten Muschelberg angehäuft hat. (Wenn das klar ist, dann können die Tiere der Unterwelt kommen und sich ihren Anteil holen.)

Der Backstein aus Fleisch (und Gallert)
Samstag gegen 17.00 Uhr wurden wir von unseren Mägen an das bisher ausgebliebene Mittagessen erinnert. Eigentlich schon 15.30, aber die Suche nach erstens vier freien Sitzplätzen und zweitens einem alle zufrieden stellenden Angebot auf der Karte zog sich beträchtlich. Die Verkaufsstände, die den Weg unserer Suche säumten, machten das Unterfangen nicht einfacher. Irgendwann dann endlich fing uns ein Spitzbart tragender Kellner förmlich von der Straße. Wir googelten gerade nach der Übersetzung der Gerichte auf der ausgestellten Karte, da kam er an und verwickelte uns in ein Gespräch in gebrochenem Englisch, versetzt mit wenigen Bröckchen Französisch. Dann nahm er einfach unser Handy, um uns Bilder der Gerichte zu zeigen und dann war er weg. Mit ihm das Smartphone. Er stand an einem Tisch direkt neben dem Eingang, Raucherbereich, vier Plätze Tisch für uns alle. Und okay, um nicht nur seinen Kundenrekrutierugsskillz auf den Leim gegangen zu sein, die Bilder, die er aufrief, sahen wirklich gut aus. Also niedergelassen, auch um die Beine kurz auszuruhen. Der Sherlock Pub war es nun geworden. Bestellung aufgegeben, gehofft, dass die Zubereitung nicht so lange dauern würde, Blicke wandern gelassen. Sherlock Pub. Ja, Sherlock Pub, ach ja. Wieso eigentlich Sherlock Pub? Die Bediensteten sahen irgendwie alle aus wie der Cast aus einer Gefängnisserie. „Unser“ Kellner vereinte in sich Robin Hood, einen spanischen Stierkämpfer, einen Piraten und einen Raver auf XTC. Lasst es mich so sagen, sein Aussehen hatte Charakter. Und er verstand sich auf sein Geschäft, so wie er uns in dieses Restaurant lotste, so wie er uns zielführend das teuerste Bier zu den Speisen empfahl und die Fotos, die er uns im Internet zeigte, die die Speisen in diesem Lokal darstellen sollten, aber, ich sag mal, leicht an der Realität vorbeischrammten. Unser Essen war gut, es war nur nicht das, worauf wir vorbereitet waren. Potjevleesch bestellten wir, denn eine Art Gulasch sahen wir, einen kalten Backstein aus Fleisch und Gallert bekamen wir. Als traditionelles flämisches Gericht angepriesen, freute ich mich auf Gulasch mit dunkler Soße und Frites. Frites bekam ich, dazu aber diesen, sämtliche Fleischsorten, die in der Küche anzutreffen waren, zu verspeisenden Blob (in Blockform, wie gesagt). Wir staunten nicht schlecht, aber egal, Hunger und die Lust auf einheimisches Essen ließen uns mit dem Verzehr beginnen. Das muss ich sagen, es war wirklich gut. Diese glibbrige Masse ließ mich nicht das ganze Monstrum schaffen und irgendwann war auch gut mit saurem Wackelpudding zwischen den Zähnen. Gewöhnungsbedürftig, aber essbar. Und überlebbar.

Pins und der Diebstahl
Bei tausenden von Verkaufsmetern klar, es gab alles. Alles in allen möglichen Formen und Ausführungen. In dieser Region in der Comics einen ganz anderen Stellenwert haben, als in Deutschland, finden sich natürlich auch allerlei comic-bezogene Gimmicks. Figuren, Puppen, Spiele, Puzzles, Poster etc. Unter anderem auch Pins, früher sagte man Anstecker und trug sie mit Sandra und Modern Talking bedruckt am Revers der Jeansjacke. (Heiß begehrt damals im Osten. Ich verlor mal einen Modern-Talking-Anstecker und war todtraurig, tagelang. Nie was von denen gehört, aber Thomas Anders’ Nora-Kette und Dieter Bohlens gewinnendes Lachen hinter seiner Gitarre, haben mir einfach die Coolness und das Ansehen verliehen, die mir sonst fehlten. Ich musste zu dieser Zeit Schuhe tragen, die im Klassenverbund nur Froschlatsch genannt wurden. Meine Mutter verdonnerte mich zu diesen Botten. Es gab ja sonst nüscht bei uns. Der Anstecker machte mich dann von heute auf morgen cool. Froschlatsch interessierte niemanden mehr. Nora, äh Thomas und Dieter, machten mich angesehen. Für genau einen Schultag. Am Nachmittag verlor ich den Anstecker über einem Lüftungsschacht oder so was ähnlichem. Was hätte ich gegeben für den Aufwind, der Marilyn Monroes Kleid so schön aufbauschte. Hätte er mir meinen Pin wieder hochgepustet? Vermutlich nicht, zu gewichtig waren Modern Talking in der deutschen Pop-Historie und Tiefgang bekamen sie nun quasi durch mich. Kleiner Scherz. Nun ja, am nächsten Tag war ich wieder Froschlatsch und ganz nah dran am Bodensatz der Schulklasse, alles wie vorher also.)

An einem Stand entdeckte ich eine Platte mit Pins der Charaktere aus Lucky Luke. Einer meiner Söhne hatte da gerade ein Lucky-Luke-Phase (wohl eher als Dalton Phase zu bezeichnen, Jack-Dalton-Phase, Jack, der kleinste der vier Brüder, der gefährlichste) und ich fand das ein schönes, kleines Geschenk. Die wichtigsten Charaktere fehlten leider schon. Luke natürlich, Jolly Jumper, Rantanplan, Jack Dalton, Averell Dalton. Dennoch hätte ich dieses kleine Set gerne mitgenommen, denn oft sind ja die Typen in der zweiten Reihe die cooleren. 22 Euro sollte das Teil kosten, okay, mache ich, aber sagen wir 20? Hab gerade ’nen Zwanni im Portemonnaie. Die Verkäuferin sagte, da müsse sie die Chefin fragen, kam wieder und „No“, das ginge nicht, weil die auch einzeln gerne gekauft werden (Ach was!). Ging kein Weg rein. Na gut, dann nur einen für 2 €. Der Totengräber. Le Croque-mort! Auch gut, aber, etwas angepisst war ich schon. Vielleicht wegen der falschen Taktik (20 €? Tiefer einsteigen, Spielraum lassen…) oder von der Konsequenz dieser Händlerin oder weil ich insgeheim doch alle Pins wollte und nun aber in meiner Ehre verletzt war und nicht nachgeben wollte. Wie auch immer, ich lief den (wirklich langen) Stand weiter ab. Und mittig fielen mir noch weitere Pins auf. Unter anderem ein Gaston-Pin. Gaston ist der Leserbriefbeauftragte im Verlag Dupuis. Während seiner Arbeitszeit macht er aber allerlei andere Sachen. Bastelei, Schlafen und hauptsächlich seinen Kollegen auf die Nerven gehen. Ich würde sagen, mein anderer Sohn ist fast zeitlebens in seiner Gaston-Phase, drum hielt ich diesen Pin für ein schönes Mitbringsel für ihn. Länger hielt ich den Pin in der Hand und stöberte noch etwas. Als ich ihn dann bezahlen oder (vorsichtig) erst mal nach dem Preis fragen wollte, strafte mich die Chefin (die Unnachgiebige) so mit Ignoranz, da blieb mir keine andere Wahl, als mich mit Gaston in der Hand zu entfernen. Gelegenheit macht Diebe, klar. Meine Angebote (20 €) nicht anzunehmen auch. So wird aus einem rechtschaffenen deutschen Touristen im Handumdrehen ein eiskalter Dieb ohne Gewissen. Als ich fast weg war von diesem Stand, lief ich Antje in die Arme, die die (zähen) Verhandlungen und mein Ringen mit mir mitbekommen hatte. Freudig fragte sie in etwas (für einen Diebstahl) zu hoher Lautstärke: „Und, und hast du ihn?“ Ich so voll die Hose voll (kurz davor mindestens) und: „Kannst du bitte mal den Mund halten und können wir BITTE schnell weiter, ich habe Schuld auf mich geladen…“ In einem verkrampft lockeren Gang sind wir dann weiter und… es ging gut aus. Puh, erneut überlebt.

Kunst? Nicht mit uns!
Was tut man, wenn man eine Stadt besuchen möchte und dort partout keine Herberge mehr frei ist? Genau, man übernachtet in einem anderen Land. Wie beschrieben, war in Lille selber nichts mehr zu bekommen an Schlafmöglichkeiten, drum wählten wir Gent als Nachtlager. Gent wird hin und wieder als Geheimtipp und die schönste der belgischen Städte genannt. Zudem erwischten wir dort dieses hübsche Hostel und dann, dann gibt es in Gent ja noch den sagenumwobenen und von der Geschichte gepeinigten Genter Altar. Geschaffen von Jan van Eyck um 1432. Van Eyck ist uns schon auf unserer Brügge-Reise im Frühjahr untergekommen und da sich nun die Gelegenheit fast von selbst auftat, eines seiner berühmtesten Werke live zu bestaunen, wollten wir uns das nicht entgehen lassen. Belgien und seine Kunstwerke und -schätze wollten sich in Brügge schon nicht so wirklich unseren Augen zeigen. Wie konnten wir nur denken, in Gent wäre irgendetwas anders? War es natürlich nicht. Um es kurz zu machen, Genter Altar? Nix da! Was ist denn Sonntag morgens in Kirchen so ganz allgemein? Na Klärchen, Gottesdienst! Auch in Belgien, auch in Gent, auch in der St. Bavo Kathedrale… ein Wärter (?), Wachmann (?) wies uns kompromisslos darauf hin: „It’s Sunday morning, this is a church, what do you think? You can come back at 1pm.“ 13.00 Uhr? Da wollen wir in Lille sein und schon kein Geld mehr haben… Also kein Stendahl-Syndrom in Gent. Aber auch keine Wut im Bauch, denn das kennen wir ja von Flandern, so reich an kulturellen Schätzen, aber uns gegenüber so geizig damit, sie preiszugeben…

Tobias Crain
Braderie de Lille 2019
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