November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger

NOVEMBER 1933:1942:2021:2024

Diese Geschichte spielt im Monat November. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Doch in welchem Jahr befinden wir uns? Ist es ein Novembertag, irgendwann im letzten Jahrhundert? Oder handelt es sich um mehrere Tage des elften Monats? Vielleicht gar um diesen November, wenn du, geneigter Leser, geneigte Leserin, dies hier gerade rezipierst?

Ich, die Erzählerin, kann nur so viel sagen: Alles hat mit allem zu tun. Alles ist miteinander verwoben. Jede Rolle ist mindestens doppelt besetzt. Es gibt Symbole, Rätsel, Zufälligkeiten. Es gibt eine sehr persönliche Ebene, die ich einst auf einer Reise aufschnappte, es gibt historische Begebenheiten, die so in unserer Welt stattgefunden haben, und es gibt Geschichten von Räumen, Körpern, Beziehungsgeflechten. Und schließlich gibt es, vielleicht als wichtigste Ebene, die Geschichte, die du siehst, fühlst, kreierst und zusammenreimst. Alles ist möglich. Es gibt kein "falsch". Gehe rückwärts, schaue zurück, wenn es dir beliebt. Gehe vorwärts, wenn du magst, und blicke auch dorthin. Dafür zolle ich dir schon jetzt Respekt. Sei ängstlich, wenn es nicht anders geht, oder stelle dich der Angst, auch wenn sie dich durchschütteln will. Halte dem anderen Blick stand, wenn du kannst. Höre genau hin – die Zwischentöne spielen ihre eigene, wichtige Melodie.


November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024

2024:
Sie wachte auf, mit Tränen in den Augen. Als sie die Lider ganz geöffnet hatte, flossen sie heraus, tropften auf das Rot des Kissenbezugs. An die Nacht konnte sie sich nicht erinnern. Das Rot des Weins hatte sie wohl betäubt. Ihr rechtes Knie schmerzte. Jetzt begann sie sich zu erinnern, ihr Gehirn hatte die Arbeit aufgenommen. Vorgestern war ihr aufgeregter Körper die Steintreppen vor seinem Haus hinuntergestürzt. Die Schmerzen blieben anfangs aus. Später wurden ihre Beine wie Pudding; sie hatte Mühe, in ihr zu Hause zu kommen.

Vorgestern. November. Sie saß auf dieser Treppe, trank die letzten Tropfen Wein aus der Flasche, versuchte, sich eine Zigarette zu drehen. Es war viel zu kalt, alle Versuche scheiterten. Sie wartete auf ihn. Sie brauchte Antworten – auf diese Fragen.

Aber er kam nicht. Das Licht in seinen Fenstern blieb dunkel. Sie ahnte, dass er woanders schlief.

Am Morgen danach, humpelnd, der nächste Versuch. Sie traf ihn an. Sie redeten und schwiegen, abwechselnd. Die wichtigste Frage konnte sie nicht stellen, schob sie immer weiter hinaus. Erst nach der vorletzten Zigarette stellte sie sie endlich. Hab keine Angst, beruhigte sie sich selbst.

Die Antwort tat so weh, wie sie es geahnt hatte. Dabei kannte sie sie doch längst. Und doch: Die gesprochene Antwort traf sie wie ein Pfeil, mitten ins Herz. Aber auch mit diesem Pfeil hatte sie bereits Bekanntschaft gemacht. Er konnte sie nicht töten, nur schwächen.

Zeit zu verschwinden, dachte sie. Zeit, sich aufzulösen. Zeit, sich zur Verliererin zu küren.

Mütze. Schal. Jacke. Rucksack. Weg hier. Für immer.

Nicht umdrehen. Nicht umdrehen. Nicht umdrehen. Und atmen.

Dieses Jahr: so viel Angst, so viel Trauer, so viel Ankündigung von Veränderung. Ihr Körper war verwundbarer geworden, ihre Gedanken gemäßigter, ihr Habitus unwilder. Ihre Strahlen haben an Kraft verloren, der Schmerz hat die Ringe unter ihren Augen dunkel verfärbt. Lost in Sehnsucht, Sehnsucht nach Zuhause, ein Zuhause ruiniert, das andere bald verloren durch kapitalistische Hände.


November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024

1933:
Er dreht das Streichholz zwischen seinen Fingern hin und her. Der Geruch von Verbranntem hängt bereits in der Luft, kriecht aus allen Ecken. In der Ferne steigt dicker Rauch auf, formt eine Säule, die in den Nachthimmel wächst. Es ist relativ mild und windstill an diesem 9. November. Er hat die Mütze tief ins Gesicht gezogen.

Soll ich’s machen? Oder lass ich’s lieber sein?

Er überlegt noch immer. Minuten zuvor hat er Benzin aus einem Kanister in der kleinen Synagoge des Viertels ausgeschüttet. Eine Spur, die wie ein Weg aussieht – ein Weg, den er jetzt mit Flammen füllen könnte. Doch warum kommen ihm plötzlich Skrupel?

Das Pack muss weg. Sie müssen weg, weg, weg. Ausrotten. Ausmerzen. Die Worte dröhnen in seinem Kopf, wie Kanonenschlag, der nachhallt. Weg. Weg. Weg.

Seine Finger zittern, als er das Hölzchen anreißt. Der Funke springt über, die Flamme lodert. Er zögert, nur für einen winzigen Moment. Dann trägt ein leichter Windstoß die letzten Skrupel davon.

Das Hölzchen fliegt. Es landet auf der Benzinspur, entzündet sie. Die Flammen kriechen gierig voran, lecken über den Boden, erfassen die ersten Holzbänke. Das Feuer wächst, wütet, faucht.

Entfesselung.

Absolute Überschreitung aller "moralischen" Grenzen und Barrieren. Kein Zögern mehr. Kein Zaudern. Keine Fragen. Kein Menschsein.

Nur noch Brennen. Klotzen, nicht kleckern.


November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024

1942:
Es ist bitterkalt. Minus 26 Grad. Am 19. November beginnt die Großoffensive. Am 22. November 1942 (minus 30 Grad) ist der Kessel geschlossen. Psychologischer Wendepunkt eines großen Krieges. Kalt, karminrot, kommunistisch. Der Krieg wird noch andauern, aber sein Ende läutet dieser November ein. Der Schmerz und die Toten nehmen noch einmal Fahrt auf. Auf dem Höhepunkt des Grauens sind sechs Millionen Seelen gewaltsam aus dieser Welt geschickt worden.


November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024

2021:
Der erste Pfeil trifft mich. Keine Vorwarnung. Keine Ahnung. Mitten ins Herz. Treffer, kein Vorbeischuss. Versenkt. Ich muss schlucken. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Von diesem Tag an habe ich Angst. Angst, dass etwas passiert, das ich nicht habe kommen sehen. Ich vertraue nicht mehr. Ich traue mich nicht mehr. Es ist November. Fühle die Temperaturen nicht, merke nur, dass die lange Dunkelheit mich schafft. Die Angst kriecht in meinen Körper und nimmt Besitz von ihm. Nachrichten aus dem Hinterhalt, Lügen, verschwiegene Wahrheiten füttern das Kopfkino. Ab diesem November bin ich auf der Hut. Auf der Hut sein, ist anstrengend. Dennoch gebe ich mich weiterhin hin. Der Liebe. Dem Leben. Dem Leid.


November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024
November-1933:1942:2021:2024-fotokunst-antjekroeger
NOVEMBER 1933:1942:2021:2024

Werbung

NÄCHSTER FOTOWORKSHOP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

23. November 2024

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Auf den Punkt gekommen
Bewegungsunscharfe Aufnahme einer dicken Frau im Ausfallschritt, gepunkteter Rock, glitzernder Hintergrund, analoge Großformatfotografie, clowneske Dynamik

Auf den Punkt gekommen

Tupfen über Tupfen, schwarz und weiß. Wirklich? Oder sehen wir sie nur schwarz und weiß? Illusion! Gold glitzert im Hintergrund (Woher wissen wir denn das? Es könnte doch auch Silber sein!) Der Raum gleicht einer Zirkuskulisse, die ihr Unterhaltungsversprechen längst gebrochen hat. Die kleinen und großen Punkte. Dots. Das Muster des Clowns, komisch und traurig zugleich, ein Kostüm. Der Körper dick, unverstellt, geöffnet. Kein Grund zur Scham, nur Fleisch
26. August 2026
Rausch-Tod-Imagination
Dicke Frau berührt sanft die roten Haare einer Frau mit verbundenen Augen, Nahaufnahme der Hände im Haar, dunkler strukturierter Hintergrund, konzeptuelle Imagination-Fotoserie

Rausch-Tod-Imagination

rausch als erster taumel. der moment, in dem die grenzen der haut nicht mehr halten, in dem farbe zu blut wird, blut zu farbe, in dem zwei gesichter sich übereinanderlegen, keines mehr das eigene. lametta wie ein vorhang zwischen wachsein und traum, traum und wachsein. gold, das schneidet, licht, das lügt. der körper bemalt, beschriftet, überschrieben. rote linien, die adern nachzeichnen oder sie erfinden. was zuerst nur schatten war, geworfenes licht, wird mit rotem lippenstift nachgezogen, festgehalten, behauptet, der schatten zur wunde gemacht, die vorlage zur handlung. rausch als erster schritt in die auflösung. der mensch selbst verschwimmt darin, er ist nicht einer, der den rausch erlebt, er ist der rausch, sein gesicht löst sich auf, bevor die kamera es fassen kann, seine konturen zerlaufen wie farbe im wasser. bevor der tod kommt, bevor die imagination übernimmt.
26. August 2026
Zauberei
nahporträt tänzerin mit kurzhaarschnitt, kopf geneigt, intimes analoges schwarzweißporträt, fotoserie zauberei

Zauberei

Zauberei. Das Wort klang so viel schöner als das englische: Its magic. Sie wiederholte es ein paar Mal. Sauberrei. Sauberrei. Mit ihrem herrlichen argentinischen Akzent. Sauberrei. Aus dem harten Z wurde ein weiches S, aus dem Rachen-R ein rollendes. Ich verschwand wieder unter dem glitzernden Stoff hinter meiner Großformatkamera, Zauberei. Eine Begegnung wie ein Zufall, der keiner war.
25. August 2026
Neues Website-Design

Neues Website-Design

Lange hab ich es vor mir her geschoben! Aber nun. Nun ist es passiert. Ein neues Design für meine Website. Minimalistisch. Sicher. Übersichtlicher.
22. August 2026
Stanze
extreme nahaufnahme gesicht mit nägeln im mund, bemalte haut mit gitterlinien, expressives selbstporträt stanze-serie

Stanze

Genäht dort, wo etwas heraus gestanzt wurde. Blutunterlaufen. Kreise bildend. Die großen Schrauben halten den Körper weiterhin zusammen. Da, wo das Licht hineindringt, kann der Schmerz nicht zu groß sein. Haut ist Grenze. Blut ist Sprache. Weich gegen hart. Metall gegen Haut. Scherben als Ganzes, der Unterschied als Leichtigkeit. Eine andere Naht versperrt den Mund, die Sprache, die Meinung, die Worte, die Menschlichkeit, die Moralnadel des Kompass.
14. August 2026