ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger

Ein kleiner Stolz

Sie telefonierte mit einer ihrer älteren Verwandten. Es war einer dieser Anrufe, die eher Pflicht als Vergnügen sind. Wenigstens war diese Tante eine warmherzige Person, die sich geduldig ihre gefühlsduseligen Geschichten anhörte und mit voller Konzentration dabei war. Sie erzählte von diesem und jenem, von dies und das und das und dem. Aufhören konnte sie kaum, war sie doch gerade auf einem Hochgeschwindigkeitsemotionszug unterwegs. Zwischendurch schluchzte sie ein wenig und gab zu, noch bevor die Tante danach fragen konnte, dass sie ihn angerufen hatte. Natürlich. Ihretwegen.

Das erste „Warum?“ der Tante versuchte sie gekonnt zu überhören. „Darum!“ „Weil ich es kann!“, dachte sie nur. Doch der nächste Satz hinterließ eine Spur, eine Spur aus gemischten Gedanken, Gefühlen und einem inneren Aufruhr. „Dass du dir dafür nicht zu stolz bist?“ Stolz. Stolz? Zu stolz, um jemanden zu vermissen? Zu stolz, um seinen Impulsen nachzugeben? Zu stolz, um einfach zu sein, ganz man selbst? Stolz. Was bedeutet das überhaupt? Stolz – wozu soll der gut sein? Was kann dieser Stolz?

Sie muss plötzlich an Nationalstolz denken. Und ist angewidert. 


ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz

„Stolz war der Grund, daß jene dort gefallen,

      Stolz des Verworfenen, den du gesehen,

      Erdrückt von dieses Weltalls Lasten allen.

      In Demut haben, die ihr Rad hier drehen,

      Und in Erkenntlichkeit die Huld verehrt,

      Die ihnen gab, so Großes zu verstehen.

      Drum hat erleuchtend ihre Schau gemehrt

      Die Gnade, ihres Wohlverdienstes wegen,

      So daß ihr Wille Rechtes nur begehrt.

      Und, zweifle nicht, verdienstlich ists, den Segen

      Der Gnade anzunehmen, um so mehr,

      Je offner das Gemüt dem Gnadenregen!

      Nun, so du recht ergriffen meine Lehr,

      Nun kannst du wohl ohn andre Hilfe sehen,

      Wie's hier bewandt um dieses Himmelsheer.

      Doch weil man, die auf eure Schulen gehen,

      Auf Erden lehrt, dem Engelwesen sei 
     
      Erinnern eigen, Wollen und Verstehen,

      Red ich noch weiter, daß du rein und frei

      Die Wahrheit siehst, die drunten so verblendet

      Durch solcher Lehre Trug und Gaukelei.

      Seit ihnen Gottes Antlitz Wonne spendet,

      Hat dieser Wesen keins von Seinem Licht,

      Dem nichts verborgen, je den Blick gewendet;

      So wurde nie gestört von neuer Sicht

      Ihr Schaun, und wo kein Schnitt des Denkens Bande

      Zertrennt, bedarf es des Erinnerns nicht.“


Die Göttliche Komödie, Dante Alighieri

ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
ein-kleiner-stolz-fotokunst-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
aktfotografie-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
aktfotografie-antjekroeger
Ein kleiner Stolz
aktfotografie-antjekroeger
Ein kleiner Stolz

Werbung

NÄCHSTER FOTOWORKSHOP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

29. Oktober 2024

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Wolfsstunde
Nackter Oberkörper mit Kettenschmuck, Pelzstück über die Schulter geworfen, gestreifte Bänder am Bund, analoges Papiernegativ, Großformatkamera, konzeptuelle Körperfotografie, Fotoserie Wolfsstunde

Wolfsstunde

Gestalten. Die eine hat den Pelz um sich gelegt wie eine zweite Haut, dunkles Haar fällt darüber, das Gesicht halb verschluckt vom Korn des Papiers. Die andere trägt Strohhut und Hosenträger in Streifen. Hockt, wartet, beobachtet mit einem Blick, der älter wirkt als gelebt. Großformatkamera, Mentorin, Papiernegative. Jedes Bild ein Universum, mit Rand in Rissen, […]
1. September 2026
Auf den Punkt gekommen
Bewegungsunscharfe Aufnahme einer dicken Frau im Ausfallschritt, gepunkteter Rock, glitzernder Hintergrund, analoge Großformatfotografie, clowneske Dynamik

Auf den Punkt gekommen

Tupfen über Tupfen, schwarz und weiß. Wirklich? Oder sehen wir sie nur schwarz und weiß? Illusion! Gold glitzert im Hintergrund (Woher wissen wir denn das? Es könnte doch auch Silber sein!) Der Raum gleicht einer Zirkuskulisse, die ihr Unterhaltungsversprechen längst gebrochen hat. Die kleinen und großen Punkte. Dots. Das Muster des Clowns, komisch und traurig zugleich, ein Kostüm. Der Körper dick, unverstellt, geöffnet. Kein Grund zur Scham, nur Fleisch
26. August 2026
Rausch-Tod-Imagination
Dicke Frau berührt sanft die roten Haare einer Frau mit verbundenen Augen, Nahaufnahme der Hände im Haar, dunkler strukturierter Hintergrund, konzeptuelle Imagination-Fotoserie

Rausch-Tod-Imagination

rausch als erster taumel. der moment, in dem die grenzen der haut nicht mehr halten, in dem farbe zu blut wird, blut zu farbe, in dem zwei gesichter sich übereinanderlegen, keines mehr das eigene. lametta wie ein vorhang zwischen wachsein und traum, traum und wachsein. gold, das schneidet, licht, das lügt. der körper bemalt, beschriftet, überschrieben. rote linien, die adern nachzeichnen oder sie erfinden. was zuerst nur schatten war, geworfenes licht, wird mit rotem lippenstift nachgezogen, festgehalten, behauptet, der schatten zur wunde gemacht, die vorlage zur handlung. rausch als erster schritt in die auflösung. der mensch selbst verschwimmt darin, er ist nicht einer, der den rausch erlebt, er ist der rausch, sein gesicht löst sich auf, bevor die kamera es fassen kann, seine konturen zerlaufen wie farbe im wasser. bevor der tod kommt, bevor die imagination übernimmt.
26. August 2026
Zauberei
nahporträt tänzerin mit kurzhaarschnitt, kopf geneigt, intimes analoges schwarzweißporträt, fotoserie zauberei

Zauberei

Zauberei. Das Wort klang so viel schöner als das englische: Its magic. Sie wiederholte es ein paar Mal. Sauberrei. Sauberrei. Mit ihrem herrlichen argentinischen Akzent. Sauberrei. Aus dem harten Z wurde ein weiches S, aus dem Rachen-R ein rollendes. Ich verschwand wieder unter dem glitzernden Stoff hinter meiner Großformatkamera, Zauberei. Eine Begegnung wie ein Zufall, der keiner war.
25. August 2026
Neues Website-Design

Neues Website-Design

Lange hab ich es vor mir her geschoben! Aber nun. Nun ist es passiert. Ein neues Design für meine Website. Minimalistisch. Sicher. Übersichtlicher.
22. August 2026