Greisenmädchen (Teil I)
Posted by Antje Kröger Photographie on März 30 2026, in Mensch
Sie bat den jungen Kerl, sie ab nun während ihres Balzverhaltens immer sein Greisenmädchen zu nennen. Aber ist es denn überhaupt eine Balz, wenn es nicht mehr um Reproduktion geht? Egal. Sie mochte die Wortschöpfung. Greisig. Klang wie auf dem Weg ins Morgenland, zu all den Weisen, mit denen sie Schritt halten konnte. Mädchen. Das Attribut hatte sie niemals aufgegeben. Immer die Wangen rosig, immer auf der Flucht vor Verantwortung, immer ein naiver und doch wacher Blick in die Ferne. Doch das Mädchen konnte, so sehr es sich auch anstrengte, die Schnelligkeit des Lebens nicht anhalten. Peng. 30 Jahre vergangen. Puff. 40 Jahre rum. Kawumm. 50 Jahre – ein Klacks. So würde es immer weitergehen. Monat um Monat, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Peng. Puff. Kawumm. Haare ergrauen, Haut erschlafft, Hormone zerstören die Harmonie. Zu früh zu alt, viel zu früh. Der Geist viel zu aufmüpfig, die Gier unersättlich, den Gleichschritt verlernt. Zu viele Abzweigungen im Kopf, zu viele kleine Aufstände im Blut. Immer ein bisschen daneben, immer ein bisschen zu viel. Sie würde die Zeit anhalten, wenn es denn ginge. Stehenbleiben. Oder sogar ein kurzes Stück zurückgehen. Nur ein kleines. Sie stellte sich vor, die Zeit ließe sich anfassen, nicht als Linie, sondern als Stoff. Etwas, das man greifen, sich um die Schultern legen könnte, wenn es im Vorwärts zu kalt wird.





















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