Antje Kröger | Fotokünstlerin

Cottbus... du Schöne – haltet mich doch für verrückt

Posted by on März 25 2026, in Mensch, Welt

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Neue (Zug)Reisegeschichten aus (ost)deutschem Land, mit dem Konvolut analoger Kameras, immer regelmäßig aktualisiert wird Leipzig, auch neue Orte kommen hinzu.


Zu diesem Zeitpunkt gibt es 10 Kapitel meiner 9-Euro-Ausblicke. Alle Foto aus Cottbus:

WEIMAR, ERFURT, SCHWEPNITZ, GUBEN, COTTBUS


Cottbus. Du Stadt Brandenburgs und der Lausitz, du schöne Ostdeutsche. Lange bin ich um dich herum gekreist. Ich weiß so recht gar nicht wieso. Viele Male bin ich mit dem Zug vorbeigefahren, aber nie ausgestiegen. Jetzt im März 2026 kam ich ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde zu dir. Die Sonne schien, ich wollte mich drücken vor der Organisation meines Lebens und schwuppdiwupp, Zugverbindung herausgesucht und auf den Weg gemacht. Sehr spontan. Keinerlei Vorbereitung. Als ich an deinem Bahnhof ankam, hatte mein Handy kaum noch Akku, sodass mich der Zufall durch die Stadt navigieren musste und mein Mund, der fragte. Das war wirklich ein Erlebnis wie lange nicht mehr. Aber eines nach dem anderen. Gegen Mittag kam ich an. Ausgang links oder rechts. Natürlich entschied ich mich für links. Das war nicht der „Hauptausgang", sondern so eine unterschätzte Rückseite. Für mich ein Geschenk: Brache mit Graffiti und anderen Entdeckungen, die gemacht werden wollten. An einem Gebäude hing Rio in Übergröße. Cottbus, du empfingst mich reich gedeckt, schon ganz am Anfang, ich fragte mich deshalb auch mehrmals am Tag, warum ich dich so lange links liegen ließ. Dabei hatte ich im Studium meine gute Freundin Anja, die aus Cottbus kam, wir beide studierten Theaterwissenschaft und sie erzählte immer, welch gutes Theater du hattest, einst. Während ich meine Fotos, die ich von dir machte, scannte, hörte ich einen Podcast über die Baseballschläger-Jahre. Da warst du neben Rostock und den anderen Ossi-Städten ja auch ordentlich dabei. Vielleicht geisterte das noch in meinem Hinterkopf herum? Ich hab ja nur die Stunden zwischen Mittag und Sonnenuntergang bei dir verbracht, kann aber nur Gutes erzählen. So freundliche Menschen, die mich von da nach da schickten, Busfahrer, die außerhalb der Haltestelle anhielten, um mich einzusammeln, Kinder, die mich während der Busfahrten und draußen mit ihren Seifenblasen unterhielten, der ein oder andere, der mir den „falschen" Weg zeigte. Es war ein schönreicher Tag, auch wenn ich nur einen Bruchteil von dir wahrnehmen konnte. So war ich zufällig am Zelt in Sachsendorf gelandet, wo mir ein Boy sagte, nachdem ich erzählte, dass ich aus Leipzig käme: „Hauptsache nich aus Connewitz!" Okay. Es war noch in den Köpfen. Ich sah nicht drüber hinweg, hatte nur keine Lust zu diskutieren. Der Bahnhof, Plattensiedlung Sachsendorf, BTU (Universität) und Stadthalle waren meine „Besichtigungspunkte" des Tages. Für mehr blieb keine Zeit, das alte Kleid von dir konnte ich nur aus dem Bus bestaunen. Ein paar Fotos sind auch abhanden gekommen, sodass ich zeitnah ja wiederkommen muss. Ich werde!

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Cottbus... du Schöne – haltet mich doch für verrückt


Ich muss immer an den kleinen rothaarigen Jungen denken, den Kleinen mit seinem roten Freizeitanzug und der blauen Seifenblasenmaschine. Mit den vielen Blasen hatte er mich angelockt, mich, die gerade zufällig an diesen Ort gespült worden war. Cottbus Sachsendorf, so wie Leipzig Grünau oder Berlin Marzahn oder Rostock Lichtenhagen. Wer in den 1990ern schon groß war, erinnert sich sicherlich, was es da für unmenschliche Gewaltexzesse gegeben hatte, vor allem gegen Asylsuchende, in den Plattenbausiedlungen der ostdeutschen großen und größeren Städte. Ich hatte von diesem Sachsendorf noch nie gehört. Als ich am Zelt ausstieg, konnte ich sie aber spüren und riechen, die Tristesse der Platte. Ich war selbst in einer großgeworden. Damals, als sie noch neu und schick war. Da gab es noch nicht diesen Geruch aus Pisse und billigem Bier und den Geschmack aus kaltem Rauch und nahenden Todesnachrichten. Zum Glück schien die Sonne und alle Menschen, die ich traf, lächelten mich an, mich, der man ansah, dass sie nicht an diesen Ort gehörte. Und irgendwann während meiner kurzen Stippvisite kamen mir die Seifenblasen entgegen. Dann er. Dieser Junge, an den ich immer noch denken muss. Er lächelte ununterbrochen, sprach Deutsch, aber so kauderwelschig, dass ich ihn kaum verstand. Seine Mama saß rauchend auf dem Bordstein in der Nähe, ich fragte sie, ob ich fotografieren dürfe, sie hatte nichts dagegen. Später unterhielten wir uns ein wenig länger. Aber erst der Kleene. Ihn faszinierten meine Fotoapparate, dass er kein Foto sehen konnte, irritierte ihn zuerst. Ich erklärte ihm, dass ich Filmrollen benutze. Ob er es wirklich verstand, weiß ich nicht. Er erinnerte mich an meinen kleinen Bruder, der in den 90ern auch diese einfarbigen Freizeitanzüge mit Musterung trug und auch solch ein kleiner Junge war. Die ganze Zeit war ich zurückkatapultiert in eine andere Zeit und wusste nicht genau, was ich fühlen sollte.

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Comments

  • Deine Liebeserklärung an Cottbus und die Art, wie du die vermeintlich "verrückten" Seiten der Stadt fotografisch einfängst, ist wirklich inspirierend. Man spürt in jedem Satz, wie sehr dir diese Stadt am Herzen liegt und wie du Schönheit dort findest, wo andere vielleicht nur den Alltag sehen. Ein kleiner Tipp: Vielleicht könntest du bei deinen nächsten Streifzügen mal versuchen, die Spiegelungen in den Schaufenstern der Altstadt noch stärker als grafisches Element zu nutzen, um die Kontraste der Stadt noch weiter zu betonen.

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