Dystopie ist meine Lebensrealität. Die Bäume sind Nutzholz für euch, die Tiere Nutzvieh, die Menschen Humankapital. Wohin mit meiner Wut? Sie wird wachsen und sich von mir lösen und meine Alpträume werden euch heimsuchen. Bis ich selbst zum Alptraum werde, der eure Nächte stört.
Zwei Fotosezionen aus dem November miteinander verwoben Zu sehen zwei Frauen, ihre Namen beginnend mit einem A. Zehn Jahre liegen dazwischen. Eine Dekade, ein Jahrzehnt, ein Dezennium. 2012. 2022. Im alten Rom feierten die Herren Decennalia. Ich feiere auch. Mich. Freiheitlich. Freischaffend. Mit unendlich großer Kampfeskreativität. Stetig. Stoisch. Stolz.
Silberblatt, Kratzdistel, Große Klette. Stehen da. Aufrecht erst, dann verheddert durch das eigene Sein und die Resonanz mit ihr. Sie, die voller Pracht all das mitbringt, was das „richtige“ Leben abseits der Mittelmäßigkeit beschreibt. Eine Oktobergeborene. Ein Körper aus Linien, Flächen, Strukturen, Makeln, Rissen, Wunden und totem Material aus Schuppen, Haaren und Härchen, Nägeln. Warm und wollig. Kalt und löchrig. Ein Charakter, der der Mitte nie entsprungen ward. Abseitig und wertschätzend. Emotional stark, wenig narzisstisch. Denkend, nicht festlegend.
Ich wurde geboren. Hinein ins Tiefland. Das tiefe Land. Ein Land, verschwommen und unscharf. Schön, flach, mit Schlunden hinter den Bäumen. Kalt und starr. Warm und weich. Jahreszeiten verändern den Habitus. Das Schwarz verändert sich im Lichte der Tage und zeigt sich in Millionen Facetten. Ich bin Tochter dieses Landes. In meinem Körper verfestigte sich seit meinem Hineingebären ein dunkler Gedanke der Sehnsucht. Die Sehnsucht, die nur aus diesem tiefen Land stammen kann. Diese dunkle Sehnsucht, die tanzt, als gäbe es keinen Morgen. Die kriecht wie eine Äskulapnatter. Die verschwiegen ist wie die Trappistin. Die laut ist wie der morgendlich nervige Rasenmäher und scharfzüngig wie HH, Heinrich Heine. Dabei passt in dieses Tiefland doch viel mehr der unheimliche Herr Storm.
Ich kippe nicht um, wenn ein Lüftchen zu stark weht. Ich will einfach nicht umkippen. Mein Körper wankt und schwankt zwar, vor allem drinnen. Normal. Aber ich will nicht kippen. Ich versuche, fest zu stehen, auf beiden Füßen. Knie durchgedrückt. Das Becken ein wenig nach hinten geschoben. Oberkörper aufrecht. Brust raus. Kopf angehoben. Innen Aufruhr. Innen Frust. Innen Unsicherheit und Unwissen. Innen Angst und Zweifel. Innen Denken und Fühlen. Innen Aufnahme von Außen. Innen Feuer und Bewegung. Außen aber Stand. Und Stehen. Aufrecht. Und welche Magie. Plötzlich auch Drinnen sicherer Stand, Überzeugung, Wissen, Lust, Ruhe, Festigkeit, Klarheit. Innen und Außen. Das Spiel miteinander. Sich aufeinander einlassen. Den gemeinsamen Klang hören und sich in ihm wiegen. Stabilität erst denken, dann fühlen, dann herstellen.
Ihr seid irgendwie stabil miteinander. Trotz eurer Unsicherheit, Angst und Vorsicht. Wie kommt das? Durch Vertrauen? Durch Zutrauen? Durch Sich-Trauen? Wahrscheinlich ist's die Summe. Wahrscheinlich gibt es da einen Urzustand ganz tief drinnen, auf den ist Verlass, selbst wenn das Außen verrückt spielt oder auch das Innen, das nicht ganz so tief sitzt, meint, es müsse mal am Rad drehen. Wie bei einem Vulkan gibt es in uns einen Kern, der war schon immer da, der ist schon immer fest in seiner Aussagen, an ihm ist nicht zu rütteln. Und genau dieser Kern gibt die Stabilität. lässt uns nicht umfallen, wenn der Wind so stark pustet, dass das Gebäude einkracht. Das Fundament bleibt stabil.
Das dünne Mädchen entdeckte die kleinen Wasserfontänen in der Nähe des Zaunes als Erste. Das Einöden-Eckhaus versprühte das kostbare Gut über den kurzen, grünen Rasen. Das dicke Mädchen folgte ihrer Freundin. Sie wuschen sich ihre staubigschwarzen Hände in den schmalen Strahlen. Danach sammelten sie das Nass in ihren Handkrügen und führten diese zu ihren gierigen, ausgetrockneten Mündern. Dick und Dünn quälte der Durst. Die vergangenen Stunden verbrachten die Mädchen zusammen in den sengenden Sonnen-Schatten der ehemaligen Einöden-Fabrik. Der Schornstein thronte dabei über ihrem Spiel.
Prag (Juni 2022) – Ein Käfig ging einen Vogel suchen
„Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«»Ja«, sagte Karl, »Ich bin noch nicht lange in Amerika.«»Woher sind Sie denn?«»Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.»Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und bin aus Wien. Und Prag […]
Manchmal ziehen Fischchen ihre Kreise ziemlich weit, zum Laichen legen sie nämlich Kilometer um Kilometer zurück. Der Schwarm bewegt sich, immer. Macht Strecke. Keine Energie rausnehmen, mit Volldampf voraus. Wer steht, der geht. Oder so ähnlich. Auch meine Fischchen haben eine interessante und lange Reise hinter sich. Nicht zum Laichen sind sie nach Mitteldeutschland gekommen. Nein. Nur auf Wunsch einer einzigen Dame. Weil sie sich in dieser kleinen August-Mittagsgasse Camoglis schockverliebte in diese herrlichen Tierchen.