Mir erschien die überdimensioniert große Schnecke im Traume. Sie hatte sich aufgemacht aus ihrem Glaspalast. Den Deckel beiseite geschoben. Schleimiger Weg zu mir ins Schlafzimmer. Ihr Kalziumkarbonat-Haus passte kaum durch die Türen. Das schleifige Geräusch drang an meine Schlafohren. Während sie zu mir kroch, kaute sie genüsslich auf ihrem Blatt herum und schiss gleichzeitig das Verdaute wieder hinaus. Das Getier hinterließ eine Spur aus Sekret, Fäkalien, Abrieb des Gehäuses. Mich schüttelte es im Traum. Es war klar, den Besuch der Todesschnecke würde ich nicht überleben. Genauso kam es. Nur noch Fetzen meines Traumes sind mir in Erinnerung. Die Schnecke legte sich wie der Mantel des Todes auf meinen nackten Körper. Der Mantel war schwer. Doch ich wurde nicht erdrückt, zerdrückt. Nein. Ich ertrank im Schleim der Kriechenden. Sie nässte mich komplett ein. Erst schluckte ich noch, dann verschluckte ich mich, schließlich ging ich unter und riss dabei die Augen ganz weit auf …
Sie ist Künstlerin. Auch ihr Körper ist politisch. Sie ist Frau, qua Geburt und auch sozial. Mit aller Selbstverständlichkeit. Sie durfte studieren, musste aber immer von ihrem Werk und durch ihr Schaffen leben. Das war und ist nicht immer easy peasy. Auch sie liebt den Rausch. Im Jahr 2023 beschäftigt sie sich mit dem Jahr 1923. Sie begegnete Gluck. Beschäftigt sich zusätzlich mit Raum, Material, Bedeutungsebenen, Ihre Kunst besteht aus Schichten. Menschlichen. Materiellen. Symbolischen. Diese trägt sie auf. Manchmal langsam und unregelmäßig, dann wieder schnell und überbordend. Sie mag, wenn alles mit allem zu tun hat, ineinander übergeht oder verschwimmt. Sie mixt und remixt. Sie mischt, dreht um, überrascht sich selbst. Sie sammelt Material auf der Straße, klaut Blumen auf Friedhöfen und von öffentlichen Rabatten, lässt sich mit Ausrangiertem beschenken. Nichts in ihrer Kunst geschieht ohne Grund.
ICH habe das Gefühl, ICH möchte etwas sagen beziehungsweise schreiben. Um meine Aussagen zu bündeln, geschieht es an dieser Stelle und nicht in den sozialen Medien. In den vergangenen Wochen geschahen verschiedene Ereignisse, die zu diesem Wortausbruch führen. Im Grunde kreisten diese Ereignisse immer um ähnliche Themen. Was ist Kunst? Was kann Kunst? Was darf Kunst? Wie gehe ich als Rezipient*in mit Kunst um? Wie stehe ich als Künstlerin zu alledem? ICH gebe hier jetzt keine abschließenden Schlüsse und Gedanken, sondern nur das wieder, was mein sogenannter Status Quo ist. Auch ich entwickle mich weiter oder sehe das ein oder andere demnächst vielleicht anders. Dies soll auch kein Vorwurf sein an die Menschen, die mit dem Ausbruch der Worte verquickt sind. Im Gegenteil. Ihr helft mir, klarer zu werden. Und ihr helft mir vor allem darin, auch klarer das zu kommunizieren, was für mich sowieso klar ist! Aber eines nach dem anderen …
Es hatte noch einmal geschneit. Und das in der Mitte des Märzes. Dabei war ihr Herz doch bereits auf Frühling und dessen Duft eingestellt. Stattdessen also weiße Flocken en masse, die Wege und Straßen glatt puderten. Das Geräusch des Schneeschiebers weckte sie. Sie sah durch das Fenster diesen Himmel, der klar machte, it's wintertime. Genau wie der Himmel klar machen konnte, dort ist ein großes Wasser. Nun also Winterlandschaft. Sie saß auf dem Klo, schob die Jalousie nach oben (sie war die Einzige in der Familie, die das tat) und schaute den Menschen nach, die mit Schirmchen umher rutschten. It was time for winterdancing. Sie dachte über ihre wintertime-Garderobe nach. Natürlich hatte sie diese, aber nicht dabei. Sie war mit Turnschuhen und Jacke in die Heimat gekommen. Keine Stiefel, keinen Schal, keine Mütze, keine Handschuhe, dafür Rock und Strumpfhose.
Ich-Zerfall: Das Wort zog mich an. So richtig in seinen Bann. Vom ersten Moment an. Ich las und recherchierte über die 1920er Jahre und begegnete schnell dem Expressionismus und der Psychoanalyse. Ich-Zerfall. Im damaligen Verständnis. Zum einen die Darstellung des ICHs im Zentrum eines Kunstwerkes, damit also das Sein des Künstlers, der Künstlerin im Mittelpunkt […]
Da sind Orte, Räume, Plätze.
Da sind Menschen.
Nur in wenigen Fällen passen diese wirklich zueinander. Spüren sich wechselseitig, lassen Weite zum Atmen, reiben sich aneinander ab, wachsen zusammen.
Räume, Orte, Plätze sind geübter als Menschen. Meist. Oftmals hatten sie einfach mehr Zeit zu lernen, zu spüren, verschiedene Menschenarten auszuprobieren. Ob gewollt oder ungewollt. Viel öfter ungewollt, natürlich. Der ungewollte Mensch im Raum. Wie fühlt dieser sich an? Was macht das mit dem Raum? Wann ist Raum ein eigener Raum? Welche Zustände lässt Mensch des Wohlstandes zu am Raum? Dann, wenn dieser vorzeigbar im Hochglanzkatalog erscheinen könnte? Dann, wenn dieser sauber, aufgehübscht ist, in den Zeitgeist passt?
Du Wasser sprichst. Wie immer. Mit ihr. Auch schockgefrostet. Sie ist die Prinzessin der Wale. Sie ist DIE Wälin, mittelalt, mittellos, Mittelpunkt. Betritt sie die Eisarena, ziehen Risse ihre Kreise. Materialermüdung? Oder ein Konzert deiner Moleküle? Spiel auf für die Prinzessin, sie hört dir zu. Oder magst du Wasser einfach nur heraus aus deinem winterlichen Käfig? Der Wälin Epidermis aus Basal, Stachel, Korn, Glanz und Horn dreht sich in Sonnenstrahlen. Mädel dreh dich. Einzelne Tropfen perlen ab wie die Tränen des Januars. Sie dreht ihre langsamen Pirouetten. Und verliert das Gleichgewicht.
Hast Du schon einmal den Hunger verloren? Ich noch nie. Oder doch? Wenn, dann nur kurz. Aber von welchem Hunger sprechen wir denn überhaupt? Den Nahrungshunger? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich mal hungrig war in den letzten Monaten. Es ist doch immer so viel Essen um mich herum. Schlaraffenland.
nähre mich. ich verhungere. beschütze mich. ich hungere. fülle mich. ich verhungere. in mir macht sich eine leere breit. sie wächst. wie ein furunkel. sie schmerzt. wie der gebrochene knochen. ich krampfe. ich kann nichts mehr sehen. ich erblinde. ich habe hunger. mein körper bläht sich auf. blitze im kopf. ich ver-rücke. nähre mich. fließe durch meinen schlund. in mich hinein. wärme mich. hilfe. ich verhungere. mein geist oszilliert. ich werde panisch. ich habe solchen hunger. komm endlich wieder zu mir. in mich. ich reibe mich auf. gedanken schwirren um dich. es existiert nur noch mein hunger. nach dir. ich ver-rücke mehr und mehr.
// ÜbernachtSchlaflosfahrtvonLEipzig-nach-Wien, Busfahrt 76A, Friedhof der Namenlosen, Alberner Hafen in Bauhausoptik, Donau im kalten Boden-Morgen-Nebel, Museumsquartier zum Ersten und zum Zweiten, Kroatisches Super-Frühstück im Hipster-Bezirk, sonnengetränkter Himmel, Wiener Schmäh, Graffiti-Kunst und andere Graphiken an Giebeln und Häuserwänden, antike mechanische Standwaagen im öffentlichen Raum, Ukrainische Flüchtlinge, teure Caféhausbesuche mit wechselnden Angeboten, Klimt, Kokoschka, Schiele, Würstelstand, Tauben, den Opfern des Faschismus, Fenster Café, weihrauchgetränkte Orthodoxe Kirche, Tram-Fahrten, Regenspaziergang an der Donau, Club Flex als Fotokulisse, Herminengasse, Naschmarkt, Albertina, Basquiat, Picassos Friedenstaube, Paul Klee, Spiegellabyrinth im Edelcafé, Bosna, kaputter Winterprater, viel fleischliche Kulinarik, U-Bahnfahrten, Matzleinsdorfer Platz, Berggasse 19, Sigmund Freud, Man Ray, Psychoanalyse und Surrealismus, Freundetreffen, Judenplatz, Helmut Newton, Heilige Drei Könige, Shakespeare im Burgtheater, Der Mann der verwöhnt, Sonne zum Abschied, Busfahrt der Tränen //