Im Glanz vergang'ner Habsburgzeit, ein Reich so weit, Wo Donauströme sanft wie Seidenfäden gleiten. Die Sehnsucht lodert. Nach einer Ära, längst entschwunden, im Vergessen. Ungarns Zauber, ewig in den Sternen steht. Großeltern Dorf, so fern, Die ungarische Sprache, Musik im Ohr, jedoch nicht in der Kehle. Ein junger Mann, der nicht mehr will leben, 20 […]
Die Alte liegt auf einer Bank am Rande einer mit Gänseblümchen übersäten satten Wiese. Als ich näher an sie herantrete, setzt sie sich auf, legt beide Hände vor ihr Gesicht und beginnt zu schluchzen. Innerhalb weniger Momente sind ihre Hände Tränen-nass, es tropft laut auf das Weich der Wiese. Ich wundere mich erst ob der Situation, dann verstört sie mich. Mir verschlägt es kurz den Atem und lang die Sprache. Kein Wort will mehr über meine Lippen kommen. Mein Herz stolpert. Meine Augen füllen sich mit den Wassern der Meere. Mein Sein ist geladen, emotional aufgeladen, durch den Kummer der Alten. Plötzlich schaut sie mich an. Aus dem Nichts erscheint das schönste Lächeln, das meine Augen bisher erblicken durften. Ich schüttele ungläubig den Kopf. "Mein Mädchen, spiel mit mir!"
Diese Kamera hat mir mehr über die Fotografie erzählt, als jedes Buch, jeder Mensch, jede Reportage ... Ihr Name ist und war für mich Programm! Dabei wusste ich, als ich sie während der Pandemie erwarb, nicht viel oder gar nichts über Großformatkameras. Ich wusste nur, dass ich lernen wollte, Wetplates anzufertigen. Dafür brauchte ich ein analoges Gerät. Schnell packte ich Gelegenheit am Schopfe, in einem Forum erstand ich eine gebrauchte Mentor Studio, die irgendwie in den Westen von Deutschland gereist war. Ein wenig probierte ich mit Wetplates herum, stellte aber schnell fest, dass diese Art der Fotografie nichts für mich war, zu langsam, zu chemisch, zu anstrengend. Nun stand die Kamera herum. Bis ich Karoline Schneider aus Berlin auf einer Ausstellung traf. Von ihr waren dort Wetplates und Papiernegative zu sehen, von mir Polaroids. Wir begegneten uns im analog kreativen Raum. Diese Begegnung schätze ich bis heute so sehr. Weil Karoline mich fragte, warum ich nicht einfach Fotopapier in die Kassetten legte, um diese direkt zu belichten und anschließend in der Dunkelkammer zu entwickeln? Ja, warum eigentlich nicht?
Sehen umfasst nicht nur die Fähigkeit, elektromagnetische Wellen zu registrieren, sondern auch die, auf diese Wellen zu reagieren. Die Stäbchen und Zapfen in unserer Netzhaut nehmen den Lichtreiz wahr, leiten diese Information zum Gehirn weiter, und wir reagieren auf die Information. Auch Pflanzen können das visuelle Signal in physiologisch erkennbare Instruktionen übersetzen.
Bosnien und Herzegowina: Sarajevo und Mostar (April 2022)
Den Frühling 2022 verbrachte ich in Bosnien und Herzegowina. Dort wollte ich schon lange mal gewesen sein. Einer meiner längsten und besten Freunde ist dort verwurzelt. Also kannte ich Geschichten um Geschichten aus diesem Strich Land. Und den Wunsch, immer und überall eine Ćevapčići-Bude aufzumachen. Was soll ich sagen? Es war eine so gute Zeit! Ich wohnte in Sarajevo auf einem Berg und die abendliche Heimkehr hatte immer etwas von einem letzten Erklimmen. Ich reiste nach Mostar, nach Potočari, Srebrenica, Ilidža. Und ich fotografierte auch auf der Straße häufig auf analogem Filmmaterial.
In Sarajevo lernte ich eine wunderbare Frau kennen. Jasmina (74). Wir verbrachten mehrere Tage miteinander und reisten zusammen nach Mostar. Durch Jasmina habe ich viel gelernt über den Balkan, die Kriege und das Attentat, denn ihr Vater war ein Historiker, der ein Buch darüber verfasste.
Republika Srpska (Potočari, Gedenkstätte Srebrenica)
Als ich im Frühling 2022 nach Sarajevo reiste, plante ich auch einen Besuch in Srebrenica bzw. der Gedenkstätte Potočari fest in mein Reisevorhaben ein. Das stellte sich aber als gar nicht so einfach heraus. Es gab von der Hauptstadt Bosniens keine Verbindungen mit Bus oder Zug an diese „Schreckensorte“. Mein Vermieter riet mir deshalb, eine begleitete Tour zu buchen. Gesagt, getan. Auch wenn ich solche „festen“ Reisen schwierig finde für mich und mein freies, neugieriges Auge.
Das Ziel ist die große Pose. Melancholische Heiterkeit. Statuenhafte Haltungen. Verzerrungen und Schmeichelei. Der Einstieg ins Reich der Süße durch den grauen Schlamm der Weltgeltung. Sonne brennt, das Viehzeug versteckt im Geäst, die Wasseroberfläche verdächtig still. Keine Woge, nicht eine. Blubbernder Morast. Die untere Welt will emporsteigen. Doch das gleißende Licht hindert sie daran. Es brennt Wunden in die Ober-Haut. Kleine Male, die langsam größer werden. Der Schmerz gräbt sich tiefer.
Wie beschreibt sie sich selbst? Sie sagt, sie sei eine kluge, große, schöne, dicke Frau in einem alterslosen Körper. Alterslos, weil sie es so will. Die Gedanken sind frei, und Kunst darf sowieso alles! Sie sagt niemals über sich, sie sei korpulent, sie sei mollig, sie sei mehrgewichtig, sie sei fett, sie sei dick-fett, adipös oder fettleibig und was es da noch alles für Wortungetüme gibt. Schlimmer wird es noch mit den Monstern, wenn sie sich in der englischen Sprache umschaut. Body-positiv, Fat-positiv, Plus-Size …
Meine Großformatkamera heißt: Studiokamera Mentor (13 x 18 cm) und wurde zwischen 1966 und 1970 in der DDR hergestellt. Mit ihr fotografiere ich direkt auf analogem Fotopapier. Diese Kamera war im wahrsten Sinne meine Mentorin. Hat mich gelehrt, mich zum Schwitzen gebracht, mich immer wieder dazu gezwungen, regelmäßig zu üben. Eine fantastische Lehrerin, die Kamera. Ich eine wissbegierige Schülerin!
Sie wurde keine 30 Jahre alt. Starb ausgezehrt, verarmt, unverstanden. Die Anita. Die Berber. In Berlin kannte & kennt jeder und jede sie, der einem wilden Nachtleben frönt. Dort findet sie statt, auch heute noch. Was ist los in Leipzig? Dort wurde das erste It-Girl der Nation schließlich geboren. Seitdem ich im Jahre 1923 festhänge, geistert die Dame in meinem Kopf herum.