Ich dagegen schätze die Freiheit so sehr. Sie ist der Motor meines Lebens und Schaffens. In dieser Freiheit hinterfrage ich ständig, begebe mich auf neue Pfade genauso, wie ich die ausgetretenen immer wieder begehe. Ich prüfe, ich rieche, ich schmecke, ich fühle, ich bilde mich, ich lerne, ich bin leise und laut, ich lehre, ich höre zu, ich lehne ab, ich sage zu, ich überschreite Grenzen, ich ziehe meine eigenen Kreise, ich denke, ich lache, ich nehme mich ernst und lache dennoch über mich, ich weine, ich habe eine andere Meinung, ich stresse, ich schaue hin, ich höre hin, ich zeige, ich ziehe mich zurück, ich mache Fehler, ich falle, ich stehe wieder auf, ich biege ab, ich bin dagegen, ich ändere meine Meinung, ich schließe nicht aus, ich bin unbequem, ich frage, ich antworte und noch so, so viel mehr. Jedoch bemühe ich mich, nicht zu moralisieren. Meine Erziehungsberechtigten zogen mir ein Wertekorsett an. Selbst habe ich dies noch ein wenig zurecht geschliffen. Darin fühle ich mich wohl und kann anderen in diesem Kleid begegnen. Ein Kleid aus Respekt, Disziplin, Aufmerksamkeit, Empathie, Großzügigkeit, Gerechtigkeit, Offenheit, Sensibilität und Verantwortung. Dieses Korsett ist nicht eng, aber auch kein lappriges Kleid. Und wieder meine Frage. An welcher Stelle kommt die Moral ins Spiel? Ist die nicht eng an Zeit gebunden? An Menschengruppen? Warum wird sie häufig bei Nacktheit und Sexualität ins Spiel gerollt? Dabei steckt das Wort Oral doch ganz augenscheinlich in ihr. (Ein Witz, ein Witz)
Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich dich das erste Mal erblickte. Es war ein Uhr nachts, gerade war ich in deiner Stadt angekommen, gerade war ich mit meinem großen Körper und meinem großen Koffer und Armine, die dich schon als Kind liebte, mit dem heruntergekommenen, engen Fahrstuhl in den 9. Stock meines neuen Zuhauses auf Zeit gehievt worden. Neugierig trat ich durch die stählerne Tür, der Flur war hell erleuchtet. Meine Schuhe zog ich müde von den schweren Füßen, stellte sie ab. Da sah ich dich, auf einer nicht sehr hohen Garderobe stehen/sitzen, neben dir der Elefant. Duo Infernale. Sofort war ich wieder Kind. Ich wusste, ich kenne dich, aber eher so verschwommen, undeutlich. Müde folgte ich Armine, die mir mein Zimmer zeigte. Schnell schlief ich ein in dieser Nacht.
Oh weh, oh jeh.
Ich jammere, weil die Straßenbahn heute den ganzen Tag nicht fahren wird.
Du jammerst, weil die Käsepackung anstatt sechs Scheiben, nur noch vier enthält.
Er jammert, weil seine Schicht noch weitere drei Stunden andauern wird.
Sie jammert, weil der Fingernagel wieder abgebrochen ist.
Es jammert, weil es viel zu langsam geht, alles!
Wir jammern, weil unser Hab und Gut immer noch zu wenig ist.
Ihr jammert, weil die Heizung für ein paar Stunden ausfällt.
Sie jammern, weil die Züge einfach immer Verspätung haben.
Oh weh, oh jeh.
Das sind die ersten Zeilen der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Wir befinden uns in der Hölle, dem ersten Teil von Dreien; irgendwann folgen das Fegefeuer und der Himmel. Wir befinden uns auch in meinem fotografischen Jahresthema 2024. Festgelegt hatte ich es bereits irgendwann zwischen September und Oktober des letzten Jahres. Bisher hatte ich nur noch nicht wirklich den emotionalen Zugang zum Werk und der Verbindung zu mir gefunden. Theoretisch war alles klar, praktisch ging gar nichts. Das liebe Leben eben. Doch auf einmal platzte der Knoten; es war Anfang Februar. Ich begann die einzelnen Gesänge des Dante zu lesen und mich an ihnen zu ergötzen. Warum die Göttliche Komödie als Thema für Fotokunst, meiner Fotokunst und das ein ganzes Jahr lang? Wie auf viele Fragen des Lebens gibt es nicht die eine Antwort. Eher ein Konglomerat an Antworten.
Krumm war der Weg, den ich ging, krumm war er, ja, denn, ja, er war gerade. VON PAUL CELANAUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA Seine Augen waren jung und frisch und keck aufgeweckt, ihre hingegen manchmal schon trüb, wässrig und in den schummrigen Momenten des Lebens manchmal ziemlich blind. Ausnahmsweise saß er ein paar Augenblicke still auf […]
Ich befinde mich knapp 500 Meter über dem Meeresspiegel, sieben Kilometer von Weimar, etwa 130 Kilometer von Leipzig und 286 Kilometer von Berlin entfernt, in Buchenwald. Es ist Anfang Januar 2024, die Temperaturen liegen zwischen minus 15 und minus 10 Grad Celsius. Mit dem Zug bin ich nach Weimar gefahren. Vom Hauptbahnhof bringt Bus Nummer 6 Menschen zur Gedenkstätte.
Der Himmel ist nicht von freundlichem Graublau, sondern von einem undurchsichtigen, sturmgepeitschten Dunkelgrau beherrscht. Die Sonne scheint fern, als hätte sie diese Gefilde längst vergessen. Und das Licht, es wird von zischenden Schneestürmen verschluckt. Ein eisiger Wind heult durch die leblosen Gassen, wirbelt Schneefahnen auf und trägt das ferne Knirschen von gefrorenen Seelen mit sich. Die nicht zarte Stille wird von einer bedrohlichen Schwere durchdrungen, als lauere in den Schatten des Frostes eine unsichtbare Gefahr. Die Schornsteine spucken bittergelbe Rauchschwaden aus, die die Lungen aller lebendigen Wesen mit wilder Chemie benetzen.
Filmsuppe und andere analoge Fotografie-Spielereien
yStolpern oder kriechen? Oder einfach üben und wie eine Braumeisterin die besten Rezepte für die neuen analogen Prozesse finden? Das kreative zweitausendvierundzwanzig will (noch) nicht richtig in Fahrt kommen, thematisch zumindest. Es fällt mir ziemlich schwer, das Thema des letzten Jahres loszulassen. 1923 war so ein Reichtum, lange habe ich nicht geschafft, alles abzuarbeiten, was hätte noch Raum einnehmen können. Nun bin ich da in 2024 und kann mein neues Jahresthema noch nicht spüren. Bereits seit letztem Oktober hatte ich Ausschau gehalten, und ziemlich schnell "JA" gesagt, als DAS Thema mir begegnete. Theoretisch ist ES also schon da, liegt vor mir in großen Lettern, aber im Herzen hat's sich noch nicht eingenistet. Und so lasse ich meinem neuen Jahresthema die Zeit und den Raum, um sich in Ruhe zu entfalten, größer und wichtiger zu werden, damit ich hoffentlich bald anfangen kann, mit ihm zu arbeiten. Bis dahin lerne und lehre ich.
Ein Jahr voll 1923er Gedanken. Ein Jahr 2023. Ein Jahr erschaffen, denken, leben, fühlen auch. Ein heftiges Jahr. Als ich am 1. Januar 2023 am Grabstein meiner Großmutter stand, hätte ich mir nicht ausdenken können, was in einem Jahr alles stecken kann. So viel Kraft. So viel Energie. So viel Veränderung. So viel Leid. So viel Traurigkeit. So viel Wucht. So viel Unbehagen. So viel Rausch. So viel Bewegung. So viel Erstarren. So viel Herz. So viel Neu. So viel Nähe. So viel Naivität. So viele Farben. So viele Dimensionen. So viel Rhythmus. So viel Groteske. So viel Melancholie. So viele Tränen. So lautes Lachen. Krieg. Monströse Begegnungen. Loslassen. Entdeckungen. Erwartungen. Enttäuschungen. Tanz und Tod. Blick und Distanz. Witz, Diabolik, Sinnlichkeit. Zerstörung. Wut. Magie. Ich. Mir. Mich. Mein. „Zum Kotzen schön“ (Otto Dix)
Ich hänge am Tod. Oder hängt dieser gar an mir? Solange ich mich erinnern kann, stellte ich die Frage: Gehen wir heute auf den Friedhof? Sobald meine Frage im Raum herumschwirrte, war die Antwort schon in Stein gemeißelt: Natürlich. So trabte ich an Großmutters Hand und an ihrer Seite den Weg zum Friedhof der Stadt, in der ich geboren wurde. Dort befand sich Großvaters Grab. Ein Großvater, der nur drei Monate, bevor ich das Licht der Welt erblicken sollte, starb, um in dieser Grabstelle ewig weiterzuleben. Oma und ich besuchten Benno. Tot oder lebendig. Spielte doch keine Rolle. Besuch war Besuch. Großvater war Großvater. Zu Hause, also in Omas Wohnung (Zeit meines Lebens hatte ich nicht nur ein Zuhause, Orte, die ich von Herzen liebte, nannte ich schnell "Zuhause", auch wenn sie nur kurz durch mein Leben hindurch reisten), schaute ich mir die alten Fotografien aus dem Karton an. Schließlich brauchte ich ja ein Bild von Benno in meinem Kopf.