Da ist viel, was uns verbindet, mehr als ein Jahrzehnt schon – überschwängliche Emotionen zum Beispiel oder der Hang zum Weiterdenken, eine unstillbare Neugier, das viel-zu-Viel manchmal, Freiheitsliebe, Rückzug, der Fokus auf unsere Körper, sich ausdrücken zu wollen, die Sehnsucht nach Welt … unsere wichtigste Gemeinsamkeit jedoch ist die Großliebe zum Wasser.
Zum ersten Mal diskutierten sie über ihren persönlichen (nicht)Glauben, als seine Frau Mutter die irdische Welt verlassen musste. Sprachen in ihren Rollen als irischer Boy und ostdeutsches Girl. Ungläubigkeit in vielen Momenten, beidseitig. Mehr Fragen als Antworten. Erziehungsmethoden. Kulturprägung. Erweckungserlebnisse. Nun kam sie gerade zurück von einer Reise, einem Stück Land, das sich durch starken christlichen Glauben prägte und heute mehr denn je identifiziert. Seine irische Heimat ist mit 'ner Menge Spiritualität aufgeladen, Glaubenskriege haben die seinen geführt, noch nicht so lang ist's her. Von den Skandalen der ansässigen Kirchen ganz abgesehen. Ihre ostdeutschen Gehirnareale wurden mit Marx, Engels und Lenin, vielleicht noch den klugen Sätzen von Frau Krumpholz, ihrer ersten Deutschlehrerin, gefüttert.
Aktworkshop für künstlerische Fotografie. Der erste Aktworkshop seit drei Jahren, für mich, für meine Teilnehmenden. Mir war diesmal wichtig, dass die wunderbaren Körper meiner Modelle ziemlich unterschiedlich daherkommen. Das kamen sie. Mit Wucht an Energie, wenn die Körper mit all dem, was sie noch mitbrachten, denn freigelassen und mitgenommen wurden. Wow. Meine Begeisterung im Licht des Märzes wollte gar nicht enden. Alleine meine Augen konnten sich sattsehen an der so verschiedenen Schönheit des Seins. Zur Krönung durfte ich zusammen mit J und J eine kleine Geschichte erzählen –über den Glauben in osteuropäischen Patrialreichen und den Momenten im Leben, in denen ein singuläres Ereignis alles auf den Kopf stellt. Kein Stein mehr auf dem anderen lässt und neue Räume gesucht, gefunden und betreten werden wollen.
Ich dagegen schätze die Freiheit so sehr. Sie ist der Motor meines Lebens und Schaffens. In dieser Freiheit hinterfrage ich ständig, begebe mich auf neue Pfade genauso, wie ich die ausgetretenen immer wieder begehe. Ich prüfe, ich rieche, ich schmecke, ich fühle, ich bilde mich, ich lerne, ich bin leise und laut, ich lehre, ich höre zu, ich lehne ab, ich sage zu, ich überschreite Grenzen, ich ziehe meine eigenen Kreise, ich denke, ich lache, ich nehme mich ernst und lache dennoch über mich, ich weine, ich habe eine andere Meinung, ich stresse, ich schaue hin, ich höre hin, ich zeige, ich ziehe mich zurück, ich mache Fehler, ich falle, ich stehe wieder auf, ich biege ab, ich bin dagegen, ich ändere meine Meinung, ich schließe nicht aus, ich bin unbequem, ich frage, ich antworte und noch so, so viel mehr. Jedoch bemühe ich mich, nicht zu moralisieren. Meine Erziehungsberechtigten zogen mir ein Wertekorsett an. Selbst habe ich dies noch ein wenig zurecht geschliffen. Darin fühle ich mich wohl und kann anderen in diesem Kleid begegnen. Ein Kleid aus Respekt, Disziplin, Aufmerksamkeit, Empathie, Großzügigkeit, Gerechtigkeit, Offenheit, Sensibilität und Verantwortung. Dieses Korsett ist nicht eng, aber auch kein lappriges Kleid. Und wieder meine Frage. An welcher Stelle kommt die Moral ins Spiel? Ist die nicht eng an Zeit gebunden? An Menschengruppen? Warum wird sie häufig bei Nacktheit und Sexualität ins Spiel gerollt? Dabei steckt das Wort Oral doch ganz augenscheinlich in ihr. (Ein Witz, ein Witz)
Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich dich das erste Mal erblickte. Es war ein Uhr nachts, gerade war ich in deiner Stadt angekommen, gerade war ich mit meinem großen Körper und meinem großen Koffer und Armine, die dich schon als Kind liebte, mit dem heruntergekommenen, engen Fahrstuhl in den 9. Stock meines neuen Zuhauses auf Zeit gehievt worden. Neugierig trat ich durch die stählerne Tür, der Flur war hell erleuchtet. Meine Schuhe zog ich müde von den schweren Füßen, stellte sie ab. Da sah ich dich, auf einer nicht sehr hohen Garderobe stehen/sitzen, neben dir der Elefant. Duo Infernale. Sofort war ich wieder Kind. Ich wusste, ich kenne dich, aber eher so verschwommen, undeutlich. Müde folgte ich Armine, die mir mein Zimmer zeigte. Schnell schlief ich ein in dieser Nacht.
Oh weh, oh jeh.
Ich jammere, weil die Straßenbahn heute den ganzen Tag nicht fahren wird.
Du jammerst, weil die Käsepackung anstatt sechs Scheiben, nur noch vier enthält.
Er jammert, weil seine Schicht noch weitere drei Stunden andauern wird.
Sie jammert, weil der Fingernagel wieder abgebrochen ist.
Es jammert, weil es viel zu langsam geht, alles!
Wir jammern, weil unser Hab und Gut immer noch zu wenig ist.
Ihr jammert, weil die Heizung für ein paar Stunden ausfällt.
Sie jammern, weil die Züge einfach immer Verspätung haben.
Oh weh, oh jeh.
Das sind die ersten Zeilen der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Wir befinden uns in der Hölle, dem ersten Teil von Dreien; irgendwann folgen das Fegefeuer und der Himmel. Wir befinden uns auch in meinem fotografischen Jahresthema 2024. Festgelegt hatte ich es bereits irgendwann zwischen September und Oktober des letzten Jahres. Bisher hatte ich nur noch nicht wirklich den emotionalen Zugang zum Werk und der Verbindung zu mir gefunden. Theoretisch war alles klar, praktisch ging gar nichts. Das liebe Leben eben. Doch auf einmal platzte der Knoten; es war Anfang Februar. Ich begann die einzelnen Gesänge des Dante zu lesen und mich an ihnen zu ergötzen. Warum die Göttliche Komödie als Thema für Fotokunst, meiner Fotokunst und das ein ganzes Jahr lang? Wie auf viele Fragen des Lebens gibt es nicht die eine Antwort. Eher ein Konglomerat an Antworten.
Krumm war der Weg, den ich ging, krumm war er, ja, denn, ja, er war gerade. VON PAUL CELANAUS CZERNOWITZ BEI SADAGORA Seine Augen waren jung und frisch und keck aufgeweckt, ihre hingegen manchmal schon trüb, wässrig und in den schummrigen Momenten des Lebens manchmal ziemlich blind. Ausnahmsweise saß er ein paar Augenblicke still auf […]
Ich befinde mich knapp 500 Meter über dem Meeresspiegel, sieben Kilometer von Weimar, etwa 130 Kilometer von Leipzig und 286 Kilometer von Berlin entfernt, in Buchenwald. Es ist Anfang Januar 2024, die Temperaturen liegen zwischen minus 15 und minus 10 Grad Celsius. Mit dem Zug bin ich nach Weimar gefahren. Vom Hauptbahnhof bringt Bus Nummer 6 Menschen zur Gedenkstätte.
Der Himmel ist nicht von freundlichem Graublau, sondern von einem undurchsichtigen, sturmgepeitschten Dunkelgrau beherrscht. Die Sonne scheint fern, als hätte sie diese Gefilde längst vergessen. Und das Licht, es wird von zischenden Schneestürmen verschluckt. Ein eisiger Wind heult durch die leblosen Gassen, wirbelt Schneefahnen auf und trägt das ferne Knirschen von gefrorenen Seelen mit sich. Die nicht zarte Stille wird von einer bedrohlichen Schwere durchdrungen, als lauere in den Schatten des Frostes eine unsichtbare Gefahr. Die Schornsteine spucken bittergelbe Rauchschwaden aus, die die Lungen aller lebendigen Wesen mit wilder Chemie benetzen.