In der flirrenden Weite der Einöde ist sie nur ein Flüstern im Wind, ihre Haut eine Landkarte aus Kratzern und Malen. Die Sonne zeichnet Schatten über, unter und in ihren Augen, die sich im Tanz der Disteln verlieren – jenen Wesen aus Violett und Watte, deren Blüten wie Geheimnisse schimmern. Die Dornenkrone ihrer Gedanken drückt […]
Sie sitzt in der prallen Mittagssonne des auslaufenden Julis – auf dem Balkon des Kulturpalastes. 2024. Die Sonnenbrille fest auf der Nase. Hinter ihr das in Pastellfarben gehaltene, für politische Agitation zuständig gewesene und nun nur noch hübsch aussehende, sozialistische Wandbild mit Friedenstaube, Kosmonauten im All, DDR-Vorzeigefamilie und Wissenschaftlerinnen. Unter ihr plätschern die Wasserspiele der […]
Ich blute. Kopfüber aufgehängt an einem starken Faden aus imperialistischer Baumwolle um mein schmales Füßlein tropft mein roter Lebenssaft aus mir heraus. Tropf, tropf. Mein Elixier riecht warm. Es verdickt sich von Moment zu Moment. Troopf, troopf. Mein Köpfchen liegt in einem roten Eimerchen ein paar Holz-Türchen weiter. Vor einer halben Stunde noch standen wir ziemlich lebendig zu viert auf unserem Quadratmeter im losen Verschlag herum, "erfreuten" uns unserer Leben. In meinem Todesmoment aber fühlte ich mich so allein, obwohl ich wusste, dass den anderen dreien gleich die gleiche Prozedur ereilen würde.
In einem Raum ohne Ecken und Wände, einem endlosen Labyrinth aus Grau, kämmt eine Gestalt das Haar vor einem Spiegel, der kaum etwas zurückwirft. Die Bewegungen sind mechanisch, als ob der Körper ein Eigenleben führt, losgelöst von dem, was einst Geist genannt wurde. Luftnot füllt die Lungen mit einer unsichtbaren Last, Gedanken sind gefangen im Gefängnis, welches keine Gitterstäbe braucht. Erinnerungen, trügerisch und unbestimmt; war die Gestalt einst Mensch oder Tier? Wer ist sie jetzt? In Träumen erscheint sie als Insekt, das über den Boden kriecht, ringend nach einer Freiheit, die nicht existiert.
Ich bin ein Mädchen des Nordens. Ich bin ein Mädchen der Stadt. Ich liebe die Stadt.
Niemals kann diese zu groß für mich sein. In sie wurde ich hineingeschleudert, aus ihr werde ich wieder hinauskatapultiert werden – irgendwann. Niemals kam und kommt für mich das Dorfleben, ein Landleben infrage. Als kleines Mädchen war "meine" Stadt mittelgroß, als etwas größeres Mädchen war sie klein, wenig-tönig, zu eng für mein weites Denken. Als großes Mädchen zog ich in die große Stadt, die immer weiter wuchs und das Wachsen bis heute nicht verlernt hat. Hinweg. Hinaus aus dem Norden.
Außen Materialschlacht, innen Rückzug, Einkehr in die Kathedrale der Gedanken, Gefühle, Gespenster. Die Schlacht implodiert und findet ihren Höhepunkt in der Stille. Sie hört die gesprochene Botschaft: Ich bin so traurig, ich bin so traurig. Die Stimme ist leise und sanft. Der Wortrhythmus gleichmäßig. Sie weiß, was die Stimme ihr sagen will. Sie weiß. Sie weiß. Aber sie ist jetzt auf einem anderen Meer unterwegs. Sie spürt die Kraft der anderen Wellen und den Druck der anderen Tiefe. Er ist wieder frei. Aber in der Freiheit lauert wieder die alte Plage. Er ist zurück in der Heimat, die schon vorher keine Heimat mehr war. Die Zwischenstation nun geschlossen, zurückkehren als Ausweg, eine Einbahnstraße der Selbstbestimmung. Sie akzeptiert. Aber die Angst ergreift den Körper. Wie ein wabbeliges Plastikgeschwür breitet sie sich zwischen Bauchnabel und Haarwurzel aus. Angst macht Angst. Akzeptanz und Angst. Eine wilde Mischung. Auch in einem Leben, das eingeschnürt ist, bleibt Raum für den Genuss. Er genießt. In seinen Träumen. Das Leben ist Schicht auf Schicht auf Schicht. Unendlich. Es hört nicht auf zu wachsen. Es wächst in all seinen Dimensionen. Wohin verstecken wir unsere Ängste?
Der April macht, was er will. Ja. Tut er. Tun soll die Sprechende und Schreibende und Denkende nach der Grundschule nicht mehr sagen, schreiben, denken. Ich tue es trotzdem und fühle mich so gleich kindlich albern. Albern sein, ist bekanntlich eine der besten Medizinen (der Medizinplural hat mich kurz aus dem Konzept gebracht!) Zurück also zum April. Denn dieser verrückte Monat sah für mich Baden-Württemberg vor. Gerade hab ich noch einmal die Karte mit den deutschen Bundesländern ganz ausführlich studiert. Um zu überprüfen, ob meine Ahnung auch der Wirklichkeit entspricht. Es ist amtlich. Noch nie in meinem Leben vorher hatten meine Füße dieses Bundesland berührt. Aber noch gewichtiger, auch noch niemals ist mein Körper hindurchgefahren. Oh, vielleicht bin ich schon einmal darüber geflogen? Das weiß ich nicht genau. Aber in den Wolken ist ja nicht mehr Baden-Württemberg, da ist Wolkenland. Es gibt ein zweites Bundesland, auf dessen Boden meine Füße sich noch nicht ausgetreten haben, das ist das Saarland. Jedoch, das ist der Unterschied, auf meinen Zugreisen nach Paris, verkehrte ich immer über Saarbrücken und konnte so aus den schmutzigen Zugfenstern einen Eindruck erhaschen, vom kleinen Saarländle. Nun, in diesem vierten Monat von zwanzig vierundzwanzig schenkte mir der April Neues, Unbekanntes. Natürlich war ich vorfreudig, jedoch nicht vorbereitet, zumindest nicht geografisch. Für meine eigentliche Aufgabe im Süden des Landes war ich gewappnet. Mentorin sein. Lehrerin sein. Trainerin. Tutorin. Wie auch immer das richtige Wort dafür lautet, was ich für Menschen TUN kann, die mich um Hilfe bitten, einen (neuen) Zugang zur künstlerischen Fotografie, zur inszenierten Fotografie zu finden oder wir gemeinsam eine individuelle Bildsprache heraus graben, um wirklich einzigartige Geschichten mithilfe der Fotografie zu erzählen. Also machte ich mich auf zu "meiner Schülerin" von Leipzig nach Stuttgart, kurzer Zwischenstopp, um zwei Friedhöfe und die Baugrube am Bahnhof zu bestaunen und dann weiter nach Ludwigsburg.
Das Rot weist das Weiß in seiner Fülle in die Schranken. Das Rot leuchtet zur Sonne, zur Freiheit und wieder zurück. Das Rot fällt auf, nicht ab. Sie ist ein Rot. Me too. Unsere Münder küssen Blut, unsere Muschis versiegen, sind nun leere Blutbrunnen. Wir wechseln unseren Aggregatzustand. Von heiß zu heißer. Jede für sich. Allein. Eine schmerzhafte Metamorphose. Angst um Endlichkeit. Angst um das Licht der Augen. Angst vor der Angst. Ich schule ihren Blick nach außen, nach innen; sie lehrt mich durch ihr Wesen. Herkunft. Immer wieder. Thema. Können wir nur nach vorne gehen, wenn wir auch das Hinten kennen? Das Hinten. Ein ewig spuckender Lava-Krater. Das Vorne die unbekannte Variabel. Wohin mit den heißen Blutküssen in der Farbe des Ur-Rotes? Diese nervige Fragerei an mich selbst, ständig. Sie dagegen hat es lieber mit dem Zweifel. Ich zweifle nicht viel. Aber ich kannte mal jemanden im Hinten, auch er hatte für sich die Zweifel gepachtet. Dabei ist das Wort so wundervoll. Die "Zwei" steckt drin und auch das "Ei" und "weil" und "elf". Da ich an einem 11. Tag eines Monats geboren wurde, zwei wunderbare Herzverwandte um mich weiß und weil ich ei, ei, ei lieb, kann ich den Zweifel einfach nicht spüren. Und wenn uns jemand ganz großzügig ein "b" schenkt, weil es so einsam im Universum herumfliegt. Dann wird aus dem Zweifel plus Geschenk die L I E B E (♡).
Das Zimmer leuchtet. Die April-Abend-Sonne gibt so viel Kraft in den ausklingenden Tag, das es durchaus Mai sein könnte, mindestens, Denke ich. Die Stimmung ist gut.
Klingt belanglos. Ist's aber nicht, denn schwierige Themen wurden verhandelt in den letzten Stunden. Nein, keine schwierigen Themen, sondern schwere Themen. Manchmal müssen Worte genau sein! Was ist passiert in den ersten 1000 Tagen des Seins? In ihrem Leben? In meinem Leben?