Es hatte noch einmal geschneit. Und das in der Mitte des Märzes. Dabei war ihr Herz doch bereits auf Frühling und dessen Duft eingestellt. Stattdessen also weiße Flocken en masse, die Wege und Straßen glatt puderten. Das Geräusch des Schneeschiebers weckte sie. Sie sah durch das Fenster diesen Himmel, der klar machte, it's wintertime. Genau wie der Himmel klar machen konnte, dort ist ein großes Wasser. Nun also Winterlandschaft. Sie saß auf dem Klo, schob die Jalousie nach oben (sie war die Einzige in der Familie, die das tat) und schaute den Menschen nach, die mit Schirmchen umher rutschten. It was time for winterdancing. Sie dachte über ihre wintertime-Garderobe nach. Natürlich hatte sie diese, aber nicht dabei. Sie war mit Turnschuhen und Jacke in die Heimat gekommen. Keine Stiefel, keinen Schal, keine Mütze, keine Handschuhe, dafür Rock und Strumpfhose.
Ich-Zerfall: Das Wort zog mich an. So richtig in seinen Bann. Vom ersten Moment an. Ich las und recherchierte über die 1920er Jahre und begegnete schnell dem Expressionismus und der Psychoanalyse. Ich-Zerfall. Im damaligen Verständnis. Zum einen die Darstellung des ICHs im Zentrum eines Kunstwerkes, damit also das Sein des Künstlers, der Künstlerin im Mittelpunkt […]
Da sind Orte, Räume, Plätze.
Da sind Menschen.
Nur in wenigen Fällen passen diese wirklich zueinander. Spüren sich wechselseitig, lassen Weite zum Atmen, reiben sich aneinander ab, wachsen zusammen.
Räume, Orte, Plätze sind geübter als Menschen. Meist. Oftmals hatten sie einfach mehr Zeit zu lernen, zu spüren, verschiedene Menschenarten auszuprobieren. Ob gewollt oder ungewollt. Viel öfter ungewollt, natürlich. Der ungewollte Mensch im Raum. Wie fühlt dieser sich an? Was macht das mit dem Raum? Wann ist Raum ein eigener Raum? Welche Zustände lässt Mensch des Wohlstandes zu am Raum? Dann, wenn dieser vorzeigbar im Hochglanzkatalog erscheinen könnte? Dann, wenn dieser sauber, aufgehübscht ist, in den Zeitgeist passt?
Du Wasser sprichst. Wie immer. Mit ihr. Auch schockgefrostet. Sie ist die Prinzessin der Wale. Sie ist DIE Wälin, mittelalt, mittellos, Mittelpunkt. Betritt sie die Eisarena, ziehen Risse ihre Kreise. Materialermüdung? Oder ein Konzert deiner Moleküle? Spiel auf für die Prinzessin, sie hört dir zu. Oder magst du Wasser einfach nur heraus aus deinem winterlichen Käfig? Der Wälin Epidermis aus Basal, Stachel, Korn, Glanz und Horn dreht sich in Sonnenstrahlen. Mädel dreh dich. Einzelne Tropfen perlen ab wie die Tränen des Januars. Sie dreht ihre langsamen Pirouetten. Und verliert das Gleichgewicht.
Hast Du schon einmal den Hunger verloren? Ich noch nie. Oder doch? Wenn, dann nur kurz. Aber von welchem Hunger sprechen wir denn überhaupt? Den Nahrungshunger? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich mal hungrig war in den letzten Monaten. Es ist doch immer so viel Essen um mich herum. Schlaraffenland.
nähre mich. ich verhungere. beschütze mich. ich hungere. fülle mich. ich verhungere. in mir macht sich eine leere breit. sie wächst. wie ein furunkel. sie schmerzt. wie der gebrochene knochen. ich krampfe. ich kann nichts mehr sehen. ich erblinde. ich habe hunger. mein körper bläht sich auf. blitze im kopf. ich ver-rücke. nähre mich. fließe durch meinen schlund. in mich hinein. wärme mich. hilfe. ich verhungere. mein geist oszilliert. ich werde panisch. ich habe solchen hunger. komm endlich wieder zu mir. in mich. ich reibe mich auf. gedanken schwirren um dich. es existiert nur noch mein hunger. nach dir. ich ver-rücke mehr und mehr.
// ÜbernachtSchlaflosfahrtvonLEipzig-nach-Wien, Busfahrt 76A, Friedhof der Namenlosen, Alberner Hafen in Bauhausoptik, Donau im kalten Boden-Morgen-Nebel, Museumsquartier zum Ersten und zum Zweiten, Kroatisches Super-Frühstück im Hipster-Bezirk, sonnengetränkter Himmel, Wiener Schmäh, Graffiti-Kunst und andere Graphiken an Giebeln und Häuserwänden, antike mechanische Standwaagen im öffentlichen Raum, Ukrainische Flüchtlinge, teure Caféhausbesuche mit wechselnden Angeboten, Klimt, Kokoschka, Schiele, Würstelstand, Tauben, den Opfern des Faschismus, Fenster Café, weihrauchgetränkte Orthodoxe Kirche, Tram-Fahrten, Regenspaziergang an der Donau, Club Flex als Fotokulisse, Herminengasse, Naschmarkt, Albertina, Basquiat, Picassos Friedenstaube, Paul Klee, Spiegellabyrinth im Edelcafé, Bosna, kaputter Winterprater, viel fleischliche Kulinarik, U-Bahnfahrten, Matzleinsdorfer Platz, Berggasse 19, Sigmund Freud, Man Ray, Psychoanalyse und Surrealismus, Freundetreffen, Judenplatz, Helmut Newton, Heilige Drei Könige, Shakespeare im Burgtheater, Der Mann der verwöhnt, Sonne zum Abschied, Busfahrt der Tränen //
Identität, Schönheit, Selbstausdruck (1923 // 2023)
Fantasievolle Verwebung dreier Frauenbiographien des 20. Jahrhunderts, angelehnt an die Leben der kroatischen Komponistin Dora Pejačević, der Lebefrau und Wienerin Alma Mahler-Werfel, der amerikanischen Tätowiererin und Schaustellerin Betty Broadbent.
Schwarze Gardinen (Schatten des Unvorhergesehenen)
Am 1. Januar 2023, das Jahr war erst wenige Stunden alt, stand sie am Grab der Großmutter. Martha. Marta, die das "h" einfach strich aus ihrem Leben. Marta. Deren Hochzeitskette sie an besonderen Tagen um den Hals hängte, um Omama nahe zu sein. Marta, die 1923-geborene. 100 Lebens-Jahre würde Marta 2023 feiern, wenn nicht der Tod dazwischen gekommen wäre in den frühen Stunden eines 1. Januars vor fast zwanzig Jahren. Damals wurde sie geweckt durch das Telefon, Silvesternacht-verkatert horchte sie erst den sanften Worten des Onkels. Danach lag sie nur noch bewegungslos da und schrie. Mehrere Stunden dauerte dieser Zustand an bis die guten Menschen aus ihrem Schutzraum sie beruhigen konnten. Damals breitete sich der Schmerz wie ein bleierner Schleier über sie aus und blieb ein paar Jahre. Sie kannte den Schmerz. Seitdem sie ein kleines Kind war. Aber dieser Schmerz war anders. Er schoss bis tief ins Mark. Eine Liebe starb. Vor ihren Augen. Eine Liebe, die vom ersten Tag ihrer Geburt liebte und liebte und liebte. Eine Liebe, die andere starke Lieben überlebte. Eine Liebe, die es prägte, ihr System von Werten und Normen.
125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über die Mäntel des Winters, eine DDR-Waage, ganz viel Licht, einen rauchenden Kolben & die Angst
Die Fotokünstlerin erklärt: Leider sehen wir folgende Fotografien nicht: Mein Marmor (das weibliche Model mit dem wohlklingenden Namen Juni) mit erstem hellen Ledermantel und Fellmütze auf rotem Sessel, pinkes Licht von der Seite. Der Marmor raucht und kriecht tief hinein in den noch tieferen Sessel, befreit sich vom Mantel. Danach pustet "Marmor J" den Rauch in einen Kolben aus Glas, sehr engagiert. Und dann, dann werden die Pflanzen (Kakteen und Ziergestrauch in alten Tassen) vom Holztisch geräumt. Auf einen Mantel, der ausgebreitet auf dem Boden liegt. Mit dem braunen Fell nach oben. Der Tisch ist fast leer. Auf dem Mantelfell steht auch eine alte Personenwaage aus der DDR. Sie zeigt an: Maximal 125 KG.