Identität, Schönheit, Selbstausdruck (1923 // 2023)
Fantasievolle Verwebung dreier Frauenbiographien des 20. Jahrhunderts, angelehnt an die Leben der kroatischen Komponistin Dora Pejačević, der Lebefrau und Wienerin Alma Mahler-Werfel, der amerikanischen Tätowiererin und Schaustellerin Betty Broadbent.
Schwarze Gardinen (Schatten des Unvorhergesehenen)
Am 1. Januar 2023, das Jahr war erst wenige Stunden alt, stand sie am Grab der Großmutter. Martha. Marta, die das "h" einfach strich aus ihrem Leben. Marta. Deren Hochzeitskette sie an besonderen Tagen um den Hals hängte, um Omama nahe zu sein. Marta, die 1923-geborene. 100 Lebens-Jahre würde Marta 2023 feiern, wenn nicht der Tod dazwischen gekommen wäre in den frühen Stunden eines 1. Januars vor fast zwanzig Jahren. Damals wurde sie geweckt durch das Telefon, Silvesternacht-verkatert horchte sie erst den sanften Worten des Onkels. Danach lag sie nur noch bewegungslos da und schrie. Mehrere Stunden dauerte dieser Zustand an bis die guten Menschen aus ihrem Schutzraum sie beruhigen konnten. Damals breitete sich der Schmerz wie ein bleierner Schleier über sie aus und blieb ein paar Jahre. Sie kannte den Schmerz. Seitdem sie ein kleines Kind war. Aber dieser Schmerz war anders. Er schoss bis tief ins Mark. Eine Liebe starb. Vor ihren Augen. Eine Liebe, die vom ersten Tag ihrer Geburt liebte und liebte und liebte. Eine Liebe, die andere starke Lieben überlebte. Eine Liebe, die es prägte, ihr System von Werten und Normen.
125 Maximum / Fragmente einer Erzählung über die Mäntel des Winters, eine DDR-Waage, ganz viel Licht, einen rauchenden Kolben & die Angst
Die Fotokünstlerin erklärt: Leider sehen wir folgende Fotografien nicht: Mein Marmor (das weibliche Model mit dem wohlklingenden Namen Juni) mit erstem hellen Ledermantel und Fellmütze auf rotem Sessel, pinkes Licht von der Seite. Der Marmor raucht und kriecht tief hinein in den noch tieferen Sessel, befreit sich vom Mantel. Danach pustet "Marmor J" den Rauch in einen Kolben aus Glas, sehr engagiert. Und dann, dann werden die Pflanzen (Kakteen und Ziergestrauch in alten Tassen) vom Holztisch geräumt. Auf einen Mantel, der ausgebreitet auf dem Boden liegt. Mit dem braunen Fell nach oben. Der Tisch ist fast leer. Auf dem Mantelfell steht auch eine alte Personenwaage aus der DDR. Sie zeigt an: Maximal 125 KG.
Dystopie ist meine Lebensrealität. Die Bäume sind Nutzholz für euch, die Tiere Nutzvieh, die Menschen Humankapital. Wohin mit meiner Wut? Sie wird wachsen und sich von mir lösen und meine Alpträume werden euch heimsuchen. Bis ich selbst zum Alptraum werde, der eure Nächte stört.
Zwei Fotosezionen aus dem November miteinander verwoben Zu sehen zwei Frauen, ihre Namen beginnend mit einem A. Zehn Jahre liegen dazwischen. Eine Dekade, ein Jahrzehnt, ein Dezennium. 2012. 2022. Im alten Rom feierten die Herren Decennalia. Ich feiere auch. Mich. Freiheitlich. Freischaffend. Mit unendlich großer Kampfeskreativität. Stetig. Stoisch. Stolz.
Silberblatt, Kratzdistel, Große Klette. Stehen da. Aufrecht erst, dann verheddert durch das eigene Sein und die Resonanz mit ihr. Sie, die voller Pracht all das mitbringt, was das „richtige“ Leben abseits der Mittelmäßigkeit beschreibt. Eine Oktobergeborene. Ein Körper aus Linien, Flächen, Strukturen, Makeln, Rissen, Wunden und totem Material aus Schuppen, Haaren und Härchen, Nägeln. Warm und wollig. Kalt und löchrig. Ein Charakter, der der Mitte nie entsprungen ward. Abseitig und wertschätzend. Emotional stark, wenig narzisstisch. Denkend, nicht festlegend.
Ich wurde geboren. Hinein ins Tiefland. Das tiefe Land. Ein Land, verschwommen und unscharf. Schön, flach, mit Schlunden hinter den Bäumen. Kalt und starr. Warm und weich. Jahreszeiten verändern den Habitus. Das Schwarz verändert sich im Lichte der Tage und zeigt sich in Millionen Facetten. Ich bin Tochter dieses Landes. In meinem Körper verfestigte sich seit meinem Hineingebären ein dunkler Gedanke der Sehnsucht. Die Sehnsucht, die nur aus diesem tiefen Land stammen kann. Diese dunkle Sehnsucht, die tanzt, als gäbe es keinen Morgen. Die kriecht wie eine Äskulapnatter. Die verschwiegen ist wie die Trappistin. Die laut ist wie der morgendlich nervige Rasenmäher und scharfzüngig wie HH, Heinrich Heine. Dabei passt in dieses Tiefland doch viel mehr der unheimliche Herr Storm.
Ich kippe nicht um, wenn ein Lüftchen zu stark weht. Ich will einfach nicht umkippen. Mein Körper wankt und schwankt zwar, vor allem drinnen. Normal. Aber ich will nicht kippen. Ich versuche, fest zu stehen, auf beiden Füßen. Knie durchgedrückt. Das Becken ein wenig nach hinten geschoben. Oberkörper aufrecht. Brust raus. Kopf angehoben. Innen Aufruhr. Innen Frust. Innen Unsicherheit und Unwissen. Innen Angst und Zweifel. Innen Denken und Fühlen. Innen Aufnahme von Außen. Innen Feuer und Bewegung. Außen aber Stand. Und Stehen. Aufrecht. Und welche Magie. Plötzlich auch Drinnen sicherer Stand, Überzeugung, Wissen, Lust, Ruhe, Festigkeit, Klarheit. Innen und Außen. Das Spiel miteinander. Sich aufeinander einlassen. Den gemeinsamen Klang hören und sich in ihm wiegen. Stabilität erst denken, dann fühlen, dann herstellen.
Ihr seid irgendwie stabil miteinander. Trotz eurer Unsicherheit, Angst und Vorsicht. Wie kommt das? Durch Vertrauen? Durch Zutrauen? Durch Sich-Trauen? Wahrscheinlich ist's die Summe. Wahrscheinlich gibt es da einen Urzustand ganz tief drinnen, auf den ist Verlass, selbst wenn das Außen verrückt spielt oder auch das Innen, das nicht ganz so tief sitzt, meint, es müsse mal am Rad drehen. Wie bei einem Vulkan gibt es in uns einen Kern, der war schon immer da, der ist schon immer fest in seiner Aussagen, an ihm ist nicht zu rütteln. Und genau dieser Kern gibt die Stabilität. lässt uns nicht umfallen, wenn der Wind so stark pustet, dass das Gebäude einkracht. Das Fundament bleibt stabil.