Martin war Balletttänzer und unterrichtet nun. Schauspieler sein, irgendwann, oder bald. Wir wissen es noch nicht genau. Zusammen haben wir mit meiner Großformatkamera Mentor auf Papiernegativen analoge Porträts von Martin gemacht. Wir können so wunderbar zusammen kreative Utopien entwickeln. Wir können zusammen so viele Worte wechseln.
Das Meer nimmt auf. Es kleidet, es färbt, es lässt tanzen, bevor es behält. Das Meer als Raum, nicht mehr der tiefe Grund, auf den etwas fällt, sondern die Essenz, aus der alles gemacht ist. Licht, das durch Wasser bricht. Es treibt darin, hängt darin, mal aufrecht, mal gekippt, mal ganz umgedreht, als hätte die Schwerkraft aufgehört zu existieren.
Sein Atelier hat er auf einer Burg eingerichtet – deshalb nenne ich ihn den Burgfotografen. Einmal kam er nach Leipzig und nahm an einem meiner Foto-Workshops teil. Dann zogen Jahre ins Land. Wolken auf und ab, Regen und Sonne im Wechsel. Irgendwann kam ich ihm wieder in den Sinn. Wir telefonierten. Er wollte von mir lernen – individuell, fordernd, ernsthaft. Er wollte ein Meister werden und von der Meisterin lernen. Vier Monate folgten. Viele Gespräche, viele Übungen, viel Kritik, viel Aushalten, viel Disziplin. Und ich war sehr oft sehr stolz. Mein ältester Schüler – mit solchen Fortschritten, solchem Willen, solcher Freude am Fotografieren. Und genauso viel Freude vor der Kamera. Vor meiner Kamera.
Alles ist vergänglich.
Sicherlich auch die Angst.
Das muss so sein.
Auch sie wird alt und älter.
Beißt zum Schluss ins Gras,
wie alle(s) andere(n) auch.
Kuh beißt ins Gras.
Soldat beißt ins Gras.
Mutter beißt ins Gras.
Schönheit beißt ins Gras.
Winter beißt ins Gras.
Demokratie beißt ins Gras.
Liebe beißt ins Gras.
Angst beißt ins Gras.
Am Anfang war die Angst (I) Atemschwere.Nebelland.Gezeitenhaut.Schleierdunkel.Tränennest. Sie hat so viele Gesichter. Diese Angst. Das neblige ist sein derzeitiger Favorit. Im Nebel kennt er sich aus. Dort kann er verschwinden, ohne sich zu verlieren. Doch dann knackt irgendwo ein Ast, ein Ton zu laut, ein Schatten zu nah, und der Nebel schließt sich wie ein […]
Am Anfang war die Angst (II) Atemnotung.Notwend.Graugrund.Schraffurschatten.Trübschimmer. Letzter Monat des Jahres. 12 von 12. Ende. Sack zuschnüren. Hinein in die Fluten, die gar nicht so aufgeregt sind wie all das, was sich jetzt im Sack eingesperrt noch mehr quält. Das Wasser ist doch nicht so ganz ruhig; kleine Wellengeschwader gleiten zum Ufer. Leichtes Geschäume bewegt […]
Kann ein horizontaler Sprung in den Himmel, auf den ersten Blick ein Sprung in die Vergangenheit, doch zukunftsorientiert sein? Eine philosophische Frage, die sich stellt, sobald man ein Bildnis dreht und wendet und sich einlässt auf eine Frage, die viele neue Fragen aufwirft. So wie es immer um das Einlassen geht – auf Menschen, Themen, Geschichten, das Einlassen auf andere Realitäten, auf andere Formen und Farben, auf andere Moral und Wertvorstellungen, auf Diskussionen, Kritik, Streit, auf das Lernen, den Fortschritt, das Abschiednehmen, auf neue Orte, neue Kulturen, neue Gerüche, neue Sichtweisen, Einlassen auf das Gestern und Morgen, auf die Veränderung, auf Nähe und Gefühle, auf neue Spiele, neue Gerichte, neue Worte, Einlassen auf die Angst, die Unsicherheit, auf Missverständnisse, auf die Schatten, die das Licht sichtbar machen, auf das Alter, das die Jugend verdrängt, auf den Verlust und die Trauer, die Platz machen für das Neu, auf die Sonne, auch wenn sie die Haut verbrennt, auf den Wind, auch wenn er die Frisur ruiniert, auf den Regen, auch wenn dieser das Gewand durchnässt.
Wir hatten ein Date, weil ich es so wollte.Das schrieb ich dir auch genauso,in kurzen Sätzen,plus einer Beschreibung,wie du mich finden würdest. Welche Kräfte vorher gewirkt hatten,weiß ich nicht genau.Aber ich ahne es. Ich wollte keine Blumen von dirals Willkommensgruß,sondern Kuchen zum frisch gebrühten Kaffee(und du trankst eine Menge davon!). Als du ankamst, warst du […]
Manchmal schlafen zart und hart ganz dicht nebeneinander.
Manchmal zerreißt ein Raum, um erst recht seine Schönheit zu entfalten.
Manchmal greifen die wilden Flammen um sich, um verbrannte Erde zu hinterlassen.
Manchmal gerät die Melodie einfach aus dem Takt.
Manchmal steht es auf einmal Spitz auf Knopf.
Manchmal bleibt dann ein Herz einfach stehn.
Manchmal ist das Gestern traurig, das Morgen aber noch viel mehr.
Manchmal schwimmt das „Es war einmal …“ im Tränenmeer.
Manchmal ist das Jetzt ergeben und langweilig.
Manchmal braucht das Pflänzchen eine Vision.
Manchmal will das Beil nur Blut sehn.
Manchmal kämpft sich die Kraft wieder heraus auf dem zerrissenen Mantel.
Manchmal passt sich das Schuhwerk an die geschundenen Füße an.
Manchmal springt das Licht durch die Decke.
Manchmal erstickt der Schatten im Keim.
Manchmal zieht sich die Schlinge fest um den Hals.
Manchmal lacht das vibrierende Blatt der Säge.
Manchmal hat alles mit allem zu tun.
Manchmal hat sie das einfach vergessen.
Ich wollte doch nur wissen, worin ihre Schönheit wohnt. Als sie flog so schön nah über mir. Dann saß sie da, die Brust gereckt, so voll und stolz. Drehte 's Köpfchen, zeigte mir ein schwarzes Auge, dann das andere. Aus ganz tief in ihr, durch Plusterfedern, drang ihr Gurren wie des Vaters pränatale Stimme zu mir in des Mutters Bauch. Greifen wollte ich in sie, fühlen diese Schönheit. Eindringen wollte ich; sehen der Schönheit Struktur.
Für meinen Protagonisten wähle ich bewusst einen anderen Namen, lautmalerisch ähnlich in der Realität. Warum? Ich will erzählen. Künstlerische Freiheit, um eine Begegnung, die mich weich umarmte und hart erinnerte, zu interpretieren. Acht Kapitel. Gefühlt, in drei Tagen. Text und Foto verbinden sich durch die Art, wie Du liebe(r) LeserIn und Du liebe(r) BetrachterIn diese Aussagen meinerseits miteinander verwebst.
Er nimmt aus der Innentasche seiner Jacke eine Rasierklinge. Er packt sie aus, legt das Papier neben sein Knie. Er schneidet dem Fuchs den rechten hinteren Fuß ab.
leibhaftig- schleppt er sich durch seine welt. kraftvoll, kraftraubend, kräftig nach außen (weich nach innen), suchend, wollend, ungeduldig. der körper trotzt, meist, der geist immer öfter am anschlag, alles andere schläft, gähnt, strauchelt. katharsis. waschung. neu-geburt. – uiuiui – quell, raum, tat.
Wir trafen uns irgendwann einmal online. Unter seinem Foto mit diesem Bart stand: „Ich bin kein Terrorist!“ Das fand ich lustig. Eines Abends begegneten wir uns offline. Wir redeten, so viel, über seine Heimat -den Irak-, seine Flucht, die solange zurück liegt, über Krieg und Religion, Drogen und Tanzen – und den Tod. Danach verloren wir […]
Die physische Zeit schreitet voran, immer gleich, immer. Kein Druck, keine Abweichungen, kein schneller oder langsamer. Sie war, sie ist, sie wird sein. Ein immer währender Zustand. Deswegen kannst Du auch nicht aus der Zeit fallen. Nur dein Rhythmus tanzt aus der Reihe. Du bestimmst deine Taktung selbst, ich meine, die Gesellschaften ihre. Bis hierher dachte ich immer, es gäbe ein davor, ein jetzt und ein danach. Dabei bemerke ich nun, da ist ein Kontinuum. Mein Wissen lässt mich lächeln!
Was kann sich schärfer widersprechen als diese beiden Denkbestimmungen? Wie ist es möglich, daß beide identisch seien, daß das Zufällige notwendig und das Notwendige ebenfalls zufällig sei? Der gemeine Menschenverstand und mit ihm die große Menge der Naturforscher behandelt Notwendigkeit und Zufälligkeit als Bestimmungen, die einander ein für allemal ausschließen. Ein Ding, ein Verhältnis, ein […]
Auch tote Götter regieren. Auch Unglückselige bangen um ihr Glück. Traumsprache. Vergangenheitssprache. Hilft mir heraus, herauf aus dem Schacht, weg von dem Geklirr in meinem Kopf, warum höre ich das Klirren von Waffen, kämpfen sie denn, wer kämpft, Mutter, meine Kolcher, höre ich ihre Kampfspiele in unserem Innenhof, oder wo bin ich, wird denn das […]
Frage ohne Antwort Was bist du, Unbegriffnes,Mensch genannt, –Antlitz in Antlitzeingwendet Janushaupt, –UrwerdenAug in Aug mit Wissenheit, –Urzwiegesichtund doch ureine Form – –? Christian Morgenstern: Ich und die Welt digital-analoger Remix*
Gerade aus Istanbul wiedergekommen, wo ich fast jeden Tag mit den Themen Krieg, Flucht & Religion konfrontiert war, ganz anderes als hier in Deutschland, viel deutlicher, viel dramatischer, roher, aber auch vielfältiger, traf ich Allaeddin aus Aleppo (Syrien) in Leipzig. Ich bin immer noch beeindruckt ob seiner bisherigen Lebensgeschichte, ein wenig sprachlos auch, glücklich über die verbrachten Momente […]
„Ob ich zur Freundschaft fähig bin, weiß ich nicht. Aber fähig bin ich dessen, was Rahel Varnhagen einmal die »suchende Treue« genannt hat.“ Hannah Arendt, BRIEFE AN DIE FREUNDE Wir lernten uns kennen, da war er fast noch ein Kind. Oft hält er mir den Spiegel vor. Er ist hart in all‘ seinen Urteilen, mit fast niemandem lache ich so […]
Einmal wollte ich bei der Friedensfahrt fotografieren, aber Sie waren zu schnell und alles war so aufregend, so dass ich mich schließlich im Graben wiederfand.Eine Journalistin zu Täve Schur, Neues Deutschland 21.4.1978 Sommer. Überall, auch auf den Bildern, räkeln sich Frauenkörper. Warum eigentlich? Warum nur sie? Ich ließ zum Ende der heißen Periode den Mann […]
Ein weiß geschminkter Mann in weiter weißer Kleidung befindet sich zusammengedrückt in einem Aquarium. Er trägt kräftig rot geschminkte Lippen und einen dunklen Hut. Seine Augen sind geschlossen, seine Hand liegt an der Innenseite des Glases. Wasser und Schlieren auf der Scheibe erzeugen eine surreal wirkende, theatrale Atmosphäre.
inspiriert von* TOTENVÖGELVon einem Berliner Friedhof Ihn schließen Feuerwände ein,Ganz leer und ohne Scharten:Ein Nebel wankt von Stein zu SteinIm schlimmen Totengarten. Im Nebel sitzen dünn und mattDie Toten in den EschenUnd stieren nach der lieben StadtDurch Mauern ohne Breschen. Ein Schlot schreibt wie ein RiesenstiftIm Nebel schwarze Reihen.Die Toten plappern nach die Schrift,So klug […]
Überall im Jahr 2014 prangerte für mich das Wort "Mensch". In meinen Fotoworkshops mehr denn je, in Projekten, an denen ich noch regelmäßig arbeite und die irgendwann auch aus der Schublade an die Öffentlichkeit wollen, in meinem privaten Leben. Aber wie nähert man sich dem Mensch, dem Freund, dem Kollegen fotografisch am? Eine lehrreiche Aufgabe. Eine kommunikative Lehrstunde, ein Experiment. Ich weiß, dass sich meine Arbeitsweise von all den anderen Fotomenschen unterscheidet - das fotografische Gespräch hat sich für mich etabliert.
Ein neuer Raum hat sich für mich geöffnet. Ich, selbst Element Wasser, bin immer auf der Suche nach neuen Konzepten und/oder Räumen, die eine Menge fotografischer und persönlicher Auseinandersetzung versprechen. Der eng begrenzte Raum, gefüllt mit Flüssigkeiten oder in Zukunft anderen organischen Materialien. Die Menschen, die sich einlassen, an ihre Grenzen gehen, versuchen, ihre Körperlichkeit […]
Ich glaube, dass die Angst, die man hat, wenn man an einem Abgrund steht, in Wahrheit vielmehr eine Sehnsucht ist. Eine Sehnsucht, sich fallen zu lassen – oder die Arme auszubreiten und zu fliegen. Isabel Abedi