fotokunst_antjekroeger, taube, tote Taube, Tod

Schönheit ist, wenn du’s nicht siehst

Text: Tobias Crain

Ich wollte doch nur wissen, worin ihre Schönheit wohnt. Als sie flog so schön nah über mir. Dann saß sie da, die Brust gereckt, so voll und stolz. Drehte ’s Köpfchen, zeigte mir ein schwarzes Auge, dann das andere. Aus ganz tief in ihr, durch Plusterfedern, drang ihr Gurren wie des Vaters pränatale Stimme zu mir in des Mutters Bauch. Greifen wollte ich in sie, fühlen diese Schönheit. Eindringen wollte ich; sehen der Schönheit Struktur.

Lebewesen nur, die wollen lieber leben, ist ihr Leben schon gewesen, Hand in Hand, mit Tod kommt das Verwesen, wie soll da wer die Schönheit lesen? Drum, ach armes Tier so keck sitzend auf dem Sims, dein Ende nun es kommen wird in Form der roten Hände…

In Anmut nur rein äußerlich, so liegst du vor mir nieder. Dein Schnabel zeigt zur Seite – weg in Richtung Sonnenlicht und Freiheit. Mein Griff hebt dich ganz sanfte hoch empor in kleine Höhe. Nichts ist, wie du es kennst, der Tod färbt alle Lebenszeit. Ein letzter Gruß vom Licht für dich. Im Glanze du so leuchtend schön, Todestanz voll Eleganz, Signum meiner Absolution.

Die Frage nun: Wie greif ich dich, in deiner Mitte tief? Wie pack ich diese Schönheit nur mit meinen Schlächterhänden? Wie sehe ich, was dich strahlen lässt, mit meinen blinden Augen? Nach der Fangfrage die Gretchenfrage.

Die Öffnungen hinten und vorn so winzig, überzogen all überall mit grauem Gefieder. Widerstehend meinem Schneidwerkzeug, die Klinge frisch scharf von Stunden auf dem Wetzstein. Gegensätzlicher Klang zum wohligen Taubenruf. Kalt, schneidend schon im Ohr, schneidend nun durch Federn. Fetzend mehr als gleitend. Drückend mehr als zieh- und schiebend, treibend; treibend, die Klinge vor dem Heft. Eindringend nur dem Wunsche nach. Widerstrebend, widerstehend des Täubchens Kleid der Schneide, die im Schweiße ich doch präpariert.

Wo der Weg zu schwer, da auch der Wille schwindend. Dafür Wut kochend, überkochend. Ich will doch nur die Schönheit sehen. Die tief in drinnen. Zeig! Umsonst doch sonst dein Ableben. Komm, zeig dich von innen. Die schöne Hülle doch nur Mantel für mehr dieser verlockenden Herrlichkeit. Die Schläge in mir spüre ich stärker mit jedem Hieb, unzählige Fliegen laufen über die Innenseite meiner Därme, pulsierend heben sich Adern unter meiner Haut. Mein Kopf scheint losgelöst vom Körper, ich blicke auf mich hinab. Wie deine Flügel ich spreize, links, dann rechts, dann links, dann ab. Klarer Blick! Einbildung? Nicht doch! Dein Körper in meiner Hand, zwischen meinen Fingern erst Federn, dann Fleisch, dann Gewürm. Unterm Druck seltsame Geräusche. Seltsame Konsistenz. Auf weich folgt hart folgt Feuchte zwischen meinen Fingern. Ist das wonach die Suche ging? Ist das die Pracht, die ich erwartet? Die meiner Tat den Anschub gab? Nicht alles! Das darf es nicht gewesen sein. Ich erwarte noch. Ich erwarte mehr! Geschöpf, geschaffen, um zu steigen zu den Wolken über Dächer, Köpfe, Zeiten.

Dich entkorken, nur das bleibt mir noch. Sprudelt dann die Schönheit, nach der ich mich so sehnte? Oder tropft bloß der letzte noch nicht geronnene Tropfen Blut und versickert kläglich in meiner Handfläche?

Es kommt so nichts. Todesduft, Federn, Staub im Sonnenlicht. Du liegst danieder, vor mir, zerschunden und gefleddert. Meine Augen sagen mir: Schönheit ist, wenn du’s nicht siehst, sondern …

im foto ist ein nackter mann zu sehen, sein kopf ist mit einer bandage versteckt, eine tote taube liegt im licht, der mann und die tote taube sind beide schön
Schönheit ist, wenn du’s nicht siehst
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