S CHATTEN: Bekannte Tiere An der Wand ihrer Geschichte Die Jahre Kerben im Fleisch GESTERN Ein ausgebrannter Zirkuswagen Sie streichelt ihre Konturen ohne Angst Der Körper eine Frage ohne Antwort noch
Schwerin, Wismar, Stralsund, Lübz, Insel Rügen (Kap Arkona, Prora), Schwinkendorf, Ludwigslust, Neustadt-Glewe, Dobbertin, Güstrow, Malchin, Rostock, Warnemünde & vieles dazwischen Diese kleine Bilderreise durch Mecklenburg-Vorpommern, der Gegend meiner Geburt, meine Heimat, der Landstrich, in dem der größte Teil meiner Familie immer noch lebt, unternahm ich 2017. Es war ein Jahr des Übergangs – politisch, gesellschaftlich, […]
Diese kleine Fotoserie ist im Jahr 2017 stecken geblieben, deshalb ziehe ich sie nun einfach hinein in das Ende von 2024. Bei Instagram gab es vor ein paar Tagen unter einem Beitrag mit Selbstdarstellungen von mir eine „schöne Diskussion“, angestoßen von einer mir unbekannten Frau: „Warum so viel Hässlichkeit? Abstoßend.“ Es entwickelte sich eine gute Auseinandersetzung. Leider entschied sich die Frau dafür, alles zu löschen. Ich erinnere mich jedoch, dass auch das Wort „pervers“ auftauchte.
a:u:f:g:e:k:r:a:t:z:t und ent//rückt: fragmente skurriler brüche (II)
Ein tiefschwarzer Raum ohne Anfang, ohne Ende. Lautlos beginnen sich die Konturen zu verändern. Wände verschieben sich, Türen erscheinen und verschwinden wieder. Der Raum dehnt sich aus, faltet sich, vervielfältigt sich – Dimensionen entstehen, überlagern sich, zerfallen wieder. Die Schwärze wird durchzogen von Grautönen, flüchtigen Schatten, die für einen Moment Bestand haben, nur um dann zu verglühen. Flash. Wieder Dunkelheit. Schwarz. Weiß. Hell. Dunkel. Ein flackernder Rhythmus. Begrenzungen lösen sich auf, die Wände fließen ineinander, als würde die Wirklichkeit selbst Wellen schlagen. Dimension um Dimension wird geboren, jede will sich behaupten, will bleiben – doch keine kann die nächste aufhalten. Du bist mittendrin, Teil dieses ständigen Wandels, dieser unaufhörlichen Entwicklung. Und aus diesem Spiel von Licht und Schatten, von Sein und Nichtsein, entfaltet sich eine Welt, die zugleich vertraut und unbegreiflich scheint.
a:u:f:g:e:k:r:a:t:z:t und ent//rückt: fragmente skurriler brüche (I)
Die Welt knirscht an ihren Grenzen. Sie nimmt die Erinnerungen von den Wänden, aus den Kartons, von der Leine. Sie spürt die weichen Hände um ihren Hals gelegt und hört danach in Dauerschleife diesen Satz: „Ist skurril gut oder schlecht?“ Woher sollte sie das denn wissen? Sie hatte das Wort noch nie in ihrem Mündlein gehabt. Welchen Geschmack könnte es haben? Süß oder sauer? Bitter oder salzig? Sie wusste nur: Auf sachlich folgt nun surreal. Eigentlich falsch herum. Damals war die Reihenfolge noch eine andere. Egal.
Da liegen 2.285 Scherben vor ihr, ein Meer aus Glas in ihrem Schoß. So viele Formen, so unterschiedlich große Stücke – manche glatt gebrochen, andere mit scharfem Schliff. Sie hatte jedes Bruchstück mindestens einmal in der Hand, hat an jedem gerochen und geleckt, um es sich schließlich einzuverleiben. Nun ist sie ein Scherbenkörper. Nun ist sie gefüllt mit 2.285 Tagen voller Tat und Drang, voller Wollen, voller Angst, Rausch, Tiefe, Pfeil und Bogen, Kampf, Ruhelosigkeit, voller Vertrauen, Liebe, Wachstum, Sturm, warmem Sommerregen, Spiel und Spaß, Melodien und Rhythmus, voller Arbeit und Reisen, voller Vogelvieh und Wälin-Sein, voller Unruhe, Vermutung, Geheimnis, voller Auflösung und Einsturz, voller Leib und Leiblichkeit, voller Körperlosigkeit, voller Lachen und Tränen, vollem Voll und erdrückendem Schweigen. Sie ist gefüllt wie der Wolf mit den Wackersteinen von den sieben Geißlein. Beschwert. Schwerer als jemals zuvor. Eine Schwere, die nicht von dieser Welt scheint. Ein ganzes Meer in einem Körper. Es wütet, und es ruht. Abwechselnd. Immer in Bewegung. Manche Wellen schlagen so hoch auf, dass sie wieder aus ihrem Mündlein quellen wollen. Mit aller Kraft verschließt sie ihre Lippen, denn sie verwandelt sich gerade in ein Scherben-Monument.
Diese Geschichte spielt im Monat November. Kalt ist es. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Doch in welchem Jahr befinden wir uns? Ist es ein Novembertag, irgendwann im letzten Jahrhundert? Oder handelt es sich um mehrere Tage des elften Monats? Vielleicht gar um diesen November, wenn du, geneigter Leser, geneigte Leserin, dies hier gerade rezipierst?
Ich, die Erzählerin, kann nur so viel sagen: Alles hat mit allem zu tun. Alles ist miteinander verwoben. Jede Rolle ist mindestens doppelt besetzt. Es gibt Symbole, Rätsel, Zufälligkeiten. Es gibt eine sehr persönliche Ebene, die ich einst auf einer Reise aufschnappte, es gibt historische Begebenheiten, die so in unserer Welt stattgefunden haben, und es gibt Geschichten von Räumen, Körpern, Beziehungsgeflechten. Und schließlich gibt es, vielleicht als wichtigste Ebene, die Geschichte, die du siehst, fühlst, kreierst und zusammenreimst. Alles ist möglich. Es gibt kein "falsch". Gehe rückwärts, schaue zurück, wenn es dir beliebt. Gehe vorwärts, wenn du magst, und blicke auch dorthin. Dafür zolle ich dir schon jetzt Respekt. Sei ängstlich, wenn es nicht anders geht, oder stelle dich der Angst, auch wenn sie dich durchschütteln will. Halte dem anderen Blick stand, wenn du kannst. Höre genau hin – die Zwischentöne spielen ihre eigene, wichtige Melodie.
Der Start war diesmal wirklich holprig, und damit meine ich nicht den Flug. Der war ziemlich angenehm. Keine Probleme. Die gingen danach los. Oder besser: ein Problem. Geschichte von vorn: In der Nacht kam ich in Vilnius an. Der Flughafen ist ziemlich klein, deshalb stand ich schnell am Gepäckband. Am BER in Berlin hatte die innere Kritikerin in mir sich schon darüber aufgeregt, dass ich meinen Koffer selbst wiegen und labeln musste (beschlich mich da schon eine Vorahnung?), und nun passierte gar nichts an diesem Band. Nichts. Es standen auch erstaunlich wenig Leute herum. Nach fast einer Stunde nervösen Wartens passierte es dann doch noch. Das Band setzte sich in Bewegung, und so zwanzig Koffer, Köfferchen und andere Stücke fuhren ihre Runde. Mein Koffer nicht. Vorerst machte ich mir noch keine Sorgen.
Užupis ist ein Stadtteil von Vilnius. Er war einst ein Jüdisches Viertel. In der Sowjetunion war Užupis das Refugium des Rotlichts, von Obdachlosen, völlig verwahrlost. Nach den Wirren der 1990er Jahre zogen Studenten und Künstler (und alle *innen) in die billigen Häuser, machten diesen Platz urban, bunt und eigenwillig. Es entstand sogar eine eigene Spaßrepublik mit Verfassung. Meine drei liebsten Paragrafen von sehr vielen: 1. Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach. 2. Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein. 3. Jeder Mensch kann teilen, was er besitzt. Niemand kann teilen, was er nicht besitzt.