Bachs „Herz und Mund und Tat und Leben“ dröhnt aus dem Lautsprecher. Das Kantaten-Bekenntnis zu Gott und Jesus. Ein Schrei: „Gott ist tot!“ Auf Zarathustra und Nietzsche war Gott-sei-Dank Verlass. Klirrende Kälte. Glitzerschneeflöckchen. Tiefe Wintersonne. Das Gewand übergestreift, nun als Kostümierung. Die Inszenierung des „Weißen Mantels“, schon besudelt, noch einmal.
Besudelt schön. Die Stimmung kippt. Wie in jenem Augenblick, als das unschuldige Schneewittchen den roten Apfel des Verhängnisses aß und für uns tot schien. Ein Moment der Traurigkeit, kein Weg mehr will zurück.
Als sie den weißen Mantel zum ersten Mal wahrnahm, war er sorgfältig geglättet hinterlegt auf einem Stromkasten am Ende ihrer Straße. Es war diese Zeit zwischen den Jahren, diese Zeitlosigkeit in der schnellsten aller Welten, die sie so liebte. Kalt war es, die Straßen leer von Automobilen, Menschen und Lärm. Das weiße Gewand schimmerte ganz ruhig in der Mittagssonne.
Eigentlich wollte ich nur zwei Kameras ausprobieren, die ich jahrelang nicht benutzt hatte. Außerdem lagen im Kühlschrank noch Filmrollen, lange abgelaufen, feucht geworden – natürliche Filmsuppe also. Ein Versuch, ohne Anspruch, ohne Plan. Doch dann bewegten sich Sujet, Licht und Körper wie von selbst. Sie fanden zueinander, überlagerten sich, brannten sich ein. Und ich konnte nicht mehr aufhören zu fotografieren.
Alle Fäden führten nach Guben. Irgendwie. Und auf einmal war ich auch noch in Polen. Aber der Reihe nach. Lange hatte ich keine ostdeutsche Stadt mehr analog fotografiert. Zu viel war 2025 los. Nach Serbien im Oktober war ich nicht mehr fotografisch auf den Straßen unterwegs. Ende des Jahres fühlte es sich so an, als solle es wieder sein. Neue Filme, endlich wieder Chemie, um auch buntes Filmmaterial zu entwickeln. Und dann sah ich irgendwo ein Foto vom Innenleben des Gubener Bahnhofs. Dachte ich mir an einem sonnigen End-Dezember-Tag: Los geht’s
Alles ist vergänglich.
Sicherlich auch die Angst.
Das muss so sein.
Auch sie wird alt und älter.
Beißt zum Schluss ins Gras,
wie alle(s) andere(n) auch.
Kuh beißt ins Gras.
Soldat beißt ins Gras.
Mutter beißt ins Gras.
Schönheit beißt ins Gras.
Winter beißt ins Gras.
Demokratie beißt ins Gras.
Liebe beißt ins Gras.
Angst beißt ins Gras.
Worte waren ihr Werkzeug.
Schon immer.
Nur ihre Intensität passte sich ihren Leben an.
Worte waren ihre Brücke zueinander.
Wie selbstverständlich gingen sie hinüber,
hörten, lasen die Melodien des anderen.
Am Anfang war die Angst (I) Atemschwere.Nebelland.Gezeitenhaut.Schleierdunkel.Tränennest. Sie hat so viele Gesichter. Diese Angst. Das neblige ist sein derzeitiger Favorit. Im Nebel kennt er sich aus. Dort kann er verschwinden, ohne sich zu verlieren. Doch dann knackt irgendwo ein Ast, ein Ton zu laut, ein Schatten zu nah, und der Nebel schließt sich wie ein […]
Am Anfang war die Angst (II) Atemnotung.Notwend.Graugrund.Schraffurschatten.Trübschimmer. Letzter Monat des Jahres. 12 von 12. Ende. Sack zuschnüren. Hinein in die Fluten, die gar nicht so aufgeregt sind wie all das, was sich jetzt im Sack eingesperrt noch mehr quält. Das Wasser ist doch nicht so ganz ruhig; kleine Wellengeschwader gleiten zum Ufer. Leichtes Geschäume bewegt […]