Da stehen viele Betten in diesem Sanatorium. Eines neben dem anderen. Sie bilden horizontale und vertikale Reihen. Gleich einem Schachbrett. Doch es sind immer noch nicht genügend Betten in diesem Sanatorium. Bettenknappheit für all diese Malaise.
Das Sanatorium liegt nicht wie beim berühmten Mann auf einem Berg, der zaubern kann, es befindet sich inmitten eines Nichts. Keine Wälder. Keine Moore. Keine Wiesen. Keine Seen. Keine romantische Naturidylle drumherum. Dafür Beton und Stahl und Gewimmer und Gejammer. Nicht, weil das Selbst der Insassen mitleidig ist. Nein. Der Schmerz schmerzt. Und niemand besucht sie, die Schmerzvollen. Sie sind so gefüllt mit diesem Stoff, dass ihnen von Zeit zu Zeit der Atem stockt, der Leib zuckt, die Windungen hinter der Stirn zu einem Kurzschluss verschmelzen. „Besuchst du mich?“ — niemand antwortet: „Ich glaube nicht.“ Der verletzende Schmerz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch die der Schmerzvollen. Gerade ihre.
Die Tränen. Sobald die holzigen Finger in ihrem Hals stecken, rinnen sie in Bächen über ihre fleischigen Wangen. Sie ist nicht geübt im Kotzen. Dabei ist alles zum Kotzen in these times. Ein Gezeter, Gezerre, Geschlage um sie herum. Eine große Traurigkeit hat sich im Resonanzraum Körper ausgebreitet. Eine große Wut auch, jedoch ohne Ventil bisher. Eine große Egalness sowieso. Fatalismus stand ihr schon immer gut.
Das Wasser beruhigt. Für den Moment. Die Sonne auch. Sie wärmt den Bauch. Sie malt Schatten auf die „zerstörte“ Haut. Das Wasser rauscht ins Innere, breitet Leichtigkeit aus. Es darf sein. Wie auch alle Körper. Roh, nackt, uneitel. Form. Einfach nur Form. Für den Moment. Eine kurze Pause von Schmerz. Eine kurze Pause von Sucht. Pause von Scham. S–S–S. Ein Kreis. Der Kaputtness-Kreis. Kurze Unterbrechung.
Wieder in Belgrad angekommen, schrieb ich meinem Vermieter. Er konnte sich erst gegen sechs Uhr am Abend mit mir treffen, also wartete ich im Starbucks, trank Kaffee und schrieb E-Mails. Ich war verblüfft: Die Preise waren fast identisch mit denen in Deutschland, obwohl die Menschen hier deutlich weniger verdienen. Trotzdem war das Café voll. Ich […]
Zum ersten Mal hatte ich in Serbien eine Straßenköterbande gesehen. Das war ziemlich schön. Es war der Tag, an dem ich in Niš ankam. Aber der Reihe nach. An meinem Geburtstag, einem Samstag, fuhr ich mit dem Bus von Novi Sad nach Niš im Osten des Landes, drittgrößte Stadt. Die Fahrt dauerte rund fünf Stunden, […]
Serbien im Oktober Drei Städte: Belgrad, Novi Sad, Niš.Und wieder Belgrad – diese Betonburg. Viele krude Busfahrten,mindestens ein Eis am Stiel pro Tag,wundervoll freundliche Menschen.Deutsch statt Englisch als Verständigung,Baulärm, Sonnenstunden, Müdigkeit. Bloks.Buntes Gemüse – Paprika, Tomaten, Auberginen –in wilden Massen auf wilden Märkten.Wandmalereien, Flusswasser, Kraft.Blockaden, Freiheit, Botschaften. Teure Lebensmittel in kleinen Supermärkten,Jogginganzüge, verrückte Hunde als […]
Der Zug Richtung Novi Sad war weder voll noch leer, angenehm gefüllt, würde ich sagen. Die Fahrt verlief ruhig. Die Züge fuhren nun nur noch bis nach Petrovaradin, einem Vorort von Novi Sad. Der Hauptbahnhof war nach dem tragischen Dacheinsturz vom 1. November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, gesperrt. Wie es nach […]
Dieses Kinderspiel ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
„Mein Vater hat ein Schwein geschlachtet. Was willst du davon haben?“
„Die Ohren.“
Ab jetzt darfst du auf alle Fragen, die ich dir stelle, nur noch mit „Ohren“ antworten.
Machst du einen Fehler, kommt entweder die Kitzelmaschine oder die Kneifmaschine. Diese Maschinen werden dich bearbeiten, bis du lachst.
Und sicher, irgendwann wirst du lachen. Und dann hast du verloren.
Seit 13 Jahren begleite ich Menschen fotografisch. Ich unterrichte nicht nur die Fotografie, sondern das Sehen. Das Erkennen. Das Entscheiden.
Die Kamera ist (m)ein Werkzeug – aber der Blick, der Gedanke, das innere Bildnis: das ist das, worauf es ankommt.
Zeitz, Ende September 2025. Eine Stadt ohne Menschen, dafür Autos, die rumcruisen, und kleine Gangs aus jugendlichen Mopedfahrern, wie ich sie aus meiner Jugend kenne. Zeitz, ein schön sanierter Bahnhof, kaum Menschen. Einmal in der Stunde fährt ein Bummelzug aus Leipzig in die Stadt in Sachsen‑Anhalt, die einst geblüht haben muss. Die verfallenen Gründerzeithäuser stammen aus dieser Blüte. Manche hoffen ja tatsächlich, dass Zeitz vor dem Aussterben gerettet werden kann. Ich glaube das nicht. Habe in den letzten Jahren so viele dieser mittelgroßen Oststädte besucht. Überall quält sich die Strukturlosigkeit, und die Veralterung der Einwohnerinnen schlängelt sich durch den Alltag. So wie Detroit und Cleveland in den USA, nur eben in der ehemaligen DDR. Keine Jobs, wenig Kunst und Kultur, und etwas zu essen suchte ich an einem Samstag auch ohne Ergebnis. Was nützt die „schöne Natur“, was nützen ehemalige Schlösser und Fabriken, die nun Museum sind, Kirchen, die saniert werden, und eine alte Fabrik als Co‑Working‑Platz, wenn die Menschen, die in Zeitz leben müssen, keine Zukunftspläne mehr haben, weil sie nur einen ruhigen Lebensabend genießen wollen, die billige Miete brauchen oder ihr abbezahltes Häuschen nun auch nutzen wollen? Leben ohne Utopie. Leere. Vereinsamung. Rassismus. Wirtschaftlicher Exodus. Schade.