Als sie den weißen Mantel zum ersten Mal wahrnahm, war er sorgfältig geglättet hinterlegt auf einem Stromkasten am Ende ihrer Straße. Es war diese Zeit zwischen den Jahren, diese Zeitlosigkeit in der schnellsten aller Welten, die sie so liebte. Kalt war es, die Straßen leer von Automobilen, Menschen und Lärm. Das weiße Gewand schimmerte ganz ruhig in der Mittagssonne.
Eigentlich wollte ich nur zwei Kameras ausprobieren, die ich jahrelang nicht benutzt hatte. Außerdem lagen im Kühlschrank noch Filmrollen, lange abgelaufen, feucht geworden – natürliche Filmsuppe also. Ein Versuch, ohne Anspruch, ohne Plan. Doch dann bewegten sich Sujet, Licht und Körper wie von selbst. Sie fanden zueinander, überlagerten sich, brannten sich ein. Und ich konnte nicht mehr aufhören zu fotografieren.
Alle Fäden führten nach Guben. Irgendwie. Und auf einmal war ich auch noch in Polen. Aber der Reihe nach. Lange hatte ich keine ostdeutsche Stadt mehr analog fotografiert. Zu viel war 2025 los. Nach Serbien im Oktober war ich nicht mehr fotografisch auf den Straßen unterwegs. Ende des Jahres fühlte es sich so an, als solle es wieder sein. Neue Filme, endlich wieder Chemie, um auch buntes Filmmaterial zu entwickeln. Und dann sah ich irgendwo ein Foto vom Innenleben des Gubener Bahnhofs. Dachte ich mir an einem sonnigen End-Dezember-Tag: Los geht’s
Alles ist vergänglich.
Sicherlich auch die Angst.
Das muss so sein.
Auch sie wird alt und älter.
Beißt zum Schluss ins Gras,
wie alle(s) andere(n) auch.
Kuh beißt ins Gras.
Soldat beißt ins Gras.
Mutter beißt ins Gras.
Schönheit beißt ins Gras.
Winter beißt ins Gras.
Demokratie beißt ins Gras.
Liebe beißt ins Gras.
Angst beißt ins Gras.
Worte waren ihr Werkzeug.
Schon immer.
Nur ihre Intensität passte sich ihren Leben an.
Worte waren ihre Brücke zueinander.
Wie selbstverständlich gingen sie hinüber,
hörten, lasen die Melodien des anderen.
Sie hat so viele Gesichter. Diese Angst. Das neblige ist sein derzeitiger Favorit.
Im Nebel kennt er sich aus. Dort kann er verschwinden, ohne sich zu verlieren. Doch dann knackt irgendwo ein Ast, ein Ton zu laut, ein Schatten zu nah, und der Nebel schließt sich wie ein Maul.
Der Nebel lacht. Nicht laut. Nur vibrierend. Nur so, dass man es im Brustbein spürt. Die Welt hat keine Richtung, nur noch dieses Rosa, dieses würgende Rosa, das sich über ihn spannt, als müsse es sie zudecken bis zum Verschwinden.
Attacke. Attacken.
Vielleicht bin ich gar nicht mehr hier? Vielleicht bin ich längst drin, im Nebel, im Maul, im Schlund.
Letzter Monat des Jahres. 12 von 12. Ende. Sack zuschnüren. Hinein in die Fluten, die gar nicht so aufgeregt sind wie all das, was sich jetzt im Sack eingesperrt noch mehr quält. Das Wasser ist doch nicht so ganz ruhig; kleine Wellengeschwader gleiten zum Ufer. Leichtes Geschäume bewegt sich an das Ufer der kleinen Bucht. Noch in 7 & 8 von 12 war sie, diese Bucht, ihr Fenster zur Sonne, ihr Wa(h)l-Weg zum Paradies. Jetzt, in 12/12, war die Luft feucht und warm. Viel zu warm für so eine 12.
Da stehen viele Betten in diesem Sanatorium. Eines neben dem anderen. Sie bilden horizontale und vertikale Reihen. Gleich einem Schachbrett. Doch es sind immer noch nicht genügend Betten in diesem Sanatorium. Bettenknappheit für all diese Malaise.
Das Sanatorium liegt nicht wie beim berühmten Mann auf einem Berg, der zaubern kann, es befindet sich inmitten eines Nichts. Keine Wälder. Keine Moore. Keine Wiesen. Keine Seen. Keine romantische Naturidylle drumherum. Dafür Beton und Stahl und Gewimmer und Gejammer. Nicht, weil das Selbst der Insassen mitleidig ist. Nein. Der Schmerz schmerzt. Und niemand besucht sie, die Schmerzvollen. Sie sind so gefüllt mit diesem Stoff, dass ihnen von Zeit zu Zeit der Atem stockt, der Leib zuckt, die Windungen hinter der Stirn zu einem Kurzschluss verschmelzen. „Besuchst du mich?“ — niemand antwortet: „Ich glaube nicht.“ Der verletzende Schmerz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch die der Schmerzvollen. Gerade ihre.
Die Tränen. Sobald die holzigen Finger in ihrem Hals stecken, rinnen sie in Bächen über ihre fleischigen Wangen. Sie ist nicht geübt im Kotzen. Dabei ist alles zum Kotzen in these times. Ein Gezeter, Gezerre, Geschlage um sie herum. Eine große Traurigkeit hat sich im Resonanzraum Körper ausgebreitet. Eine große Wut auch, jedoch ohne Ventil bisher. Eine große Egalness sowieso. Fatalismus stand ihr schon immer gut.