Aktfotografie Antje Kroeger

Weiß ich es denn selbst, wer ich bin

Der Zufall ganz allgemein: was uns zufällt ohne unsere Voraussicht, ohne unseren bewußten Willen. Schon der Zufall, wie zwei Menschen sich kennenlernen, wird oft als Fügung empfunden; dabei, man weiß es, kann dieser Zufall ganz lächerlich sein: ein Mann hat seinen Hut verwechselt, geht in die Garderobe zurück und obendrein, infolge seiner kleinen Verwirrung, tritt er auch noch einer jungen Dame auf die Füße, was beiden leid tut, so leid, daß sie miteinander ins Gespräch kommen, und die Folge ist eine Ehe mit drei oder fünf Kindern. Eines Tages denkt jedes von ihnen: Was wäre aus meinem Leben geworden ohne jene Verwechslung der Hüte?

Der Fall ist vielleicht für die meisten, die sonst nichts glauben können, die einzige Art von Wunder, dem sie sich unterwerfen. Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall, wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gäbe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, Weiß ich es denn selbst, wer ich bin

Aktfotografie Antje Kroeger
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Aktfotografie Antje Kroeger
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Aktfotografie Antje Kroeger
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Aktfotografie Antje Kroeger
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Aktfotografie Antje Kroeger
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Ein nackter, mit Farbe bedeckter Körper kniet im Schnee auf einem Dach. Die Kälte der Umgebung trifft auf die Verletzlichkeit der Haut. Farbe wird zur zweiten Oberfläche, der Körper zum Zeichen im urbanen Raum. Das Bild wirkt zugleich fremd und kraftvoll und zieht Betrachter:innen in einen Moment zwischen Ausgesetztsein, Widerstand und Präsenz.
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Diese Fotografie zeigt eine performative Handlung im öffentlichen Raum. Der bemalte Körper steht im starken Kontrast zur weißen, winterlichen Umgebung. Kälte, Farbe und Haltung erzeugen eine intensive Spannung zwischen Natur, Stadt und Körper. Die Arbeit bewegt sich im Kontext zeitgenössischer Performance- und Körperkunst und konfrontiert mit Fragen nach Identität und Selbstverortung.
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Ein Körper kniet still im Schnee. Farbe bedeckt Haut und Gesicht, als würde sie schützen und zugleich entblößen. Der Ort wirkt unwirtlich, fast abweisend. Das Bild entfaltet eine leise, eindringliche Wirkung und lässt Raum für Fragen nach Zugehörigkeit, Selbstbild und körperlicher Grenze.
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Aktfotografie Antje Kroeger
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Ein Körper. Schnee. Farbe.
Die Szene ist radikal reduziert und gerade dadurch intensiv. Das Bild erzählt nicht, es steht. Ein Moment zwischen Kälte, Körperlichkeit und stiller Behauptung.
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin
Aktfotografie, Körperstudie, Farbe, Schnee, Fine Art, modern
Weiß ich es denn selbst, wer ich bin

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25. Januar 2016

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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