gewesenheit-fotokunst-antjekroeger

Gewesenheit

Das Zeitgefühl

gewesenheit-fotokunst-antjekroeger

Emil Heinrich du Bois-Reymond (1818-1896):
Ignoramus et ignorabimus (Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen.)

David Hilbert (1862-1943):
Wir müssen wissen. Wir werden wissen.

Peter Bieri (1944-2023):
… solange wir die Antwort nicht kennen, haben wir etwas Grundlegendes an unserem Subjektsein nicht verstanden.

gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit

Sie zeigt mir ihre blauen Flecken. Die Male auf heller Haut bilden einen interessanten Kontrast. Ich spiele mit dem Strahl des Lichtes, richte ihn auf sie. Ihr langes Haar windet sich. Die Körbchen ihres Leibchens plustern sich auf, genau wie das Gefieder von Quimper, der heute kopfüber an der Leiter schwebt. Die Klammern halten sonst den nassen Film fest, den ich entwickle. Heute hängen sie bunt aufgereiht ohne Funktion an der Leine. Buntes Plastik aus Zone-Zeit, das Zuhause ein Beutel in Matroschka-Form in Hellgrün. In der Leder-Aktentasche hausen analoge Negative der vergangenen drei Monate in Hüllen geschoben, ordentlich beschriftet. Ein bunter, nach der Entwicklung leer gebliebener Filmstreifen windet sich um eine Sprosse. Später bindet dieser Streifen ihr Leibchen. Die Trockenblumen sind in einer zerbersteten Glasflasche drapiert. Sie besitzen bereits Fotografie-Erfahrung. Licht und Schatten verbinden sich, Zeit und Schatten auch. Schatten-Licht-Zeit.


Der Zeitturm

gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit

Als ich den kleinen braunen Sowjetkasten in einer Antique-Hütte an einer Jerewaner Hausecke entdeckte, wollte ich ihn sofort haben. Der Hübsche ohne kleinen Weck-Zeiger. Gekostet hat er mich zwei US-Dollar. Natürlich hab ich mit dem Alten, der ihn verkaufte, gehandelt. Dass der Zeiger für die Zeit zum Aufstehen fehlte, und damit die Funktion dieses Kastens ad absurdum geführt war, bemerkte ich erst, als ich längst wieder zu Hause war. Trotzdem schenkte ich ihm Energie in Form einer großen Batterie. Seitdem tickt er unaufhörlich, Tick-Tick-Tack und zurück. Die „richtige“ Zeit jedoch zeigt er niemals an. Charmanter schöner Kasten ohne Funktion. Ich liebe dich. Genauso wie deine rote Schwester. Die italienische Condor-Wanduhr. Auch aus einer Hütte voller alter Kostbarkeiten. Andere Himmelsrichtung nur. Ein Geschenk meiner Palermo-Reisebegleitung. Ich verguckte mich sofort in ihr rundes Rot. Deshalb ging sie schnell über in mein Besitz. Wieder angekommen in heimatlichen Gefilden, fütterte ich auch sie mit Energie. Doch ihre Zeiger blieben träge im Modus des Stillstandes. Bis heute. Runde Schönheit ohne Funktion. In meinem Turm der Zeit spielst du eine gewichtige Rolle.


gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit

Der einzige Grund, weshalb Zeit existiert, ist, damit nicht alles auf einmal passiert.

Albert Einstein (1879-1955)

Das Zeitspiel

gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit

Ich sah B das erste Mal auf dem Bahnsteig von W. Er hatte seine nackten Füße in Sandalen gesteckt. Es war aber doch erst April. Viel zu kalt dafür. Nach dem Einsteigen in den Zug saßen wir vom Zufall bestimmt nebeneinander. Noch wechselten wir kein Wort miteinander. Am nächsten Bahnsteig warteten wir nebeneinander sitzend auf den nächsten Zug. B war „alt“. Vielleicht 70. Oder 71 oder 72. Er hatte einen weißen Bart, wache Augen, Hörgeräte in den Ohren. Seine Pfoten waren die eines Arbeiters, die Fingernägel schwarz, er schleppte einen lila Reiserucksack auf dem Rücken, sein Körper war stark, muskulös und ohne Fettpolster. Irgendwann sprachen wir wie selbstverständlich miteinander. Es stellte sich heraus: zwei Mecklenburger aus Sachsen auf Heimatbesuch. Er Schwerin-Geborener, ich Güstrow-Geborene. Unsere Verbindung: Lübz-Aufenthalt. Er verbrachte seine Kindheit dort, ich meine Jugend. Wir besuchten sogar dasselbe Schulgebäude zu sehr unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen politischen Systemen. Zeit war unser Thema. B erklärte mir, dass es diese nicht gäbe. Dafür Bewegung. Ich hörte aufmerksam zu. Unser Ziel kam dazwischen. Wir mussten aussteigen. Er nahm mich Mädchen in den Arm. Auf Wiedersehen.

Ich war so angetan von meiner Reisebegegnung, dass ich der Heimat davon erzählte. Dass ich B noch einmal wieder treffen würde, hielt ich für ausgeschlossen. Doch der Zufall wollte dies. Auf der Rückfahrt nach Sachsen saß B wie von Zauberhand auch in „meinem“ Zug. Wir schnatterten ununterbrochen miteinander, bis ihre verschiedenen Sachsen-Ziele B und A wieder trennten. Unsere Themen waren Gerechtigkeit, Sucht und die Energie zwischen Mann und Frau. Als wir uns am Bahnsteig Lebewohl sagten, drückten wir uns fest.


gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit
gewesenheit-fotokunst-antjekroeger
Gewesenheit

Werbung

NÄCHSTER FOTOWORKSHOP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

15. April 2024

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

Latest

Wolfsstunde
Nackter Oberkörper mit Kettenschmuck, Pelzstück über die Schulter geworfen, gestreifte Bänder am Bund, analoges Papiernegativ, Großformatkamera, konzeptuelle Körperfotografie, Fotoserie Wolfsstunde

Wolfsstunde

Gestalten. Die eine hat den Pelz um sich gelegt wie eine zweite Haut, dunkles Haar fällt darüber, das Gesicht halb verschluckt vom Korn des Papiers. Die andere trägt Strohhut und Hosenträger in Streifen. Hockt, wartet, beobachtet mit einem Blick, der älter wirkt als gelebt. Großformatkamera, Mentorin, Papiernegative. Jedes Bild ein Universum, mit Rand in Rissen, […]
1. September 2026
Auf den Punkt gekommen
Bewegungsunscharfe Aufnahme einer dicken Frau im Ausfallschritt, gepunkteter Rock, glitzernder Hintergrund, analoge Großformatfotografie, clowneske Dynamik

Auf den Punkt gekommen

Tupfen über Tupfen, schwarz und weiß. Wirklich? Oder sehen wir sie nur schwarz und weiß? Illusion! Gold glitzert im Hintergrund (Woher wissen wir denn das? Es könnte doch auch Silber sein!) Der Raum gleicht einer Zirkuskulisse, die ihr Unterhaltungsversprechen längst gebrochen hat. Die kleinen und großen Punkte. Dots. Das Muster des Clowns, komisch und traurig zugleich, ein Kostüm. Der Körper dick, unverstellt, geöffnet. Kein Grund zur Scham, nur Fleisch
26. August 2026
Rausch-Tod-Imagination
Dicke Frau berührt sanft die roten Haare einer Frau mit verbundenen Augen, Nahaufnahme der Hände im Haar, dunkler strukturierter Hintergrund, konzeptuelle Imagination-Fotoserie

Rausch-Tod-Imagination

rausch als erster taumel. der moment, in dem die grenzen der haut nicht mehr halten, in dem farbe zu blut wird, blut zu farbe, in dem zwei gesichter sich übereinanderlegen, keines mehr das eigene. lametta wie ein vorhang zwischen wachsein und traum, traum und wachsein. gold, das schneidet, licht, das lügt. der körper bemalt, beschriftet, überschrieben. rote linien, die adern nachzeichnen oder sie erfinden. was zuerst nur schatten war, geworfenes licht, wird mit rotem lippenstift nachgezogen, festgehalten, behauptet, der schatten zur wunde gemacht, die vorlage zur handlung. rausch als erster schritt in die auflösung. der mensch selbst verschwimmt darin, er ist nicht einer, der den rausch erlebt, er ist der rausch, sein gesicht löst sich auf, bevor die kamera es fassen kann, seine konturen zerlaufen wie farbe im wasser. bevor der tod kommt, bevor die imagination übernimmt.
26. August 2026
Zauberei
nahporträt tänzerin mit kurzhaarschnitt, kopf geneigt, intimes analoges schwarzweißporträt, fotoserie zauberei

Zauberei

Zauberei. Das Wort klang so viel schöner als das englische: Its magic. Sie wiederholte es ein paar Mal. Sauberrei. Sauberrei. Mit ihrem herrlichen argentinischen Akzent. Sauberrei. Aus dem harten Z wurde ein weiches S, aus dem Rachen-R ein rollendes. Ich verschwand wieder unter dem glitzernden Stoff hinter meiner Großformatkamera, Zauberei. Eine Begegnung wie ein Zufall, der keiner war.
25. August 2026
Neues Website-Design

Neues Website-Design

Lange hab ich es vor mir her geschoben! Aber nun. Nun ist es passiert. Ein neues Design für meine Website. Minimalistisch. Sicher. Übersichtlicher.
22. August 2026