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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
Am nächsten Tag, es ist Samstag, will ich eigentlich schnurstracks auf den Flohmarkt, der am Stadtrand liegt. Ich laufe zur Metro, werde dann aber durch einen morgendlichen Tiermarkt abgelenkt. Dieser erinnert mich an längst vergangene Zeiten. Als ich Kind war, war ich mit meiner Großmutter regelmäßig auf einem Tiermarkt für Kleintiere, für Tauben und Hühner und Meerschweinchen und Hamster. Jedes Mal gewann ich bei der Tombola irgendein Tier, nur mitnehmen durfte ich es nie, weil die Mutti es nicht erlaubte. Hier stehen lauter Männer herum mit den kleinen Tierchen. Ein wenig irritieren mich die Käfige mit den kleinen Hundewelpen. Ich schlendere fotografisch über diesen Markt und fahre erst dann Richtung Flohmarkt. Auf einmal kommt auch die Sonne wieder heraus. Mittlerweile ist es ja trister Herbst geworden, und die Temperaturen sind sehr zurückgegangen. Ich fahre sehr lange mit dem Bus, während dieser Busfahrt geht es vorbei am Hauptfriedhof von Sofia. Ich klebe an der Fensterscheibe, erkenne ihn natürlich sofort wieder. Vor acht Jahren war ich dort sehr lange fotografisch unterwegs im Schnee und hatte ziemlich wilde Stunden. Da ist wieder dieses Gefühl von: Hier war ich schon mal, das kenne ich. Love it. Aber diesmal habe ich ein anderes Ziel.
Nach gefühlter Ewigkeit steige ich in der Pampe aus dem Bus, laufe einen Berg hoch und denke: Das jetzt hier ist der Flohmarkt? Wo ist der Flohmarkt? Dann sehe ich ihn. Aber alle packen ein. Alle sind fertig. Der Flohmarkt geht nur bis 14:00 Uhr, und es ist Punkt 14:00 Uhr. Das ist aber heute auch mein Glück, denn auf einmal kommen sie: die Schatzsucher und Schatzsucherinnen. Viele Händler lassen einfach ihr Gut auf der Erde liegen, man kann sich daran ergötzen, sich bedienen und Dinge mitnehmen. Ich hebe (m)einen kleinen Flohmarktschatz, bis mein Rucksack voll ist. Mehr kann ich leider nicht mitnehmen, da ich mit dem Flugzeug unterwegs bin und der Koffer schon auf der Hinreise so gepackt war, dass er eigentlich schon voll ist. Das macht mich auch ein wenig traurig, denn ich hätte gerne noch so viel mitgenommen (für all die nächsten Fotoshootings). Mein Feuerzeug in Form einer Waffe, das mir dort jemand schenkt, übersteht sowieso die Gepäckkontrolle am Flughafen nicht, es muss in Bulgarien bleiben. So ist es mit den Schätzen. Manchmal darf man sie einfach nicht mitnehmen. Ungefähr eine Stunde wandere ich über diese große Fläche, die an einen riesigen Parkplatz erinnert, mit meinen Augen und mit meinem scharfen Sinn, fotografiere viel und beobachte, was die Leute sich so mitnehmen. Das ist wirklich ein spannendes Spektakel. All das, was übrigens nicht mitgenommen wird, landet auf dem Müll. Neben dem Flohmarkt ist eine riesige zugemüllte Fläche. Dieser Müll. Hier war er wieder. Ich fahre zurück in meine Herberge. Mache noch einen kleinen Abstecher ins Zentrum. Und treffe eine Alte wieder, der ich vor ein paar Tagen schon mal begegnete. Sie schenkt mir eine Rose.
Bulgarien, letzter Tag, Sofia. Mein Körper ist kaputt. Dieses Jahr war ich so krank, dass ich dennoch sehr stolz bin, so lange durchgehalten zu haben. Die letzte Station: das Kunstmuseum für sozialistische Artefakte. Mehr will ich nicht mehr von Sofia in diesem Oktober, ich will nicht mehr sehen, nicht mehr fühlen, mich nicht mehr bewegen. Also fahre ich schnurstracks zum Ziel, mit der Metro und dem Bus, lande wieder in einem komplett anderen Stadtteil, der an diesem Sonntag wie ausgestorben wirkt. Ich bin im Studentenviertel, mit vielen Wohnblocks für Studierende, die vielleicht noch schlafen. Das Museum mit Garten und der sozialistischen Kunst ist ein schöner Abschied von meinem Aufenthalt in Bulgarien, auf dem Balkan, in diesem Oktober. Es ist sonnig und windig, Lenin und Stalin wachen über was auch immer. Der Eintritt kostet 10 Euro. Bis vor gefühlt „kurzem“ hatte ich noch einen Studentenausweis. Nun will ich voll zahlen. Die Dame fragt mich nach Ermäßigung. Senior. Vielleicht. Ich nickte erschrocken. Vier Euro. Vom Mädchen zur Seniorin. In Bruchteilen von Sekunden. Wenigstens Geld gespart Später will ich nur Pasta essen und nach Hause, aber nicht nach Hause nach Hause, sondern einfach nach Hause, um mich auszuruhen.
Als ich wieder in der Herberge ankomme, habe ich einen neuen Mitbewohner: Costa aus England. Wir haben den schönsten Abschied einer Reise, den ich haben konnte. Wir kochen gemeinsam (ich Pasta, er Fleisch), wir trinken gemeinsam (ich Rotwein, er Sliwowitz), wir führen Gespräche und laufen von Pontius zu Pilatus in unseren Gedanken. Irgendwann schlafen wir, sehr voll mit Eindrücken und auch Alkohol, ein, denn am nächsten Tag geht es für mich nach Hause. Als ich aufwache, ist schon der Kaffee gekocht, meinen Koffer hatte ich schon am Vortag gepackt. Ab zum Flughafen und nach Hause.
Was ist das Fazit meiner Reise? Das Wichtigste: Reisen lohnt sich immer. Reisen macht glücklich. Reisen macht gesund. Reisen macht die Traurigkeit fort. Reisen bildet. Reisen erweitert den Blick auf Menschen. Reisen ist einfach das Wichtigste, der wichtigste Baustein meines Lebens geworden, weil ich auf Reisen so viel lerne. Auf Reisen weitet sich mein Blick, mein Horizont, meine Menschenliebe, aber natürlich auch, es gehören immer zwei Seiten der Medaille dazu, mein „Menschenhass“. Und für die Fotografie ist es wie ein Trainingslager: immer fotografieren, so viele Stunden am Tag, sich konzentrieren, genau hinsehen.
Bis bald, lieber Balkan. Ich komme wieder. Natürlich.





















Malashevtsi – Flohmarkt


















Museum of Socialist Art and Monument





















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