- Bulgarien (OKT 2026) – Sofia first
- Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
- Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)
- Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second
- октомври
Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
Mein Geburtstag, der 50. Ein halbes Jahrhundert. Ich bin in Plowdiw, Bulgarien. Ein neuer Ort in meiner Geburtstagssammlung. Ich fahre mit dem Bus aus der Altstadt in das sogenannte Ghetto. Schon im Bus bemerke ich, wie mich die Leute anschauen, weil ich sichtbar anders aussehe als sie. Im Bus sind vor allem Roma. Als ich im „sogenannten“ Ghetto ankomme, in dem Bulgaren, Bulgaren türkischer Herkunft und Roma leben, glaube ich, dass ich aufpassen muss. Überall Menschen, viel Gewusel, Pferdekutschen, viel los einfach. Auch heute scheint die Sonne. Es liegt sehr viel Müll herum. Ich präpariere mich ein wenig, packe alles aus meiner Handtasche in den Rucksack und halte den Fotoapparat fest. Meine Bedenken jedoch sind völlig umsonst, denn der Tag in diesem Viertel ist eher berauschend und gar nicht gefährlich. Er ist voller Bilder, voller Empathie. Viele Menschen sprechen mich an, wollen mit mir reden, wollen Fotos von mir oder zeigen mir ihr Zuhause. Sie laden mich zu Speis und Trank ein, wie damals schon vor acht Jahren auf dem Friedhof in Sofia. Es ist ein sehr schöner Tag, auch wenn es mir schwerfällt, zu sehen, wie Menschen in einem europäischen Staat (auch) leben müssen. Das muss man aushalten zu sehen, ja, oder auch zu riechen. Es ist Sonntag, überall werden Dinge verkauft, Waren feilgeboten. Ich bin sowohl kurz auf einer Hochzeit als auch auf einer Baby-Ankommensparty eingeladen. Ich sehe ein Kettenkarussell sich drehen, kaufe mir ein Eis, weil es so warm ist, und spreche mit vielen Menschen, meist auf Deutsch, das überrascht mich, ich werde zu vielen Kaffees eingeladen, bekomme immer wieder Essen und darf mir eine Moschee angucken. Alle, denen ich sage, dass ich Geburtstag habe, gratulieren mir ziemlich herzlich. Irgendwann ist es für mich aber genug. Ich glaube, an die sechs Stunden bin ich unterwegs. Danach brauche ich Abstand von den vielen Eindrücken und von diesem vielen rohen Dasein. Glück an meinem Geburtstag und volles Menschsein.
Der neue Tag in Plowdiw ist regnerisch. Es plattert den ganzen Tag und ist deutlich kälter geworden. Ich nutze die Zeit ein wenig, um mich zu regenerieren und auszuruhen, um in Stara Zagora (meinem nächsten Ziel) und Sofia wieder fit zum Fotografieren zu sein. Aber einen Spaziergang durch das Zentrum von Plowdiw mache ich noch und entdecke dabei einen Fotoladen in einem sehr alten Haus, beziehungsweise nur noch die Reste des Fotoladens, denn er ist geschlossen. Das Tor ist mit einer dicken Kette zugesperrt, das Haus, die Ruine, steht leer, nur die ehemaligen Reklame-Schilder sind noch angebracht. Außerdem esse ich noch einmal einen fancy Döner und trinke abends im Hostel meinen restlichen Wein aus.
Philippopel heißt Plowdiw auf Deutsch. Die Stadt ist ziemlich ambivalent, genau das macht sie spannend und muss ausgehalten werden. Die meisten Menschen kommen an diesen Ort, um touristisch umherzutorkeln (mittlerweile auch aus Westeuropa und Übersee). Altstadt, Kloster, Amphitheater, Überreste aus ganz ganz alten Zeiten und kulinarische Überversorgung. Meist habe ich diese Pfade gar nicht betreten oder bin schnell wieder abgebogen. Denn abseits dieser hat die zweitgrößte Stadt Bulgariens ganz schön viel Menschsein zu bieten und auch eine Menge neuerer Geschichte, nämlich die aus sozialistischer Zeit. Oder die Geschichte der Roma auf dem Balkan. Es gibt das Viertel Stolipinowo. In den 1960er Jahren entstand es und wird heute von meist türkischstämmigen Roma bewohnt (Darf ich dies so schreiben? Denn manchmal hausen die Menschen dort nur.) Es ist ein ziemlich geschlossener Ort, der manchmal von Menschen besucht wird, um die „Zustände“ dort im Internet zu zeigen, den Müll, die Baumängel, die Armut. Ich habe mit Menschen dort gesprochen, die sich darüber sehr aufregen, denn sie seien keine Tiere im Zoo. Und: Sie haben recht. Sie sind so warm und herzlich und eigen und lustig und charmant. Die Menschen von Stolipinowo. Sie machen meinen Tag bei ihnen zum intensivsten auf dieser Reise.
Plowdiw oder Sofia? Es gibt da wohl so einen Wettkampf, wer beliebter sei. Meine Antwort ist klar. Sofia. Obwohl ich so eine wertvolle Zeit in Plowdiw hatte. Aber Sofia ist mehr Metropole, hat eine Weite, die mir gefällt, noch mehr Beton. Und diese wunderbaren Wasserquellen. Letztendlich ist es wohl ein Gefühl. Mein Herz schlägt ein wenig schneller für die Hauptstadt von Bulgarien.






Stolipinowo
















































































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