Morgen gehts dir wieder gut

Morgen gehts dir wieder gut

.“.. geboren werden, hängt von einer zufälligen Bewegung ab, von einem Satz, der von einem Unbekannten am anderen Ende der Welt ausgesprochen wird, von einer gedeuteten Gebärde, einer Hand auf der Schulter und einem Flüstern, das nicht hätte geflüstert werden können. Jeder getane Schritt und jedes gesagte Wort irgendeines Menschen in irgendeiner Situation (aus Unschlüssigkeit oder Entschiedenheit, in ehrlicher oder betrügerischer Absicht) haben unvorstellbare Auswirkungen, die jemanden treffen, der uns weder kennt noch kennen will, jemanden, der ungeboren ist oder nicht weiß, dass er möglicherweise unter uns leiden wird, und verwandeln sich buchstäblich in eine Frage von Leben und Tod, so viele Leben und Tode haben ihren rätselhaften Ursprung in etwas, das niemand gewahrt und an das sich niemand erinnert, in dem Bier, das wir zu trinken beschlossen, nachdem wir gezweifelt hatten, ob die Zeit uns reichen würde, in der guten Laune, aus der heraus wir uns liebenswürdig zeigten gegenüber der Person, die man uns gerade vorgestellt hatte, ohne zu wissen, dass sie soeben jemanden angeschrien oder verletzt hatte, in der Torte, die wir auf dem Weg zu einem Mittagessen bei unseren Eltern kaufen wollten und schließlich doch nicht kauften, in dem Drang, einer Stimme zuzuhören, obwohl uns nicht viel an dem liegt, was sie sagt, in dem riskanten Anruf, den wir aus diesem Grund machten, in unserem Wunsch, zu Hause zu bleiben, den wir nicht erfüllten. Hinausgehen und sprechen und handeln, sich bewegen, sehen und hören und wahrgenommen werden setzt uns ständiger Gefahr aus, nicht einmal sich einschließen und schweigen und still verharren rettet vor den Folgen daraus, vor den logischen und unausweichlichen Situationen, vor dem, was heute unmittelbar bevorsteht und so unerwartet war vor nun bald einem Jahr oder vor vier oder zehn oder hundert Jahren oder sogar noch gestern.“

Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Das Bild zeigt keinen Ausweg, sondern das Ausharren. Ein Körper, der existiert, obwohl alles schwer ist. Die Fotografie spricht von Depression als körperlichem Zustand – leise, langsam, real.
Morgen gehts dir wieder gut
Ein Körper im Schatten. Das Licht tastet vorsichtig, ohne zu erlösen. Diese Fotografie nähert sich dem Zustand von Depression nicht erklärend, sondern fühlend – als Schwere, als Stillstand, als Moment ohne Sprache.
Morgen gehts dir wieder gut
Das Bild zeigt keinen Ausweg, sondern das Ausharren. Ein Körper, der existiert, obwohl alles schwer ist. Die Fotografie spricht von Depression als körperlichem Zustand – leise, langsam, real.
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut
Morgen gehts dir wieder gut

„Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, dass eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Esszimmer befand, ihr Herz suchte. Als der Knall ertönte, etwa fünf Minuten, nachdem das Mädchen den Tisch verlassen hatte, stand der Vater nicht sofort auf, sondern verharrte ein paar Sekunden lang wie gelähmt mit vollem Mund und wagte nicht zu kauen noch zu schlucken und noch weniger, den Bissen auf den Teller zurückzuspucken; und als er sich endlich erhob und zum Badezimmer lief, sahen jene, die ihm folgten, wie er, als er den blutüberströmten Körper seiner Tochter entdeckte und die Hände an den Kopf hob, den Bissen Fleisch im Mund hin und her bewegte, ohne zu wissen, was er mit ihm anfangen sollte. Er hielt die Serviette in der Hand und ließ sie erst los, als er nach einer Weile den auf das Bidet geworfenen Büstenhalter bemerkte, und dann bedeckte er ihn mit dem Tuch, das er zur Hand hatte oder in der Hand hatte und das die Spuren seiner Lippen trug, als sei ihm der Anblick des intimen Kleidungsstückes peinlicher als der Anblick des halbnackten, am Boden liegenden Körpers, der mit dem Kleidungsstück bis vor ganz kurzer Zeit in Berührung gewesen war: der am Tisch sitzende Körper oder der sich auf dem Flur entfernende Körper oder auch der stehende Körper. Zuvor hatte der Vater mit einer automatischen Handbewegung den Wasserhahn des Waschbeckens zugedreht, den Kaltwasserhahn, aus dem das Wasser unter großem Druck herausschoss. Die Tochter hatte geweint, während sie sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und ihr Herz suchte, denn sie lag mit Tränen in den Augen auf dem kalten Boden des riesigen Badezimmers, die man während des Mittagessens nicht an ihr gesehen hatte und die auch nicht nach dem Augenblick in ihre Augen getreten sein konnten, da sie leblos zu Boden gefallen war. Entgegen ihrer Gewohnheit und der allgemeinen Gewohnheit hatte sie nicht den Riegel vorgelegt, was den Vater auf den Gedanken brachte (aber nur kurz und ohne es wirklich zu denken, während er schluckte), dass seine Tochter vielleicht, während sie weinte, erwartet oder gewünscht hatte, jemand möge die Tür öffnen und sie hindern, das zu tun, was sie getan hatte, nicht mit Gewalt, sondern durch seine bloße Anwesenheit, durch die Betrachtung ihrer Nacktheit zu Lebzeiten oder mit einer Hand auf der Schulter. Aber niemand (außer ihr jetzt und weil sie kein Mädchen mehr war) ging während des Mittagessens ins Badezimmer. Die Brust, die der Schuss nicht getroffen hatte, war deutlich sichtbar, mütterlich und weiß und noch fest, und auf sie richteten sich instinktiv die ersten Blicke, mehr als alles andere, um sich nicht auf die andere richten zu müssen, die nicht mehr existierte oder nur aus Blut bestand. Seit vielen Jahren hatte der Vater diese Brust nicht gesehen, er hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie sich verändert hatte oder mütterlich zu werden begann, und deshalb fühlte er nicht nur Entsetzen, sondern auch Verwirrung.“

Javier Marías, Mein Herz so weiß

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7. April 2016

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second
Farbfoto, Mann mit schwarzer Mütze und Zigarette steht vor einer grün-weiß-rot gestrichenen Hauswand mit zwei gerahmten Porträts, links bärtiger Mann mit Schriftzug, abgeplatzter Putz, Sofia, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second

Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)
Die-Verteidiger-von-Stara-Zagora-brutalismus, Schwarzweißfoto mit sepiafarbenem Stich, Betonkreuz mit weißem Kreuzausschnitt über einem Hügel, dahinter das Soldatendenkmal mit Bajonetten, Kugellaterne, Nadelbäume, Vignettierung und körniger Himmel, abgelaufener Kodak Tri-X 400, Stara Zagora

Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)

Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
Farbfoto, Rückenansicht einer Frau mit langem schwarzem Haar in rosa Kleid mit voluminösen Rüschenärmeln, glitzernde Handtasche in der Hand, roter Teppich, Gäste, Kinder und Kameramann bei einem Fest, rosa Luftballons, Stolipinowo, Plowdiw, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)

Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026