fotograf leipzig antje kroeger

Arkana

Worte fließen bei mir nie, ich muss sie immer herauslocken. Dennoch. Ein paar müssen in dieser Zeit sein, da so viele Fragen an mich herangetragen wurden zu meiner Kunst, zu meinen Workshops; zu mir, meinen Fotoshootings. Es sind so viele Diskussionen bei Facebook entstanden, ich bekam Hinweise und Anmerkungen:

Meine Arbeit zeigt genau das, wie ich die Welt sehe, wahrnehme, vorstelle. Ich mache das, was ich fühle. All‘ das ist in mir, all‘ das spricht aus mir heraus, all‘ das treibt mich, ich möchte anderen davon erzählen. Als ich das Handwerk erlernte, war ich mir noch nicht darüber im klaren, welche Macht Bilder haben können, wie sie verstören, mitreißen, auslösen, verwundern usw. Ich habe mich klar, auch in meiner Selbstständigkeit gegen den dekorativen Charakter des Mediums entschieden, das ist mir viel zu wenig. Ich möchte auch nicht das zeigen, was so viele andere schon getan haben. Ich bin meine Fotografie und meine Fotografie ist „ich“. Die Menschen vor meiner Kamera nenne ich nie „Modelle“. Schon alleine in diesem Wort steckt die Crux. Ich will nicht „modellieren“, ich muss manchmal objektivieren, ja. Aber immer hat dies mit Wahrheit und Wahl zutun. Meiner oder ihrer oder seiner. Die Entscheidung fällen wir gemeinsam.

Ich unterscheide zwei Stränge meiner Arbeit: entweder ich „leere“ mein Gegenüber und „benutze“ – wie vorher genau abgesprochen – die Hülle und inszeniere meine Geschichte auf der anderen Körperlichkeit, die Geschichte, die mir gerade im Herz oder auf der Seele liegt; oder aber, und das passiert momentan viel häufiger, ich erzähle – mit meiner künstlerischen Gabe – das Vergangene und das Jetzt meines Gegenübers. Nein, es ist keine Reportage, es ist nicht DIE Abbildung einer Realität, aber es ist eine fotografische Erzählung, die sehr eng verbunden ist mit diesem Menschen vor mir. Dazu ist natürlich eine ganze Menge Kommunikation und Vertrauen notwendig. Aber kein MUT. Immer wieder lese ich in Kommentaren, dass es mutig ist, was die Menschen vor meiner Kamera zeigen (wer von meiner Kamera gezeigt wird, dabei ist jeder „nur“ Mensch) oder dass ich mutig bin, weil ich den Finger immer wieder in die (eigene) Wunde lege und nachbohre. Nein. Ich bin nicht mutig. Mutig sind die Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um anderen Menschen zu helfen, mutig sind Menschen, die aus Flugzeugen springen mit einem Fallschirm auf dem Rücken, mutig sind meiner Meinung nach die, die ihre Komfortzone verlassen, um ein Leben außerhalb derer zu leben, von dem sie keine Ahnung haben, ob es funktionieren wird. Ich und die Menschen vor meiner Kamera dagegen sind offen, wir stellen uns gemeinsam Ängsten, wir vertrauen einander und wir wissen, dass es vielleicht notwendig ist, sich zu offenbaren und zuzulassen, dass man dabei auch noch beobachtet wird.

Viele von den Menschen in meinem (fotografischen) Leben haben keine Lust mehr auf die angezogene Handbremse, auf die heile-Welt-Melodien, die immer noch zu viel klingen überall. Der Großteil meiner Arbeit (ist kommunikativ) liegt darin, die Menschen auf dieser fotografischen Reise zu begleiten, ihre Hand zu nehmen, ihnen ihre Ängste zu nehmen. Ich bin dabei manchmal schonungslos, lasse den ein oder anderen ganz dicht an mich heran, damit das Sich-Öffnen leichter fällt, ich nehme mir Zeit, ich lasse Raum für Entscheidungen. Eines ist mir wichtig: der Respekt vor jedem Menschen, der zu mir kommt, egal ob zum Fotografieren oder zu meinen Workshops oder Coachings. Ich bin aber weder Dienstleisterin noch ein Mensch, der sich beugt oder eben nur funktioniert. Mit meinen Kunden und mit jedem, mit dem ich frei arbeite, gibt es immer ein MITEINANDER. Meine Zügel müssen locker sitzen, dann kann ich zur kreativen Höchstform auflaufen. Genau das und natürlich eine Menge mehr, ist es auch, was die Menschen von mir in meinen Fotoworkshops ans Herz gelegt bekommen, neben all‘ der formalen Inhalte: nicht ankommen, sondern sich immer wieder auf die Reise begeben, neugierig sein, um die Ecken denken, überhaupt denken!, fühlen, Erwartungen stellen (an sich und auch an alle anderen). Ich könnte nun, wo ich in Fahrt komme, einen ganzen Roman schreiben, aber mein Blog soll ja eine Bilderwelt bleiben. Wer mehr von mir, meinen Gedanken hören will, darf einfach einen Workshop bei mir buchen.

Noch kurz zum Thema Nacktheit: für mich ist der nackte Körper sehr wenig mit erotischem Habitus verbunden. Hier geht es mir in erster Linie um eine ästhetische Darstellung, oft abweichend von einem gesellschaftlich relevanten Ideal. Körperlichkeit ist ein Thema, an dem ich mich persönlich gerne abarbeite, ich mag die Spuren, die das Leben auf Körpern hinterlässt, ich mag die Grenze, die zwischen dem Ausziehen und der Nacktheit besteht, die Demaskierung und das Aushalten der Freiheit. Ich mag die verschiedenen Formen, die Falten, die Beulen, die Veränderung, die Schutzlosigkeit. Wahrscheinlich bin ich Künstlerin geworden, um mich meiner eignen Körperlichkeit auch fotografisch anzunähern und anderen Hinweise zu geben, die sie für sich selbst entschlüsseln können. Aber eben nicht nur das – es gibt noch viel zu entdecken, ich bin selbst reisend … und zeige hier ein paar Fotos, die sich nicht in Serien unterbringen lassen wollten. Passiert.

 

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fotograf Leipzig Antje Kröger
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3 thoughts on “Arkana”

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23. September 2015

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second
Farbfoto, Mann mit schwarzer Mütze und Zigarette steht vor einer grün-weiß-rot gestrichenen Hauswand mit zwei gerahmten Porträts, links bärtiger Mann mit Schriftzug, abgeplatzter Putz, Sofia, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second

Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)
Die-Verteidiger-von-Stara-Zagora-brutalismus, Schwarzweißfoto mit sepiafarbenem Stich, Betonkreuz mit weißem Kreuzausschnitt über einem Hügel, dahinter das Soldatendenkmal mit Bajonetten, Kugellaterne, Nadelbäume, Vignettierung und körniger Himmel, abgelaufener Kodak Tri-X 400, Stara Zagora

Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)

Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
Farbfoto, Rückenansicht einer Frau mit langem schwarzem Haar in rosa Kleid mit voluminösen Rüschenärmeln, glitzernde Handtasche in der Hand, roter Teppich, Gäste, Kinder und Kameramann bei einem Fest, rosa Luftballons, Stolipinowo, Plowdiw, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)

Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026