TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL III // DIE METAMORPHOSE

TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL III // DIE METAMORPHOSE

Lest bitte auch mein Lied der Solidarität!


Prolog

Schaf. Stier. Schmetterling. Aufgeladen mit Symbolik. S // S // S. Zufall? Ja. Gibt es den denn? Ich weiß es nicht. Aber ich nehme ihn an. Schaue ihm ins lächelnde Gesicht. Er, der ja nun unwiderruflich männlich ist. Oder gibt es auch daran schon etwas zu rütteln? Froillein Zufall. Meinetwegen auch dies. Gedacht waren Teile dieser Trilogie schon lange. Und nun, schneller als mir lieb ist, kommt noch eine Dringlichkeit hinzu. Mit S // S // S das Menschsein erklärt und der damit verbundene Wunsch, alles möge sich nach dem Schmerz in eine Schönheit verpuppen. Doch. Stopp. Haben wir es denn nicht sowieso in der Hand. Sind nicht wir die Gestalter(*innen)? Fragezeichen. Fragezeichen! Fraaaagezeichen!!!


TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL I // DAS HERDEN(ER)LEBEN


TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL II // DIE ZWIETRACHT


Die letzte Häutung. Verpuppung. Meta-mor-phose. Davor die Ruhe vor dem Sturm. Danach kein anderes Leben (mehr). Nur der Tod folgt. Nur Verwesung wird sich noch ihren Weg bahnen. Zurück in den Kreislauf. Davor die Prüfung. Letzter Abschnitt Leben, um das gesammelte Wissen anzuwenden. Das Gelernte umzusetzen. Meine bunten Falter. Meine mich immer wieder erinnernden Wesen. Ich traf euch auf der ärmsten Straße des jüdischen Viertels. Um euch herum summte und surrte es. Hinter eine Scheibe hatte man euch verbannt. Den Menschenflug überlebte diese nicht. So setzte ich mich an den Zuhause-Küchentisch und nahm das Pflaster, um die Scherben wieder zu verbinden. Mein Herz gehörte euch, vom ersten Moment unserer Begegnung. Euch, ihr künstlichen Wesen. Ihr aus dem Kreislauf herausgerissenen. Nun steckt ihr fest in einer unendlichen Schleife von Leben. Seid ihr überhaupt am Leben? Seid ihr Hülle? Seid ihr Tod? Seid ihr Staub? Seid ihr Symbol? Seid ihr eine Idee? Wer oder was seid ihr überhaupt? Immer diese vielen Fragen; immer so wenig befriedigende Antworten. Ach, meine Falter. 15 an der Zahl: Wirkungskraft und Einfluß. Akzeptanz des eigenen Inneren. 15 plus EINS. Mein einzelner Falter. Ihn lockte ich an. Ihm gab ich Futter, um in mein Netz zu gehen. Er würde die eigene Metamorphose leugnen, würdest Du ihn fragen. Er würde sie verneinen. Ich bin sicher. Aber ich beobachte, wie er mit, ja auch hohem, Kraftaufwand, durch die Verpuppung stolpert. Schrammen und Beulen inklusive. Wer ist er? Überhaupt? Eine Idee? Eine Hülle? Leben? Tod? Ein Symbol? Ich fühle ihn, diesen einzelnen Falter. Wenn ich ihn anschaue, möchte ich fast immer die Idee der Endlichkeit aufheben. Oda Jaune antworte auf die Frage, was sie am Leben nicht mag: Dass es endet. Einverstanden.

TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL III // DIE METAMORPHOSE - von der Leipziger Fotografin Antje Kröger
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TRILOGIE // KAPITAL MENSCH // TEIL III // DIE AUFERSTEHUNG
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Die Bienen summen geschäftig, die Ameisen rennen und schleppen …, die Käfer krabbeln wichtig, die Würmer graben und höhlen wie zu großen Zwecken, der Schmetterling aber hat nichts vor. Er schaukelt und tanzt irgendwoher und irgendwohin und saugt den Honig in wippender Rast und läßt sich wieder hochtragen vom sanften Wind und senkt sich aufs neue mit weichem, wie spielendem Flügelschlag, wie die Luft, wie der Augenblick, wie Gott es will … Der Igel frißt Mäuse und Kreuzottern: ein respektabler Bursche; die Kuh ist brauchbar vom Horn bis zum Huf, von der Milch bis zum Mist: welch achtbares Tier! Der Schmetterling jedoch fliegt von Blüte zu Blüte und bringt keinen Honig ein, das Lotterwesen. Die Erde ist gewaltig und schwer und massiv mit ihren Gebirgen, mit Elefanten, Eisen und Blei … Es wäre nicht auszuhalten ohne Schmetterlinge, ohne Löwenzahnschirmchen … Ein einziger Schmetterling hebt das Gewicht der Erde auf, alle Schwere, aller Stoff wird zu nichts bei seinem Anblick.

Hellmut von Cube, »Tierskizzenbüchlein«
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7. April 2020

Antje Kröger lebt und arbeitet als freie Fotografin und Fotokünstlerin in Leipzig. Das Spektrum ihrer Tätigkeit reicht vom Portraitieren anspruchsvoller Einzelkunden bis hin zu umfassend fotografisch künstlerischen Arbeiten in den Bereichen Werbung, Musik, Mode, Film, Theater etc. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch, die Kommunikation mit dem Gegenüber ist der Schlüssel ihres Werks.

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Bulgarien (OKT 2026) – Sofia second
Farbfoto, Mann mit schwarzer Mütze und Zigarette steht vor einer grün-weiß-rot gestrichenen Hauswand mit zwei gerahmten Porträts, links bärtiger Mann mit Schriftzug, abgeplatzter Putz, Sofia, digital, Leica

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Wieder mit dem Zug, diesmal dauert es fünf Stunden für schmale acht Euro. Diese Fahrt zieht sich ganz schön hin. Als der Zug in Sofia hineinfährt, finde ich es ganz schön, wie ein Zurückkommen, wie ein Ankommen, wie ein: Oh, das kenne ich hier schon. Das mag ich. Danach fahre ich mit der Metro in mein neues Hostel. Diesmal habe ich eine Herberge gebucht, die etwas weiter aus dem Zentrum heraus liegt. Ich will in eine andere Gegend, in einen anderen Stadtteil, will nicht im Zentrum sein. So bin ich in einem kleinen Hostel, einer Herberge zwischen Wohngebäuden gelandet, sehr ruhig, sehr wenige Gäste, sehr gut für meine Zwecke.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)
Die-Verteidiger-von-Stara-Zagora-brutalismus, Schwarzweißfoto mit sepiafarbenem Stich, Betonkreuz mit weißem Kreuzausschnitt über einem Hügel, dahinter das Soldatendenkmal mit Bajonetten, Kugellaterne, Nadelbäume, Vignettierung und körniger Himmel, abgelaufener Kodak Tri-X 400, Stara Zagora

Bulgarien (OKT 2026) – Stara Sagora (Stara Zagora)

Von Plowdiw weiter nach Stara Zagora oder Stara Sagora. Um den Namen korrekt auszusprechen oder zu verstehen, brauche ich eine Weile. Eine kleinere Stadt (120.000 Menschen zirka), rund 100 Kilometer von Plowdiw entfernt. Ziemlich unbeliebt bei Touristen. Eine Studentenstadt. Ich fahre mit dem Zug, zwei Stunden, vier Euro. Fühle mich gleich bahn-heimisch, denn ich sitze in einem alten ICE der Deutschen Bundesbahn. Die Zugfahrt ruckelt wieder so vor sich hin, ganz langsam. Alle Züge bisher aber pünktlich. Unterwegs gibt es sogar einen Halt mit einer Pause für die rauchenden Menschen. Die Zugfahrt ist sehr billig, aber auch sehr bummelig. Als Ausgleich habe ich eine nährende Aussicht auf Dörfer oder brutalistische Bahnhöfe beispielsweise, auf Strommasten mit Storchennestern, auf alte Ruinen, aus denen Schafe herauslaufen. Was ich aus dem Zugfenster sehe, ist entweder malerisch oder sozialistisch (verfallen). Das eine schließt das andere auch nicht aus. Heute denke ich mir, man könnte eine Zugfahrt auch so beschreiben: so viele Fotos, die nur meine Augen sehen und kein Apparat festhalten kann. 
Diesmal gönne ich mir ein Einzelzimmer in einem „Studio“ mit vielen Bauarbeitern, sehr ruhig, gleich hinter dem Bahnhof. Outside of the center, aber ich kann mit dem Bus ganz problemlos in die Stadt reinfahren. Das mache ich am nächsten Tag auch. Ich warte ganz brav an der ausgewiesenen Haltestelle, aber der Bus hält natürlich nicht dort, sondern 30 Meter entfernt. Der Fahrer winkt mir ganz wild zu und gestikuliert: Komm hierher zu mir. Er fragt mich sehr höflich, wo ich denn hin möchte, ich sage ins Zentrum. Als wir dort ankommen, ruft er durch den Bus: „Madame, wir sind im Zentrum. Sie können aussteigen.“ Schön. Ich bin angekommen in Stara Zagora. 
Warum bin ich überhaupt in Stara Zagora? Ich will Brutalismus. Brauche eine kleine Menschen-Auszeit. Am Rand der Stadt gibt es ein Memorial zum Gedenken an die Schlacht der Osmanen mit den Bulgaren (1877). Rund 14.000 bis 14.500 bulgarische Zivilisten kamen ums Leben, und tausende Frauen und Mädchen wurden in die Sklaverei verkauft. Mein erstes Ziel. Das Samara Flag Monument. Nachdem die Sonne hochgekrabbelt ist, bin ich ganz alleine auf weiter Flur und kann die Größe und die ganze Brutalität genießen und auch den Ausblick auf die Stadt. All das ist möglich, nachdem ich die vielen (100) Treppen tapfer bezwungen habe. Ich fühle mich ganz winzig neben den riesigen Beton-Soldaten und der Betonfahne. Die Sonne wärmt so schön, dass ich eine ganze Weile bleibe… Den Rest des Tages verbringe ich im Zentrum. Ich führe ein paar kleine, nette Gespräche (treffe eine Romafamilie, die Jungs wollen mir unbedingt ihre Ohrringe zeigen), mache Fotos, suche weiteren Brutalismus und laufe. Ich laufe und laufe. Das merkt mein Körper am Abend und ist ganz erschöpft. Diese Stadt hat irgendeinen Charme, den ich nicht benennen kann. Ich bleibe zwei Nächte, dann zurück nach Sofia. In meiner Erinnerung wird Stara Zagora immer schwarz-weiß sein. Denn alle Fotos habe ich auf Film gemacht. Und der war monochrom.
1. November 2026
Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)
Farbfoto, Rückenansicht einer Frau mit langem schwarzem Haar in rosa Kleid mit voluminösen Rüschenärmeln, glitzernde Handtasche in der Hand, roter Teppich, Gäste, Kinder und Kameramann bei einem Fest, rosa Luftballons, Stolipinowo, Plowdiw, digital, Leica

Bulgarien (OKT 2026) – Plowdiw (Philippopel)

Ich fahre mit dem Zug, drei Stunden von Sofia nach Plowdiw. Die Sonne scheint. Der Zug ist alt, die Strecke ist alt, und der Zug fährt sehr langsam. Es gibt dieses wunderbare Sechserabteil ganz im dunklen Blau und verschiedene Momente mit Menschen, die sehr interessant und inspirierend sind. Leo spricht mich an. Er hat 16 Jahre in Münster gelebt und ist seit einem halben Jahr zurück in Sofia. Er möchte wieder in Bulgarien in seiner Heimat sein, auch wegen der Eltern und Freunde. Ich frage ihn, wie es ist, als schwuler Mann in Sofia zu leben. Er erzählt mir, dass es nicht so sicher ist wie in Deutschland, aber in der Hauptstadt eigentlich kein Problem darstellt. Wir reden eine Stunde lang. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass dieser Bahnhof echt hübsch ist. Sonst ist der erste Eindruck eher durchschnittlich. Mein Hostel liegt in der Altstadt, und die Altstadt ist sehr touristisch. Es erinnert mich ein bisschen an Mostar in Bosnien. Das Hostel ist ganz pittoresk, ein ganz altes Gebäude, umgebaut, sehr charmant, aber auch mit sehr vielen Treppen. Wie ich überhaupt meinen Koffer in die Herberge bekommen hab, frage ich mich. Treppen, Berg, unbefestigte Straße, echt kein leichtes Ankommen. Am Abend schleppe ich mich noch kurz ins Zentrum und kaufe Wein, Snacks und Essen für die nächsten Tage ein. Wieder das böse Erwachen. Alles mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Fast alles aber auch importiert. Da stellt sich eine spannende Frage: Wo sind all die bulgarischen Produkte? Am Abend gönne ich mir tatsächlich einen Döner. Der ist ziemlich „fancy“. Lange Schlange. Aber auch sehr lecker. Mit meinem Bettnachbarn aus Großbritannien trinke ich mich in meinen Geburtstag hinein. Denn auch er hat noch Wein besorgt. Wein und politische Gespräche bis in meinen Geburtstag hinein.
1. November 2026