Der Start war diesmal wirklich holprig, und damit meine ich nicht den Flug. Der war ziemlich angenehm. Keine Probleme. Die gingen danach los. Oder besser: ein Problem. Geschichte von vorn: In der Nacht kam ich in Vilnius an. Der Flughafen ist ziemlich klein, deshalb stand ich schnell am Gepäckband. Am BER in Berlin hatte die innere Kritikerin in mir sich schon darüber aufgeregt, dass ich meinen Koffer selbst wiegen und labeln musste (beschlich mich da schon eine Vorahnung?), und nun passierte gar nichts an diesem Band. Nichts. Es standen auch erstaunlich wenig Leute herum. Nach fast einer Stunde nervösen Wartens passierte es dann doch noch. Das Band setzte sich in Bewegung, und so zwanzig Koffer, Köfferchen und andere Stücke fuhren ihre Runde. Mein Koffer nicht. Vorerst machte ich mir noch keine Sorgen.
Užupis ist ein Stadtteil von Vilnius. Er war einst ein Jüdisches Viertel. In der Sowjetunion war Užupis das Refugium des Rotlichts, von Obdachlosen, völlig verwahrlost. Nach den Wirren der 1990er Jahre zogen Studenten und Künstler (und alle *innen) in die billigen Häuser, machten diesen Platz urban, bunt und eigenwillig. Es entstand sogar eine eigene Spaßrepublik mit Verfassung. Meine drei liebsten Paragrafen von sehr vielen: 1. Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach. 2. Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein. 3. Jeder Mensch kann teilen, was er besitzt. Niemand kann teilen, was er nicht besitzt.
Dann war ich schon wieder weg. Ein neuer Ort, ein neues Land sogar. Lettland. Mit dem Bus fuhr ich von Kaunas nach Riga, fünf Stunden Fahrt, gemächlich, mit 90 Kilometern die Stunde. Als wir in Kaunas losfuhren, strahlte die Sonne, als wir in Riga ankamen, regnete es. Riga. Ich glaube, deswegen hatte ich mich auf diese Reise gemacht. Zum einen sind alle drei baltischen Staaten post-Sowjetstaaten, per se also für mich interessant. Aber vielleicht war ein Ticken ausschlaggebender, dass ich RIGA schon auf so vielen Grabsteinen las, als Ort des Todes. Für mich war Riga schon immer einer dieser Orte wie Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Theresienstadt und und und. Als der Bus am Abend in Riga einrollte und der Regen an den Fensterscheiben herunterrann, dachte ich nur so: wie passend. Nachdem ich ausgestiegen war und die erste Luft der Stadt eingeatmet hatte, fühlte ich etwas anderes. Ich freute mich sehr auf diesen Ort, keine fünf Minuten anwesend und schon wusste ich, das ist ein Platz, den ich mochte. Mit meinem wiedergewonnenen Koffer rollte ich in Richtung Tram. An einem kleinen Kiosk kaufte ich ein Ticket für drei Tage (acht Euro). Riga, vor mir waren deine Trams und Busse ab diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher! Doch für den Augenblick war genug, nur noch Herberge suchen, duschen und dann ab in die Koje. Das mit dem Duschen wurde zum Problem, denn diese Hightech-Dusche von Riga hatte einen so hohen Einstieg, dass ich mir das genau einmal gab, danach nie wieder. Bin doch keine Hochleistungssportlerin. Duschen soll doch ein sinnliches Erlebnis sein.
Mein einziger ganzer Tag in Tartu, der ältesten Stadt des Baltikums, begann neblig. Es war ein Sonntag, ein sonniger Herbstmoment; größtenteils ohne Menschen (wie meine Fotos zeigen), denn die tummelten sich lieber in den Shoppingmalls und Supermärkten. Ich spazierte zum Bahnhof, einem wunderhübschen Provinzbahnhof aus Holz. An diesem Morgen versank er ästhetisch in dichtem Nebel, bis sich die Sonne schließlich durchkämpfen konnte.
Am Morgen rollte ich mit meinem Koffer zum hübschen Tartu-Provinzbahnhof. Die Strecke kannte ich ja bereits. Mein Zug stand an Gleis 1 bereit zur Abfahrt. Knapp drei Stunden später fuhr er am Kopfbahnhof der estnischen Hauptstadt Tallinn (440.000 Einwohner) ein. Die Fahrt war kurzweilig. Zuerst machte ich Reisenotizen, später starrte ich aus dem Fenster. Ein paar Mal hielt der Zug, Menschen stiegen ein und aus. Die Ortschaften und Bahnhöfe waren meist klein. Auch der Bahnhof von Tallinn ist überschaubar. Die meisten Menschen kommen wohl eher mit dem Schiff oder der Fähre in die Stadt.